Georg Pfeffer (Ethnologe)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Georg Pfeffer (* 17. Januar 1943 in Berlin) ist ein deutscher Ethnologe.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn des Soziologen Karl Heinz Pfeffer und der Lehrerin Margaret Wainman Kirby studierte Völkerkunde, Soziologie und Religionsgeschichte. Als 16-Jähriger zog Pfeffer mit seinen Eltern nach Lahore in Pakistan, wo er von 1959 bis 1962 das Forman Christian College besuchte. Er studierte bei Rolf Herzog an der Universität Freiburg, wo er 1970 promoviert wurde. 1971 wechselte er an die Universität Heidelberg, wo er sich 1976 habilitierte. Ab 1978 war er Universitätsdozent und von 1979 bis 1985 Professor für Ethnologie an der Universität Heidelberg. Er lehrte von 1985 bis 2008 als Universitätsprofessor an der Freien Universität Berlin.

Während seiner wissenschaftlichen Karriere spezialisierte er sich auf Südasienforschung und Verwandtschafts-, Herrschafts- und Religionsethnologie.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 1968 und 1969 führte er seine erste ethnologische Feldforschung bei der nichtmuslimischen Minderheit der Abortkehrer in der Altstadt von Lahore sowie vergleichende Untersuchungen im indischen Amritsar durch, über die er 1970 promovierte („Pariagruppen im Pandschab“).

1971–1972 verbrachte Pfeffer ein weiteres Jahr mit ethnographischer Forschung im Rahmen des ersten „Orissa Projekts“ (1970 bis 1976) der DFG bei den Sasana-Brahmanen, die im Distrikt Puri im indischen Bundesstaat Orissa das statushöchste Segment der Brahmanen bilden. Diese regionale Elite war der Gegenstand seiner Habilitationsschrift.

In den Jahren 1974–1976 unterrichtete Pfeffer als Gastdozent an der Quaid-i-Azam University in Islamabad, Pakistan. Zusammen mit Professor A.K. Dani, dem Dekan für Sozialwissenschaften, gründete er das dortige Department of Anthropology und betreute erste ethnographische Forschungsarbeiten.

Pfeffers ethnographische Interessen führten ihn ab 1980 in die Berge von Westorissa, wo er bis 2002 fast jährlich monatelang Dörfer besuchte. Er hielt sich länger bei den Kuttia Kond im Distrikt Kandhamal und den Gadaba im Distrikt Koraput auf.

Pfeffer nahm bei mehr als 30 verschiedenen ethnischen Einheiten die jeweilige Verwandtschaftsterminologie sowie Heiratsregeln und Heiratspraktiken auf. Als Ergebnis registrierte er deutliche Differenzen zwischen diesen drei analytischen Bezugsebenen und ein für die mittelindischen Stammesgebiete bezeichnendes System der Affinität (Schwägerschaft) und der Konsanguinität (Blutsverwandtschaft), das sich deutlich von den für Nordindien oder Südindien typischen Systemen unterscheidet.[1]

Weiterhin untersuchte er die Sekundärbestattung der Gadaba. Diese bezeichnet die „Rückkehr“ der Verstorbenen in der Gestalt von Büffeln und den groß angelegten systematischen Tausch dieser Seelenträger, der im Rahmen einer „großen Hochzeit“ wechselseitig agnatische Dörfer quasi inzestuös in Analogie zu den affinalen Außenbeziehungen verbindet.[2]

Nach Roy, Elwin und von Fürer-Haimendorf ist Georg Pfeffer der erste sozialanthropologisch orientierte Ethnologe, der sich langfristig vergleichend in empirischer Forschung dem Komplex der mittelindischen Stammesgesellschaften gewidmet hat. Im Rahmen des zweiten „Orissa Projekts“ (1999–2006) der DFG betreute Pfeffer auch langfristige Forschungen von Peter Berger, Lidia Guzy, Roland Hardenberg, Tina Otten, Uwe Skoda und Christian Strümpell, die die ethnologischen Kenntnisse über Mittelindien fundamental erweitert haben.

Anhand vom Stammesgesellschaften entwickelte Pfeffer den Begriff der „weichen Gesellschaften“. Diese zeichnen sich laut Pfeffer durch ihre besondere innere Struktur aus. So bestimmen beispielsweise verwandtschaftliche Verhältnisse die Innen- und Außenpolitik.

Während und nach seiner Universitätslaufbahn als Ethnologe äußerte sich Pfeffer regelmäßig in Vorträgen und Publikationen zu politischen Themen in Pakistan und Indien. Seine besondere Sorge gilt der unmittelbaren Bedrohung der indischen Stammesbevölkerung. Große Stammesgebiete der Bundesstaaten Orissa und Jharkhand sind von multinationalen Konzernen für den Abbau von Mineralien vorgesehen, so dass Millionen Einheimischer ihren Lebensraum und zumindest ihre sozio-kulturelle Existenz noch verlieren könnten, wie das Beispiel der mit deutscher Hilfe gebauten „Stahlstadt“ Rourkela in Orissa nachdrücklich demonstriert.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

als Autor
  • Status and affinity in Middle India. Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-03913-9. (Beiträge zur Südostasienforschung; 76)
  • Pariagruppen des Pandschab. Renner, München 1970. (zugl. Dissertation, Universität Freiburg/B. 1970)
  • Hunters, Tribes, Peasants. Cultural Crisis and Comparison. NISWASS-CEDEC Press, Bhubaneswar 2003. (The Dr. Ambedkar Memorial Lecture Series)
  • Puri’s Vedic Brahmins Continuity and Change in their Traditional Institutions. In: Anncharlott Eschmann, Hermann Kulke, Gaya C. Tripathi (Hrsg.): The Cult of Jagannatha and the Regional Tradition of Orissa. Manohar Publ., New Delhi 1978, S. 421-437.
als Herausgeber
  • Concept of Tribal Society. Concept Publ., New Delhi 2002, ISBN 81-7022-983-9. (Contemporary Society. Tribal Studies; Bd. 5) (zusammen mit Deepak Kumar Behera).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Order in Tribal Middle Indian „Kinship“. In: Anthropos. Internationale Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde. Band 99, 2002, ISSN 0257-9774, S. 381–409.
  2. A Ritual of Revival among the Gadaba of Koraput. In: Herrmann Kulke, Burkhard Schnepel (Hrsg.): Jagannath revisited. Studying society, religion and the state in Orissa. Manohar Publ., New Delhi 2001, ISBN 81-7304-386-8, S. 123-148.