Heather Sheehan

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Heather Sheehan (* 9. Dezember 1961 in Mount Vernon, New York) ist eine US-amerikanische Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Köln. In ihren Arbeiten vereint sie Elemente von Skulptur, Objekt-, Installations-, Performance-, Videokunst und Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie fokussiert sich auf die Erarbeitung und Präsentation individueller Mythologien.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbstporträt 2016, mit einem Ohr in der Vergangenheit (Schwarz-Weiß-Fotografie)

Heather Sheehan studierte an der Parsons The New School for Design und an der New School of Social Research in New York.[1] Bis 1994 wohnte und arbeitete sie in New York City, danach wanderte sie nach Köln aus. Sie ist mit dem Künstler Ivo Ringe verheiratet.

Der Begriff der Individuellen Mythologie, ursprünglich von Harald Szeemann anlässlich der documenta 5 geprägt, bezeichnet eine Arbeitsweise der Künstler, in der sie aus ihrer subjektiven inneren Wahrnehmung heraus Kunstwerke schaffen, in welchen sie wiederkehrende Ereignisse im Leben von Menschen, wie Geburt, Tod, etc. in ihren mythologischen Qualitäten thematisieren. Entsprechend rätselhaft wirken diese künstlerischen Installationen auf den Zuschauer, den die Vieldeutigkeit dieser dargebotenen Impulse zu eigenem Nacherleben und Nachschwingen einlädt. Heather Sheehans Interesse gilt vor allem dem erzählerischen Verweben von komplexen Zusammenhängen mittels unterschiedlicher Medien zu einer Art multidimensionaler Erfahrungswelt. Hierbei ist alles auf die vorgegebenen Räumlichkeiten und ihren Recherchen dazu bezogen.

So hat sie für die Ausstellung alighting (2015) ein Video mit dem Titel alighting on the river angefertigt, in welchem die beiden wichtigen Themen aus der Geschichte Augsburgs gespiegelt werden, nämlich die Textilkunst und der Fluss Lech, der durch Augsburg fließt. Eine Frau in einem schlichten Kleid geht barfuß, jeder Schritt langsam und tastend, an einem Flussufer entlang. Sie trägt ein weißes Kopftuch und legt unter einer Weide den Sack aus grobem Leinen und den schwarzen Stein ab, den sie wie ein Kind oder ihre Seele in den Armen trug. Dann dreht sie dem Betrachter des in Schwarz-Weiß gedrehten Videos den Rücken zu und schreitet ins Wasser, das ihr bald bis zu den Oberschenkeln reicht. Schnitt. Die nächste Einstellung zeigt nichts als Wasser, den dahinströmenden Fluss. Ende.[2]

Die Ausstellung wurde durch eine Performance eröffnet, in welcher Sheehan - in einen Hessiansack gehüllt - in den Raum robbt, um sich dann allmählich aus dieser Hülle zu befreien. Wesentlicher Teil des Ausstellungskonzeptes bildeten von ihr inszenierte fotografierte Selbstporträts in schwarz-weiß, in denen sie sich mit Geburt, Totgeburt, Verlust, Heilung und Transformation, den Themen ihres Gesamtwerks, körperlich auseinandersetzt.

Für die Ausstellung Soulfood (2003) in der Fuhrwerkswaage in Köln, installierte sie die Zutaten für 2000 Kg Milchreis in einer Dreiecksformation: zwei einsehbare Quader zusammen mit einem herabhängenden Sack; Elemente die nicht nur Reis als eine Seelennahrung für Kinder und Erwachsene thematisieren, sondern vor allem die Tatsache, dass Reis ein Grundnahrungsmittel für große Teile der Weltbevölkerung ist: […] sie verbindet den Purismus des ausgeräumten Nutzraumes mit dem Minimalismus moderner Positionen zur Aura eines Stillebens mütterlicher Fürsorge.[3]

Für Visitors and other Beings (2011) in Siegburg schuf sie Wesen - Beings (Existenzformen) - in unterschiedlichen Größen, von Riesen, die über zwei Meter hoch sind, bis zu ganz kleinen Existenzformen, die man instinktiv beschützen möchte. Obwohl diese Geschöpfe aus textilen Stoffen wie Kuscheltiere anmuten, entpuppen sie sich bei näherer Betrachtung als eher unheimlich und verstörend fremd. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die begleitenden Fotografien: Hierfür hat die Künstlerin zum Rasierer gegriffen und den Plüschstoff auf den Kunstharzgesichtern teilweise entfernt, teilweise zu Frisur und Augenbrauen geformt. In starker Vergrößerung wirken diese Tafeln auf ihre Weise suggestiv: Die menschliche Gestalt scheint aus der Plüschpuppe hervorzubrechen. Der Betrachter wird zum Zeugen eines Häutungsprozessses.[4]

Für Unter der Haut (2001) konzipierte Sheehan eine Art Brutstation im Lehmbruck-Museum, in denen unter durchsichtigem Plastik Wesen -voneinander isoliert - verborgen waren, die mit Schläuchen genährt wurden und anscheinend zu wissenschaftlichen Zwecken untersucht wurden. Sie wirkten weich und schleimig, wie nicht ganz fertig, oder noch dabei erst zu reifen. Dazu erstellte sie ein Video mit dem Titel Single Opening, in welchem sie als Professor Dr. Nurse auftrat und erklärte, dass es sich bei den Wesen um die Wiederbelebung einer Existenzform, eines Kloakentiers handele, die Maboutae heißt. Es hat einen großen ökonomischen Vorteil: es verfügt über nur eine Öffnung des Körpers und stellt eine besondere Milch her. Sarkastisch karikiert sie damit abseitige Forschungsschwerpunkte und unsere laienhaften Vorstellungen von den Möglichkeit der Gentechnik und deren ökonomischen Vorteilen.[5]

Es geht für Heather Sheehan darum, wie eine Art menschlicher Seismograph den Energien der Räume, in denen sie arbeitet und ausstellt, nachzuspüren und daraus ihre Installationen und Performances zu entwickeln: There is a place of fertile tension between desire and consciousness, between looking out at the world and looking back in to the self. I go to this place to gather and form images, objects, actions and words. I meld with a material, until the physical experience sparks my practice. The actions I take are guided by this charge. In a state of heightened awareness, I sense the poignancy of a presence wanting to be manifested in my hands, asking to be born and shared. (in deutsch: Es gibt einen Ort der fruchtbaren Spannung zwischen Wunsch und Bewusstsein, zwischen dem Blick auf die Welt und Retrospektive in das Selbst. Ich gehe an diesen Ort, um Bilder, Gegenstände, Handlungen und Worte zu sammeln und zu bilden. Ich verschmelze mit dem Material, bis das physische Erleben meine Praxis anregt. Die Handlungen, die ich durchführe, sind davon bestimmt. In einem Stadium erhöhter Aufmerksamkeit fühle ich die Dringlichkeit einer Anwesenheit, die durch meine Hände manifestiert werden möchte, und darum bittet, geboren und vermittelt/geteilt zu werden.)[6]

Werke in Sammlungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Videografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1995: On Pink, 18′ 02″
  • 1999: Single Opening, 08′ 15″
  • 2003: Each&Every, 04′ 21″
  • 2015: Alighting on the River, 04′ 29″
  • 2015: Waterline/Receding, 05′ 12″

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1995 On Pink, (Performance) Hering Raum Bonn, Deutschland [10]
  • 1997: Universal Mother, Galerie Barbara Cramer, Bonn, Deutschland
  • 1997: Made for Arolsen (Installation), Museum Schloss Arolsen, Deutschland
  • 2000: Father, Pavillon Schloss Molsberg, Westerwald, Germany
  • 2000: Single Opening (Videoperformance), Artothek Köln, Deutschland[11][12]
  • 2003: Soulfood, Kunstraum Fuhrwerkswaage, Köln, Deutschland
  • 2005: Each and Every (Videoperformance), Trinitatiskirche Köln, Deutschland
  • 2007: Nike & Co., Art Galerie Scheel, Morsum, Sylt, Deutschland[13][14]
  • 2009: Heather Sheehan - Beings, Neue Galerie Landshut, Deutschland
  • 2011: Visitors and other Beings, Stadtmuseum Siegburg, Deutschland
  • 2012: Visitors, the Tall and the Small, Kunstverein Oerlinghausen, Deutschland[15]
  • 2014: (W)hole, Selected Art Models, Köln, Deutschland [16]
  • 2015: Barking the Willow (Ausstellung und Performance), Neue Galerie Landshut, Deutschland[17]
  • 2015: Alighting (Ausstellung, Video und Performance), Kunstverein Augsburg, Deutschland[18][19]

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Honnef, Brigitte Schlüter, Barbara Kückels (Hrsg.): Die verlassenen Schuhe. Katalog zur Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn vom 5. November 1993 bis 30. Januar 1994. Edition Braus, Berlin 1994, ISBN 978-3-89466-083-3 (Abbildung des von Heather Sheehan gestalteten Schuhpaares auf S. 119, Maid Mouse und Walka Walka, 1992).
  • Andrea El Danasouri: Heather Sheehan - Made for Arolsen. Katalog zur Ausstellung. Museum Stadt Arolsen, Bad Arolsen 1997, ISBN 978-3-930930-03-6.
  • Johannes Bilstein, Ursula Trübenbach, Matthias Winzen (Hrsg.): Macht und Fürsorge: Das Bild der Mutter in zeitgenössischer Kunst und Wissenschaft. Oktagon, Köln 1999, ISBN 978-3-89611-078-7.
  • Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Hrsg.): Unter der Haut. Transformationen des Biologischen in der zeitgenössischen Kunst. Duisburg 2001, ISBN 978-3-7757-9071-0 (Katalog zur Ausstellung. Mit Beiträgen von Cornelia Brüninghaus-Knubel, Söke Dinkla, Renate Heidt Heller, Werner Bartens, Christoph Brockhaus).
  • Emmanuel Walderdorff Galerie (Hrsg.): Die ersten Acht, Ausstellungen der Jahre 1998 - 2002 im Pavillon Schloss Molsberg. Molsberg 2002, ISBN 3-00-009439-3.
  • Susanne Acker, Dorothy Nelkin: The Molecular Gaze: Art in the Genetic Age. Cold Spring Harbor Laboratory, Cold Spring Harbor 2003, ISBN 978-0-87969-697-9.
  • Burkard Leismann, Ralf Scherer (Hrsg.): Diagnose Kunst - Diagnosis Art. Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst. Contemporary. Wienand, Köln 2006, ISBN 978-3-87909-902-3.
  • Museum für Gegenwartskunst Krakau (Hrsg.): Medicine in Art. Ohne Verlagsangabe, Krakau 2016, ISBN 978-83-62435-47-0 (polnisch, englisch, Katalog zur Ausstellung).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Hrsg.): Unter der Haut. 2001, S. 133 (Katalog).
  2. Mit Performance, Installation, Fotografie und Zeichnung gestaltet die amerikanische Bildhauerin Heather Sheehan die Ausstellung 'alighting' im Kunstverein Augsburg. In: a3kultur.de. 19. August 2015, abgerufen am 8. März 2017.
  3. Kunstraum Fuhrwerkswaage (Hrsg.): Soulfood. Köln 2003, ISBN 978-3-930636-51-8 (Katalog zur Ausstellung. Mit einem Vorwort von Manfred Schneckenburger).
  4. Jürgen Röhrig: Ausstellung - Schön wie ein alter Elefant. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 6. April 2011, abgerufen am 8. März 2017.
  5. Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Hrsg.): Unter der Haut. Transformationen des Biologischen in der zeitgenössischen Kunst. Duisburg 2001, ISBN 978-3-7757-9071-0, S. 54.
  6. Heather Sheehan: Artist Statement. In: heathersheehan.com. Abgerufen am 15. März 2017.
  7. Heather Sheehan. In: MOCAK (Museum of Contemporary Art in Krakow). Abgerufen am 15. März 2017 (Museum für Gegenwartskunst Krakau,).
  8. Sammlung. In: Stadtmuseum Siegburg,. Abgerufen am 15. März 2017.
  9. Gastkünstler 2017. Abgerufen am 15. März 2017.
  10. On Pink – Heather Sheehan. Hrsg.: ViSophie. Video zur Ausstellung im Hering Raum Bonn, 1995
  11. Klaus Honnef: Heather Sheehan –Single Opening – Videoprojektion. In: museenkoeln.de. 30. August 2000, abgerufen am 10. März 2017.
  12. Single Opening – Heather Sheehan. Hrsg.: ViSophie. Video zur Ausstellung in der Artothek Köln, 2000
  13. Ursula Trübenbach: Heather Sheehan. In: artopening.de. 2006, abgerufen am 8. März 2017.
  14. Jola Merten: Nike 2007. In: artopening.de. Abgerufen am 8. März 2017.
  15. Karin Prignitz: Fremde Freunde - Plastiken von Heather Sheehan irritieren, verunsichern und machen neugierig. In: Neue Westfälische Online. 4. September 2012, abgerufen am 8. März 2017.
  16. Rmw: Kölner Stippvisite SAM – One Objekt Show. In: Rheinische-Art.de. August 2014, abgerufen am 10. März 2017.
  17. Heather Sheehan: sack - rope - stone: In muddier years. Neue Galerie Landshut, 5. Februar 2017, abgerufen am 8. März 2017.
  18. Heather Sheehan - alighting. In: Webseite des Kunstvereins Augsburg. Abgerufen am 8. März 2017.
  19. Michael Schreiner: Abtauchen im Zeichenfluss. Die amerikanische Künstlerin Heather Sheehan zeigt im Kunstverein ihre intimen Szenerien und Rollenspiele. Eine 25 Meter lange Wandzeichnung entstand in der Ausstellung. In: Augsburger Allgemeine Online. 22. Juli 2015, abgerufen am 8. März 2017.
  20. Ursula Bode: Auf der Suche nach dem verlassenen Schuh: eine Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum: Reichlich Bein und Pömps. In: Zeit Online. 19. Dezember 1993, abgerufen am 9. März 2017.
  21. Heather Sheehan - Ward Shelley - Zwei Amerikaner in Aschaffenburg. In: kunst-und-kultur.de. Abgerufen am 9. März 2017.
  22. Diagnose [Kunst]. Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst. Kunst, Künstler und Sammler im Spiegel Medizinischer Fragestellungen. Abgerufen am 21. März 2017.
  23. Restructured. Newlyn Art Gallery and The Exchange, 2016, abgerufen am 10. März 2017.

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