Hans Marquardt (Verleger)

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Hans Marquardt (* 12. August 1920 in Simmatzig, Landkreis Schivelbein, Hinterpommern; † 11. November 2004 auf Rügen) war ein deutscher Verleger und Kulturpreisträger der Kulturstiftung Rügen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marquardt galt als einer der bedeutendsten Verleger der DDR. Er war 34 Jahre lang der Leiter des Leipziger Traditionsverlages Philipp Reclam jun. und betreute währenddessen knapp 100 Werke als Herausgeber. Vor seinem Studium arbeitete Marquardt im Jahre 1947 als Redakteur beim Sender Leipzig. Cheflektor bei Reclam wurde er 1953. 1961 folgte seine Berufung zum Verleger des Reclam Verlages. Er stand bis 1986 an dessen Spitze. 1987 schied er aus dem Verlag.

Seine besondere Aufmerksamkeit widmete er der Herausgabe von grafischen Mappenwerken, mit denen namhafte Künstler der DDR, der Tschechoslowakei, aber auch Persönlichkeiten wie HAP Grieshaber, einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden. Originalgrafik zu erschwinglichen Preisen – in Fortsetzung des Gründungsgedankens von Anton Philipp Reclam – so lautete das Motto von Hans Marquardt. Zur Leipziger Buchmesse veranstaltete er beliebte Lesungen mit bedeutenden Autoren aus dem In- und Ausland.

In seiner Zeit als Verleger des Reclam Verlages erweiterte Marquardt dessen Universalbibliothek, er verlegte die Klassiker der russischen Avantgarde und entwickelte die sogenannten „schönen Bücher“ zum Programm. Hierfür erhielt er 1977 den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig.

Marquardt war als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi tätig. Als IMB „Hans“ lieferte er jahrelang Berichte u. a. über Franz Fühmann und Günter Grass.[1] Die IM-Tätigkeit wurde 1996 durch die Recherchen Joachim Walthers bekannt, der aber auch auf die Zwiespältigkeit einer Beurteilung hinwies: „Neben diesen offiziellen und inoffiziellen Kontakten zum MfS war Hans Marquardt ohne Zweifel ein profilierter DDR-Verleger, der in seinem Verlag auch Titel durchsetzte, die den engen ideologischen Rahmen erweiterten. Der Fall zeigt, wie kompliziert und komplex ein Leben in solcher Position in der DDR sein konnte.“[2] Daraufhin forderte der PEN-Club West 1998 den PEN-Club Ost auf, als eine Vorbedingung zur Vereinigung der beiden PEN-Clubs Marquardt auszuschließen.[3] Der PEN-Ost weigerte sich, wurde dabei auch von Günter Grass unterstützt, und Marquardt wurde schließlich durch die Vereinigung Mitglied des gesamtdeutschen PEN. Aus Protest gegen die Beteiligung deutscher Soldaten im Kosovokrieg trat er 1999 wieder aus.

Bis zu seinem Tod mit 84 Jahren am 11. November 2004 lebte Marquardt in seinem Haus in Putbus auf Rügen. Er gründete die Kulturstiftung Rügen und sammelte bis zu seinem Tod Kunst für diese Stiftung. Am 20. März 2003 erhielt er dafür den Kulturpreis dieser Kulturstiftung.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985: Nationalpreis der DDR I. Klasse für Kunst und Literatur.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 1980 erschien im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig eine Bibliographie mit sämtlichen Ausgaben, für die Hans Marquardt bis dahin verantwortlich zeichnete. Eine Auswahl von Büchern, die Hans Marquardt unter seinem Namen herausgab:

  • Egon Erwin Kisch: Käsebier und Friedericus Rex. Aus dem „Prager Pitaval“. Reclam, Leipzig 1953.
  • Atem der Freiheit. Anthologie für junge Menschen. Verlag Neues Leben, Berlin 1959 (Sonderausgabe für die Kleine Jugendbibliothek).
  • Erich Weinert: Und diese Welt wird unser sein. Reclam, Leipzig 1959.
  • Das nackte Modell. Nordische Künstlergeschichten. Henschel, Berlin 1961.
  • Wladimir Majakowski: Ich will – meine Feder ins Waffenverzeichnis. Einundzwanzig Gedichte. Reclam, Leipzig 1961 (Deutsche Nachdichtungen von Hugo Huppert).
  • 100 Jahre Reclams Universal-Bibliothek 1867–1967. Beiträge zur Verlagsgeschichte. Reclam, Leipzig 1967.
  • Reclam. 100 Jahre Universal-Bibliothek. Ein Almanach. Reclam, Stuttgart 1967.
  • Die Verlobung. Deutsche Liebesgeschichten aus sechs Jahrhunderten. 4. Auflage. Reclam, Leipzig 1969.
  • Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen in Rußland. Wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde zu erzählen pflegt. Verlag der Nation, Berlin 1970.
  • Wundersame abenteuerliche unerhörte Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg (gemeiniglich bekannt unter dem Namen Schildbürger). Verlag der Nation, Berlin 1972.
  • Französische Liebesgeschichten von Nodier bis Maupassant. Reclam, Leipzig 1989.
  • Menschen im Frühling. Nordische Liebesgeschichten. Reclam, Leipzig 1968.
    • Lizenzausgabe bei: Fourier und Fertig, Wiesbaden 1977.
  • (mit Wieland Herzfelde) Pass auf! Hier kommt Grosz. Bilder, Rhythmen und Gesänge 1915–1918. Mit Bildern von George Grosz. Reclam, Leipzig 1981.
  • Der leuchtende Baum. Weihnachtsgeschichten aus aller Welt. Drei Linden Verlag, Leipzig 1982.
  • Nodier, Flaubert, Asselineau: Bücherwahn. Drei Erzählungen. Mit Pinselzeichnungen von Josef Hegenbarth. Buchverlag Der Morgen, Berlin 1975.
  • Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Olten/Wien 1984 (Aus dem Jiddischen von Alexander Eliasberg und Max Reich. Lizenzausgabe).
  • Salto Mortale. Zirkusgeschichten. Philipp Reclam jun., Leipzig 1985.
  • Los Toros. Tiergeschichten aus aller Welt. 4. Auflage. Greifenverlag, Rudolstadt 1987.
  • Jannis Ritsos: Das ungeheure Meisterwerk. Reclam / Büchergilde Gutenberg, Leipzig/Frankfurt am Main 1988 (Übertragen und mit Annotationen und einem Interview versehen von Asteris Kutulas).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sven Felix Kellerhoff, Uwe Müller: Wie die Stasi Grass beschattete. In: Die Welt vom 23. August 2006.
  2. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-548-26553-7, S. 939.
  3. Unter Verdacht. In: Die Zeit, Ausgabe 16/1998 vom 8. April 1998.