Eckhard Müller-Mertens

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Eckhard Müller-Mertens (* 28. August 1923 in Berlin; † 14. Januar 2015 ebenda) war ein deutscher Historiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Mediävistik in der DDR. Seine Arbeiten zu den Herrschaftsstrukturen des mittelalterlichen deutschen Reiches im 10. und 11. Jahrhundert, zum Feudalismus und zur hansischen Geschichte hatten erheblichen Einfluss in der Fachwelt.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eckhard Müller-Mertens stammte aus einem kommunistischen Elternhaus. Sein Vater war KPD-Funktionär, seine Mutter Lehrerin. Die Ehe seiner Eltern scheiterte 1930. Sein Vater emigrierte nach der „Machtergreifung“ im Oktober 1933 über Dänemark nach Schweden. Seine Mutter wurde im selben Jahr wegen ihrer ehemaligen KPD-Mitgliedschaft aus dem Schuldienst entlassen. Die Familie lebte fortan in finanzieller Not und Angst.[1] Müller-Mertens absolvierte zunächst von 1939 bis 1941 eine kaufmännische Lehre. Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat in der Wehrmacht und wurde bei der Marineflak in Norwegen eingesetzt.[2] Er geriet in britische Kriegsgefangenschaft. In Oslo legte er 1945 das Abitur ab. Das Ende des Zweiten Weltkriegs empfand er nicht als Befreiung, sondern nahm die deutsche Teilung seit 1949 als tiefes Unrecht wahr.[3] Dafür machte er die Alliierten und die Bundesrepublik verantwortlich. Über die von Deutschen begangenen Verbrechen fand Müller-Mertens keine kritischen Worte. Den Holocaust ignorierte er ganz.[4]

Nach dem Krieg war er zunächst als Bahnpolizist tätig und studierte von 1946 bis 1951 Geschichte, Soziologie und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Müller-Mertens wurde Mitglied der SED. Im Jahr 1951 wurde er an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert bei Fritz Rörig über die Hufenbauern und Herrschaftsverhältnisse in brandenburgischen Dörfern nach dem Landbuch Karls IV. von 1375. Bereits 1952 hielt er an der Humboldt-Universität eine Vorlesung zur Geschichte des Mittelalters. Er gehört damit zu jenen marxistischen Historikern, die dieses Fach als erste an einer Universität der DDR lehrten. 1953 übte er auch eine Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Potsdam aus. 1956 erfolgte in Berlin bei Heinrich Sproemberg die Habilitation mit einer Arbeit zur Geschichte der brandenburgischen Städte im Mittelalter. Anschließend lehrte er vier Jahre als Dozent in Berlin und wurde 1960 Professor mit Lehrauftrag für die Geschichte des Mittelalters an der Humboldt-Universität. Im Jahr 1964 wurde er Professor mit vollem Lehrauftrag. 1988 wurde er emeritiert. Zu seinen akademischen Schülern gehörte u.a. Wolfgang Huschner. Im Dezember 1989 trat Müller-Mertens aus der SED aus. Müller-Mertens selbst äußerte im Frühjahr 1993, dass er sich schon seit Jahrzehnten innerlich von der SED gelöst habe.[5]

Müller-Mertens nahm 1960 in Stockholm, 1965 in Wien und 1970 in Moskau an internationalen Historikerkongressen teil. Von 1966 bis 2001 war er Leiter der Arbeitsstelle Monumenta Germaniae Historica bei der Akademie der Wissenschaften der DDR bzw. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Von 1966 bis 1990 war er als Nachfolger von Heinrich Sproemberg Leiter der Hansischen Arbeitsgemeinschaft der Historiker-Gesellschaft der DDR. Müller-Mertens setzte sich nach der Wende von 1989/90 dafür ein, dass nach 35 Jahren die Hansische Arbeitsgemeinschaft in der DDR aufgelöst und mit dem Hansischen Geschichtsverein wiedervereinigt wurde.[6] Seit 1990 gehörte Müller-Mertens der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica als ordentliches Mitglied an. 1987 wurde er mit dem Nationalpreis der DDR III. Klasse ausgezeichnet. 2001 ehrten ihn die Monumenta Germaniae Historica mit einer Festschrift.[7] Im Rahmen eines Kolloquiums wurde Müller-Mertens im selben Jahr die Goldene Doktorurkunde überreicht.[8]

Müller-Mertens beschäftigte sich mit den Strukturen und dem Funktionieren des Reiches im 10. und 11. Jahrhundert, mit der brandenburgischen und Berliner Landesgeschichte des späten Mittelalters und mit Karl IV. von Luxemburg und Böhmen. Von Müller-Mertens stammen die grundlegenden Itinerarstudien Die Reichsstruktur im Spiegel der Herrschaftspraxis Ottos des Großen und Reichsintegration im Spiegel der Herrschaftspraxis Kaiser Konrads II. Diese Arbeiten haben aufgrund ihres methodischen Herangehens und ihrer gesicherten Ergebnisse große Beachtung und internationale Anerkennung gefunden. Müller-Mertens verbesserte die ältere Methode in der Königsitinerarforschung, indem er nicht nur die Aufenthaltsorte, sondern auch die Landschaften miteinbezog und die Aufenthaltsorte in ihrer Dauer und Abfolge von einem Gebiet in das andere verfolgte. Bei den Aufenthalten berücksichtigte er auch die Aufenthaltsdauer. Dazu stellte er Überlegungen über Straßen und Reisegeschwindigkeiten an. Mit Hilfe seiner Methode konnte er bei Otto I. statt bislang 3 % jetzt etwa 60 % des gesamten Itinerars erfassen.[9] In seiner Analyse der Struktur des ottonischen Reiches hat Müller-Mertens mit den „Zentral- und Kernlandschaften“, den „Durchzugsgebieten“ und den „Fernzonen“ drei Typen von Regionen unterschieden. Nach Carlrichard Brühl habe Müller-Mertens mit diesem methodischen Neuansatz „eine quellennähere Interpretation des Königsitinerars“ geliefert und die Itinerarforschung auf neue Grundlagen gestellt.[10] Kritisch äußerte sich Michael Borgolte. Er sah in diesem methodischen Vorgehen „Züge des Positivismus“, der zu einem „Objektivismus“ aus dem Historischen Materialismus herrühre.[11] Müller-Mertens' Arbeit über Otto I. wurde für weitere Herrscher von anderen Historikern fortgesetzt: für Arnulf von Kärnten von Elfie-Marita Eibl, für Otto II. von Dirk Alvermann und für Konrad II. von Wolfgang Huschner. Grundlegend wurde auch Müller-Mertens' 1970 veröffentlichte Studie über die mittelalterlichen Bezeichnungen des deutschen Reiches (Regnum Teutonicum). Ihm ging es darum, „wie sich die deutsche Vorstellung des Reiches einbürgerte, wer ihre Träger und was deren Beweggründe waren, ihre Auffassung des Reiches am deutschen Volk zu bilden bzw. das Reich auf das deutsche Volk zu beziehen.“[12] Müller-Mertens stellte alle Zeugnisse für ein Regnum Teutonicum zusammen mit dem Ergebnis, dass die Bezeichnung im 11. Jahrhundert in Italien aufkam und sich dann allmählich durchsetzte. Vor allem von Papst Gregor VII. wurden die Begriffe deutsches Reich und deutscher König, Reich und König der Deutschen in den Auseinandersetzungen mit dem universalen Herrschaftsanspruch Heinrichs IV. verstärkt verwendet.[13] Zur Reichsbezeichnung regnum Teutonicorum zum Jahr 920 in den Salzburger Annalen, die allein in einer Handschrift der Admonter Stiftsbibliothek aus der Mitte des 12. Jahrhunderts überliefert sind, stellte Müller-Mertens nach einer eingehenden Analyse fest, dass es sich um ein „Zeugnis von mehr als zweifelhafter Originalität“ handele.[14]

Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen. In seiner autobiographischen Selbstbefragung Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung (2011) setzte sich Müller-Mertens mit seinem Wirken als Historiker in der DDR auseinander.[15]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Schriftenverzeichnis erschien in: Evamaria Engel, Konrad Fritze, Johannes Schildhauer (Hrsg.): Hansische Stadtgeschichte – brandenburgische Landesgeschichte (= Abhandlungen zur Handels- und Sozialgeschichte. Bd. 26). Böhlau, Berlin 1989, ISBN 3-7400-0071-6, S. 265–269.

  • Karl der Große, Ludwig der Fromme und die Freien. Wer waren die liberi homines der karolingischen Kapitularien (742/743–832)? Ein Beitrag zur Sozialgeschichte und Sozialpolitik des Frankenreiches. Akademie-Verlag, Berlin 1963.
  • Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter (= Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte. Bd. 15). Akademie-Verlag, Berlin 1970. In Lizenz auch bei Böhlau, Wien u.a. 1970, ISBN 3-205-00502-3.
  • Die Reichsstruktur im Spiegel der Herrschaftspraxis Ottos des Großen. Mit historiographischen Prolegomena zur Frage Feudalstaat auf deutschem Boden, seit wann deutscher Feudalstaat? (= Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte. Bd. 25). Akademie-Verlag, Berlin 1980.
  • zusammen mit Wolfgang Huschner: Reichsintegration im Spiegel der Herrschaftspraxis Kaiser Konrads II. (= Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte. Bd. 35). Böhlau, Weimar 1992, ISBN 3-7400-0809-1.
  • Hansische Arbeitsgemeinschaft 1955 bis 1990: Reminiszenzen und Analysen. Porta-Alba-Verlag, Trier 2011, ISBN 978-3-933701-41-1.
  • Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2011, ISBN 978-3-86583-535-2.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Evamaria Engel, Konrad Fritze, Johannes Schildhauer (Hrsg.): Hansische Stadtgeschichte – brandenburgische Landesgeschichte (= Abhandlungen zur Handels- und Sozialgeschichte. Bd. 26). Böhlau, Berlin 1989, ISBN 3-7400-0071-6.
  • Michael Borgolte: Kontinuität und Neuaufbau. Ostberliner Mediävisten nach der „Wende“ In: Sven Fund (Hrsg.) Klaus G. Saur. Die Berliner Jahre. De Gruyter, Berlin u.a. 2009, ISBN 978-3-11-021627-1, S. 55–67 (abgerufen über De Gruyter Online).
  • Michael Borgolte: Nekrolog Eckhard Müller-Mertens (1923–2015). In: Historische Zeitschrift. Bd. 301, 2015, S. 580–585.
  • Michael Borgolte: Eine Generation marxistische Mittelalterforschung in Deutschland. Erbe und Tradition aus der Sicht eines Neu-Humboldtianers. In: Ders. (Hrsg.): Mittelalterforschung nach der Wende 1989. Oldenbourg, München 1995, ISBN 3-486-64420-3, S. 3–26.
  • Olaf B. Rader (Hrsg.): Turbata per aequora mundi. Dankesgabe an Eckhard Müller-Mertens (= Monumenta Germaniae historica. Bd. 29). Hahn, Hannover 2001, ISBN 3-7752-5729-2.
  • Rudolf Schieffer: Nachruf. Eckhard Müller-Mertens. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 71 Jg. (2015), S. 205–207.
  • Eckhard Müller-Mertens. In: Lothar Mertens: Lexikon der DDR-Historiker. Biographien und Bibliographien zu den Geschichtswissenschaftlern aus der Deutschen Demokratischen Republik. Saur, München 2006, ISBN 3-598-11673-X, S. 444f.
  • Eckhard Müller-Mertens 65 Jahre. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 36 Jg. (1988), S. 734.
  • Eckhard Müller-Mertens 60 Jahre. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 31 Jg. (1983), S. 656.
  • Ilko-Sascha KowalczukMüller-Mertens, Eckhard. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eckhard Müller-Mertens: Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung. Leipzig 2011, S. 33ff.
  2. Eckhard Müller-Mertens: Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung. Leipzig 2011, S. 22ff.
  3. Rezension von Michael Borgolte in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2012, Nr. 33, S. 28.
  4. Michael Borgolte: Nekrolog Eckhard Müller-Mertens (1923–2015). In: Historische Zeitschrift. Bd. 301, 2015, S. 580–585, hier: S. 581.
  5. Rezension von Michael Borgolte in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2012, Nr. 33, S. 28.
  6. Eckhard Müller-Mertens: Eröffnungsrede und Schlusswort zur 35. (letzten) Jahrestagung der Hansischen Arbeitsgemeinschaft in der DDR zugleich der ersten gesamtdeutschen Historikertagung nach dem Fall von Mauer und Grenzen. In: Hansische Geschichtsblätter 110, 1992, S. V–IX. Michael Borgolte: Sozialgeschichte des Mittelalters. Eine Forschungsbilanz nach der deutschen Einheit. München 1996, S. 25–27.
  7. Olaf B. Rader (Hrsg.): Turbata per aequora mundi. Dankesgabe an Eckhard Müller-Mertens. Hannover 2001.
  8. Michael Borgolte: Kontinuität und Neuaufbau. Ostberliner Mediävisten nach der „Wende“. In: Sven Fund (Hrsg.) Klaus G. Saur. Die Berliner Jahre. Berlin u.a. 2009, S. 55–67, hier: S. 59. (abgerufen über De Gruyter Online).
  9. Hans-Werner Goetz: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999, S. 156.
  10. Carlrichard Brühl: Die Herrscheritinerare. In: Popoli e paesi nella cultura altomedie- vale (Settimane di studio del centro italiano di studi sull'alto medioevo 29). Spoleto 1985, S. 615–645, hier: S. 625.
  11. Michael Borgolte: Geschichte als Wirklichkeitswissenschaft im Dunkel der Überlieferung. In: Göttingische Gelehrte Anzeigen. 246, 1994, S. 96–110, bes. 108 f.
  12. Eckhard Müller-Mertens: Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter. Berlin 1970, S. 8.
  13. Eckhard Müller-Mertens: Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter. Berlin 1970, bes. S. 145–181. Eckhard Müller-Mertens: Römisches Reich im Frühmittelalter. Kaiserlich-päpstliches Kondominat, salischer Herrschaftsverband. In: Historische Zeitschrift 288, 2009, S. 51–92, bes. S. 88f.
  14. Eckhard Müller-Mertens: Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter. Berlin 1970, S, 121.
  15. Eckhard Müller-Mertens: Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2011, ISBN 978-3-86583-535-2. Rezensionen von Michael Borgolte in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2012, Nr. 33, S. 28; Herwig Wolfram in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 121, 2013, S. 227–229.