Franz Ludwig Neher

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Franz Ludwig Neher (* 31. Oktober 1896 in Biberach an der Riß; † 29. Juli 1970[1] in Riederau/Ammersee[2]) war ein deutscher Autor von Firmenschriften, Jugendbüchern und populärwissenschaftlichen Sachbüchern.[3] Er veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Peter Hilten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Jugend lebte Neher in St. Gallen, Nürtingen, Stuttgart, München, Lausanne und Zürich. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 war er angehender Student an der Technischen Hochschule München. Er meldete sich als Kriegsfreiwilliger zur Bayerischen Armee und diente zunächst im 7. Feldartillerie-Regiment „Prinzregent Luitpold“. 1917 war er Flugschüler auf dem Flugplatz Schleißheim.[4]

Nach dem Ersten Weltkrieg besuchte er wieder die Technische Hochschule in München und absolvierte 1922 ein Praktikum bei der holländischen Flugzeugfirma Fokker.[4] Danach arbeitete er bis 1933 als Verkehrsflugzeugführer in Europa und Übersee.[5] In einem Artikel zu Nehers 60. Geburtstag wird aufgeführt, Neher sei neben seiner Tätigkeit als Test- und Verkehrsflieger auch als Eisenbahningenieur, Rennbootfahrer, Seeoffizier und Handelsvertreter in mehreren europäischen, asiatischen und südamerikanischen Staaten sowie Nordafrika und den USA unterwegs gewesen.[4]

1933 wurde Neher verhaftet und kam für 18 Monate ins KZ Dachau.[5] Dort arbeitete er kurzzeitig in der Häftlingsbibliothek.[6] Nach seiner Freilassung arbeitete er ab 1935 als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte in der NS-Zeit mehrere Jugendbücher sowie populärwissenschaftliche Sachbücher. Ferner veröffentlichte Neher als Lohnautor insgesamt 9 Propagandabiografien in der vom General der Flieger im Auftrag des Reichsmarschalls Hermann Göring herausgegebene Groschenheftreihe Unsere Jagdflieger (Berlin 1943),[7] Die im Landserstil gehaltenen Darstellungen lassen sich der Trivialliteratur zuordnen[8] und zeigen den Vielschreiber Neher als „Nazi-Propagandisten“.[9] Während des Zweiten Weltkriegs war Neher außerdem als Techniklehrer bei der Luftwaffe.[4][10]

Nach Ende des Krieges gehörten einige seiner Bücher in Berlin und der Sowjetischen Besatzungszone zur „auszusondernden Literatur“, die aus Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt werden sollte.[11] In der Bundesrepublik war Neher weiter als Schriftsteller tätig. Ab Anfang der 1950er-Jahre beschäftigte er sich als Journalist und Autor auch mit dem Thema Raumfahrt. Von 1951 bis 1962 arbeitete er als Pressereferent der Gesellschaft für Weltraumforschung[5], in der er auch zeitweilig Vorstandsmitglied war.[12] Neher war ferner Ghostwriter von Walter Dornbergers Memoiren V2 – der Schuß ins All (Esslingen 1952).[9][13] Im Auftrag von Wernher von Braun versuchte er 1952 dessen Weltraumkonzept in Romanform zu popularisieren. Als Grundlage diente eine von Wernher von Braun selbst verfasste Erzählung über ein Mars-Projekt.[12][14][15] Das Buch Menschen zwischen den Planeten erschien 1953 und wurde zwiespältig aufgenommen. Der Spiegel fand es langweilig,[16] von der Literaturwissenschaftlerin Helga Abret wurden später dramaturgische und sprachliche Schwächen beklagt.[14]

Überwiegend veröffentlichte er aber „volkstümliche“ Technikbücher, „wissenschaftlich“ aufgemachte Firmenschriften[17][18] und Drehbücher für Fernseh-Dokumentationen.[5] Besonders zahlreich erschienen als Auftragsarbeiten verfasste Jubiläumsschriften,[19] in denen die NS-Zeit ganz übergangen oder nur kursorisch behandelt wurde.[18] 1955 klassifizierte Der Spiegel diese Arbeiten Nehers als „Public Relations“ für die Großindustrie und führte ihn anhand eines von ihm verfassten Fernsehdrehbuchs als Beispiel für Schleichwerbung an.[20] 1952 nahm er bei der Deutschen Bundesbahn eine Tätigkeit als Lokomotivführer auf Fernstrecken an, um ein wirklichkeitsgerechtes Buch über die Eisenbahn schreiben zu können.[21] Als nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1956 Militär und Krieg wieder zulässige Themen von Jugendbüchern wurden, veröffentlichte auch Neher mit Der verschwiegene Kreuzer (Donauwörth 1958) ein neues Jugend-Kriegsbuch.[22]

Neher war seit 1934 mit Maria Neher-Winter verheiratet,[5] die unter dem Pseudonym F. Zinner-Biberach das NS-Propagandawerk Führer, Volk und Tat. Geschichte und Gestalt der Nation (München 1934) verfasst hatte.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Röntgen: Roman eines Forschers. Braun & Schneider, München 1936
  • Einer fliegt! Franckh, Stuttgart 1937
  • Das Wunder des Fliegens. Pechstein, München 1937
  • Die Erfindung der Photographie. Franckh, Stuttgart 1938
  • Fliegen. Bruckmann, München 1939
  • Kupfer, Zinn, Aluminium. Goldmann, Leipzig 1940
  • Das Bild in Roxys Bar. Franckh, Stuttgart 1940
  • Die Apotheke zum Kleeblatt. Franckh, Stuttgart 1940
  • Eisen. Franckh, Stuttgart 1941
  • Monsun. Franckh, Stuttgart 1949
  • Menschen zwischen den Planeten. Der Roman der Raumfahrt. Bechtle, Esslingen 1953
  • F21. Ein Buch vom Dienst bei der Eisenbahn. Franckh, Stuttgart 1953
  • Achtung - Kurve! Franckh, Stuttgart 1956
  • Lebensadern der Technik. Franckh, Stuttgart 1958
  • Der verschwundene Kreuzer. Auer Cassianeum, Donauwörth 1958

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Neher, Franz Ludwig. In: Wer ist wer? 16 (1969/70), Bd. 1, S. 905

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neher, Franz in Kürschners Deutscher Literaturkalender. Nekrolog 1936–1970. Gruyter, Berlin 1973
  2. Westermanns Monatshefte 111 (1970), Augustheft, S. 118.
  3. Ulrich Troitzsch: Technikgeschichte in der Forschung und in der Sachbuchliteratur während des Nationalsozialismus. In: Steffen Richter, Herbert Mehrtens (Hrsg.): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Frankfurt a.M.1980, S. 215-242, hier: S. 241 Anm. 66.
  4. a b c d Franz Ludwig Neher 60 Jahre. In: Weltraumfahrt-Raketentechnik 7 (1956), Heft 4, S. 125.
  5. a b c d e Wer ist wer? 16 (1969/70), Bd. 1, S. 905.
  6. Torsten Seela: Die Lagerbücherei im KZ Dachau. in: Dachauer Hefte 7 (1991), S. 34-46.
  7. Neher ist Autor der Hefte 3, 4, 8, 16, 27, 32, 33, 36 & 38, s. Liste der Einzelhefte in: Friedrich Griese: Oesau (Unsere Jagdflieger; 2), Berlin/Herrlingen 1943, hintere Umschlagseite innen.
  8. Heinz J. Galle: Groschenhefte. Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur. Frankfurt am Main/Berlin 1988, S. 137, 187.
  9. a b Michael J. Neufeld: Creating a Memory of the German Rocket Program for the Cold War. In: Steven J. Dick (Hg.): Remember the Space Age. Washington DC 2008, S. 71-88, hier: S. 78.
  10. Neher, Franz Ludwig in Walter Habel (Hrsg): Wer ist wer? 12. Ausgabe von Degeners Wer ist's? Arani, Berlin 1955, S. ?
  11. Eisen (1941), 100 und 1 Landung (1942) und das fälschlich ihm zugeordnete Führer, Volk und Tat (1934) seiner Frau Maria Winter, s. Abteilung für Volksbildung im Magistrat der Stadt Berlin (Hg.): Verzeichnis der auszusondernden Literatur. Berlin 1946, S. 140; ferner Das Wunder des Fliegens (1937) und Fliegen (1939), s. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone (Hg.): Liste der auszusondernden Literatur. Berlin 1946, Nr. 8354; Zweiter Nachtrag. Berlin 1948, Nr. 5555.
  12. a b Heinz-Hermann Koelle: Erfahrungsbericht eines Professors der Luft- und Raumfahrt der Technischen Universitaet Berlin 1965–2000 (PDF; 2,4 MB), Berlin 2003, ohne Paginierung
  13. Rainer Eisfeld: Mondsüchtig: Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Springe 2012, S. 189.
  14. a b Helga Abret: Literatur und Technik. Von Brauns „Marsprojekt“ und Nehers „Menschen zwischen den Planeten“. In: Hans Esselborn: Utopie, Antiutopie und Science Fiction im deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts. Würzburg: 2003, S. 118-132.
  15. Karlheinz Steinmüller: Gestaltbare Zukünfte. Zukunftsforschung und Science Fiction. Gelsenkirchen 1995, S. 124f.
  16. Rezension. In: DER SPIEGEL 37/1953 v. 9. September 1953, S. 29.
  17. Rezension in Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 23 (1965), S. 295.
  18. a b Dieter Baudis, Horst Handke, Rudolf Schröder: Der Unternehmer in der Sicht der westdeutschen Firmen- und Wirtschaftsgeschichte. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 11 (1963), Heft 1, S. 78-103, hier: S. 98.
  19. beispielsweise 50 Jahre Friedrich Deckel. München 1953; Fünfzig Jahre Knorr-Bremse, 1905–1955. Berlin 1955; 100 Jahre Anker-Teppiche. Düren 1955; Ganahl – 160 Jahre im Dienste der Baumwollindustrie, 1797–1957. Feldkirch 1958.
  20. Schleich-Werbung. Die Ein-Schiebungen. In: DER SPIEGEL 20/1955 v. 11. Mai 1955, S. 42-45.
  21. Der Spiegel 15/1952: Franz Ludwig Neher
  22. Rezension in: Bücherei und Bildung 11 (1) (1959), S. 376f.; Wolfgang Promies: Deutsche Kinder- und Jugendliteratur nach 1945. In: Hans-Gerd Schumann (Hg.): Deutschland 1945–1949. Darmstadt 1989, S. 169-188, hier: S. 183; s.a. Hans Peter Richter: Der Krieg im Jugendbuch. In: Die Zeit Nr. 12 v. 22. März 1963.