Hessen (Osterwieck)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hessen ist seit dem 1. Januar 2010 ein Ortsteil der Stadt Osterwieck (Sachsen-Anhalt).[1] Zuvor war Hessen ab dem 11. September 2003 ein Ortsteil der Gemeinde Aue-Fallstein[2], die mit Osterwieck fusionierte.

Hessen aus südlicher Richtung

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort liegt an der B 79 auf halbem Wege zwischen Wolfenbüttel und Halberstadt am Ostrand des Großen Fallstein und südlich des Niederungsgebietes Großes Bruch. Durch dieses Gebiet führt ein historischer Verkehrsweg auf dem Hessendamm, neben dem die Deersheimer Aue zum Schiffgraben-Ost fließt.

Die Entfernung nach Wolfenbüttel und Halberstadt beträgt jeweils etwa 24 Kilometer. Unmittelbare Nachbarorte sind Veltheim am Fallstein, Rohrsheim, Dardesheim, Deersheim und Mattierzoll.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hessen in einem Merian-Stich um 1650

Hessen wurde, wie Schöppenstedt, sehr früh zum Flecken im Vorland des Harzes. Seine zwei Jahrmärkte (An- und Verkauf von Tieren und Waren) benötigten befestigte Wege zur Sicherung des Handels. Nach den Befreiungskriegen um 1815 wurden nicht nur die damals desolaten Chausseen und Dämme instand gesetzt, sondern auch zahlreiche Neubauten ausgeführt. Dazu gehörten die Straßen über den Zollberg Hessen, den Weinberg bis Klein Schöppenstedt und den Olla zwischen Schöppenstedt und Evessen.

Unsicher ist, ob der ostfälische Stammesführer Hessi, der sich der Überlieferung nach 775 bei Ohrum Karl dem Großen unterwarf und sich taufen ließ, unmittelbar mit dem Ort in Verbindung steht. Dafür spricht, dass Karl der Große Hessi 782 zum Grafen im Harzgau einsetzte und 804 das nahe Osterwieck zum Missionszentrum erhob. Die Königsnähe der Hessifamilie zeigt sich auch darin, dass sie als erste ostfälische Hochadelige 825 ein Kloster, nämlich das Kloster Wendhusen bei Thale gründete. Der Ortsname Hessen/Hessenheim deutet wie Wendhusen auf fränkische Gründungen hin.

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort bildete sich im Umfeld der etwa im 14. Jahrhundert entstandenen Wasserburg Hessen, die später in ein Schloss umgewandelt wurde. Anhand des Gasthofes Weinschenke lassen sich die engen Verbindungen zwischen Hessen und dem Braunschweiger Land darstellen. Das Lokal, das 1395 erstmals urkundlich erwähnt wurde und damit als älteste Wirtschaft Sachsen-Anhalts gilt, gehörte dem braunschweigischen Herzog. Am 24. Juni 1395 verpachtete der Herrscher die Weinschenke für 20 Mark „löthigen Silbers“ an einen „Hinrike Angersteyne“. Das Gebäude war Bestandteil eines großen Wirtschaftshofes, der sich um das herzogliche Schloss erstreckte. Die Geschichte der einstigen Wasserburg und der späteren Schlossanlage geht zurück auf die 1129 erstmals urkundlich als Besitzer von Dorf und Burg genannten Edelherren von Hessen.

Renaissancezeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 17. Jahrhundert diente Schloss Hessen als Sommerresidenz der Braunschweiger Herzöge. Vor 1560 ließ Herzog Julius, noch als Prinz, das Schloss im Stile der Renaissance ausbauen. 1564 wurde hier sein Sohn, der spätere Herzog, Heinrich Julius geboren. Er galt als gelehrtester Fürst seiner Zeit, der schon früh begann, intensiv Bücher zu sammeln. Er führte den Protestantismus ein und brachte von einer Reise aus England die erste Kartoffelpflanze mit. Durch ihn erlebte das kulturelle Leben am Rande des Fallstein eine ungeheure Blüte. Die Pflanzensammlung in den ausgedehnten Renaissance-Gärten Hessens stellte mit 1700 Arten selbst königliche Anlagen wie die in Kopenhagen und Oxford in den Schatten.

Der bronzene Figurenschmuck des Schlosses war zeitlos und befindet sich heute in Teilen im Herzog Anton Ulrich-Museum (Braunschweig), im Rijksmuseum Amsterdam und im Louvre (Paris). Die Orgel von 1610 schließlich, die Esaias Compenius eigens für die Schlosskapelle baute, wird auf Schloss Frederiksborg in Dänemark noch heute bespielt. Später diente das Schloss als Witwensitz. Nach einem Brand im Jahre 1641 wurde es immer mehr vernachlässigt.

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grenzwachturm
Erinnerungsschild

Die Zugehörigkeit des Ortes zum Freistaat Braunschweig endete am 1. August 1941. Nach über 600 Jahren wurden Hessen und Pabstorf gegen Hornburg, Isingerode und Roklum eingetauscht. Hintergrund war das „Salzgitter-Gesetz“, demzufolge die dortigen Stahlwerke an die ergiebigen Brunnen rund um Hornburg kamen. Kurioserweise hatten die Alliierten während des Zweiten Weltkriegs von diesem Gebietstausch zwischen Braunschweig und Preußen nichts bemerkt. Daher blieb Hessen nach dem Ende des Kriegs eine Zeit lang ohne Besatzung. Durch die Zugehörigkeit zur SBZ folgte eine Zugehörigkeit zur DDR.

Mitte 1944 (erste Erwähnung Mitte Januar 1945) wurde in Hessen das Arbeitserziehungslager (AEL) Nr. 1847 als Außenlager des AEL Salzgitter-Hallendorf in der Bahnhofstraße eröffnet. Das Lager war wie das in Hallendorf der Staatspolizeistelle Braunschweig unterstellt. Im Lage waren auch polnische Zwangsarbeiter untergebracht. Am 5. und 6. April 1945 wurden die Häftlinge in das „AEL“ Salzgitter-Hallendorf überstellt.

Nach dem Krieg bis in die 1950er Jahre belieferte aus Hessen die Traditionsbrauerei Robert Hinke das Umland mit Bier der unterschiedlichsten Sorten (z.B. Hessener Turmbräu, Hessener Märzen). 1951 begannen die Behörden der DDR mit dem Abbruch des Schlosses. Der Grund, so Hessener Einwohner: es fehlte angeblich an Steinmaterial für Wege und Straßen. Die Unterburg wurde wechselnd genutzt, mal als Pagenhaus, dann als Pferdestall und wieder als Pächterwohnung. Nach der Grenzöffnung 1989 wurden der Hausmannsturm und das Herrenhaus saniert, in dem heute ein Kindergarten untergebracht ist. Die Hauptburg verfiel zusehends. Der Westflügel war schon 1946 abgerissen worden, der Nordflügel brach in den 1970er Jahren weg. Übrig blieben der Ostflügel, der eine Kapelle enthielt, und der Südflügel. Durch die eingefallenen Dächer drang Niederschlag in die Gebäude ein.

Zur Entwicklung des Postwesens in Hessen siehe: Postroute Braunschweig-Helmstedt-Magdeburg.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Schloss Hessen

Schloss Hessen ging aus einer mittelalterlichen Wasserburg hervor und wurde im 16. Jahrhundert in ein fürstliches Schloss im Stile der Renaissance umgestaltet. Die Anlage mit Lustgarten hatte ihre Glanzzeit während des 17. Jahrhunderts als Sommerresidenz der braunschweigischen Herzöge. Ab etwa 1790 wurde die Schlossanlage als landwirtschaftliche Domäne genutzt, was bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs anhielt. In der Zeit der DDR kam es zu größeren Gebäudeverlusten durch Abriss und Verfall. Nach der Wende von 1989 gibt es seit 1990 anhaltende Sanierungsmaßnahmen am Schloss, das heute der Kommune gehört. Sie werden von 1995 gegründeten Förderverein Schloss Hessen mit 52 Mitgliedern getragen.

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St.-Jacobi-Kirche
  • Ev. Kirche St. Jacobi (1860)

Die erste Kirche wurde von Halberstadt aus, wahrscheinlich durch Bischof Haymo, um das Jahr 850 errichtet. Vermutlich um 1600 ist ein einschiffiges romanisches Gotteshaus gebaut worden. Die baufällig gewordene Kirche wurde 1859 abgebrochen. Im selben Jahr begann der Neubau der Kirche im neoromanischen Stil und wurde 1860 vollendet. Die Kirche enthält einige Kunstgegenstände, darunter das große Epitaph für den herzoglich braunschweigischen Gärtner Johann Royer.

Religionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der evangelischen Kirche St. Jacobi gab es in Hessen nach 1945 auch zwei katholische Kapellen. 1948 wurde die katholische Kuratie Hessen errichtet, bis dahin gehörte Hessen zur Kuratie Jerxheim. 1956 wurde ein Grundstück erworben und darauf eine Kapelle nebst Pfarrhaus errichtet. Zeitweise hatte Hessen einen eigenen katholischen Seelsorger, danach wurde Hessen vom Seelsorger aus Osterwieck betreut. Nach der Wende musste das Grundstück abgegeben werden und als Ersatz wurde 1997 in der Nobbenstraße 14 ein neues Gemeindehaus mit Kapelle St. Maria Himmelskönigin erbaut, architektonisch ähnlich dem ebenfalls in dieser Zeit erbauten katholischen Gemeindehaus in Erxleben. Auch diese Kapelle wurde wieder aufgegeben und das Gemeindehaus im Oktober 2011 verkauft. Heute befindet sich die nächstgelegene katholische Kirche im ca. 10 km entfernten Osterwieck.

Söhne und Töchter des Ortes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hessen hatte einen Bahnhof an der Bahnstrecke Heudeber–Mattierzoll. Diese Strecke ist stillgelegt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2010
  2. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2003

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hessen (Osterwieck) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 1′ N, 10° 47′ O