Deutscher Kaiser

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Dieser Artikel bezieht sich auf den Titel des Deutschen Kaisers, zu anderen Bedeutungen siehe Deutscher Kaiser (Begriffsklärung).

Deutscher Kaiser war der Name des Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches von 1871 bis 1918. Grundlage war Artikel 11 der Bismarckschen Reichsverfassung von 1871. In diesem Artikel ist die Bezeichnung aus der Verfassung des Norddeutschen Bundes für den Funktionsträger, „Präsidium des Bundes“, beibehalten worden.

Nach der Verfassung stand dem König von Preußen, welcher den Namen „Deutscher Kaiser“ führte, das Präsidium des Bundes zu. In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs gab es drei Amtsträger.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert wurden die Verfassungen in vielen Ländern modernisiert, meist im Sinne der konstitutionellen Monarchie. Bei Bedarf kam es zu „Neuerfindungen der Monarchie“, wie es Jürgen Osterhammel ausdrückt. Das geschah, außer in Deutschland, auch zum Beispiel in Frankreich oder Japan. Auch bestehende Monarchien erhielten einen anderen Stellenwert.[1]

Vom Mittelalter zum 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Der Titel in Deutschland war eine Anlehnung an die Herrscher Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, deren offizieller Titel Römischer Kaiser beziehungsweise Römischer König lautete. Als solche hatten sie sich auch selbst verstanden. Die im Hochmittelalter aufkommende Bezeichnung Deutscher König bzw. König der Deutschen wurde von diesen nie verwendet und erst ab der Frühen Neuzeit bezeichneten sie sich zusätzlich als König in Germanien. Die Bezeichnung „deutscher Kaiser“ bezieht sich in dem Zusammenhang auf ihren beschreibenden Charakter im Alten Reich.[2] Im Jahr 1806 legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Damit erlosch das Alte Reich.

Von 1815 bis 1866 gab es den Deutschen Bund, der allerdings kein Oberhaupt hatte. Der Bundestagsgesandte aus Österreich führte nach Art. 5 der Bundesakte den Vorsitz im Bundestag, was mehr ein Ehrentitel und nicht mit zusätzlicher Macht verbunden war. Österreich wurde die Präsidialmacht genannt und sein Gesandter der Präsidialgesandte. Bei der Frage eines Reichsoberhaupts in den Jahren 1848 bis 1850 war der Kaisertitel als Rückgriff auf das Mittelalter gedacht; für die Erfurter Union sollte der Titel „Reichsvorstand“ bzw. „Unionsvorstand“ lauten.

Norddeutscher Bund[Bearbeiten]

Im Jahr 1867 entstand der Norddeutsche Bund als Bundesstaat. Der König von Preußen übernahm „das Präsidium des Bundes“. Damit gab es in der Bundesverfassung kein ausdrückliches Staatsoberhaupt. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck wollte dem Norddeutschen Bund weitestmöglich das Aussehen eines Staatenbundes geben und Empfindlichkeiten der anderen Fürsten schonen. Allerdings hatte der Inhaber des Bundespräsidiums viele Befugnisse eines monarchischen Staatsoberhauptes. Einige wie die Gesetzesinitiative oder die Parlamentsauflösung übte allerdings der Bundesrat aus, der aus Vertretern der Gliedstaaten zusammengesetzt war.

Anfang 1870 hatte Bundeskanzler Otto von Bismarck einen Kaiserplan, um das Ansehen des preußischen Königs aufzuwerten. Damit sollte auch der Bund eine bessere Position gegenüber den Südstaaten und Frankreich erhalten. Der Plan erhielt allerdings kaum das erwünschte Echo. Auch König Wilhelm lehnte einen seiner Meinung nach künstlichen Kaisertitel ab, der ihn an Emporkömmlinge wie Napoleon III. erinnerte.

Verfassungsänderung 1870/1871[Bearbeiten]

Die süddeutschen Staaten Baden, Bayern, Hessen-Darmstadt und Württemberg traten im Laufe des Deutsch-Französischen Krieges dem Norddeutschen Bund bei. Am 30. November 1870 unterzeichnete der bayerische König Ludwig II. von Bayern den sogenannten Kaiserbrief, in dem er mit Zustimmung der übrigen Fürsten dem preußischen König um Annahme eines Kaisertitels bat. Am 10. Dezember lag der Entschluss von Reichstag und Bundesrat vor, den neuen Staat „Reich“ und das Staatsoberhaupt „Kaiser“ zu nennen. Am 18. Dezember suchte eine Deputation des Reichstags den preußischen König im deutschen Hauptquartier in Versailles auf und bat ihn um die Annahme des Kaisertitels. Wilhelm kam dem auch nach.[3]

Der Bund erhielt in der neuen Verfassung des Deutschen Bundes vom 1. Januar 1871 den Namen „Deutsches Reich“ und das Bundespräsidium (in Art. 11) zusätzlich den Titel „Deutscher Kaiser“. In der Verfassung des Deutschen Reiches vom 16. April 1871 kam die neue Bezeichnung an die meisten Stellen, die noch vom Bundespräsidium bzw. Bundesfeldherrn gesprochen hatten.[4]

Annahme des Titels[Bearbeiten]

Somit war Wilhelm seit 1. Januar 1871 Deutscher Kaiser. Allerdings hatte er sich innerlich noch nicht damit endgültig abgefunden. Er wollte den Königstitel dem Kaisertitel vorangestellt sehen, verstand aber, dass dadurch Süddeutschland verärgert worden wäre. Allerdings sollte der Titel „Kaiser von Deutschland“ lauten. Dadurch wären aber die Bundesfürsten zu Untertanen des Kaisers geworden und der unitarische (einheitsstaatliche) Charakter des Reiches betont worden. Außerdem war „Deutschland“ nicht der Name des nationalen Gesamtstaates, sondern „Deutsches Reich“.[5]

Bismarck bevorzugte „Deutscher Kaiser“, weil dies an die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches erinnerte und mehr nach auctoritas (Ansehen) statt nach potestas (Amtsgewalt) klang. Ferner hatte bereits der Kaiserbrief diese Formel enthalten, ganz zu schweigen von der neuen Verfassung. Wilhelm blieb beharrlich und wollte mit der Kaiserwürde an sich tatsächliche Machtbefugnisse verbunden sehen. Am 17. Januar drohte er noch mit Thronverzicht. Selbst nach Überwindung dieser Krise hielt er am Wunsch fest, „Kaiser von Deutschland“ zu werden. Er fand sich am Morgen des 18. Januar widerwillig mit der Lösung des badische Großherzogs Friedrich ab, der im Spiegelsaal von Versailles einfach ein Hoch auf „Kaiser Wilhelm“ ausrief. Der 1. Januar war der Tag des Amtsbeginns, so Ernst Rudolf Huber, der 18. Januar „der Tag der Amtseinweisung und Amtsergreifung“.[6]

In seiner Ansprache nahm Wilhelm I. zwar Bezug auf das 1806 erloschene römisch-deutsche Kaisertum, zwischen beiden Ämtern gab es jedoch keine rechtliche Kontinuität. Deshalb riet Bismarck Friedrich III. auch davon ab sich in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Friedrich IV. zu nennen, als dieser 1888 den Thron bestieg.[7]

Die drei Deutschen Kaiser[Bearbeiten]

Die drei Träger des Titels, Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II., waren die Könige von Preußen. Wilhelm I. war bereits seit 1858 Regent für einen erkrankten Bruder und seit 1861 preußischer König. Bei seinem Tod 1888 wurde Friedrich III. neuer preußischer König und damit automatisch, laut Reichsverfassung, Deutscher Kaiser. Er starb nach nur 99 Tagen im Amt. So amtierten im „Dreikaiserjahr“ alle drei Kaiser, die es in der Geschichte des Kaiserreichs gegeben hat.

Wilhelm II. war König und Kaiser bis zum November 1918. Reichskanzler Max von Baden verkündete am 9. November 1918 wahrheitswidrig die Abdankung des abwesenden Kaisers. Am 28. November dankte Wilhelm tatsächlich ab. Im August 1919 trat die republikanische Weimarer Verfassung in Kraft.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur und Film[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C.H. Beck, München 2009, S. 829, 838 f.
  2. Zur informellen Verwendung des deutschen Königs-/Kaisertitels im Alten Reich siehe Reichsdeputationshauptschluss; Otto von Freising, Chronik oder die Geschichte der zwei Staaten; Ulrich von Hutten; Kaiserchronik (1150).
  3. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band III: Bismarck und das Reich. 3. Auflage, W. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 1988, S. 740/741, 746/747, 750.
  4. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band III: Bismarck und das Reich. 3. Auflage, W. Kohlhammer, Stuttgart 1988, S. 750/751.
  5. Vgl. Rudolf Weber-Fas: Epochen deutscher Staatlichkeit. Vom Reich der Franken bis zur Bundesrepublik. W. Kohlhammer, Stuttgart 2006, S. 134.
  6. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band III: Bismarck und das Reich. 3. Auflage, W. Kohlhammer, Stuttgart 1988, S. 751–753.
  7. John C. G. Röhl: Wilhelm II., S. 784/785.