Heinz Gollwitzer

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Heinz Gollwitzer (* 30. Januar 1917 in Nürnberg; † 26. Dezember 1999 in München) war ein deutscher Historiker.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinz Gollwitzer, Sohn eines Grundschullehrers, wuchs in München auf, wo er das Theresien-Gymnasium besuchte und 1936 das Abitur ablegte. Er leistete den Arbeitsdienst und den Wehrdienst ab, besuchte kurzzeitig die Lehrerhochschule in Pasing und wurde bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen. Nach einer schweren Verwundung in der Sowjetunion im Sommer 1941 schied er aus der Armee aus und begann das Studium der Geschichte und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Hier wurde er 1944 bei Karl Alexander von Müller mit der Arbeit Karl August von Abel und seine Politik 1837–1847 promoviert. Während dieser Zeit arbeitete er als Referent bei der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe.[1] Nach seiner Promotion übernahm er zusätzlich eine Referentenstelle an der Münchner Deutschen Akademie.[1] Gefördert von Franz Schnabel und Walter Goetz konnte sich Gollwitzer 1950 mit der Arbeit Europabild und Europagedanke – Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts in München habilitieren. Im Wintersemester 1950/51 begann er seine Tätigkeit als Privatdozent, arbeitete parallel in der Abteilung Reichstagsakten der Historischen Kommission und an der Hochschule für Politik. In dieser Zeit ermöglichte ihm das Leaders Exchange Program Auslandsaufenthalte in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien, bei denen er in Kontakt zu Alan Bullock und Geoffrey Barraclough kam. 1956 wurde er in München zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Nach einer Lehrstuhlvertretung an der Universität Heidelberg im Wintersemester 1956/57 wurde er 1957 als Nachfolger Werner Conzes auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Münster berufen. Gollwitzer lehrte und forschte in Münster bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1982. Danach kehrte er nach München zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Gollwitzer war seit 1957 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission für Westfalen, seit 1968 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seit 1979 Mitglied der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und seit 1985 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 1963 bis 1982 war er Mitglied der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien.

Gollwitzers Werk zeichnet sich in thematischer, zeitlicher und geographischer Hinsicht durch eine ungewöhnliche Vielfalt aus. Nach Hans-Christof Kraus weist es „sieben thematische Schwerpunkte auf“:[2] Erstes Thema war seit der Habilitationsschrift die politische Geistesgeschichte, der sich Gollwitzer in seinem zweibändigen Hauptwerk Geschichte des weltpolitischen Denkens widmete. Zweitens arbeitete er auf dem Feld der Sozialgeschichte, wofür insbesondere seine Untersuchung Die Standesherren steht, die er noch vor seiner Berufung nach Münster fertiggestellt hatte. Ein drittes Feld stellte die internationale Politik dar, wofür die Abhandlung Die gelbe Gefahr – Geschichte eines Schlagwortes steht, die aus Gollwitzers Münsteraner Antrittsvorlesung hervorgegangen war, ebenso die nicht auf Deutsch erschienene Studie Europe in the age of imperialism[3] aus dem Jahr 1969. Ein viertes Arbeitsgebiet lag im späten 15. Jahrhundert und zeigte sich vor allem in Gollwitzers Edition der Akten der Reichstage von Lindau, Worms und Freiburg.[4] In Aufsätzen wandte sich Gollwitzer einem fünften Bereich zu, der Geschichte der politischen Parteien und Bewegungen, ebenso, sechstens, Fragen der Kunst- und Architekturgeschichte. Das siebte Feld schließlich bot die bayerische Landesgeschichte, speziell das 19. Jahrhundert, dem sich Gollwitzer schon mit seiner Dissertation über Karl von Abel gewidmet hatte; damals waren die abgegebenen Exemplare bei einem Bombenangriff vernichtet worden. Nach seiner Emeritierung nahm er das Thema wieder auf und konnte 1993 eine umfassende Biographie des bayerischen Ministers vorlegen. Vorher schon hatte er, anlässlich des 200. Geburtstages 1986, eine umfassende Biographie über Ludwig I. publiziert, die sich unter anderem dadurch auszeichnete, dass Gollwitzer erstmals die Tagebücher des Königs auswerten konnte. Mit seinem Ansatz einer mentalitätsorientierten Sozialgeschichte sowie seiner universalgeschichtlichen Hermeneutik stand er im strukturalistisch bestimmten Umfeld der Nachkriegszeit im Abseits und konnte so nicht schulbildend wirken. Seine Darstellung über die Standesherren (1957/64) gilt als Pionierwerk für die Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts.[5]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Europabild und Europagedanke. Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, München 1951 (zugl. Habil.).
  • Die Standesherren. Die politische und gesellschaftliche Stellung der Mediatisierten 1815–1918; Stuttgart 1957; 2. Auflage, Göttingen 1964.
  • Die gelbe Gefahr. Geschichte eines Schlagworts, Göttingen 1962 (eingeschränkte Vorschau bei google books)
  • Geschichte des weltpolitischen Denkens, 2 Bde., Göttingen 1972-82:
    • Bd. 1: Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus, 1972 (eingeschränkte Vorschau bei google books)
    • Bd. 2: Zeitalter des Imperialismus und der Weltkriege, 1982.
  • Ludwig I. von Bayern. Königtum im Vormärz, München 1986 (2. Auflage, 1997).
  • Ein Staatsmann des Vormärz: Karl von Abel, 1788–1859. Beamtenaristokratie - monarchisches Prinzip - politischer Katholizismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993. ISBN 3-525-36043-6.
  • Weltpolitik und deutsche Geschichte. Hrsg. von Hans-Christof Kraus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. ISBN 978-3-525-36071-2.
  • Politik und Kultur in Bayern unter Ludwig I. Studien zur bayerischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans-Christof Kraus. Pustet, Regensburg 2011. ISBN 978-3-7917-2199-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz Dollinger, Horst Gründer, Alwin Hanschmidt (Hrsg.): Weltpolitik, Europagedanke, Regionalismus. Festschrift für Heinz Gollwitzer zum 65. Geburtstag. Aschendorff, Münster 1982, ISBN 3-402-05198-2.
  • Hans-Christof Kraus: Nekrolog Heinz Gollwitzer 1917–1999. In: Historische Zeitschrift. 271, 2000, ISSN 0018-2613, S. 263–268.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 192.
  2. Systematik nach Hans-Christof Kraus: Nekrolog Heinz Gollwitzer 1917–1999. In: Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 263–268, hier: 265.
  3. Heinz Gollwitzer: Europe in the age of imperialism 1880–1914. London 1969.
  4. Deutsche Reichstagsakten. Mittlere Reihe. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I. Band 6: Reichstage von Lindau, Worms und Freiburg 1496-98. Bearb. von Heinz Gollwitzer, Göttingen 1979.
  5. Vgl. Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Berlin 2003, S. 23, Fußnote 23.