Giovanni Pisano

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Giovanni (di Niccolò) Pisano (* um 1248 in Pisa; † 1318 in Siena)[1] war ein italienischer Baumeister und Bildhauer. Sein Grabmal befindet sich an der Kirchenmauer von Siena.

Fassade des Doms von Siena

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pisano, Sohn und Schüler von Niccolò Pisano, lernte sein Handwerk bei seinem Vater und war daher auch an der Kanzel des Doms zu Siena und am Figurenschmuck an der Fontana Maggiore in Perugia tätig. In den Vite des Giorgio Vasari wird er zusammen mit seinem Vater erwähnt.[2]

Im Jahre 1284 wurde er zum Dombaumeister von Siena ernannt. Dazu beteiligte er sich seit 1290 an den Skulpturen der Fassade des Doms zu Orvieto, in welchen sich zuerst das subjektive, nach Individualisierung strebende Element der italienischen Plastik kundtut. Es scheint, dass bei dieser Arbeit deutsche Bildhauer auf ihn eingewirkt und ihn zu einer tieferen Ausbildung des Gefühlsmoments geführt haben. 1298–1301 verfertigte er in Pistoia die sechseckige Marmorkanzel von Sant’Andrea mit christologischen Reliefs sowie das Weihwasserbecken in San Giovanni. 1297 wurde er Dombaumeister in Pisa. Dort entstanden einige seiner Hauptwerke, wie die Büsten- und Vollfiguren der gotischen Geschosse des Baptisteriums und die kreisförmige, von zehn Säulen und einem figurierten Mittelpfeiler gestützte Kanzel des Domes von Pisa (1302–1311). Dabei spürt man den französischen Einfluss aus der Kathedralplastik als Vorgabe, die Figuren lösen sich aber immer mehr aus ihrer ikonenhaften Starre, was ihnen Lebendigkeit und Vielseitigkeit im körperlichen und im geistigen Ausdruck verleiht. Hier zeigt sich das künstlerische Temperament des Bildhauers am deutlichsten.

Lebendige Schilderung der Geburt Christ in einem Relief

Für San Domenico in Perugia schuf Pisano 1305 das Monument des Papstes Benedikt XI. (spitzgiebelige Nische mit Sarkophag darin). Sein letztes bedeutendes Werk war das Grabmal eines Scrovegno in der Cappella degli Scrovegni zu Padua. Von seinen Madonnenstatuen ist die trefflichste die Madonna del Fiore am zweiten Südportal des Doms zu Florenz. Als Architekt baute er von 1278 bis 1283 den Campo Santo von Pisa sowie Santa Maria della Spina; das Baptisterium versah er mit gotischen Giebeln und Tabernakeln.

1286–1289 entwarf er die Fassade des Doms von Siena, welche seinem Schüler Lorenzo di Maitano als Vorbild für die von Orvieto diente. Neben den architektonischen Arbeiten in Siena und Pisa schuf er den Chor der Kirche in Massa Marittima, 1287, und den des Doms von Prato (gegen 1317), insbesondere soll die Kapelle della Cintola sein Werk sein. Seine Mitarbeit bei der Fertigstellung der Kirche San Paolo a Ripa d’Arno gilt als wahrscheinlich. In der Skulptur wie in der Architektur eröffnete er eine neue Richtung, die sich über ganz Italien ausbreitete. Seine Figuren, in denen er nach kraftvollstem Ausdruck ringt, macht er zu Trägern echt religiöser Empfindung. In den Kompositionsmotiven schloss er sich der Überlieferung im Wesentlichen an; doch war er der erste, welcher die weiblichen Allegorien im Kostüm der Zeit, ebenso die stehenden Madonnen in die italienische Skulptur einführte. Auch für seine Marmortechnik wurde er bekannt. Als Architekt war er noch ganz der Gotik verbunden.

Zu den bedeutendsten Spätwerken Pisanos wird das Grabmal der deutschen Königin Margarete von Brabant gezählt, mit dem ihr Ehemann Heinrich VII. nach ihrem Tod 1311 Pisano beauftragte.[3] Grablege war die Klosterkirche San Francisco di Castelletto in Genua. Das fragmentarisch erhaltene Grabmal ist heute im Museo di Sant' Agostino di Genova ausgestellt.

Zahlreiche Madonnenstatuen in Marmor (Madonna des Dommus, Pisa, ca. 1275; Elfenbein-Madonna, Pisa, Dom, 1298; Madonna in der Arenakapelle, Padua, 1305; Madonna della Cintola, um 1315, Prato) stammen aus seiner Hand – diese mit einer eindrucksvoll realistisch ausgeführten plastischen Sprache gestaltet, die der Statue einen idealisierend-hoheitsvollen, an der Antike orientierten Ausdruck verleihen.

Pisano war auch als Goldschmied und Erzgießer sowie als Medailleur tätig, aber seine größten Verdienste machte er sich durch die Bildhauerei, wobei er genauso wegweisend für die Neuzeit wurde wie der jüngere Giotto in der Malerei.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Clario Di Fabio, Gianluca Ameri, Francesca Girelli: Giovanni Pisano, in: Art e Dossier, 376, Florenz-Mailand, Giunti Editore 2020.
  • Kai Hohenfeld: Die Madonnenskulpturen des Giovanni Pisano. Stilkritik, Kulturtransfer und Materialimitation. VDG Weimar, Kromsdorf 2014, ISBN 978-3-89739-821-4
  • Joachim Poeschke: Die Skulptur des Mittelalters in Italien, Band 2: Gotik. Hirmer Verlag, München 1998, ISBN 3-7774-8400-8
  • Valerio Ascani: Pisano, Giovanni. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 56: Giovanni di Crescenzio–Giulietti. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2001.
  • G. Jászai: GIOVANNI PISANO. In: Enciclopedia dell’Arte Medievale (1995)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Giovanni Pisano – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Valerio Ascani: Giovanni Pisano. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).
  2. Giorgio Vasari: Le vite dei più eccellenti pittori, scultori e architetti. Newton Compton Editori, Rom 2010, ISBN 978-88-541-1425-8, S. 127 ff.
  3. Max Seidel, L'artista e l'Imperatore im Ausstellungskatalog Giovanni Pisano a Genova, Sagep Editrice, Genua 1987, S. 63 ff.