Dracontiasis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Klassifikation nach ICD-10
B72 Drakunkulose
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Die Drakunkulose, Dracunculose, Dracunculiasis oder Dracontiasis ist eine durch den Medinawurm (Dracunculus medinensis) hervorgerufene, vor allem im Orient auftretende, schwere Parasitose des Menschen.

Den Erreger der Erkrankung (die Larve des Medinawurms) und seinen Zwischenwirt (ein Kleinkrebs) beschrieb der Russe Alexej P. Fedschenko (1844–1873) in Samarkand, nachdem er beide unter dem Mikroskop entdeckt hatte. Ein Zusammenhang der Übertragung mit kontaminiertem Trinkwasser wurde in Ägypten, wie Rufus von Ephesos mitteilt, bereits im 1. Jahrhundert vermutet. Auch in Schriften von Rhazes und Avicenna (Symptome und Therapie im vierten Buch des Kanons der Medizin[1]) kommt die Erkrankung zur Sprache.[2]

Pathomechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Infektion erfolgt vorwiegend während der Trockenzeit, da meist keine geregelte Trinkwasserversorgung besteht und die Bevölkerung auf Wasseransammlungen angewiesen ist. Dort nehmen sie mit dem Trinkwasser winzige Ruderfußkrebse auf und sorgen gleichzeitig für eine Neuinfektion, wenn sie selbst schon befallen sind.

Die von den Larven des Medinawurms befallenen winzigen Krebse (Hüpferlinge) werden mit ungefiltertem Trinkwasser aufgenommen; die Larven werden dann im Dünndarm freigesetzt. Von dort aus wandern sie durch den Körper und bohren sich in Bauch- und Brustmuskulatur. Hier findet die Paarung statt. Anschließend stirbt das Männchen und wird eingekapselt. Das befruchtete Weibchen wächst weiter, wird bis zu einem Meter lang und wandert durch das Gewebe zu den Extremitäten, meist zu den Unterschenkeln oder Füßen. Dort siedelt es sich im Bindegewebe der Unterhaut an.

Das Kopfende des Wurmes verursacht durch Abscheidungen ein taubeneigroßes Geschwür. Kommt dieses mit Wasser in Berührung, platzt die dünne Haut im Zentrum auf. Gleichzeitig reißen die Haut des dicht darunterliegenden Wurms und dessen Uterus, der Tausende von Larven ins Wasser entlässt. Anschließend zieht sich der Uterus wieder ins Geschwür zurück, und bei erneuter Wasserbenetzung wiederholt sich der Vorgang. Die Larvenausschüttung beginnt ungefähr ein Jahr nach der Aufnahme der Larve und hält zwei bis drei Wochen an, dann stirbt der Wurm und das Geschwür heilt normalerweise aus.

Schadwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wanderung der Würmer durch das Gewebe und die Geschwürbildung sind mit starken Schmerzen verbunden. Meist heilt das Geschwür ohne Komplikationen aus, es stellt jedoch eine Eintrittspforte für Bakterien dar. Es können sich Abszesse, Gelenkentzündungen oder Versteifung der Gelenke bilden. Es wird keine Immunität aufgebaut und so kommt es bei fortbestehender Exposition immer wieder zur Neuinfektion.

Abgestorbene, verkalkte Medinawürmer werden in Saudi-Arabien und Zentralafrika noch häufig auf Röntgenaufnahmen[3] und Mammographien[4] entdeckt.

Entfernung des Wurms[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entfernung des Wurms

Wie früher entfernt man auch heute noch die bis zu 100 cm langen Weibchen mit einem Stäbchen, indem man das kopfseitige Vorderende, welches aus dem Geschwür herausbricht, jeden Tag mehr und mehr herauswickelt. Der Vorgang dauert einige Tage, meist aber mehrere Wochen.[5] Daraufhin heilt die Öffnung im Allgemeinen ab.

Eine medikamentöse Therapie steht nicht zur Verfügung. Der Wurm kann jedoch auch chirurgisch entfernt werden.

Vorbeugung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Solare Trinkwasseraufbereitung zur Vorbeugung von Dracontiasis in Ghana

Durch Aufbereitung des Trinkwassers (beispielsweise Filterung durch ein Tuch) oder durch den Einsatz von Röhrenfiltern kann verhindert werden, dass die Larven in den Körper eindringen.

Ausrottung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangslage und Eindämmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1980 betrug die Zahl der jährlichen Neuinfektionen 3,5 Millionen. Durch Aufklärung der Bevölkerung und Präventionsmaßnahmen reduzierten sich die Neuinfektionen innerhalb von 20 Jahren auf unter 75.000. Im Jahr 2004 gab es noch etwa 16.000 Infizierte, ausschließlich in Afrika. Das von dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter ins Leben gerufene Carter Center nimmt heute eine führende Stellung im Kampf gegen Dracontiasis ein. Das Ziel der WHO, den Parasiten bis zum Jahr 2009 auszurotten, konnte nicht erreicht werden.[6][7] 2009 gab es weltweit noch 3190 registrierte Fälle, welche ausschließlich in den Ländern Südsudan, Ghana, Mali und Äthiopien auftraten.[8] Im Jahr 2011 gab es insgesamt noch 1058, im Jahr 2012 noch 542 registrierte Fälle in Äthiopien, Südsudan, Mali und Tschad. Im Jahr 2013 wurden insgesamt 148 Infektionen gezählt, davon 113 in Südsudan, elf in Mali, der Rest in Tschad, Äthiopien und an der Grenze zwischen Sudan und Südsudan.[9] Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen stark verringert werden konnte, gilt es nun zu befürchten, dass die ausgebrochenen Bürgerkriege in den noch endemischen Gebieten die Eradikation verhindern oder zumindest stark verzögern. Im Jahr 2014 wurden 126 Infektionen weltweit registriert, davon 70 in Südsudan, 40 in Mali, 13 im Tschad und 3 in Äthiopien.[10] Im Jahr 2015 wurden 22 Infektionen weltweit registriert, davon 5 in Südsudan, 5 in Mali, 9 im Tschad und 3 in Äthiopien.[11]

Stagnation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2016 wurden 25 Infektionen weltweit registriert, davon 6 in Südsudan, 16 im Tschad und 3 in Äthiopien.[12] Im Jahr 2017 wurden 30 Infektionen weltweit registriert, davon 15 im Tschad und 15 in Äthiopien.[13] Im Jahr 2018 wurden 28 Infektionen weltweit registriert, davon 17 im Tschad und 10 in Südsudan.[14] Im Jahr 2019 wurden 53 Infektionen weltweit registriert, davon 48 im Tschad und 4 in Südsudan.[15] Im Jahr 2020 wurden 27 Infektionen weltweit registriert, davon 13 im Tschad, 11 in Äthiopien und je eine in Angola, Mali und Südsudan.[16]

Reservoir in Tieren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausrottung wird durch die Verbreitung in Hunden erschwert.[17] Von 2015 bis 2018 wurden jährlich rund 500 bis 1000 Infektionen bei Hunden gemeldet, davon die weitaus meisten im Tschad.[13][18] Unter den infizierten Tieren in Tschad, Mali und Äthiopien finden sich einige Katzen und Paviane.[14] Im Jahr 2019 stieg im Tschad die Fallzahl bei Hunden auf fast 2000 und es wurden dort 46 infizierte Katzen gemeldet.[15] 2020 änderte sich die Lage nur unwesentlich.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Dracontiasis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Liber Canonis Avicenne revisus. [s. n., s. l.] 1507, fol. 393 ff. (Scan in der Google-Buchsuche).
  2. Gotthard Strohmaier: Avicenna (= Beck’sche Reihe. Band 546. Denker). Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 111–114 (Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Maurice C. Haddad, Mohammed E. Abd El Bagi, Jean Claude Tamraz: Imaging of Parasitic Diseases. Springer, London 2007, ISBN 978-3-540-49354-9, S. 168 (Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 22. Juli 2013]).
  4. S. K. Barry, W. G. Schucany: Dracunculiasis of the breast: radiological manifestations of a rare disease. In: Journal of radiology case reports. Band 6, Nummer 11, November 2012, ISSN 1943-0922, S. 29–33, doi:10.3941/jrcr.v6i11.1137, PMID 23372866, PMC 3558262 (freier Volltext).
  5. Centers for Disease Control and Prevention: Guinea Worm Disease Frequently Asked Questions (FAQs): What is the treatment for Guinea worm disease? In: cdc.gov, U.S. Department of Health & Human Services, 17. September 2020, abgerufen am 6. April 2021.
  6. Donald R. Hopkins: Dracunculiasis Eradication: The final Inch. In: The American Society of Tropical Medicine and Hygiene (Hrsg.): The American journal of tropical medicine and hygiene. Band 73, Nr. 4, 2005, ISSN 0002-9637, S. 669–675 (englisch, cartercenter.org [PDF; 765 kB; abgerufen am 6. April 2021]).
  7. Michele Barry: The Tail End of Guinea Worm — Global Eradication without a Drug or a Vaccine. In: The New England Journal of Medicine. Vol. 356, Nr. 25, 2007, ISSN 1533-4406, S. 2561–2564, doi:10.1056/NEJMp078089 (englisch).
  8. Guinea Worm Eradication Program. In: cartercenter.org. Carter Center, abgerufen am 6. April 2021 (englisch, Status des Programms zur Ausrottung des Wurms).
  9. 148 Cases of Guinea Worm Disease Remain Worldwide. In: cartercenter.org. Carter Center, abgerufen am 6. April 2021 (englisch, Weltweit verbleiben noch 148 Fälle der Guinea-Wurm-Krankheit).
  10. WHO Collaborating Center for Research, Training and Eradication of Dracunculiasis, CDC: Guinea worm wrap-up #232. (PDF; 79 kB) In: cartercenter.org. Carter Center, 6. März 2015, abgerufen am 6. April 2021 (englisch).
  11. CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea Worm Wrap-Up #238 – 1/11/2016. (PDF; 244 kB) Provisional count for 2015: 22 cases of Guinea worm disease worldwide. In: cdc.gov. Abgerufen am 30. Januar 2016 (amerikanisches Englisch).
  12. CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea worm wrap-up #245. (PDF; 812 kB) In: cartercenter.org. Carter Center, 12. Januar 2017, abgerufen am 15. Juni 2017 (amerikanisches Englisch).
  13. a b CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea worm wrap-up #252. (PDF; 1,1 MB) In: cartercenter.org. Carter Center, 16. Januar 2018, abgerufen am 30. Januar 2018 (amerikanisches Englisch).
  14. a b CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea worm wrap-up #259. (PDF; 788 kB) In: cartercenter.org. Carter Center, 28. Februar 2019, abgerufen am 16. März 2019 (amerikanisches Englisch).
  15. a b CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea worm wrap-up #265. (PDF; 251 kB) In: cartercenter.org. Carter Center, 13. Januar 2020, abgerufen am 6. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  16. a b CDC – WHO Collaborating Center for Research, Training, and Eradication of Dracunculiasis: Guinea worm wrap-up #274. (PDF; 500 kB) In: cartercenter.org. Carter Center, 17. Januar 2021, abgerufen am 21. Februar 2021 (amerikanisches Englisch).
  17. Parasiten: Hunde retten den Guineawurm. Ein fast besiegter Parasit findet ein Refugium – nun rätseln Fachleute, wie sie mit der unerwarteten Wendung umgehen sollen. In: spektrum.de. 5. Januar 2016, abgerufen am 6. April 2021.
  18. Yannick Ramsel: Guinea-Wurm: Das Rätsel vom Schari-Fluss. Eine Reportage. In: Die Zeit. Nr. 21, 16. Mai 2019 (zeit.de [abgerufen am 6. April 2021] Artikelanfang frei abrufbar).