Hunnenrede

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Der Redner

Die „Hunnenrede“ hielt Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps (China-Expedition) zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China. Berühmt wurde sie wegen ihrer drastischen Aussagen und weil eine ihrer zentralen Aussagen während des Ersten Weltkriegs durch die Entente rhetorisch gegen Deutschland eingesetzt wurde.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationales Expeditionskorps
japanischer Druck
Verabschiedung des Expeditions-korps durch Kaiser Wilhelm II. in Bremerhaven
Andere Perspektive (Blick auf die Lloydhalle)

Im Frühjahr 1900 gipfelten Angriffe der Boxerbewegung gegen Ausländer und chinesische Christen in einer Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking. Am 20. Juni wurde der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler dort auf offener Straße erschossen. Der Versuch britischer Truppen, das Gesandtschaftsviertel zu entsetzen schlug fehl, woraufhin sechs europäische Staaten, die USA und Japan ein Expeditionskorps für eine Intervention nach China entsandten. Bei der Verabschiedung eines Teils der zu diesem Expeditionskorps gehörenden deutschen Truppen am 27. Juli in Bremerhaven hielt Wilhelm II. seine berüchtigte Hunnenrede. Sie war nur eine von mehreren Reden, die der Kaiser anlässlich der Ausschiffung der Truppen hielt.[1]

Inhalt der Rede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Text der Rede ist in mehreren, leicht voneinander abweichenden Variationen überliefert. Die zentrale, berühmte Passage lautete:

„„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen![2]

Diese Passage gaben der Rede schon 1900 den Namen Hunnenrede. Dabei ist die Anführung der Hunnen als Beispiel dafür, wie die deutschen Truppen sich verhalten sollen, rhetorisch in sich völlig widersprüchlich und misslungen, denn die Hunnen repräsentieren ja zugleich die gelbe Gefahr, die der Kaiser zu bekämpfen aufruft.

Überlieferung und Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rede wurde von Wilhelm II. frei gehalten[3]; ein Manuskript ist nicht überliefert, existierte vielleicht gar nicht. Noch am selben Tag kamen mehrere Textversionen in Umlauf[4][5]:

  • Wolffs Telegraphisches Bureau verbreitete eine Zusammenfassung in indirekter Rede.
  • Der Staatssekretär des Auswärtigen, wenig später Reichskanzler, Bernhard von Bülow autorisierte wenige Stunden später eine Variante, diesmal in wörtlicher Rede, die die inkriminierenden Passagen nicht enthielt: Der Verweis auf die Hunnen und die Aufforderung „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht“, fehlt. Diese Fassung stammt vermutlich von einem Redakteur des Berliner Lokal-Anzeigers, an der von Bülow nur unbedeutende Korrekturen vornahm.[6] Indem Bülow diese „harmlose“ Variante der kaiserlichen Worte autorisierte versuchte er zu vertuschen, zu welch brutalem und vermutlich (völker)rechtswidrigen Vorgehen[7] der Kaiser und Oberbefehlshaber die deutschen Truppen aufgefordert hatte. Von dritter Seite wurde diese Variante noch weiter entschärft und der kritische Satz in „Pardon wird euch nicht gegeben“ umgeändert.
  • Eine Reihe von Journalisten norddeutscher Zeitungen waren anwesend und stenografierten das gesprochene Wort mit. Abgesehen von kleineren Hör-, Aufzeichnungs- oder Setzfehlern geben diese Mitschriften einen übereinstimmenden Wortlaut wieder, der heute als das authentische, vom Kaiser gesprochene Wort gilt. Damit kam das unmittelbare „gesprochene Wort“ des Kaisers in breiten Umlauf.

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm II. hat in seiner Hunnenrede die deutschen Truppen zu einem rücksichtslosen Rachefeldzug in China aufgefordert und das auch so gemeint. Hierfür gibt es weitere Indizien. So hat der Kaiser zur gleichen Zeit für mehrere Truppentransporter das nach seinem Entwurf von dem Maler Hermann Knackfuß ausgeführte Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ gestiftet, eine Allegorie auf die Verteidigung Europas unter deutscher Führung gegen die angebliche „Gelbe Gefahr“.[8] In mindestens einem Fall versah Wilhelm das Bild zusätzlich mit den Aufschriften „Pardon wird nicht gegeben“ oder „Kein Pardon“.

Wilhelm II. fühlte sich zu dieser Aufforderung berechtigt, besonders nach der Ermordung des deutschen Gesandten in China, Klemens Freiherr von Ketteler, am 20. Juni 1900 in Peking. Dass er damit gegen internationales Recht verstoßen haben könnte, hat er nicht beachtet. Er bewegte sich voll im Duktus des Kolonialkrieges, der dem Gegner keinerlei Rechtposition zugestand.[9] Die bereits 1899 vom Deutschen Reich unterzeichnete Haager Landkriegsordnung ächtet ausdrücklich die Aufforderung, im Krieg kein Pardon zu geben. Allerdings war unter den Zeitgenossen umstritten, ob dieses Abkommen auf China anwendbar sei, denn China hatte zwar an der Haager Friedenskonferenz teilgenommen, gehörte jedoch nicht zu den Unterzeichnern der Landkriegsordnung. Ein Teil der moralischen Entrüstung des Kaisers geht möglicherweise auch auf die Mitte Juli zunächst in der britischen Daily Mail und später in der deutschen und internationalen Presse verbreitete, mit grausigen Details ausgeschmückte Falschmeldung zurück, das Pekinger Gesandtschaftsviertel sei erstürmt und ausnahmslos alle Ausländer umgebracht worden.[10]

Politiker und Journalisten in anderen europäischen Staaten, die sich an der Niederschlagung des Boxeraufstandes beteiligten, riefen ebenfalls zur Rache für die Ermordung westlicher Ausländer in China auf, etwa The Times in London.[11] In einer damals weit verbreiteten kolonialen Attitüde waren sie empört, dass ein als zu kolonisierend betrachtetes Land es wagte, den sich überlegen fühlenden Europäern – zunächst relativ erfolgreich – Widerstand entgegen zu setzen. Allerdings ging niemand in seiner Ausdrucksweise so weit wie der deutsche Kaiser. Mit seiner drastischen Rhetorik trug er dazu bei, dass der internationale Militäreinsatz in China tatsächlich mit äußerster Grausamkeit geführt wurde – wobei es auch nicht allein die deutschen Truppen waren, die kein Pardon gaben.

Die Peinlichkeit der Ausführungen des Kaisers spiegelt sich auch in der Tatsache, dass in allen Redensammlungen des Kaisers bis in die Mitte der 1970er Jahre ausschließlich die „entschärften“ Varianten der Rede aufgenommen wurden.[12]

Reaktionen und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unmittelbar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nach China abgehenden Soldaten nahmen den Kaiser wörtlich. Zum Beispiel berichtet der Kavallerist Heinrich Haslinde in seinem Tagebuch:

Der Kaiser „hielt eine zündende Ansprache an uns, von der ich mir aber nur folgende Worte gemerkt habe: ‚Gefangene werden nicht gemacht, Pardon wird keinem Chinesen gegeben, der Euch in die Hände fällt.‘“

Soldaten versahen die Eisenbahnwagen, die sie an die Küste transportierten, mit Aufschriften wie „Rache ist süß“ oder „Pardon wird nicht gegeben“.

Mit der Hunnenrede stieß Wilhelm II. im In- und Ausland auf Zustimmung, aber auch auf Kritik. Dabei wurde der Vergleich mit den Hunnen auch in Deutschland als Metapher für die grausame Kriegsführung herangezogen. In deutschen Zeitungen abgedruckte Soldatenbriefe, die über Ausschreitungen während des Einsatzes in China berichteten, wurden als „Hunnenbriefe“ bezeichnet. Und der Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann erhielt wegen seiner Verteidigung der Militärintervention in China den Spitznamen „Hunnenpastor“. Der Freisinnige Abgeordnete Eugen Richter verurteilte dagegen am 20. November 1900 im Reichstag das Vorgehen der deutschen Truppen in China, das durch die Bemerkungen des Kaisers angestachelt worden war.[13]

In der Realität war das Verhalten der deutschen Truppen während der Intervention in China nicht besser oder schlechter als das von Truppenteilen der anderen beteiligten Nationen. Alle beteiligten Mächte machten sich nach heutigem Verständnis schwerer Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen schuldig. Die Hunnenrede ist allerdings insofern bemerkenswert, weil in ihr ein Staatsoberhaupt seine Soldaten in aller Öffentlichkeit zu solchem Verhalten auffordert.

Spätfolgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Große Wirkung entfaltete die „Hunnenrede“ während des Ersten Weltkriegs, als britische Kriegspropaganda die „Hunnen“-Metapher aufgriff und als Synonym für die Deutschen und ihr als barbarisch bezeichnetes Verhalten verwendete. In Großbritannien prägte die Rede den Begriff The huns für die Deutschen. Von Großbritannien requirierte deutsche Handelsdampfer wurden als „Hunnendampfer“ bezeichnet.

Tonaufnahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommene Wachswalze mit der leicht gekürzten zweiten Fassung der Rede wurde 2012 rekonstruiert.[14] Die Walze wurde von Norman Bruderhofer digitalisiert.[15] Ob es sich beim Sprecher der Wachswalze jedoch tatsächlich um Wilhelm II. handelt, ist zweifelhaft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralph Erbar: Kein Pardon! Die „Hunnenrede“ Wilhelms II. und ihre Geschichte. In: Politische Reden. Deutschland im 20. Jahrhundert. Westermann, Braunschweig 2007, S. 14–17 (Praxis Geschichte. Jg. 20, H. 6, 2007, ISSN 0933-5374).
  • Thoralf Klein: Die Hunnenrede (1900). In: Jürgen Zimmerer (Hrsg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Frankfurt 2013. ISBN 978-3-593-39811-2, S. 164–176. (Mit umfangreicher Bibliographie)
  • Susanne Kuß, Bernd Martin (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. Iudicium-Verlag, München 2002, ISBN 3-89129-781-5 (Erfurter Reihe zur Geschichte Asiens 2), (u. a. mit einem Faksimile der offiziellen, von Bülow redigierten Version).
  • Johannes Penzler (Hrsg.): Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. 2: 1896-1900. Leipzig o.J.
  • Bernd Sösemann: Die sog. Hunnenrede Wilhelms II. Textkritische und interpretatorische Bemerkungen zur Ansprache des Kaisers vom 27. Juli 1900 in Bremerhaven. In: Historische Zeitschrift 222, 1976, ISSN 0018-2613, S. 342–358 (mit der maßgeblichen Textversion).
  • Ernst Johann (Hrsg.): Reden des Kaisers. Ansprachen, Predigten und Trinksprüche Wilhelms II. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977, ISBN 3-423-02906-4. (Enthält 60 Texte mit Kommentaren und einer ausführlichen Einleitung.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Hunnenrede – Quellen und Volltexte

(Gibt aber nur die durch von Bülow „entschärfte“ Variante wider.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klein, S. 164.
  2. Hunnenrede – widergegeben nach: Penzler, S. 209–212. Abrufbar hier, falls es WP nicht wieder mit einem Spam-Filter zerschießt: www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=10&ved=0ahUKEwjozfn_1-vNAhVFthQKHb3SBMsQFghYMAk&url=http%3A%2F%2Fgermanhistorydocs.ghi-dc.org%2Fpdf%2Fdeu%2F503_Wilhelm%2520II_Hunnenrede_84.pdf&usg=AFQjCNGHd_6sU-j2jYFhuu_TNZaurSsYZQ&sig2=FnRJAJb_4yckdnnein49jw
  3. Klein, S. 165f.
  4. Klein, S. 166.
  5. HistoriaPRO e.V.: Gegenüberstellung der Textversionen .
  6. Klein, S. 166, Anm. 5.
  7. Klein, S. 169.
  8. Klein, S. 169.
  9. Klein, S. 168.
  10. Diana Preston, Rebellion in Peking, Stuttgart/München 2001, S. 232ff.
  11. Klein, S. 168.
  12. Klein, S. 166.
  13. Eugen-Richter-Archiv: Eugen Richter zur Hunnenrede Wilhelms II.
  14. Tonaufnahme; ob der Sprecher tatsächlich Wilhelm II. ist, wird bezweifelt.
  15. Bayerischer Rundfunk: Fernsehbeitrag (12:21 min.), Homepage von Bruderhofer.