Hauptpost (Leipzig)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Hauptpost am Augustusplatz (1964)

Als Hauptpost wird in Leipzig das 1961 bis 1964 errichtete 110 Meter lange Postgebäude am Augustusplatz (Ecke Grimmaischer Steinweg) und am Innenstadtring bezeichnet. Frühere historische Namen für das Haus und dessen Vorgängerbauten waren Hauptpostamt C 1, Postamt Nr. 1 und Oberpostdirektion Leipzig. Der Neubau der Post der DDR aus dem Jahr 1964 steht als ein Bauwerk der Moderne unter Denkmalschutz und seit 2011 leer.[1] Inzwischen zeichnet sich bis Mitte 2018 eine denkmalgerechte Rekonstruktion mit vielfältiger Nutzung ab.[2]

Funktion und Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick in die Briefschalterhalle (1964)
40 Pf-Sondermarke der DDR-Post 1965, Neues Hauptpostamt und Neues Opernhaus (links)
Die Paketschalterhalle mit dem Thälmann-Bild (1964)

Das Haus hatte gleichzeitig Funktionen eines zentral gelegenen Postamtes und als Fernmelde- und Telegrafenamt (in den Nebengebäuden) und beherbergte auch bis zur „Wende“ die Postdirektion des Bezirkes Leipzig. Das 1926 für Zwecke der Postverwaltung errichtete Gebäude der Oberpostdirektion in der Südstraße (heute „Lipsius-Bau“ der HTWK, Karl-Liebknecht-Straße 145) war 1952 mit der Auflösung des Landes Sachsen und der Neugliederung der DDR in Bezirke zum Rat des Bezirkes Leipzig umgewidmet worden. Damit war ein dringender Bedarf für einen Neubau gegeben, zumal das alte Hauptpostamt im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war.

Mit der Projektierung wurde 1959 begonnen. Der Entwurf des von 1961 bis 1964 errichteten 110 Meter langen Stahlbetonbaus stammte von Kurt Nowotny (1908–1984)[3], dem Chefarchitekten im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen. Aufgrund der langen Bauzeit von 43 Monaten erreichten die Baukosten die damals beachtliche Summe von ca. 15,5 Millionen DDR-Mark. Dass der Kostenrahmen erheblich gesprengt wurde, lag auch an der für DDR-Verhältnisse hochwertigen technischen Ausstattung und Inneneinrichtung.

Gestalterisch und funktional war die Hauptpost zur Entstehungszeit international auf der Höhe der Zeit. Der quaderförmige siebengeschossige Stahlskelettbau mit vorgesetztem sechsgeschossigem Fassadenteil ist aus Sichtbeton, Glas und Aluminium (Vorhangfassade) errichtet. Dazu gehört noch ein kurzer Seitenflügel am Grimmaischen Steinweg, der die Baulücke zum Fernmeldeamt schloss. Rechts oben an der Fassade war eine weithin sichtbare Zeigeruhr im Stil der Zeit angebracht, die in den 1990er Jahren demontiert wurde. Der Sockel der Hauptfront zum Augustusplatz und zur Stirnseite am Grimmaischen Steinweg ist mit grauem Naturstein in Riemchenform verkleidet. Die Inneneinrichtung der Schalterhallen hatte Natursteinplatten als Fußböden, Schalter und Möbel aus kirschfarbenen Hölzern sowie Decken aus schallschluckenden Elementen. Die kleine Paketschalterhalle zierte ein durch Bert Heller (1912–1970) entstandenes Wandbild, welches Ernst Thälmann (1886–1944) bei seiner Rede auf dem Augustusplatz 1930 zeigte. Dieses Bild wurde später überstrichen.[4]

Insgesamt vermitteln Baukörper und Fassade den Eindruck einer klaren und maßvollen Architektur, die sich noch heute gut in die Bebauung des Platzes einfügt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das „Posthörnchen“ (Poststall) am „Platz vor dem Grimmaischen Thore“, Ecke Grimmaischer Steinweg (1785)
Das Neue Postgebäude von Albert Geutebrück (um 1840)
Grundriss des Erdgeschosses (1892)

Schon um 1700 hatte in unmittelbarer Nachbarschaft des späteren Postgebäudes auf dem „Platz vor dem Grimmaischen Thore“ – nämlich auf der Süd- statt auf der Nordseite des Grimmaischen Steinwegs[5] – der „Poststall“ bestanden, auch „Posthörnchen“ genannt. Nicht zu verwechseln mit dem Gasthof „Das Goldene Posthorn“ am ehemaligen Königsplatz (heute Wilhelm-Leuschner-Platz), der oft auch mit Posthörnchen bezeichnet wurde. Der Poststall war eine Poststation zum Pferdewechsel für die fahrende und reitende Post, in späteren Zeiten auch mit Gasthof. Hier war der Ausgangs- und Endpunkt der Poststraßen nach Dresden, Grimma und Wurzen. Von dieser Stelle ging auch die Post nach Freiberg via Colditz und Nossen ab. Der längste Postkurs führte bereits 1694 über die Städte Großenhain und Königsbrück nach Breslau. Die Gebäude für die Abfertigung von Brief- und Paketpost befanden sich zunächst in der Leipziger Altstadt: Zuerst ab 1590 als Leipziger Ratspost und von 1661 bis 1712 als kursächsisches Postamt in der Alten Waage am Markt, später von 1712 bis 1839 im Amtshaus an der Ecke Thomaskirchhof / Klostergasse gegenüber der Thomaskirche.

1836 bis 1838 wurde am heutigen Augustusplatz an der nördlichen Ecke des Grimmaischen Steinwegs das von Albert Geutebrück (1801–1868) entworfene Neue Postgebäude errichtet. Die Erstentwürfe dazu stammten von dem Dresdner Architekten Woldemar Hermann (1807–1878), der diese 1835 für den Leipziger Buchhändler Wilhelm Ambrosius Barth (1790–1851) kostenfrei erstellte. Dieser wiederum reichte sie im Ministerium ein und überließ sie ohne Abstimmung mit Hermann dem Stadtbaudirektor Geutebrück zur Realisierung.[6]

Zuvor befand sich an dieser Stelle bis 1835 der Gasthof „Zum weißen Schwan“. Dieser und einige kleinere Häuser wurden beim Bau des 87 Meter langen klassizistischen Gebäudes der Leipziger Oberpostdirektion abgerissen, dessen Hauptfront zum Augustusplatz ausgerichtet war. Der dreistöckige Bau mit einem Halbgeschoss über dem Erdgeschoss hatte zwei unterschiedlich lange Seitenflügel von etwa 28 Metern am Grimmaischen Steinweg und 54 Metern[7] an der früheren Poststraße, die später bei der Errichtung des DDR-Neubaus von 1964 überbaut worden ist. Das Postgebäude war bis 1867 Sitz der wichtigsten Oberpostdirektion des Königreiches Sachsen.

Nach dem verlorenen preußisch-österreichischen Krieg als Bundesgenosse Österreichs wurde Sachsens wichtigste Postbehörde 1867 auf Druck Preußens eine untergeordnete Oberpostdirektion des Norddeutschen Bundes und nach der Reichsgründung 1871 der Kaiserlichen Deutschen Post (→ Reichspost). Das Bauwerk wurde in den Jahren 1881 bis 1884 nach Entwürfen der Bauabteilung, August Kind im Reichspostamt [8] durch Paul Richter (1859–1944) im Stil des Historismus (Neorenaissance) umgebaut. Es erfuhr dabei Veränderungen am Gesims und eine zeitgemäße Hervorhebung des Hauptportals in Form von aufgesetzten Säulen, Dreiecksgiebel und Tympanon. Das ursprünglich schlichte Dachgeschoss wurde zu einer repräsentativen Attika umgewandelt.

Das Neue Postgebäude nach dem Umbau von Paul Richter 1884 (um 1900)

Unter den sechs allegorischen Figuren von Joseph Kaffsack (1850–1890) auf der Attika über dem Mittelrisalit war auch eine mit Flügeln, die die damals modernste Form der Nachrichtenübertragung, die Telegrafie, darstellte. Ihr gegenüber war die zweite ebenfalls geflügelte Figur angeordnet, die die Briefpost verkörperte. Die anderen vier (flügellosen) Figuren dazwischen symbolisierten Handel, Kunst, Wissenschaft und Gewerbe. Mit dieser Figurenanordnung sollte wohl die Rolle einer schnellen Nachrichtenübertragung deutlich gemacht werden.

Die Ruine der Hauptpost (Postamt C 1) – Ansicht vom Augustusplatz (1948)
Leerstehende ehemalige Hauptpost (2013)

Nach dem Untergang des Deutschen Kaiserreichs war hier seit 1919 die Leipziger Oberpostdirektion der Reichspost der Weimarer Republik angesiedelt, die 1926 in den Neubau in der Südstraße umzog. Danach übernahm das Postgebäude am Augustusplatz immer mehr die Funktion eines Hauptpostamtes, bis es bei dem Luftangriff am 4. Dezember 1943 vollkommen zerstört wurde. Bis Kriegsende wurden behelfsweise deren Funktionen auf andere Postämter verlagert oder Notmaßnahmen ergriffen, um den Postverkehr aufrechtzuerhalten. So wurde im Reichsgericht ein Briefverteilzentrum installiert und 1944 im sogenannten Kosmos-Messehaus in der Gottschedstraße ein Ausweichquartier als Hauptpostamt geschaffen.

Der Nachfolgebau des historischen Bauwerks von Albert Geutebrück entstand in Gestalt der heutigen Hauptpost erst 1964. Wie in allen größeren Postämtern der DDR befanden sich auch hier gesonderte Räume der Abteilung „M“ (Postkontrolle) des Ministeriums für Staatssicherheit („Stasi“) zur Überwachung der Brief- und Paketpost. Das MfS hatte außerdem Abhöranlagen im angeschlossenen Fernmeldeamt installiert.[9]

Seit 1990 verlor die Hauptpost nach und nach ihre frühere Bedeutung. Ursache dafür war die in der ersten Hälfte der 1990er Jahre vollzogene Privatisierung und Aufspaltung des Staatsunternehmens Deutsche Bundespost in drei Teile: Deutsche Post AG, Deutsche Telekom AG und Postbank. Die Telekom baute 1992 unweit der Hauptpost am Grimmaischen Steinweg (Ecke Querstraße) ein neues Verwaltungsgebäude für ihre Leipziger Niederlassung. In Radefeld, Landkreis Nordsachsen, entstand 1996 ein neues Postverteilungszentrum der Deutschen Post, und die Postbank nahm Quartier in einem Neubau in der Rohrteichstraße. Damit war das Gebäude der Hauptpost weitgehend funktionslos geworden. Bis zum Juli 2011 wurde noch der Betrieb in der großen Schalterhalle aufrechterhalten.

Seit der Schließung war das leerstehende Haus zwischenzeitlich zur Location und Kulisse für TV-Produktionen und allerlei Spektakel wie Halloween-Partys geworden. Ende 2015 wurde mit dem Abriss des benachbarten ehemaligen Telegrafenamtes (nicht denkmalgeschützt) begonnen. Im Zuge der 2016 begonnenen Rekonstruktionsarbeiten wurde in der kleinen Paketschalterhalle das Thälmann-Bild freigelegt. Es wird restauriert und soll, in Absprache mit den Denkmalschutzbehörden, wieder im Gebäude zu sehen sein.[4]

Geplant ist die Fertigstellung der Rekonstruktion der Hauptpost bis 2018.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Denkmalschutz Objekt-ID 09292750
  2. Jens Rometsch: Alte Hauptpost in Leipzig – neuer Eigentümer erläutert seine Pläne. In: LVZ-Online. 7. Mai 2016, abgerufen am 8. Mai 2016.
  3. Wolfgang Hocquél: Leipzig. Architektur von der Romanik bis zur Gegenwart. Passage-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-932900-54-5, S. 117
  4. a b Jens Rometsch: Thälmann-Bild in der Hauptpost freigelegt. In: Leipziger Volkszeitung. Nr. 286, 8. Dezember 2016, S. 14.
  5. Leipziger Stadtplan von 1740. In: Deutsche Fotothek. Abgerufen am 9. Mai 2016.
  6. Woldemar Hermann; Eckhart Schleinitz (Hrsg.); Michael Schleinitz (Hrsg.): Tagebuch meines Wirkungskreises in der Architektur. Hermanns Bautagebuch von 1826 bis 1847. Verlag Notschriften, Radebeul 2006, ISBN 978-3-933753-88-5, S. 46–50.
  7. Umrechnung der Längenangaben von Ellen in Meter; eine sächsische Elle = 0,62 Meter. Vgl. Birgit Hartung: Albert Geutebrück. Baumeister des Klassizismus in Leipzig. Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-937146-05-9, S. 101
  8. Leipzig und seine Bauten. Gebhardt, Leipzig 1892, S. 143 und 145 (Digitalisat)
  9. Wolfram Sturm: Geschichte der Leipziger Post von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von PRO LEIPZIG, Leipzig 2007, ISBN 978-3-936508-28-4, S. 157 ff.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfram Sturm: Geschichte der Leipziger Post von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von PRO LEIPZIG, Leipzig 2007, ISBN 978-3-936508-28-4
  • Das Postgebäude. In: Birgit Hartung, Albert Geutebrück. Baumeister des Klassizismus in Leipzig. Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-937146-05-9, S. 98–106

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hauptpostamt Leipzig – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Hauptpost. In: Leipzig-Lexikon. Abgerufen am 31. März 2015.

Koordinaten: 51° 20′ 20,7″ N, 12° 22′ 57,7″ O