Giulio Regeni

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Giulio Regeni (* 5. Januar 1988 in Triest; ermordet aufgefunden am 3. Februar 2016 in Kairo) war ein italienischer Student, der in Ägypten für seine Doktorarbeit an der Universität Cambridge recherchierte. Er wurde am 25. Januar zum letzten Mal lebend gesehen und am 3. Februar am Stadtrand von Kairo tot aufgefunden. Sein gewaltsamer Tod hat zu ernsten Spannungen zwischen Italien und Ägypten geführt.

Der Fall Regeni[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regenis Leiche wurde am 3. Februar 2016 halbnackt und verstümmelt auf einer wenig befahrenen Straße zwischen Kairo und Alexandria aufgefunden. Laut Aussagen von Menschenrechtsorganisationen stimmt die Art seiner Brandwunden und Verletzungen mit denen anderer Opfer der ägyptischen Sicherheitskräfte überein.[1]

Die ägyptische Regierung hat bis jetzt eine Verwicklung ihrer Sicherheitsdienste in den Fall vehement abgestritten. Entsprechende Ermittlungen gegen die Dienste sind bisher nicht bekannt. Offizielle Verlautbarungen von ägyptischer Seite waren schleppend, lückenhaft und widersprüchlich. Nach einer ersten offiziellen Stellungnahme wurde er von Drogendealern umgebracht, nach einer zweiten Version wurden die Mörder im Umkreis der ägyptischen Gewerkschaften identifiziert. Nach der letzten Version wurde er von einer kriminellen Bande entführt, ausgeraubt und umgebracht. Die ägyptische Polizei habe in einer Polizeiaktion alle Mitglieder der Bande getötet. Auch diese Version wurde nach kurzer Zeit dementiert.[1][2]

Regeni wurde in Ägypten obduziert, sein Tod sei als Folge eines Schlags auf den Hinterkopf mit einem scharfen Gegenstand eingetreten. In Italien wurde er ein zweites Mal obduziert. Dokumentiert wurden bei der zweiten Obduktion Merkmale einer mehrtägigen Folter: Brandwunden durch Zigaretten, Verbrennungen durch Elektroden, herausgerissene Finger- und Fußnägel, gebrochene Beine, Rippen und Schultern.[2]

Der Mord an Giulio Regeni hat zu einem verbalen Schlagabtausch und zu ernsten diplomatischen Spannungen zwischen der italienischen und der ägyptischen Regierung geführt. Am 8. April rief der italienische Außenminister Paolo Gentiloni seinen Botschafter in Kairo zu Konsultationen nach Rom zurück. Ein Treffen zwischen Vertretern der Polizei beider Länder im April in Rom trug nicht zur Aufklärung bei, da die ägyptische Delegation zwar ein 2000 Seiten umfassendes Dossier vorlegte,[3] das aber keine neuen Erkenntnisse brachte. Der italienische Premier Matteo Renzi, der bereits im Vorfeld der Konferenz gesagt hatte, er werde sich mit einer zweckdienlichen Wahrheit (convenient truth) nicht abfinden, äußerte in der folgenden Pressekonferenz unverblümt seinen Ärger über die ägyptische Seite und drohte mit Konsequenzen.[3][4]

Das Europäische Parlament verlangte in einer Resolution den Stopp aller Waffenlieferungen nach Kairo und betonte „mit tiefer Sorge, dass der Fall Giulio Regeni kein Einzelfall ist, sondern im Zusammenhang mit Folterungen, Todesfällen in Haft und Verschleppungen steht.“[5]

Am 4. April veröffentlichte der Corriere della Sera eine Namensliste mit 533 Ägyptern, die in den letzten acht Monaten von Sicherheitskräften verschleppt wurden und von denen 396 bisher nicht wieder aufgetaucht sind.[2] [6]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Giulio Regeni studierte Arabisch und Politikwissenschaften an der Universität Leeds, wo er mit dem BA abschloss. 2011 begann er ein Studium (Development Studies) am Girton College der Universität Cambridge. Schon während seines Studiums in Cambridge war er in Kairo für die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung tätig. 2015 lehrte er als Gastwissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Kairo. Thema seiner Doktorarbeit war Geschichte und Strukturen unabhängiger Gewerkschaften in Ägypten. [7]

Regeni schrieb unter Pseudonym Artikel für die linksgerichtete Zeitung Il Manifesto. Sein letzter Artikel für Il Manifesto, in dem er unter anderem die Regierung Abdel Fatah al-Sisi kritisiert, wurde in der Zeitung am 4. Februar postum unter Regenis Namen und gegen den Willen seiner Eltern veröffentlicht.[8]

Das letzte Mal lebend gesehen wurde er am 25. Januar 2016, dem 5. Jahrestag der Entmachtung Mubaraks in der Metro im Zentrum von Kairo, als er auf dem Weg zu Freunden war.[9] Giulio Regeni wurde 28 Jahre alt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Barbara Bibbo: Egypt prosecutors in Rome to discuss Giulio Regeni case. In: aljazeera.com. Al Jazeera, 7. April 2016, abgerufen am 11. April 2016 (englisch).
  2. a b c Martin Gehlen: Kairos zynische Farce um ermordeten Italiener. In: zeit.de. Die Zeit, 5. April 2016, abgerufen am 11. April 2016.
  3. a b Caso Regeni, Renzi: rifiuteremo ogni tentativo di svicolare rispetto alla verità. In: gelocal.it. Il Messagiero, 6. April 2016, abgerufen am 11. April 2016 (italienisch).
  4. Giulio Regeni murder: Italy recalls ambassador to Egypt. In: bbc.com. BBC News, 8. April 2016, abgerufen am 11. April 2016 (englisch).
  5. Entschließung des Europäischen Parlaments vom 10. März 2016 zu Ägypten, insbesondere dem Fall Giulio Regeni (2016/2608(RSP)). In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, , abgerufen am 11. April 2016 (PDF; 179 kB).
  6. Farid Adley u.a.: Giulio e gli altri. 735 sparizioni sforzati in Egitto negli ultimi otto mesi In: Corriere della Sera. 11. April 2016, italienisch, abgerufen am 12. April 2016.
  7. Robert Fisk: Murdered Italian student Giulio Regeni paid the ultimate price for his investigation into Al-Sisi’s Egypt. The Cambridge student had spotted that trade unionism is the greatest threat to dictatorship [1] In: Independent. 16. April 2016, abgerufen am 19. April 2016.
  8. Rosie Scammell, Ruth Michaelson: Italy prepares to repatriate body of Cambridge student Giulio Regeni. In: theguardian.com. The Guardian, 5. Februar 2016, abgerufen am 11. April 2016 (englisch).
  9. Giulio Regeni 1988–2016. In: devstudies.cam.ac.uk. University of Cambridge, 31. März 2016, abgerufen am 11. April 2016 (englisch).