Embodiment

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Embodiment (deutsch: Verkörperung, Inkarnation oder Verleiblichung) ist eine These aus der neueren Kognitionswissenschaft, nach der Bewusstsein einen Körper benötigt, also eine physikalische Interaktion voraussetzt. Diese Auffassung ist der klassischen Interpretation des Bewusstseins (insbesondere im Sinne des Kognitivismus und computationaler Theorien) entgegengesetzt und wird als grundlegende Wende in der Kognitionswissenschaft angesehen.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kognitionsverständnis des Embodiment entspricht etwa dem, was mittlerweile über den Vorgang der Wahrnehmung bekannt ist: Die Wahrnehmung ist demnach kein Prozess der Abbildung sensorischer Stimuli auf ein inneres Modell der Welt, sondern eine sensomotorische Koordination, die sich immer im Gesamtkonzept eines handelnden Wesens ereignet. Sie wird von der KI-Forschung als Complete agent bezeichnet.

Allgemeiner wird Embodiment zunehmend in der Psychologie (besonders der Sozialpsychologie und Klinischen Psychologie) verwendet, um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche zu betonen. Es ist nicht nur so, dass sich psychische Zustände im Körper ausdrücken („nonverbal“ als Gestik, Mimik, Prosodie, Körperhaltung), es zeigen sich auch Wirkungen in umgekehrter Richtung: Körperzustände beeinflussen psychische Zustände. Beispielsweise haben Körperhaltungen, die aus irgendeinem Grund eingenommen werden, Auswirkungen auf Kognition (z. B. Urteile, Einstellungen) und Emotionalität.[1]

Diese Thesen werden auch in der Soziologie und Sozialpsychologie, sowie von einigen theoretischen Biologen bereits seit längerem vertreten. So wurde von Jakob Johann von Uexküll seit 1909 eine „Umweltlehre“ entwickelt, nach der Wahrnehmung auf einen Funktionskreis angewiesen ist, für den sowohl „Wirkorgane“ (der Bewegungsapparat) als auch Sinnes- bzw. „Merkorgane“ konstitutiv sind (vgl. auch Eigenbewegung (Anthropologie)).[2] Als Grundlage können daneben die Theorien von George Herbert Mead und aus der Leibphänomenologie Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Sozialphänomenologie Alfred Schütz genannt werden. In neueren Diskussionen wurde diese Erkenntnis durch soziologische Praxistheorien (vgl. Pierre Bourdieu und Anthony Giddens) bzw. Theorien im Zuge des sozialtheoretischen practice turn wiederentdeckt.[3]

Ein Verbindungsstück zwischen den Konzepten findet sich in der Aktivitätstheorie, die von Wygotski inspiriert und von Leontjew begründet wurde. Auch die interpretative Videoanalyse in den Workplace Studies, die den theoretischen Ansatz der Ethnomethodologie vertreten, hat sich bereits in den 1980ern intensiv mit dem Konzept des Embodiment auseinandergesetzt. Im Bereich der Psychotherapie und der Körpertherapien hat Hilarion G. Petzold mit der von ihm begründeten Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie[4] einen konsequenten Embodiment-Ansatz vertreten, der den Menschen als "Leibsubjekt" eingebettet in der "Lebenswelt" (embodied and embedded) sieht[5]. Im Hintergrund stehen Ideen von Maurice Merleau-Ponty, Alexander Lurija und Lew Wygotski. Die Aufnahme und Interiorisierung von Information aus der ökologischen und sozialen Welt durch das "totale Sinnesorgan des Leibes" macht den Menschen zum "informierten Leib"[6], der Weltverhältnisse "verkörpert". Kommt es zu negativen und belastenden Verkörperungen, die im "Leibgedächtnis" gespeichert werden, können psychische und psychosomatische Störungen die Folge sein. Sie erfordern in der Therapie korrektive "embodiments" durch neue, heilsame Leiberfahrungen[7], ein Ansatz, der durch moderne Interozeptionsforschung gut gestützt wird.[8][9]

Sechs Auffassungen über Embodiment[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Margaret Wilson hat sechs Blickwinkel auf das Embodiment formuliert:[10]

1. Kognition ist situiert / verortet

„Kognitive Aktivität erfolgt im Kontext einer realen Umgebung und beinhaltet Wahrnehmung und Handlung“. Als situierte Kognition versteht man Kognitionen, die im Kontext von aufgabenrelevanten Inputs und Outputs stattfinden. So werden z. B., während ein kognitiver Prozess ausgeführt wird, weitere Wahrnehmungsinformationen aufgenommen, die wiederum die Verarbeitung beeinflussen. Außerdem werden motorische Aktivitäten ausgeführt, welche die Umgebung im Hinblick auf die relevante Aufgabe beeinflussen. Ein Beispiel für eine kognitive Aktivität, die situiert ist, ist das Autofahren, bei dem das kognitive System der wahrnehmenden Person ständig neuen Input aus der Umgebung während des Fahrens aufnimmt.

2. Kognition steht unter Zeitdruck

Dadurch, dass situierte Kognitionen in Echtzeit ablaufen, stehen diese unter Zeitdruck. Eine Metapher, die diesen Umstand verdeutlicht, ist der so genannte „repräsentationale Flaschenhals“. In Situationen, in denen schnelle und sich kontinuierlich entwickelnde Antworten erforderlich sind, besteht eventuell nicht genügend Zeit, um ein vollständiges mentales Modell der Umwelt zu konstruieren, aus dem Handlungen für die Handlungsausführung abgeleitet werden können. Daher sind effiziente Mechanismen erforderlich, um auch unter Zeitdruck situationsangemessene Handlungen hervorbringen zu können. Ein Argumentationsstandpunkt ist, dass Menschen so „gebaut sind“, dass sie diesen „repräsentationalen Flaschenhals“ umgehen können und auch in Situationen unter Zeitdruck dazu fähig sind, gut zu funktionieren.

3. Wir laden kognitive Arbeit auf die Umgebung ab

Aufgrund der Beschränkungen des menschlichen Informationsverarbeitungssystems (Beschränkungen der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses) ist es sinnvoll, die kognitive Belastung in bestimmten Situationen durch verschiedene Strategien zu reduzieren. Bei neuen Aufgaben lässt sich die kognitive Belastung reduzieren, indem die Umgebung strategisch genutzt wird. So können Informationen in der Umgebung, z. B. in Form von Kalendern oder Computerdateien, hinterlegt werden, auf die bei Bedarf zugegriffen werden kann. Dadurch fällt die vollständige Enkodierung dieser Informationen weg.

4. Die Umgebung ist Teil des kognitiven Systems

Einige Autoren vertreten, auf Basis der Erkenntnis, dass der Körper und die Umgebung eine Rolle bei kognitiven Aktivitäten spielen, eine noch stärkere Behauptung. Sie gehen davon aus, dass Kognition nicht allein eine Aktivität des Geistes ist, sondern über die gesamte Situation verteilt ist, also sowohl den Geist wie auch den Körper und die Umgebung beinhaltet. Das bedeutet, dass die kognitive Aktivität eines Individuums nicht nur aus dessen Kopf kommt, sondern auch durch die Umgebungssituation, in der sich die Person befindet. Somit ist die kognitive Aktivität stets davon abhängig, in welcher Situation wir uns befinden. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Situation und die wahrnehmende Person zusammen als einheitliches System zu untersuchen sind.

5. Kognition dient der Handlung

Kognitive Mechanismen werden hinsichtlich ihrer Funktionen und ihrem Zweck betrachtet, die/den sie erfüllen. Im Falle der visuellen Wahrnehmung ist die traditionelle Annahme, dass der Zweck des visuellen Systems darin besteht, eine interne Repräsentation der wahrgenommenen Welt aufzubauen. Dabei wird zwischen dem ventralen visuellen Pfad („Was“) und dem dorsalen visuellen Pfad („Wo“) unterschieden. Diese beiden Pfade generieren die Repräsentationen der Objektstruktur und der räumlichen Beziehungen von Objekten. Die Funktion liegt in visuell gestützten Handlungen wie Erreichen und Zupacken. In Einklang mit dieser Sichtweise wurde in einer Untersuchung von Craighero et al. (1997)[11] herausgefunden, dass bestimmte Arten von visuellem Input motorische Aktivität primen kann. So erleichterte das Sehen eines Rechtecks mit einer bestimmten Orientierung eine nachfolgende motorische Greifaufgabe, wenn das zu greifende Objekt dieselbe Ausrichtung des Rechtecks besaß.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Shaun Gallagher: How the Body Shapes the Mind. New York: Oxford University Press 2005, ISBN 978-0-19-920416-8.
  • Sabine Koch: Embodiment. Der Einfluss von Eigenbewegung auf Affekt, Einstellung und Kognition. Experimentelle Grundlagen und klinische Anwendungen. Berlin: Logos 2011.
  • Andy Clark: Being There: Putting Brain, Body, and World Together Again. Bradford Book, 1998, ISBN 978-0-262531-56-6.
  • Mark Johnson: The Body in the Mind: The Bodily Basis of Meaning, Imagination, and Reason. Univ. of Chicago Press, Chicago/London 1987, ISBN 0-226-40318-1.
  • George Lakoff, Mark Johnson: Philosophy in the Flesh, Basic Books, 1999, ISBN 978-0-46-505674-3.
  • Louise Barrett: Beyond the Brain. How Body and Environment Shape Animal and Human Minds. Princeton University Press, 2011
  • Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Übers. von Rudolf Boehm, Berlin: de Gruyter 1966.
  • Rolf Pfeifer und Josh C. Bongard: How the Body Shapes the Way We Think. A New View of Intelligence. Cambridge: MIT Press 2006, ISBN 978-0-262-16239-5.
  • Evan Thompson: Mind in Life. Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind. Harvard University Press, Cambridge/London 2007, ISBN 978-0-674-02511-0.
  • Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch: The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience. Cambridge: MIT Press 1991.
  • Markus Wild, Rebekka Hufendiek und Joerg Fingerhut (Hrsg.): Philosophie der Verkörperung: Grundlagentexte zu einer aktuellen Debatte. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2060, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-29660-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Tschacher und Maja Storch: Die Bedeutung von Embodiment für Psychologie und Psychotherapie (PDF; 1,0 MB), in Psychotherapie 17. Jahrg. 2012, Bd. 17, Heft 2
  2. Jakob Uexküll und Georg Kriszat: „Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen - Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten / Bedeutungslehre.“ Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1983, S. 16. Zur Vorwegnahme des Embodiment durch Uexkülls Funktionskreis Frank Schneider: „Positionen der Psychiatrie.“ Springer, 2011, ISBN 3-642-25475-6, S. 256.
  3. Theodore R. Schatzki, Karin Knorr-Cetina, Eike von Savigny (Hrsg.): The Practice Turn in Contemporary Theory. Routledge, London 2001.
  4. Petzold, H.G.: Integrative Bewegungstherapie. In: Petzold, H.G. (Hrsg.): Psychotherapie und Körperdynamik. Junfermann, Paderborn 1974, S. 285–404.
  5. Petzold, H.G.; Sieper, J.: „Leiblichkeit“ als „Informierter Leib“ embodied and embedded – Körper-Seele-Geist-Welt-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. Quellen und Konzepte zum „psychophysischen Problem“ und zur leibtherapeutischen Praxis. In: Petzold, H.G. (Hrsg.): Die Menschenbilder in der Psychotherapie. Interdisziplinäre Perspektiven und die Modelle der Therapieschulen. Krammer Verlag, Wien 2012, S. 243–321 (fpi-publikation.de [PDF]).
  6. Petzold, H.G.: Körper-Seele-Geist-Welt-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. Der „Informierte Leib“, das „psychophysische Problem“ und die Praxis. Hrsg.: Psychologische Medizin. Band 1. Graz, S. 20–33 (fpi-publikation.de).
  7. Petzold, H.G.: Das Leibsubjekt als „informierter Leib“ – embodied and embedded. Leibgedächtnis und performative Synchronisationen. Hrsg.: POLYLOGE: Materialien aus der Europäischen Akademie für Psychosoziale Gesundheit. Band 07. Düsseldorf/Hückeswagen 2002 (2002 http://www.fpi-publikation.de/polyloge/alle-ausgaben/07-2002-petzold-h-g-der-informierte-leib.html).
  8. Craig, A. D.: The sentient self. Hrsg.: Brain Struct. Funct. Band 214, S. 563–577.
  9. Petzold, H.G.; Orth, I.: Epitome. POLYLOGE IN DER INTEGRATIVEN THERAPIE: „Mentalisierungen und Empathie“, „Verkörperungen und Interozeption“. In: Petzold, H. G., Leeser, B., Klempnauer, E. (Hrsg.): Wenn Sprache heilt. Handbuch für Poesie- und Bibliotherapie, Biographiearbeit, Kreatives Schreiben. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, S. 885–971.
  10. Margaret Wilson: Six views of embodied cognition. In: Psychonomic Bulletin & Review. Band 9, Nr. 4, Dezember 2002, ISSN 1069-9384, S. 625–636, doi:10.3758/bf03196322 (springer.com [PDF; abgerufen am 5. Juli 2018]).
  11. Laila Craighero, Luciano Fadiga, Carlo A. Umiltà, Giacomo Rizzolatti: Evidence for visuomotor priming effect. In: NeuroReport. Band 8, Nr. 1, Dezember 1996, ISSN 0959-4965, S. 347–349, doi:10.1097/00001756-199612200-00068 (amazonaws.com [PDF; abgerufen am 6. Juli 2018]).