Grönlandhai

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Grönlandhai
Somniosus microcephalus okeanos.jpg

Grönlandhai (Somniosus microcephalus)

Systematik
ohne Rang: Haie (Selachii)
Überordnung: Squalomorphii
Ordnung: Dornhaiartige (Squaliformes)
Familie: Schlafhaie (Somniosidae)
Gattung: Somniosus
Art: Grönlandhai
Wissenschaftlicher Name
Somniosus microcephalus
(Bloch & Schneider, 1801)

Der Grönlandhai oder Eishai (Somniosus microcephalus) ist ein Hai aus der Ordnung der Dornhaiartigen (Squaliformes). Bislang ist wenig über die Art bekannt. Neueste Untersuchungen ergaben, dass Grönlandhaie einige hundert Jahre alt werden können und somit von allen Wirbeltierarten das höchste Alter erreichen.[1][2]

Körperbau

Der Grönlandhai wird durchschnittlich 4 bis 5 m lang, größere Exemplare können jedoch fast 8 m Länge erreichen und bis zu 2,5 Tonnen wiegen. Sein Körper ist torpedoförmig, seine Färbung graubraun bis olivgrün. Die Flossen sind relativ klein, sie haben keine Dornen, und die Schwanzflosse ist asymmetrisch.

Altersbestimmung

Aufgrund ihres sehr langsamen Wachstums und der trotzdem erreichbaren erheblichen Größe war schon länger vermutet worden, dass Grönlandhaie ein sehr hohes Alter erreichen können. Die durchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit ist anfänglich maximal und nimmt mit der Zeit ab. In der zweiten Hälfte der natürlichen Lebensspanne liegt die Wachstumsgeschwindigkeit bei deutlich unter 1 cm Körperlänge jährlich.

Eine genauere Altersbestimmung wurde im Jahr 2016 durch ein federführend an der Universität Kopenhagen angesiedeltes Forscherteam publiziert.[1] Die Forscher analysierten mittels Radiokarbonanalyse die Augenlinsen von 28 weiblichen Grönlandhaien von 81 bis 502 cm Länge, die in den Jahren 2010–2013 gefangen wurden. Die Augenlinse wurde genommen, weil der Kern der Augenlinse schon im Embryonalstadium gebildet wird und sich aus kristallinen Proteinen zusammensetzt, die nach der Embryonalphase keinem Stoffwechsel mehr unterliegen, d. h. nicht mehr neu gebildet werden. Der Kern der Augenlinse bildet deswegen eine Art biologischer „Zeitkapsel“ vom Zeitpunkt der Geburt. Von den 28 analysierten Grönlandhaien fanden sich nur bei den zwei kleinsten Exemplaren Spuren der atmosphärischen Nukleartests aus den 1950er Jahren, die den 14C-Gehalt der gesamten Biosphäre deutlich erhöhten und als Kernwaffen-Effekt oder sogenannter „Bomben-Puls“ bei der Radiokarbondatierung nachweisbar sind. Die meisten der untersuchten Haie mussten demnach vor den frühen 1960er Jahren geboren worden, d. h. mindestens etwa 50 bis 60 Jahre alt sein. Aufgrund dieser Datierung konnte einem 220 cm langen Exemplar ein Alter von etwa 50 Jahren zugeordnet werden. Bei dem größten untersuchten Exemplar von 5,02 Metern Länge wurde ein Alter von 392±120 Jahren geschätzt.[3] Der Grönlandhai ist damit das Wirbeltier mit der längsten bekannten Lebensspanne.

Die Lebensspanne übertrifft die des ebenfalls sehr langlebigen Grönlandwals (dokumentiert etwas über 200 Jahre)[4], des Schwertwals (über 100 Jahre) und des Kaiserbarschs (Hoplostethus atlanticus, geschätzt etwa 150 Jahre).[5] In diesem Aspekt übertroffen wird der Grönlandhai in der Tierwelt unter anderem durch die Islandmuschel (gemessen 507 Jahre)[6] und den antarktischen Riesenschwamm Anoxycalyx joubini (angenommen über 10.000 Jahre).[5]

Verhalten

Der Grönlandhai ist noch wenig erforscht. Über seine Gefährdung ist nichts bekannt, da aber die Tiere immer wieder Fischern ungewollt ins Netz gehen, können sie durchaus als gefährdet gelten.[7] Die ersten Filmaufnahmen lebender Exemplare wurden erst 1998 von US-amerikanischen Forschern gedreht. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe um Nigel E. Hussey (2014)[8] untersuchte diese Haie in der Baffin Bay. Man hat ein Exemplar mit einem Sender versehen, um seine Wanderwege und Tauchtiefen zu dokumentieren.

Verbreitung

Verbreitungsgebiete des Grönlandhais

Der Eishai hält sich meistens in kalten Gebieten auf. Das Verbreitungsgebiet dieser Art sind die arktischen Gewässer des Nordatlantiks. Gelegentlich wird er auch weiter südlich, bis in die Biskaya, angetroffen. Die maximale Tauchtiefe ist nicht bekannt. Im Jahr 1995 filmte ein unbemanntes U-Boot bei der Exploration des Wracks der Central America vor der Küste South Carolinas einen 6 Meter langen Grönlandhai in 2200 Metern Tiefe – mehr als 1000 Meter unter der bis dahin beobachteten Tauchtiefe. Es war außerdem die bisher am weitesten südlich gelegene Sichtung eines Grönlandhais.[9]

Ernährungsweise

Von der früheren Forschung wurde angenommen, dass der Hai ausschließlich in der direkten Nähe des Meeresgrundes in Tiefen von mehreren hundert Metern lebe und diesen träge schwimmend nach Nahrung (v. a. herabsinkendes Aas) absuche.

Neueren Erkenntnissen zufolge scheint er sich jedoch hauptsächlich von Robben und Fischen zu ernähren und diese sowohl in großen als auch in geringen Tiefen aktiv zu jagen.[10] Diese Untersuchungen beinhalten Langzeitpositionsbestimmungen der Grönlandhaie unter Einsatz von Peilsendern. Es wird vermutet, dass der Grönlandhai trotz seiner langsamen Fortbewegung Robben erbeuten kann, da er sie angreift, während sie schlafen.[11] Der Fund eines Kieferknochens eines (noch nicht völlig ausgewachsenen) Eisbären im Magen eines Grönlandhais lässt zumindest vermuten, dass dieser Hai in der Lage ist, auch noch größere Beutetiere zu überwältigen.[12]

Auf den Augen dieser Haiart sitzen oftmals biolumineszente Ruderfußkrebse (Copepoda: Ommatokota elongata). Es ist nicht bekannt, ob sie dem Hai schaden oder nützen. Für beide Möglichkeiten gibt es Erklärungsversuche: Eine Theorie besagt, dass sie die Augen paralysieren, die Haie durch sie sogar erblinden. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Ruderfußkrebse lumineszieren, die Aufmerksamkeit anderer Tiere erregen und den Haien damit Nahrung „ködern“.

Feinde

Die einzigen vermuteten Fressfeinde des Grönlandhais sind Pottwale. Es wird außerdem die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Schwertwale dem Pazifischen Schlafhai, einem nahen Verwandten des Grönlandhais, gefährlich werden können.[13]

Fortpflanzung

Der Grönlandhai ist ovovivipar (‚ei-lebend-gebärend‘), das heißt, die Jungtiere schlüpfen noch im Mutterleib aus den Eiern und werden anschließend geboren. Neugeborene Grönlandhaie haben eine Länge von ungefähr 40 cm. Der Zeitpunkt der Geschlechtsreife wurde auf mindestens 150 Jahre taxiert. Zu diesem Zeitpunkt haben die Haie eine Länge von etwa 4 Metern erreicht.[1]

Verhalten dem Menschen gegenüber

Angriffe auf Menschen durch Grönlandhaie sind nicht bekannt. Grönlandhaie galten zum Zeitpunkt ihrer Namensgebung als träge – der lateinische Name Somniosus bedeutet „der Schlaftrunkene“.

Bedeutung für die Fischerei

Fleisch vom Grönlandhai bei der Bereitung von Hákarl in einer Trockenhütte

Das Fleisch des Grönlandhais kann nicht ohne spezielle Zubereitung gegessen werden. Es enthält Trimethylaminoxid, das bei der Verdauung zu Trimethylamin abgebaut wird, das die Gesundheit gefährden kann.

Für die Sportfischerei ist er nur wenig interessant, gefangene Tiere werden in der Regel markiert und zurückgesetzt. Man kann nur seine große Leber, die Haut und die Flossen verwerten. In Grönland und Island wird sein getrocknetes Fleisch als Hundefutter benutzt; außerdem gilt das fermentierte Fleisch (Hákarl) unter isländischen Feinschmeckern als besondere, streng schmeckende Delikatesse.

Forscher haben davor gewarnt, den Grönlandhai zu befischen bzw. unkritisch in Kauf zu nehmen, dass er als Beifang in arktischen Gewässern gefangen wird, solange keine genaue Daten über die Verbreitung existieren. Ein Lebewesen mit einer derartig langen Lebensspanne habe mutmaßlich auch eine extrem geringe Reproduktionsrate.[1]

Trivia

In der Rechtswissenschaft ist ein berühmter deutscher Rechtsstreit, der Haakjöringsköd-Fall, nach dem Grönlandhai benannt.

Literatur

  • G. B. Skomal, G. W. Benz: Ultrasonic tracking of Greenland sharks, Somniosus microcephalus, under Arctic ice. In: Marine Biology. Band 145, Nr. 3, März 2004, ISSN 1432-1793, S. 489–498, doi:10.1007/s00227-004-1332-8.
  • L. B. Hulbert, M. F. Sigler, C. R. Lunsford: Depth and movement behaviour of the Pacific sleeper shark in the north-east Pacific Ocean. In: Journal of Fish Biology. Band 69, Nr. 2, August 2006, ISSN 1095-8649, S. 406–425, doi:10.1111/j.1095-8649.2006.01175.x.

Weblinks

 Commons: Grönlandhai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Julius Nielsen et al.: Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark (Somniosus microcephalus). In: Science. Band 353, Nr. 6300, 12. August 2016, ISSN 0036-8075, S. 702–704, doi:10.1126/science.aaf1703 (sciencemag.org [abgerufen am 11. August 2016]).
  2. Biologie: Grönlandhaie werden 400 Jahre alt. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 11. August 2016]).
  3. Die Zeitspanne von ±120 Jahren entspricht dem Doppelten der Standardabweichung.
  4. John C. George, Jeffrey Bada, Judith Zeh, Laura Scott, Stephen E. Brown, Todd O'Hara, Robert Suydam: Age and growth estimates of bowhead whales (Balaena mysticetus) via aspartic acid racemization. In: Canadian Journal of Zoology. Band 77, Nr. 4, 1999, ISSN 0008-4301, S. 571–580, doi:10.1139/z99-015 (nrcresearchpress.com [abgerufen am 13. August 2016]).
  5. a b Longevity Secrets from the Five Longest-Lived Marine Animals. oceana.org, 18. Dezember 2015, abgerufen am 15. August 2016 (englisch).
  6. Paul G. Butler, Alan D. Wanamaker Jr., James D. Scourse, Christopher A. Richardson, David J. Reynolds: Variability of marine climate on the North Icelandic Shelf in a 1357-year proxy archive based on growth increments in the bivalve Arctica islandica. In: Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology. Band 373, 1. März 2013, ISSN 0031-0182, S. 141–151, doi:10.1016/j.palaeo.2012.01.016 (sciencedirect.com [abgerufen am 13. August 2016]).
  7. Geboren 1624, noch immer am Leben. In: zeit.de. ISSN 0946-2198 (zeit.de [abgerufen am 12. August 2016]).
  8. Nigel E. Hussey, Aurelie Cosandey-Godin, Ryan P. Walter, Kevin J. Hedges, Melanie VanGerwen-Toyne, Amanda N. Barkley, Steven T. Kessel, Aaron T. Fisk: Juvenile Greenland sharks Somniosus microcephalus (Bloch & Schneider, 1801) in the Canadian Arctic. Polar Biol. (2014), doi:10.1007/s00300-014-1610-y
  9. Charles E. Herdendorf, Tim M. Berra: A Greenland Shark from the Wreck of the SS Central America at 2,200 Meters. In: Transactions of the American Fisheries Society. Band 124, Nr. 6, 1995, ISSN 0002-8487, S. 950–953, doi:10.1577/1548-8659(1995)124<0950:AGSFTW>2.3.CO;2 (tandfonline.com [abgerufen am 15. August 2016]).
  10. K. Yano, J. D. Stevens, L. J. V. Compagno: Distribution, reproduction and feeding of the Greenland shark Somniosus (Somniosus) microcephalus, with notes on two other sleeper sharks, Somniosus (Somniosus) pacificus and Somniosus (Somniosus) antarcticus. In: Journal of Fish Biology. Band 70, Nr. 2, 2. Februar 2007, ISSN 1095-8649, S. 374–390, doi:10.1111/j.1095-8649.2007.01308.x (wiley.com [abgerufen am 11. August 2016]).
  11. Grönlandhai: Wie der langsamste Fisch Robben fängt, auf Spiegel.de vom 27. Juni. 2012; abgerufen am 12. August 2016.
  12. Clash of the fiercest predators as shark eats polar bear. www.independent.co.uk, 12. August 2008.
  13. „Greenland Shark / Requin du Groenland.“ Abgerufen am 12 August 2016.