Hermann Scheipers

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Hermann Joseph Scheipers (* 24. Juli 1913 in Ochtrup; † 2. Juni 2016 in Ochtrup[1]) war ein römisch-katholischer Priester und einer der letzten lebenden geistlichen Insassen des KZ Dachau.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Scheipers war von 1960 bis 1983 Pfarrer in der Schirgiswalder Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt

Scheipers wuchs gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Anna im westmünsterländischen Ochtrup aut und besuchte dort die Volksschule sowie des Gymnasiums in Rheine. Er studierte katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Danach trat er 1936 in das Pastoralseminar des jungen, priesterarmen Bistums Meißen in Schmochtitz bei Bautzen ein. Schon in seiner Schulzeit und bis zu seinem Tod war er Mitglied im katholischen Bund Neudeutschland. Seine Priesterweihe empfing er am 1. August 1937 durch Bischof Petrus Legge im Dom St. Petri zu Bautzen. Seine erste Kaplanstelle führte ihn nach Hubertusburg/Wermsdorf. Am 4. Oktober 1940 wurde er verhaftet, weil er sich als Seelsorger offen für polnische Zwangsarbeiter einsetzte und gemeinsam mit ihnen einen Gottesdienst feiern wollte.[2] Vom Polizeigefängnis Leipzig aus kam er im März 1941 ins KZ Dachau. Im KZ Dachau wurde er als Staatsfeind eingestuft. Er trug den roten Balken der Politischen, den auch Kommunisten und Sozialdemokraten trugen.

Unter Lebensgefahr hielt seine Zwillingsschwester Anna in den folgenden Jahren den Kontakt zu ihrem inhaftierten Bruder aufrecht, schmuggelte Briefe, Lebensmittel und Medikamente ins Lager.[3] 1942 rettete sie ihn und zugleich viele weitere Priester durch eine mutige Intervention beim SS-Reichssicherheitshauptamt in Berlin vor dem Abtransport als „nicht arbeitsfähig“ aus dem Invalidenblock des KZ Dachau in die NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz.[4] Im KZ Dachau war Scheipers mit dem evangelischen Dresdner Märtyrer Paul Richter, dem sorbischen Kaplan Alois Andritzki und weiteren evangelischen und katholischen Geistlichen auf einer Stube des Pfarrerblocks untergebracht. Lebensrettend war für ihn die Kraft, die er aus der täglichen Feier der Eucharistie in der provisorischen Kapelle im Pfarrerblock schöpfte.[5]

Am 27. April 1945, zwei Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch amerikanische Streitkräfte, gelang Scheipers auf einem Todesmarsch die Flucht in die Freiheit.[6] 1946 kehrte er ins Bistum Meißen zurück, wo er schon bald mit dem SED-Regime in Konflikt geriet.

Scheipers wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg im heutigen Bistum Dresden-Meißen als Seelsorger in Radebeul, Berggießhübel, Dresden-Johannstadt, Freital, Wilsdruff und Schirgiswalde. In der Schirgiswalder Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt war er von 1960 bis 1983 Pfarrer. 1983 trat Hermann Scheipers in den Ruhestand und kehrte in das Bistum Münster zurück. Er lebte später wieder in seiner Geburtsstadt Ochtrup. Anfang August 2007 feierte er seine Gnadenprimiz, den 70. Jahrestag seiner Priesterweihe.

In den letzten Jahrzehnten berichtete er vor Schulklassen und bei Bildungsveranstaltungen von seinen Erlebnissen unter dem Hitler-Regime und im SED-Staat. Vortragsreisen führten ihn nach Spanien und in die USA, ebenso war er nach Frankreich und in die Niederlande eingeladen. Über sein Leben und das seiner Schwester Anna drehte der Münchener Filmemacher David Menzhausen in gemeinsamem Auftrag von MDR und LWL-Medienzentrum für Westfalen den Film Dir gehört mein Leben, der auch als DVD in deutscher, englischer und polnischer Sprache erschien.[7]

Er wurde 102 Jahre alt.[8]  

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Siegel, Johannes Lubczyk, Hermann Scheipers: Blutzeuge der Wahrheit. Ein Gedenkblatt für den im KZ Dachau verstorbenen Jugendseelsorger des Bistums Meißen Dr. Bernhard Wensch. Morus-Verlag, Berlin 1949.
  • Hermann Scheipers: Gratwanderungen. Priester unter zwei Diktaturen. Benno-Verlag, Leipzig 1997, ISBN 3-7462-1221-9.
  • Hermann Scheipers. In: Susanne Hahn [Hrsg.]: Hubertusburger Frieden – Ewiger Frieden?! 1. Hubertusburger Friedensgespräche. 21.-23. September 2006. Turnshare, London 2007, ISBN 978-1-903343-99-9.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1992, ISBN 3-402-05427-2. Darin S. 49–58: Hermann Scheipers.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • LWL-Medienzentrum für Westfalen (Hrsg.): Dir gehört mein Leben. Die Geschichte von Anna und Hermann Scheipers. Zivilcourage und Gottvertrauen zwischen zwei Diktaturen. DVD, Münster 2011, ISBN 978-3-939974-22-2.
  • Ikarus-Film (Hrsg.): Zwischen Verbrechern und Heiligen. Hermann Scheipers – Der letzte Priester vom KZ Dachau. DVD, München 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.wn.de/Welt/Kultur/2397529-Trauer-um-Praelat-Hermann-Scheipers-Priester-unter-zwei-Diktaturen
  2. Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. Münster 1992, S. 50.
  3. Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. Münster 1992, S. 54–55.
  4. Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. Münster 1992, S. 54.
  5. Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. Münster 1992, S. 53.
  6. Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ. Münster 1992, S. 57–58.
  7. a b RP verleiht Bundesverdienstkreuz 1. Klasse an Hermann Josef Scheipers (Memento des Originals vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bezreg-muenster.nrw.de
  8. Bistum Dresden-Meißen, M. Baudisch: Bistum Dresden-Meißen. In: www.bistum-dresden-meissen.de. Abgerufen am 3. Juni 2016.
  9. Hier begann sein Leidensweg: Ehrenbürgerschaft für Hermann Scheipers
  10. Ausgezeichnetes Engagement! Bistum Münster, Kreisdekanat Steinfurt, 14. Mai 2012. Abgerufen am 27. Oktober 2013.
  11. „Sie haben den Grundstein für die deutsch-polnische Aussöhnung gelegt“ in: Westfälische Nachrichten, Lokalausgabe Kreis Steinfurt, 27. Februar 2013, abgerufen am 13. März 2013