Felix Gasbarra

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Felix Gasbarra (* 7. Dezember 1895 in Rom; † 11. November 1985 in Bozen) war ein deutsch-italienischer Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Felix Gasbarra wurde 1895 in Rom geboren. Sein Vater war ein italienischer Berufspolitiker, seine Mutter eine deutsche Sängerin.[1] Seine Mutter zog nach Berlin zurück, als er zwei Jahre alt war.

Zuschauerraum des Berliner Theaters am Nollendorfplatz

1921 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei und schrieb für deren satirische Zeitschrift und Agitationsblätter Der Knüppel sowie verschiedene kommunistische Tageszeitungen. Er heiratete die Malerin und Bühnenbildnerin Doris Homann, mit der er die Töchter Livia und Claudia hatte.[2] In der Zwischenkriegszeit arbeitete Gasbarra in Berlin eng mit dem Theaterregisseur Erwin Piscator zusammen. Als Dramaturg der Piscator-Bühne bearbeitete er Theaterstücke, nahm gemeinsam mit Bertolt Brecht Romanadaptionen vor und verfasste Songtexte (Kurt Weill vertonte Gasbarras Die Muschel von Margate / Petroleum Song für Leo Lanias Wirtschaftskomödie Konjunktur). Gasbarra dokumentierte die Kooperation mit Piscator 1929 in dem gemeinsamen Band Das politische Theater, der in 16 Sprachen übersetzt wurde. Zu Beginn der 1930er Jahre wandte er sich mit einem „kultur- und sozialpolitischen Zugang“[3] erfolgreich der neuen Literaturform Hörspiel zu (Der Marsch zum Salzmeer; Fahnen am Matterhorn, beide 1931).

Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP zog sich Gasbarra mit seiner Frau und den beiden Töchtern 1933 ins niederschlesische Schreiberhau zurück.[4] Im folgenden Jahr zog er nach Zürich, hielt sich aber vereinzelt noch in Deutschland auf. Unter Intendant Ferdinand Rieser war er als Dramaturg am Schauspielhaus Zürich tätig in der vagen Absicht, nach einem erhofften Scheitern des NS-Staats gemeinsam mit Piscator nach Berlin zurückzukehren.[5] Gasbarra siedelte 1935 in seine Geburtsstadt Rom (Quartier Parioli) über. Er trat dem Partito Nazionale Fascista bei und arbeitete für die Deutsche Stunde des italienischen Rundfunksenders „Radio Roma“, u. a. als deutscher Sprecher der Heeresberichte. Beim Rundfunk lernte er den amerikanischen Dichter Ezra Pound kennen, der seinerzeit den italienischen Faschismus unterstützte. Unter den Texten, die Gasbarra in den 1930er und frühen 1940er Jahren ins Deutsche übersetzte, befinden sich Werke des stellvertretenden Sekretärs der Faschistischen Partei Arturo Marpicati, des faschistischen Außenministers Italiens Galeazzo Ciano sowie Vittorio Mussolinis, eines der Söhne Benito Mussolinis. Der von Gasbarra übersetzte Band Wesen, Wollen, Wirken des Faschismus von Vincenzo Meletti (Berlin 1935) enthält ein Vorwort Adolf Hitlers.

Gasbarras Domizil und Refugium (1946–1971): Burg Kampenn im Osten Bozens

Nach Mussolinis Sturz trat Gasbarra in den letzten Kriegsjahren – er lebte nun auf einem Landgut in der Gemeinde Frascati bei Rom[6] – dem italienischen antifaschistischen Widerstand bei. Im Zuge der Offensive der Alliierten wurde Gasbarra 1945 in Bozen für die Dauer von anderthalb Jahren zum Nachrichtenoffizier zur Kontrolle der italienischen Rundfunkstationen für die englischen Besatzungstruppen in Italien ernannt.[7] Gemeinsam mit seiner Frau erwarb er die abgelegene hochmittelalterliche Burg Kampenn bei Bozen.[8] Im Frühjahr 1948 trennte sich seine Frau von Gasbarra, wanderte mit der jüngsten Tochter Claudia nach Brasilien aus und erwarb dort eine Farm.[9] In der Nachkriegszeit war Gasbarra als Journalist – vornehmlich in der Redaktion der deutschsprachigen Zeitung Dolomiten, bei der er bis Mitte der 1950er Jahre beschäftigt war –, als Hörspiel-Autor, Übersetzer (Jules Verne, Grazia Deledda, George Orwell u. a.) und Schriftsteller tätig. In seinem einzigen, satirischen Roman Schule der Planeten offenbarte sich Gasbarra 1968 als ein „Skeptiker, der schon früh Umweltverschmutzung, Reizüberflutung oder Überproduktion erkannt und kritisiert hat“.[10]

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er fast vollständig erblindet in einem Heim in Südtirol, wo er wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag starb. Er wurde auf dem evangelischen Friedhof in Bozen begraben. Neben den beiden Töchtern aus seiner Ehe mit Doris Homann hinterließ Gasbarra zwei Söhne mit Ilse Winter und Elly Peemöller.[11]

Radiohörspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gasbarras Hörspiele würdigte Piscator in einem Beitrag für den Norddeutschen Rundfunk als eigene Kategorie der Funkliteratur – „das satirisch-philosophische Hörspiel. In ihm wird ein gedankliches Problem durchleuchtet und in witziger, manchmal paradoxer, aber immer logischer Folge auf die Spitze getrieben. Gasbarra läßt, nach einem Worte Oscar Wildes, die Wirklichkeit auf dem Seile tanzen, um sie auf ihre Wahrheit zu prüfen.“[12]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erwin Piscator „unter Mitarbeit von Gasbarra“: Das politische Theater (Berlin 1929)

Roman

  • Schule der Planeten. Diogenes, Zürich 1968.

Hörspiele (Auswahl)

  • Der Marsch zum Salzmeer. Funk-Stunde Berlin, 1931.
  • Fahnen am Matterhorn. Funk-Stunde Berlin, 1931.
  • Monsieur Job oder Was alles einem Menschen nicht gehört. NDR, 1956.
  • Pimpanell oder Worin besteht die Freiheit des Menschen? Innsbruck 1959.
  • Schloß Manicor oder die Grenze des Erlaubten. ORF, 1975.
  • Der Ausflug nach Le Toquet. WDR, 1978 (= München 1994, Kompaktkassette).

Theaterstücke

  • Die preußische Walpurgisnacht. Groteskes Puppenspiel. Malik, Berlin 1922
  • Rasputin (Bearbeitung des Stücks von Alexei Tolstoi und Pawel Schtschegolew), mit Bertolt Brecht, 1927
  • Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (Bearbeitung der Romanvorlage von Jaroslav Hašek), mit Bertolt Brecht, 1928
  • Robespierre. Schauspiel in 12 Bildern. Deutsche Bühnenbearbeitung (der Vorlage von Romain Rolland): Erwin Piscator und Felix Gasbarra. Desch, München, Wien, Basel 1964

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Hanni: Der (un)bekannte Dr. Gasbarra. In: salto.bz, 7. Dezember 2020.
  2. Brief Erwin Piscators an Felix Gasbarra, 8. Februar 1937, in: Erwin Piscator: Briefe. Band 2: Paris, New York 1936–1951. Band 2.1: Paris 1936–1938/39. Hrsg. von Peter Diezel. B&S Siebenhaar, Berlin 2009, S. 52 f. u. ö.
  3. Martin Hanni: Der (un)bekannte Dr. Gasbarra. In: salto.bz, 7. Dezember 2020.
  4. Martin Hanni: Der (un)bekannte Dr. Gasbarra. In: salto.bz, 7. Dezember 2020.
  5. Brief Erwin Piscators an Felix Gasbarra, 22. Juli 1934, in: Erwin Piscator: Briefe. Band 1: Berlin – Moskau 1909–1936. Hrsg. von Peter Diezel. B&S Siebenhaar, Berlin 2005, S. 291–294, hier S. 293.
  6. Martin Hanni: Der (un)bekannte Dr. Gasbarra. In: salto.bz, 7. Dezember 2020.
  7. Artikel „Felix Gasbarra“, in: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Band 2. Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1. A–K von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk und Ingrid Maaß. K.G. Saur, München 1999, S. 291 f.
  8. Vgl. Felix Gasbarra: Schloß Kampenn. Schicksale und Wandlungen einer Bozner Burg In: Der Schlern 20, 1946, S. 226–231.
  9. Brief Felix Gasbarras an Erwin Piscator, 13. Januar 1948, in: Erwin Piscator: Briefe. Band 2: Paris, New York 1936–1951. Band 2.3: New York 1945–1951. B&S Siebenhaar, Berlin 2009, S. 141.
  10. Thomas B. Schumann: Roter Rummel, in: Die Zeit, Nr. 52/1985 (20. Dezember 1985).
  11. Martin Hanni: Der (un)bekannte Dr. Gasbarra. In: salto.bz, 7. Dezember 2020. – Brief Erwin Piscators an Felix Gasbarra, 29. März 1961, in: Erwin Piscator: Briefe. Band 3.3: Bundesrepublik Deutschland, 1960–1966. Hrsg. von Peter Diezel. B&S Siebenhaar, Berlin 2011, S. 186–188, hier S. 186.
  12. Brief Erwin Piscators an Heinz Schwitzke, o. D. [um 1958], in: Erwin Piscator: Briefe. Band 3.2: Bundesrepublik Deutschland, 1955–1959. Hrsg. von Peter Diezel. B&S Siebenhaar, Berlin 2011, S. 544 f., hier S. 545.