Geistertanz

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Der Geistertanz war ein religiöser Krisenkult der Indianer Nordamerikas der 1860er bis 1890er Jahre. Er trat in zwei Schüben auf und führte indirekt zum Massaker von Wounded Knee.

Er steht in der spirituellen Tradition der Trancetänze nordamerikanischer Ureinwohner und stellt ein letztes, weitgehend friedliches Aufbäumen der Besiegten gegen die Unterwerfung und Zerstörung der indianischen Lebensgrundlagen und Stammeskultur innerhalb der USA dar. Der Geistertanz war nur eine von vielen, letztlich erfolglosen Restaurationsbemühungen, erreichte aber die größte Popularität und gilt deshalb heute in der allgemeinen Wahrnehmung irrtümlich als fester Bestandteil der indianischen Religion und Kultur.

Erster Geistertanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1870er Jahren erlebte der als Seher und Prophet geltende Wodziwob - ein Mitglied des im heutigen Bundesstaat Nevada beheimateten Stammes der Paviotso - ein spirituelles Trance-Erlebnis. In diesem Zustand hatte er eine Vision, in der ihm prophezeit wurde, die alten Zeiten und mit ihnen die indianische Lebensweise würden zurückkehren. Die Ahnen (die „Geister“) versprachen ihm, sie würden wiederkehren und die Erde würde sich in ein Paradies verwandeln. Die weißen Eroberer sollten verschwinden.[1][2]

Als zentrales Mittel für dieses Ziel galt der zeremonielle Geistertanz. Hierbei wurde ein Kreis aus Männern und Frauen formiert, bei denen sich die Beteiligten an den Händen hielten und zum stetigen Schlag der Trommeln die vorgeschriebenen Geistertanzlieder, eine Folge von monotonen Beschwörungen, intonierten. Durch die gleichzeitige Seitwärts-Bewegung wurde der Kreis in Bewegung versetzt. Hieraus resultiert der in spiritueller Tradition der Beschwörung durch tagelange rituelle Tänze stehende Charakter des Geistertanzes. Erinnert sei nur an die ausdauernden Büffel-Tänze, in denen Männer und Heranwachsende tagelang unter Anleitung von Medizinmännern bis zur völligen Erschöpfung für das Kommen der zweimal im Jahr wandernden Büffelherden tanzten, die die vollständige Lebensgrundlage der Prärie-Indianer bildeten.[3]

Durch die monotone rhythmische Trommelbegleitung, die gleichförmigen Bewegungen und die immer gleichen liedartigen Beschwörungen, verbunden mit der Erschöpfung der Tanzenden, wurde ein tranceartige Zustand erreicht, in dem den Lebenden das Betreten der Welt der Toten ermöglicht werden sollte. Die damit verbundene Verschmelzung beider Welten würde letztlich dazu führen, dass die Toten zurückkehren konnten.[4]

Inhalt und Versprechen des Geistertanzes fiel in der Zeit des Niedergangs auf fruchtbaren Boden. Die Idee verbreitete sich Ende der 1860er-Jahre sehr schnell und führte zu einer stark motivierten religiösen Bewegung. Sie erreichte von Nevada aus Kalifornien und Oregon. Jeder Stamm schuf seine eigenen Elemente und Interpretationen des Tanzes. Die ursprüngliche Prophezeiung wurde mit deren Verbreitung durch andere ergänzt. Beispielsweise prophezeiten einige Stämme nicht nur die Rückkehr der Toten, sondern auch die Rückkehr der von den Eroberern zerstörten natürlichen Lebensgrundlagen.

Manchmal vereinte ein Tanz 5.000 bis 6.000 Indianer unterschiedlicher Stämme. Trotzdem kann nicht von einem panindianischen Kult gesprochen werden, da sich nicht alle indianischen Ethnien dem Geistertanz verschrieben hatten. Die erste Welle des Geistertanzes endete ca. 1872, als der Initiator Wodzivob die Idee widerrief und die Tänze letztlich auch erfolglos blieben.

Zweiter Geistertanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wovoka

Um 1890 erlebte der Geistertanz nach rund 20 Jahren eine starke Renaissance. Wieder lag der Ursprung bei den Paviotso. Diesmal war es Wovoka, ein Mann vom Stamm der Paiute, der die Idee wiederbelebte. Sein Vater war möglicherweise einer der Nachfolger von Wodziwob und gab so schamanische Kenntnisse an seinen Sohn weiter.[5] Als Jack Wilson arbeitete er seit dem achten Lebensjahr auf einer Ranch strenggläubiger Mormonen und wurde dort erzogen. Derartig geprägt, übernahm er auch christliche Elemente wie die Apostel-Idee, um diesen Glauben bei den Stämmen zu verbreiten.[6][7][8]

Die Prophezeiung ähnelte derjenigen von 1870: Die Zeit würde kommen, wo sich die Indianer, Lebende und Tote, vereinigen würden, um zusammen glücklich zu leben, ohne Tod, Unglück und Elend. Die riesigen Büffelherden, die über Jahrhunderte die Lebensgrundlage der Prärieindianer dargestellt hatten, würden zurückkommen.

Der 1890er-Geistertanz breitete sich ebenfalls rasch nach Kalifornien und Oregon aus, ging dann aber weiter nach Idaho, Montana, Utah, Wyoming, Colorado, Nord- und Süd-Dakota, bis hin nach Nebraska, Kansas, Oklahoma und Kanada. New Mexico und Arizona berührte er gerade noch. Im Vergleich zum ersten Geistertanz erfasste er diesmal also auch die Stämme der Plains und einige des Südwestens. Wieder entwickelten sich mit der Verbreitung weitere Tänze und Prophezeiungen. Der Geistertanz passte sich den entsprechenden Stammesmythologien an.

Die zweite Geistertanzbewegung dauerte einige Jahre länger als die erste, fand jedoch ebenfalls ein abruptes Ende.[9] Die nach ihrer Niederlage und Unterwerfung durch die Weißen in den Reservaten von South Dakota lebenden Lakota (Sioux) hatten die Bewegung übernommen und um weitere christliche Elemente wie den Erlösergedanken erweitert.[10] Die ihres Landes beraubten Prärie-Indianer, die durch die Vernichtung der Büffelherden ihre Lebensgrundlage verloren hatten, lebten in den Reservaten unter schlechten Bedingungen.[11] Die Stammesgesellschaft, in der Gruppen und Familienverbände in Zeltdörfern auf Wanderschaft zusammenlebten, befand sich durch die erzwungene Ansiedlung in Einzelfamilien in Auflösung. Angesehene Häuptlinge wie Tashunka Witko (engl. Crazy Horse) wurden ermordet[12] oder hatten sich den Siegern unterworfen. Die einstigen Jäger waren von Lebensmittel-Lieferungen durch die Reservatsbehörden abhängig, die oft ausblieben und von schlechter Qualität waren.[13] Hunger, Krankheiten, ungewohnte Nahrung, erzwungene Sesshaftigkeit und Untätigkeit des einstmals aus Jägern und Sammlern bestehenden kriegerischen Volkes führte dazu, dass sich der Geistertanz nicht nur verbreitete, sondern auch um den Gedanken des Widerstandes erweitert wurde. So trugen viele Tänzer stark bemalte Geistertanzhemden, die sie angeblich gegen die Kugeln aus Gewehren der Weißen schützen konnten. Die Vision, der Geistertanz würde die Weißen hinwegfegen, wurde offen ausgesprochen.

Nachdem der Geistertanz im April 1890 in den Lakota-Reservaten begann und von den weiterhin angesehenen Anführern wie Sitting Bull propagiert wurde[14], der sich nach jahrelangem Exil in Kanada, mit einigen Getreuen ergeben hatte und nach zweijähriger Gefangenschaft in dem Reservat lebte, traten Spannungen auf. Die Reservatsbehörden sahen die Massenbewegung als politischen und religiösen Protest der 25.000 in Reservaten lebenden Sioux an und reagierten mit Zwangsmaßnahmen, um einen möglicherweise drohenden Aufstand bereits im Vorfeld zu ersticken.

Geistertanz bei den Oglala-Lakota in der Pine Ridge Reservation

Präsident Benjamin Harrison ordnete eine Untersuchung durch die Armee an und veranlasste die Einschränkung der Essensrationen für unkooperative Indianer, was die Spannungen weiter verschärfte. James McLaughlin, Verwalter der Standing Rock Reservation, in der Sitting Bull lebte, hatte die Geistertänzer schon länger mit Argwohn betrachtet und befürchtete einen Aufstand.[15] Sitting Bull, der sich mit kämpferischen Worten geweigert hatte, die Bewegung zu verbieten und als einer ihrer Führer galt, sollte durch die Stammespolizei in wohlüberlegter Provokation am 15. Dezember 1890 verhaftet werden. Als seine Getreuen gegen die grobe Behandlung des alten Mannes Widerstand leisteten, wurde Sitting Bull von dem Indianer-Sergeant Red Tomahawk durch einen Kopfschuss getötet.[16] Außer ihm starben weitere 14 Menschen: fünf Stammes-Polizisten und sieben Anhänger des alten Häuptlings, darunter auch Sitting Bulls 14-jähriger Sohn. Beim Abtransport wurde Sitting Bulls Leiche durch den Bruder eines getöteten Polizisten geschändet. Die Verweigerung der Beerdigung auf dem christlichen Friedhof sorgte für weiteren Unmut. Der tote Häuptling wurde schließlich auf dem Friedhof von Fort Yates in einer einfachen Holzkiste begraben.

Viele Lakota, darunter viele Geistertänzer flohen in die nahegelegenen Badlands. Unter den Flüchtenden befand sich auch Häuptling Big Foot mit Geistertanzanhängern aus der Cheyenne River Reservation. Die Armee verfolgte Big Foot und seine Leute und stellte sie. Der als friedlich geltende Big Foot ergab sich, und die Gruppe sollte in die Pine Ridge Reservation überführt werden. Am 29. Dezember 1890 sollte Big Foots Gruppe in der Nähe des Wounded Knee Creek entwaffnet werden. Dabei fiel ein Schuss, wahrscheinlich versehentlich auf Seiten der Indianer. Die Soldaten der 7. Kavallerie schossen daraufhin wahllos auf die wehrlosen Indianer und verübten ein Massaker an Männern, Frauen und Kindern. Selbst nach Stunden wurden noch Verwundete getötet. Sogar die Pferde der toten Indianer wurden erschossen. Insgesamt starben an diesem Tag zwischen 150 und 300 Indianer.[17][18][19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • James Mooney: The Ghost-Dance Religion and the Sioux Outbreak of 1890. The University of Chicago Press, Chicago 1970
  • Russell Thornton: American Indian Holocaust and Survival - A Population History Since 1492. University of Oklahoma Press, Norman 1987

Webseiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Ghost Dance first emerged around 1870 in the Walker Lake area on the California-Nevada border. A Paiute mystic named Wodziwob, or "Fish Lake Joe," began to preach an apocalyptic vision in which a great flood or fire would eliminate the white man from the world and deceased tribal people would return alive to the earth. Wodziwob's assistant, a shaman named Tavibo, spread the new doctrine among Nevada tribes.
  2. The Paiute tradition that led to the Ghost Dance began in the 1870s in the Western Great Basin from the visions of Wodziwob (Gray Hair) concerning earth renewal and the reintroduction of the spirits of ancient Numu (Northern Paiute) ancestors into the contemporary day to help them. Central to the Natdia religion was the dance itself - dancing in a circular pattern continuously - which induced a state of religious ecstasy.
  3. Wodziwob prophesied the resurrection of the dead and the restoration of the environment to its state prior to Euro- American expansionism: “Our fathers are coming, our mothers are coming, they are coming pretty soon. You had better dance. Never stop for a long time. Swim. Paint in white and black and red paint. Every morning wash and paint. Everybody be happy”
  4. In order to hasten those auspicious events, Indians were instructed to perform certain round dances at night. Wodziwob’s vision said that tribal Indian life would soon return, that the dead would come back to life, and that the animals the Indians had traditionally hunted — importantly, the buffalo — would be restored.
  5. Du Bois, Cora "The 1870 Ghost Dance" Anthropological Records Vol. 3, No. 1 (1939) (Berkeley, California; University of California Press) 3-4
  6. The movement began with a dream by Wovoka (named Jack Wilson in English), a Northern Paiute, during the solar eclipse on January 1, 1889. He claimed that, in his dream, he was taken into the spirit world and saw all Native Americans being taken up into the sky and the Earth opening up to swallow all Whites and to revert back to its natural state. The Native Americans, along with their ancestors, were put back upon the earth to live in peace. He also claimed that he was shown that, by dancing the round-dance continuously, the dream would become a reality and the participants would enjoy the new Earth.
  7. The Ghost Dance (Natdia) is a spiritual movement that came about in the late 1880s when conditions were bad on Indian reservations and Native Americans needed something to give them hope. This movement found its origin in a Paiute Indian named Wovoka, who announced that he was the messiah come to earth to prepare the Indians for their salvation.
  8. The dance as told by Wovoka went something like this: "When you get home you must begin a dance and continue for five days. Dance for four successive nights, and on the last night continue dancing until the morning of the fifth day, when all must bathe in the river and then return to their homes. You must all do this in the same way. ...I want you to dance every six weeks. Make a feast at the dance and have food that everybody may eat."
  9. The Ghost Dance movement came to a tragic end on Sioux reservations in South Dakota during the winter of 1890–1891.
  10. Wovoka's second source, his Christian education, added the concept of a supreme being, and validation for the resurrection of natives. Drawing on the Bible, Wovoka incorporated the story of Jesus, the messiah who had come to live on earth to spread the message of peace and love to the white man, and the resurrection of believers. God gave Wovoka a dance that was to be performed for five consecutive days.
  11. The indigenous peoples of North America had been decimated, subjugated, and imprisoned on reservations. Their lands had been confiscated and their lifestyle crushed by U.S. government policies. By 1870, Indian circumstances were at a low ebb; in the wake of the Civil War, the United States had resolutely fought to control Indian life, culture, and self-determination. The Indians had been driven from place to place, many losing their traditional lands and suffering from starvation and disease
  12. Even in defeat, Crazy Horse remained an independent spirit, and in September 1877, when he left the reservation without authorization, to take his sick wife to her parents, General George Crook ordered him arrested, fearing that he was plotting a return to battle. Crazy Horse did not resist arrest at first, but when he realized that he was being led to a guardhouse, he began to struggle, and while his arms were held by one of the arresting officers, a soldier ran him through with a bayonet.
  13. By the 1880's the U.S. government had managed to confine almost all of the Indians on reservations, usually on land so poor that the white man could conceive of no use for it themselves. The rations and supplies that had been guaranteed them by the treaties were of poor quality, if they arrived at all. Graft and corruption were rampant in the Indian Bureau.
  14. In October, 1890, Sitting Bull invited Kicking Bear, an Oglala Lakota from Pine Ridge Reservation, to come to Standing Rock to teach the Ghost Dance to the Hunkpapas.
  15. Politicians, federal reservation agents, and townspeople began to demand that the federal government take action to stop the Ghost Dance. President Benjamin Harrison asked the Army to investigate the Ghost Dance at Standing Rock. Sitting Bull was still considered the most powerful leader of the Standing Rock Lakotas. Major James McLaughlin, the agent at Standing Rock, agreed that if Sitting Bull were not on the reservation, the people would no longer follow the Ghost Dance.
  16. Doch die Regierung misstraute Sitting Bull weiter, auch weil er die Geistertanz-Bewegung förderte: Zu Tausenden tanzten die in Reservate gepferchten Ureinwohner diesen Ritus. Er sollte gefallene Krieger auferstehen, Büffelherden wieder über die Prärie ziehen lassen und die Weißen hinwegfegen. Deshalb sollten indianische Reservatspolizisten Sitting Bull am 15. Dezember 1890 im Auftrag der Bundesbehörden verhaften. Doch es kam zu einer Schießerei, der Häuptling starb.
  17. It has been estimated that nearly 300 of the original 350 men, women, and children in the camp were stain. Twenty-five soldiers were killed and thirty-nine wounded
  18. Am Ende waren mindestens 150 Sioux tot, nach anderen Schätzungen bis zu 290. Spotted Elk, der 64-jährige Anführer, wurde als einer der Ersten aus nächster Nähe erschossen. Die Armee ließ die Leichen liegen, die ein dreitägiger Blizzard tiefgefror.
  19. Zwei Wochen nach der Ermordung des chrismatischen Häuptlings metzelt die US-Armee am Wounded Knee mehr als 200 Männer, Frauen und Kinder der Lakota nieder. Dieses Massaker bricht den Widerstand der Sioux endgültig