Ewald Ammende

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Ewald Ammende (* 3. Januar 1893 in Pernau, Livland, Russisches Kaiserreich; † 15. April 1936 in Peking, China) war ein deutschbaltischer Publizist und Politiker.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Villa Ammende in Pärnu (Estland) ist heute ein Luxushotel[2]

Ewald Ammende entstammte einer vermögenden, einflussreichen und in Livland alteingesessenen Kaufmannsfamilie. Nach dem Gymnasiumbesuch in Pernau studierte er ab 1910 Handelswissenschaften am Polytechnikum zu Riga, Volkswirtschaftslehre in Köln sowie in Tübingen und promovierte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zum Dr. sc. Pol. (Doktor der Staatswissenschaften). Im Ersten Weltkrieg war er für das Verpflegungswesen von Städten in Südrussland tätig. Im Zuge der Teilung Livlands in Estland und Lettland begann Ammende auf politischer Ebene sich für nationale Minderheiten einzusetzen. Von 1919 bis 1922 arbeitete er als Redakteur und Verlagsdirektor bei der Rigaschen Rundschau. Dort wirkte er eng mit Paul Schiemann zusammen. Als Mitbegründer des Verbandes der deutschen Minderheiten in Europa hat Ammende 1925 maßgeblich an der Entstehung des „Gesetzes über die Kulturautonomie der Minderheiten in Estland“ mitgewirkt. Im gleichen Jahr wählten ihn Minderheitenvertreter aus verschiedenen Ländern zum Generalsekretär des Europäischen Nationalitätenkongresses (ENK).[3]

Er bekannte sich ausdrücklich zu den internationalen Minderheitenorganisationen und setzte sich tonangebend für einen Minoritäteneinfluss nicht nur der deutschen Verbände ein.[4] Dabei ging Allmende davon aus, dass eine Lösung der nationalen Fragen auf dem Wege des Irredentismus nie möglich sein werde und daher ein Ausgleich zwischen Ethnien und Nationalstaaten auf der Basis gegenseitiger Anerkennung gefunden werden müsse.[5] In seiner Funktion als Generalsekretär des ENK hat er im Völkerbund maßgeblich die jüdischen Verbände bei der Einbringung der Bernheim-Petition unterstützt, was ihn bei den Nationalsozialisten in Misskredit brachte. Zeitgleich geriet er mit der US-amerikanischen und der sowjetischen Regierung wegen verschiedener Hilfsaktionen und Kampagnen des ENK in Konflikt.[6][7]

Ewald Ammende war auch ehrenamtlicher Geschäftsführer des „Interkonfessionellen und übernationalen Hilfswerkes seiner Eminenz des Kardinal Erzbischofs von Wien“.[8] Mit Kardinal Theodor Innitzer stand er in enger Verbindung, der ihn bei der Veröffentlichung seines bekanntesten Buches Muss Russland hungern? Menschen und Völkerschicksale in der Sowjetunion unterstützte. Das Buch ist wegen seiner zeitgenössischen Beschreibung über den heute sogenannten Holodomor noch in der Gegenwart stark umstritten. Ammende stellte darin die systematische Vernichtung verschiedener Minderheiten in der Ukraine dar, unter anderem der Polen, Magyaren, Rumänen, Juden, Weißrussen und Krimdeutschen.[9] Obwohl bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Ewald Ammendes ablehnende Haltung gegenüber den Nationalsozialisten bekannt war, unterstellten die sowjetischen Behörden dem ENK, dass das Buch ein Werk nationalsozialistischer Propaganda sei. Diese Darstellung übernahmen in der Nachkriegszeit unter anderem DDR-Historiker und haben Eingang in die Gegenwartsliteratur gefunden. Einige Historiker gehen soweit, die gesamte internationale Kampagne des ENK über die Hungertoten als Bestandteil der Antikominternpolitik des NS-Regimes zu bezeichnen.[10] Dessen ungeachtet stammen nahezu alle Bilder, die heute bei Veröffentlichungen zum Holodomor verwendet werden, aus diesem Buch beziehungsweise der Ammende-Sammlung im heutigen Kardinal-Innitzer-Archiv.[11]

Ewald Ammende starb am 15. April 1936 unter nicht geklärten Umständen in Peking, wo er sich mit Vertretern jüdischer Minderheiten aus Waldheim (Jüdische Nationale Oblast Fernost) treffen wollte. Fest steht lediglich, dass er im Deutschen Krankenhaus Peking verstarb. Nachrufe erschienen in vielen europäischen Zeitungen, in welchen sich die Angaben über die Todesursache zwischen Mord, Selbstmord, Herzanfall, Schlaganfall bis hin zum Zuckerschock bewegten. Nach seinem Tod übernahm sein Bruder, und seine rechte Hand, Erich Ammende als interimistischer Geschäftsträger die Leitung des ENK. Er überlebte seinen Bruder jedoch nur sieben Monate und starb in Wien, ebenfalls unter nicht geklärten Umständen.[12][13]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Hilfsaktion für Petersburg. R. Ruetz Riga, 1920.
  • Die Agonie einer Weltstadt. Helft Petersburg! R. Ruetz Riga, 1920.
  • Europa und Sowjet-Rußland. Curtius-Verlag Berlin, 1921.
  • Die Gefährdung des europäischen Friedens durch die nationale Unduldsamkeit. Karl Jaspers Wien, 1927.
  • Nationalitäten in den Staaten Europas. Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig, 1931.
  • Muss Russland hungern? Menschen und Völkerschicksale in der Sowjetunion. Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung Wien, 1935.
  • Human Life in Russia. G. Allen & Unwin London, 1936.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Lackmann: Ammende, Ewald. In: Neue Deutsche Biographie, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München 1953.
  • Rudolf Michaelsen: Der Europäische Nationalitäten-Kongreß 1925-1928: Aufbau, Krise und Konsolidierung. Lang, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-8204-7616-4.
  • Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongress 1925–1938. Nationale Minderheiten zwischen Lobbyistentum und Großmachtinteressen. Herder-Institut, Marburg 2001, ISBN 3-87969-290-4.
  • Martyn Housden: On their own behalf : Ewald Ammende, Europe's national minorities and the campaign for cultural autonomy ; 1920-1936. Amsterdam : Rodopi, 2014 ISBN 9789042038769

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ewald Ammende – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bruno Jahn u. a.: Die deutschsprachige Presse: Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. Walter de Gruyter, 2005, S. 18–19.
  2. http://ammende.ee/
  3. Heinrich Lackmann: Ammende, Ewald. in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 253.
  4. Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933-1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 51.
  5. Heinrich Lackmann: Ammende, Ewald. in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 253.
  6. Jörg Requate, Martin Schulze Wessel: Europäische Öffentlichkeit: transnationale Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert. Campus Verlag, 2002, S. 160.
  7. Deutsches Ausland-Institut: Deutschtum im Ausland, Band 19. Schriftenreihe des deutschen Auslandsinstituts, 1936, S. 355.
  8. Verena Moritz u. a.: Gegenwelten. Aspekte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938. Residenz Verlag, 2014, S. 353.
  9. Ewald Ammende: Muss Russland hungern? Menschen- und Völkerschicksale in der Sowjetunion. W. Braumüller, 1935, S. 22 f.
  10. Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongress 1925 bis 1938. Herder-Institut, 2000, S. 42 f.
  11. Josef Vogl: Alexander Wienerberger – Fotograf des Holodomor. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Jahrbuch 2010, Feindbilder-Verlag, 2015, S. 264 f.
  12. Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongress 1925 bis 1938. Herder-Institut, 2000, S. 347.
  13. David J. Smith: The Baltic States and their region: new Europe or old? Editions Rodopi B.V., 2005, S. 239 f.