Herbesthal

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Herbesthal
Herbesthal (Lüttich)
Herbesthal
Herbesthal
Staat: Belgien
Region: Wallonien
Provinz: Lüttich
Bezirk: Verviers
Koordinaten: 50° 40′ N, 5° 59′ OKoordinaten: 50° 40′ N, 5° 59′ O
Einwohner: 2.400 Einw.
Postleitzahl: 4711
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Herbesthal (Platdiets: Herbestel) ist eine Ortschaft der belgischen Gemeinde Lontzen, die zur Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens gehört. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts war das Dorf, das sich an der Grenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Königreich Belgien befand, dank seines Bahnhofs und seines Postamts international bekannt.

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ursprung des Namens des Dorfes Herbesthal ist ungewiss. Der Ort findet eine erste Erwähnung im Staatsarchiv Lüttich unter dem Namen „Hardwestal“ (1404–1405). Verschiedene Quellen führen den Namen auf folgende Bedeutungen zurück: „Herberge im Tal“, „herbes Tal“, „Herberts Wohnort“ (das Wort „stal“ im Germanischen bedeutet Wohnort) oder gar „Eggental“ (die Egge ist ein landwirtschaftliches Gerät). Als sich das Dorf unter französischer Herrschaft befand (1794 bis 1814), hieß es „Aubergeval“, was mit „Herberge im Tal“ übersetzt werden kann.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die politische Zugehörigkeit der Ortschaft Herbesthal war äußerst wechselhaft:

Herbesthal wurde 1906 als Pfarrei im rheinischen Erzbistum Köln gegründet. Herbesthal war in seiner Zeit als Teil des Deutschen Reichs Teil des Gebietes Eupen-Malmedy und gleichzeitig letzter deutscher Ort vor der Grenze zu Belgien. Tatsächlich stellte die Gemeindegrenze Herbesthals zu Welkenraedt die westliche Staatsgrenze des Deutschen Reiches dar. Diese Linie – die heutige Neutralstraße bzw. Rue Mitoyenne – ist heute die Grenze, welche die Deutschsprachige Gemeinschaft und die Französische Gemeinschaft Belgiens voneinander trennt.

Bahnhof und Postgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alter Bahnhof Herbesthal
Hauptartikel: Bahnhof Herbesthal

Der Ort Herbesthal ist sehr eng mit der Geschichte der Eisenbahn in Europa verbunden.

Nach der Unabhängigkeit Belgiens 1831 gab es bereits erste Kontakte mit Preußen, um neue Absatzmärkte zu schaffen. Ein Handelsvertrag sah bereits eine Eisenbahnlinie zwischen Antwerpen und Köln vor. Nach einigen Startproblemen wurde am 9. Juni 1837 die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft gegründet und am 21. August die Konzession zum Bau der Bahnstrecke von Köln über Düren und Aachen zur belgischen Grenze erteilt. Im Oktober 1843 war der Anschluss an Herbesthal fertiggestellt.

Mit der Ankunft der Eisenbahn in Herbesthal war der erste Grenzbahnhof Europas entstanden. Durch die Grenzlage musste in Herbesthal auch eine Zollabfertigungsanlage eingerichtet, was mit der Ankunft zahlreicher Zollbeamter zu einem großen Bevölkerungsanstieg im Dorf führte. Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes konnte Herbesthal mit anderen Zielorten verbunden werden, was den internationalen Charakter des Bahnhofs bestärkte. Auch der Güterverkehr konnte sich mit der Verfrachtung Erzen aus den Galmeiminen im nahgelegenen Neutral-Moresnet entfalten.

Weitere Anschlüsse mit Eupen 1864 und – nachdem die Reichsbahn bzw. die Preußische Staatseisenbahn auf Bestreben Bismarcks gegründet wurde – mit der Vennbahn 1887 machten Herbesthal zu einem Knotenpunkt. Die Erhöhung dieses Verkehrsaufkommens erzwang den Bau eines neuen, größeren Bahnhofsgebäudes, das am 1. Oktober 1889 dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde. Für das Bahnhofspersonal wurden in Herbesthal sogenannte „Eisenbahnsiedlungen“ gebaut.

Bis Mitte der 1960er Jahre fanden in Herbesthal die Lokwechsel zwischen der deutschen und der belgischen Bahn statt. Danach wurde der Bahnhof zugunsten des nur wenige Kilometer entfernten Bahnhofneubaus im benachbarten Welkenraedt komplett aufgegeben und 1983 abgerissen. Originalstücke des ehemaligen Bahnhofs kann man in der Dorfgeschichtlichen Sammlung (DGS) in Lontzen besichtigen. Dazu zählen auch die Kaiserstühle, auf denen Kaiser Wilhelm II. anlässlich einer Reise weilte.

Siehe auch: Wesertalstrecke

Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herbesthal ist, wie die gesamte Gemeinde Lontzen, offiziell deutschsprachig mit Spracherleichterungen für Französischsprachige (siehe „Fazilitäten-Gemeinde“). Die Einwohner verwenden weitgehend die hochdeutsche Standardsprache in den Verwaltungen, Schulen, im Kirchenleben und in den Sozialbeziehungen. Daneben spielen Dialekte nach wie vor eine Rolle in den gesellschaftlichen Beziehungen. In Herbesthal vorherrschende Dialekte sind – wie im gesamten Kanton Eupen – Niederfränkisch und Rheinfränkisch.[2] Eine Bevölkerungsminderheit ist rein französischsprachig.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neutralstraße Herbesthal

An der Neutralstraße, die Herbesthal von Welkenraedt trennt, liegen einige der „Belgischen Antikstraße“ zugehörige Antikläden. Größere Betriebe des produzierenden Gewerbes gibt es in Herbesthal nicht.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Buch Die Welt von Gestern berichtet Stefan Zweig in dem Kapitel „Die ersten Stunden des Krieges von 1914“, wie er in Herbesthal den Kriegsbeginn erlebt.[3]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph Cornelius Rossaint (1902–1991), römisch-katholischer Priester, antifaschistischer Widerstandskämpfer und Hauptangeklagter im Berliner Katholikenprozess (1937). Nach ihm wurde eine Straße in der Ortschaft benannt.
  • Günther Reul (1910–1985), Maler und Graphiker, ansässig in Gelsenkirchen
  • Heribert Reul (1911–2008), Maler und Graphiker, ansässig in Kevelaer
  • Peter Steffes (1907–ca. 1992), deutscher Radrennfahrer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angela Schyns, Ulric Lemeunier, Joseph Weling und Heinz Juffern: 1076–1976 Freie Herrlichkeit Lontzen. Chronik. Chauveheid GmbH, Stavelot-Malmedy, o. J. [1976] (181 Seien).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verkehrs- und Verschönerungsverein Herbesthal (Hrsg.): Im Zuge der Zeit – Beiträge zur Geschichte der Ortschaft Herbesthal, 1995.
  2. DGLive – Die Menschen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft
  3. Stefan Zweig: Die Welt von gestern im Projekt Gutenberg