Edgar Dacqué

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Edgar Dacqué (* 8. Juli 1878 in Neustadt an der Weinstraße; † 14. September 1945 in München) war ein deutscher Paläontologe, Geologe und Naturphilosoph. Er gilt als Erneuerer der idealistischen Morphologie und vertrat eine teleologische Evolutionstheorie.[1]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein Vater Eugen Dacqué war Bankier. Seine Mutter Martha war eine Tochter des Theologen Hermann Victor Andreae und eine Schwester des Geologen Achilles Andreae.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dacqué kam 1897 nach München, um dort Paläontologie und historische Geologie zu studieren. 1903 wurde er bei Karl Alfred von Zittel promoviert und 1914 als (außerordentlicher) Professor für Paläontologie an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. In dieser Funktion übernahm er zudem die Leitung der Paläontologischen Sammlung des bayerischen Staates.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dacqués Werk lässt sich in zwei Perioden untergliedern: eine erste rein naturwissenschaftliche und eine zweite (ab 1924), in der er sich auch naturphilosophisch-metaphysischen und religionsphilosophischen Fragen zuwendete.[2]

Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in der ersten Periode waren die Paläontologie der Wirbellosen und die Paläogeographie.[2] Der hypothetische Südkontinent Gondwana leuchtete ihm auf Grund der Verbreitung wichtiger Pflanzen- und Tiergruppen (fossil und rezent) besonders ein. Da die 1915 von Alfred Wegener publizierte Kontinentaldrift-Hypothese nur wenig Resonanz erfuhr, nahm Dacqué entsprechend der herrschenden Landbrücken-Hypothese den Einsturz riesiger Landbrücken (etwa zwischen Afrika, Indien und Australien) im Erdmittelalter an.

Die evolutionstheoretischen Ansätze Lamarcks und Darwins betrachtete Dacqué als einseitig und ergänzungsbedürftig.[2]. Er ergänzte sie daher, indem er die Idealistische Morphologie des frühen 19. Jahrhunderts aufgriff und eine „Metaphysik des Stammbaums“ konzipierte. Die Idealistische Morphologie war eine von Johann Wolfgang von Goethe entwickelte Methode, mit welcher dieser die ersten Grundlagen der vergleichenden Morphologe legte.[3][4] Sie führte die Ähnlichkeiten der Organismen auf einen ideellen „Typus“ zurück. In Dacqués evolutionstheoretischen Entwürfen ging es vor allem um die Abstammung des Menschen und um seine Stellung in der Natur.[2] Er betrachtete den Menschen teleologisch zugleich als Urform und als Ziel der Evolution.[1] Die gesamte Evolution des Lebens deutete er als „Offenbarung der Entelechie des Menschen“.[5] „In aller naturhistorischen organischen Entwicklung liegt der Mensch – grundsätzlich und von Anfang an.“[5]

Dacqués Religionsphilosophie handelte vom Abfall des Menschen von Gott und seiner Erlösung durch Christus.[2] Darin finden sich Einflüsse des Mystikers Jakob Böhme und der Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Wilhelm Schelling. Entsprechend der Bedeutung, die er dem Menschen für die ganze Natur zuschrieb, betrachtete Dacqué die Evolution allen Lebens als „Wille zur dämonischen Selbstverwirklichung“, als einen entweihten Zustand, der nach der Erlösung durch die „sich selbst entäußernde[n] Liebe Gottes“ verlange.[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dacqués Vergleichende biologische Formenkunde der fossilen niederen Tiere (1921) gilt als einer der bedeutendsten Beiträge zur vergleichenden Anatomie fossiler Tiere.[6] Sein typologischer Ansatz beeinflusste etwa Adolf Remane und Otto Schindewolf in hohem Maße.[6] Daneben verfasste er einige der erfolgreichsten populären Darstellungen der Naturgeschichte seiner Zeit.[6]

Seine metaphysischen Ansichten wurden in der Wissenschaft allgemein abgelehnt.[2] Eine bedeutende Resonanz fand er jedoch bei Thomas Mann, der im Vorspiel seines RomansJoseph und seine Brüder“ (1933) Dacqués Ideen aufgriff und schon 1929 in einem Vortrag klar für dessen Anliegen Stellung bezogen hatte.[7]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edgar Dacqué wurde noch im Gründungsjahr 1912 Mitglied der Paläontologischen Gesellschaft[8]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grundlagen und Methoden der Paläogeographie. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1915
  • Vergleichende biologische Formenkunde der fossilen niederen Tiere. 1921.
  • Urwelt, Sage und Menschheit (1924, zahlreiche Neu-Auflagen)
  • Natur und Seele (1927)
  • Leben als Symbol. Metaphysik einer Entwicklungslehre (1928)
  • Die Erdzeitalter (1930)
  • Natur und Erlösung (1933)
  • Organische Morphologie und Paläontologie (1935)
  • Das verlorene Paradies. Zur Seelengeschichte des Menschen (1938)
  • Die Urgestalt. Der Schöpfungsmythus neu erzählt (1940)
  • Aus den Tiefen der Natur (1944)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dacqué, Edgar. Lexikon der Biologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1999 (online).
  2. a b c d e f Werner Quenstedt, Manfred Schröter: Dacqué Edgar Viktor August. In: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 465-467 (online).
  3. Idealistische Morphologie, in: Lexikon der Biologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1999 (online).
  4. Siehe auch Kay Meister: Metaphysische Konsequenz – die idealistische Morphologie Edgar Dacqués, in: Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie − Abhandlungen, Band 235, Heft 2, S. 197–233 (2005).
  5. a b c Zitiert nach Werner Quenstedt, Manfred Schröter: Dacqué Edgar Viktor August. In: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 465-467 (online)
  6. a b c Georgy S. Levit und Uwe Hoßfeld: A bridge-builder: Wolf-Ernst Reif and the Darwinisation of German paleontology. Historical Biology 25, S. 297–303 (2013), hier S. 303.
  7. Dierk Wolters: Zwischen Metaphysik und Politik. Thomas Manns Roman »Joseph und seine Brüder« in seiner Zeit. Max Niemeyer, Tübingen 1998, S. 94-99.
  8. Paläontologische Zeitschrift 1, Heft 1, März 1914