Hunnen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt aus europäischer Sicht zentralasiatische Reitervölker zur Zeit der Völkerwanderung. Zu den chinesischen Quellen siehe Xiongnu. Zu den Stämmen in Zentralasien siehe Iranische Hunnen.
Hunnische Schuhschnalle, 4. Jh.
Hunnischer Granat-Armreif, 5. Jh.

Hunnen ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe zentralasiatischer Reitervölker mit nomadischer, später halbnomadischer Lebensweise. Ihre genaue Herkunft und Ethnizität ist nicht bekannt bzw. in der modernen Forschung umstritten.[1]

Die wenigen Sprachüberreste erlauben keine präzise Zuordnung: Einige Forscher gehen davon aus, dass die Hunnen eine Turksprache sprachen,[2] andere Forscher gehen hingegen von einer heute ausgestorbenen Sprache aus bzw. bezweifeln eine exakte Zuordnung.[3] Ebenso ist unsicher, ob der Begriff Hunnen eine klar umrissene Gruppe von Stämmen bezeichnete. In der modernen Forschung wird vielmehr oft angenommen, dass der Name eher als prestigeträchtige Bezeichnung für eine heterogen zusammengesetzte Gruppe zu verstehen ist.[4] In diesem Sinne wurde der Begriff Hunne von verschiedenen oströmischen Geschichtsschreibern für ganz verschiedene später auftauchende Reitervölker benutzt.

Fest steht nur, dass die in spätantiken Quellen als „Hunnen“ bezeichneten Stämme um die Mitte des 4. Jahrhunderts im Raum zwischen den Flüssen Don und Wolga lebten und schließlich nach Westen vorstießen, wobei sie nicht unter einheitlicher Führung agierten. Sie fielen ab 375/76 mit dort unbekannter Reiterkampftechnik in Europa ein (siehe Völkerwanderung) und spielten in der spätantiken Geschichte noch bis ins späte 5. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Allerdings zerstreuten sich die Hunnen nach dem Tod Attilas 453 und dem Zerfall seines Reichs wieder weitgehend. Hunnische Hilfstruppen in oströmischen Diensten sind jedoch noch im 6. Jahrhundert belegt.

Namensherkunft und -verwendung[Bearbeiten]

Das Wort Hunne wird in der Regel vom chinesischen Begriff für das Volk der Xiongnu abgeleitet. Die Bezeichnung Hunnen taucht in abgewandelter Form als Ounnoi (lat. Chunni bzw. Hunni) im 2. Jahrhundert n. Chr. in der Geographie des Griechen Ptolemaios auf.[5] Um 350 kämpften die Sassaniden gegen Nomaden, die man Chioniten nannte; das mittelpersische Wort Xyon leitet sich wohl vom Begriff „Hunne“ ab und gab den (wahrscheinlich iranischen) Chioniten vermutlich ihren Namen.[6] Bald darauf folgten weitere Gruppen, die als iranische Hunnen bezeichnet werden, aber mit den um 375 nach Westen vordringenden Gruppen nicht identisch sind.[7] Gruppen der iranischen Hunnen (eher die Alchon als die Hephthaliten) unternahmen im 6. Jahrhundert auch eine Invasion Nordindiens. Sie werden in indischen Quellen pauschal als Hunas bezeichnet und waren ein Faktor für den Zusammenbruch des Gupta-Reichs.

In der spätantiken Geschichtsschreibung bezeichnet der Begriff Hunne wie zuvor „Skythen“ (als solche wurden die Hunnen etwa von Priskos bezeichnet, der aber auch von „kidaritischen Hunnen“ berichtet, die die Ostgrenze des Sassanidenreichs bedrohten) später oft nur ein Volk, welches aus der gewaltigen Steppenregion Zentralasiens stammte, ohne dass damit eine Aussage über die ethnische Zugehörigkeit verbunden wäre. Von der Sprache der Hunnen sind nur einige spärliche Überreste erhalten. Einige Forscher vertreten dabei die Ansicht, dass die Hunnen des 4. und 5. Jahrhunderts kein altaisches Idiom (wie bisweilen angenommen), sondern eine andere, inzwischen ausgestorbene Sprache gesprochen haben.[8]

Einige mittelalterliche Autoren benutzten später noch Hunne als anachronistische Bezeichnung für andere Steppenvölker.[9]

Im 19. Jahrhundert wurde über das Nibelungenlied als Nationalepos der Deutschen Hunne zu einem Begriff, der fortan alle vermeintlichen oder realen Bedrohungen aus dem asiatischen Raum kennzeichnen sollte und etwa von Hans Naumann 1933 im Vergleich mit dem Nibelungenlied über den Braunschweiger Löwen als Abwehrfigur bereits auf die Slawen als „wimmelndes, rattengraues Gezücht der leeren Steppe“ übertragen wird.[10]

Aufgrund der sogenannten Hunnenrede Kaiser Wilhelms II. wird der Begriff Hunne (engl. Hun) im englischen Sprachraum als Schimpfwort für Deutsche benutzt.

Herkunftstheorien[Bearbeiten]

Die Herkunft der heute im Allgemeinen als Hunnen bezeichneten Stämme hatte die ältere Forschung (angefangen im 18. Jahrhundert) noch in Zusammenhang mit dem Untergang des Xiongnu-Reiches gesetzt. Das Xiongnu-Reich hatte sich um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in einen nördlichen und einen südlichen Teil gespalten. Der südliche Teil wurde zu einem chinesischen Protektorat, während das Nordreich gegen Ende des 1. Jahrhunderts unterging, die Reste der Bevölkerung ging im Volk der Xianbei auf.[11]

Die neuere Forschung ist diesbezüglich weitaus skeptischer, wenn sie diese These nicht sogar ganz aufgegeben hat.[12] Allerdings halten auch heute noch einige wenige prominente Forscher wie James Howard-Johnston oder Étienne de La Vaissière an der Identifikation fest bzw. gehen zumindest von einer gewissen kulturellen Kontinuität aus.[13]

Problematisch ist, dass weder archäologische Befunde noch schriftliche Quellen die Verbindung zwischen Hunnen und Xiongnu belegen, zumal auch in chinesischen Quellen die Bezeichnung Xiongnu (und äquivalente Bezeichnungen) für Stämme benutzt wurden, die eindeutig nicht mehr die „alten Xiongnu“ waren.[14] Chinesische Autoren verwandten den Begriff Xiongnu als Pauschalbezeichnung für „fremdartige Barbaren“, ohne damit zwingend eine bestimmte Gruppe zu charakterisieren.[15] Insofern ist umstritten, welche in den chinesischen Quellen als „Hunnen“ bezeichnete Völkerschaften wirklich als Hunnen gelten dürfen. Viele dieser Völkerschaften hatten sehr wahrscheinlich keine Gemeinsamkeit, außer ihrer nomadischen Lebensweise.[16] Eine direkte Verbindung zwischen Xiongnu und den „westlichen Hunnen“ ist denn auch mehr als zweifelhaft.

Letztlich handelte es sich bei den zentralasiatischen Stämmen um Nomadengruppen, die sich je nach politischen Umständen in rudimentären Herrschaftsbereichen organisierten, trennten und neu organisierten, so dass einige Fragen zu ihrer jeweiligen Zusammensetzung immer offen bleiben werden (siehe auch: Ethnogenese). Der Name der Xiongnu/Hunnen bürgte wohl für ein gewisses Prestige, weshalb dies als ein möglicher Grund für die Namensübertragung angenommen wird, auch wenn die Hunnen des 4. Jahrhunderts nach Ansicht der meisten Forscher, wie gesagt, nicht mit den Xiongnu verwandt waren.[17]

Es ist faktisch nicht möglich, gesicherte Aussagen über die ethnische Herkunft der Hunnen, die Mitte des 4. Jahrhunderts zwischen Don und Wolga lebten, zu treffen; auch in der neueren Forschung können höchstens Hypothesen aufgestellt werden. Dies ist auch dadurch bedingt, dass der Begriff „Hunne“, wie schon erwähnt, in den spätantiken Quellen oft als bloße Bezeichnung für Völker benutzt wurde, die in den pontischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres und Mittelasiens auftraten (ähnlich wie der Begriff „Skythen“). Ebenso waren diese Gruppen kaum ethnisch homogen zusammengesetzt, zumal sich andere Gruppen ihnen anschlossen. Im Zusammenhang mit den iranischen Hunnen tritt die mittelpersische Bezeichnung Xyon auf, die wohl als „Hunne“ verstanden werden kann, ohne dass damit aber eine ethnisch spezifische Gruppe charakterisiert wird. Fest steht denn nur, dass westliche Quellen die Angreifer, die 375/76 im Gebiet der heutigen Ukraine auftauchten und die dann nach Westen vorstießen, als „Hunnen“ bezeichneten und dass ihr Wohnsitz in spätantiken Quellen nahe dem Asowschen Meer lokalisiert wurde.[18] Die Region nördlich des Kaukasus wurde auch von späteren Quellen noch als die Heimat der Hunnen bezeichnet.[19] Wer aber die Hunnen genau waren, entzog sich auch ihrer Kenntnis.

Hunnen in Europa[Bearbeiten]

Der Einfall der Hunnen in Europa

Beginn der Völkerwanderung[Bearbeiten]

Zur Zeitenwende beherrschten indogermanische Stämme aus der Gruppe der mit den Skythen verwandten Sarmaten die Steppen Osteuropas (Iazygen, Roxolanen, Alanen), im 3. Jahrhundert kamen die Goten dazu.

Das änderte sich, als ein Teil der in den spätantiken Quellen als Hunnen bezeichnete Gruppen in den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts die große Völkerwanderung auslöste, wobei die Gründe für den Hunneneinfall unklar sind; vielleicht spielte nur Beutelust eine Rolle, in Frage kommen aber auch andere Gründe (z. B. Nahrungsmittelknappheit). Über die genauen Hintergründe sowie über die genaue Herkunft dieser Hunnen sind jedoch nur Spekulationen möglich. Unter ihrem Führer Balamir (oder Balamber, dessen Historizität aber zweifelhaft ist) überschritten die Hunnen die Wolga. Dort zerschlugen sie ca. 374 das Reich der Alanen im Gebiet der Wolga und des Kaukasus und schlossen ein Bündnis mit ihnen. In der heutigen Ukraine zerstörten sie 375 das Reich der Greutungen Ermanarichs (vgl. vor allem Ammianus Marcellinus, 31, 2f.). Teile der Greutungen flohen jedoch vor dem Zugriff der Hunnen nach Westen.[20]

In der Folgezeit erreichten die Hunnen die Grenzen des oströmischen Reiches, so dass der Großteil der Terwingen sich gezwungen sah, über die Donau ins Römische Reich zu fliehen. Die Hunnen sollen einen furchterregenden Eindruck gemacht haben: Bei ihnen war es nach Angaben des Geschichtsschreibers Jordanes Sitte, den männlichen Kleinkindern die Gesichter zu zerschneiden, um den Bartwuchs zu verhindern. Die Krieger schmierten sich Schwarzerde in die Kampfwunden, damit sich dort dickhäutige Narben bildeten. Auch praktizierten sie die Sitte der Schädeldeformation, weshalb viele Hunnen hohe Turmschädel aufwiesen. Derartig deformierte Schädel wurden sowohl in Thüringen als auch am Talas (Kirgisistan) gefunden. Der Oberkopf wurde als äußeres Zeichen ihrer Unterwerfung kahlgeschoren.

Bezüglich der Kampftechnik zu Pferde waren die Hunnen zumindest teilweise überlegen und konnten flexibel agieren, allerdings gelang es den Hunnen nie ein römisches Feldheer vernichtend zu schlagen; alles in allem ist die hunnische Bedrohung denn auch nicht zu überschätzen.[21] Wie der Hunnenfeldzug 451 nach Gallien zeigte, konnten römisch geschulte Kampfverbände den Hunnen notfalls effektiv entgegentreten.

Hunnische Führungsprobleme[Bearbeiten]

Die Hunnen hatten zunächst keine umfassend anerkannte Führungsspitze. So stellten sie keine besondere Gefahr dar und konnten sogar gruppenweise an diversen Orten in römischen Sold genommen werden.

Bekannt wurden die Anführer Basich und Kursisch, die 395 über den Kaukasus kamen und römisches wie persisches Gebiet zwischen Antiochia und Ktesiphon plünderten, bis sie von den Persern geschlagen wurden. Später suchten sie in Rom um ein Bündnis nach. Im gleichen Zeitraum spielte sich Uldin als Anführer der Hunnen gegenüber den Römern in den Vordergrund. Der nächste Anführer scheint Charaton gewesen zu sein. Er ist für 412/13 belegt.

Greifbarer werden die nächsten Anführer, die Brüder Mundzuk, Oktar und Rua. Nach Oktars Tod 430, regierte Rua über einen großen Teil der europäischen Hunnen; Mundzuk war offenbar bereits zuvor verstorben. Rua war der erste, der eine einheitliche Führung der Hunnen gewährleisten konnte, was sich in einer energischeren Außenpolitik niederschlug. Allerdings regierte er (ebenso wie sein Nachfolger Attila) nie über alle Hunnen. Die Römer einigten sich mit ihm auf einen Waffenstillstand und mussten Tributzahlungen leisten. Hunnische Söldner dienten dem weströmischen Feldherrn Flavius Aëtius im Krieg gegen die Burgunden 436 (historischer Kern Nibelungensage). Die wiederholt in den Quellen belegten Geldzahlungen der Römer an hunnische Führer im 5. Jahrhundert waren für die Hunnen immens wichtig, denn sie waren zwingend darauf angewiesen, durch materielle Zuwendungen an die eigenen Gefolgsleute den Herrschaftsverband zusammenzuhalten. Andererseits waren die Römer an möglichst stabilen Verhältnissen im außerrömischen Barbaricum interessiert, um so die Gefahr von feindlichen Angriffen aus diesem Raum zu reduzieren. Allerdings stellten die oströmischen Kaiser die Tributzahlungen immer wieder ein, da sie prinzipiell nicht daran interessiert sein konnten, als untergebene Partei zu erscheinen.

Attila[Bearbeiten]

Nach dem plötzlichen Tode Ruas 434 wurde das Reich zwischen seinen Neffen bzw. Mundzuks Söhnen Bleda und Attila geteilt, die aber weiterhin gemeinsam regierten. Zu einem nicht ganz geklärten Zeitpunkt Ende 444/Anfang 445 wurde Bleda von Attila ermordet.

Unter der Herrschaft Attilas erreichte die Macht der Hunnen ihren Höhepunkt, wenngleich Attila nie über alle Hunnen herrschte und seine Kontrolle wohl eher indirekter Natur war, indem er die wichtigsten Anführer der unterworfenen Völker an seinen Hof band. Mitte des 5. Jahrhunderts begannen die Hunnen im Balkanraum sesshaft zu werden: Das Hauptsiedlungsgebiet des Volkes lag zwischenzeitlich in der Theißebene, wo Attila seinen Heersitz hatte. Attila bekam einen Palast aus Holz, von Pfählen umzäunt, auch wenn die Hunnen immer noch im Zelt lebten. Ein vornehmer Hunne namens Onegesios badete sogar in seinem eigenen Bad, die Ausnahme schlechthin. Ein eindrucksvoller Bericht über Attilas Herrschaftssitz liegt von dem oströmischen Gesandten Priskos vor, der 449 an den Hunnenhof reiste. Es gab eine bestimmte Rangordnung am Hof: Verdiente Leute (logades) wurden dank römischen Goldes mit Pensionen versorgt, hatten Güter oder Vorrechte – so z.B. durfte der einflussreiche Onegesios seine Gefangenen behalten. Ebenso unterhielt Attila eine (wenngleich sicherlich sehr rudimentäre) Hofverwaltung; so fungierte der Römer Orestes als sein Sekretär.

Attila war wie andere hunnische Herrscher vor ihm auf Beutegewinne bzw. Tributzahlungen zwingend angewiesen, um seine Machtstellung zu behaupten. In den Jahren zwischen 441/42 und 447 verwüstete Attila weite Teile des grenznahen römischen Balkanraums und eroberte unter anderem die Städte Singidunum, Serdica und Ratiaria. Er zwang den damaligen oströmischen Kaiser Theodosius II. zu hohen Tributzahlungen. Kaiser Markian jedoch stellte (wie schon mehrfach Theodosius II.) die Tributzahlungen ein, diesmal endgültig; Attila musste sich nach einer neuen Quelle umsehen, zumal die europäischen Provinzen Ostroms bereits verwüstet waren.

Dieses Diagramm zeigt die Wege, die von den Hunnen wahrscheinlich bei ihrer Invasion Galliens 451 benutzt wurden, und die Schicksale der Städte auf ihrem Weg.

Attila zog im Frühjahr 451 gegen Westrom: Er marschierte quer durch „Germanien“ und traf in Gallien auf seinen einstigen Verbündeten Flavius Aëtius, den weströmischen magister militum per Gallias. Dieser war zwischenzeitlich mit den Stammeskönigen der Franken, Burgunden und Westgoten verbündet und schlug Attila und dessen ostgotische, gepidische u.a. untergebene Kriegergruppen in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Juni 451 zurück. Die Schlacht endete ohne klaren Sieger. Beide Seiten hatten schwere Verluste erlitten, aber die Moral der Hunnen war erschüttert, zumal Attila den Rückzug antreten musste.

Attila zog dann nach Italien und verwüstete mehrere Städte (u.a. Aquileia), musste sich dann aber in die Ungarische Tiefebene zurückziehen; die angebliche Begegnung mit Papst Leo dem Großen, der Attila davon abgehalten haben soll, Rom zu plündern, ist vielleicht nicht historisch. Aber im Grunde stellte Attila bereits seit seinem Rückzug aus Gallien keine ernsthafte Gefahr mehr dar. Auch Ostrom lehnte weitere Tributzahlungen ab; gleichzeitig griffen oströmische Truppen hunnisches Gebiet an.[22]

Verfall und Untergang[Bearbeiten]

Im Jahre 453 heiratete Attila die Gotin Ildico und starb bereits in der Hochzeitsnacht, laut Überlieferung an einem Blutsturz. Nun begann der rasche Verfall des Hunnenreichs Attilas. Durch innere Auseinandersetzungen (Abfall der Gepiden, Ostgoten und anderen) um 454/55 stark zerrissen, verloren sie endgültig ihre Schlagkraft. Ellac fiel 454 in der Schlacht am Nedao, Dengizich 469 im Krieg gegen Ostrom. Hunnen dienten später noch als Söldner, etwa für Ostrom (während der Kriege Justinians wurden sie unter anderem von Belisar eingesetzt).

Die Hunnen gingen nun in anderen Völkern auf. Ein Teil von ihnen (unter Ernak) wurde unter römischer Oberherrschaft in der späteren Dobrudscha angesiedelt. Andere ließen sich an der heutigen serbisch-bulgarischen Grenze nieder und gingen später in der dortigen Bevölkerung auf. An den Läufen der unteren Wolga siedelten noch Reste der Hunno-Bulgaren. Vereinzelte hunnische Volkssplitter wurden noch in den Jahren zwischen 539 und 540 von oströmischen Geschichtsschreibern erwähnt, als diese bis nach Korinth und Konstantinopel vorstießen. Die Oströmer/Byzantiner hetzten schließlich ihre Fürsten Sandilch (Utiguren) und Zabergan (Kutriguren) 558/59 aufeinander, dazu griffen die Awaren an. Auch die Sabiren, die im 6. Jahrhundert nördlich des Kaukasus saßen, wurden von den Awaren unterworfen. In den Quellen wurden nun andere pontische Steppenvölker als Hunnen bezeichnet.

Materielle Kultur der europäischen Hunnen[Bearbeiten]

Beschläge hunnischer Zügel, 4. Jh.

Als typisches Kennzeichen der Hunnen Europas gelten runde bronzene Metallspiegel, der wohl von den Chinesen übernommen wurden[23] und den Toten als Grabbeigabe mitgegeben wurden. Genauso wie eigentümliche große Kupferkessel (bis 50 kg schwer, am Rand mit Schuppen verziert), die ebenfalls aus China stammten[24] und wahrscheinlich als Opfergefäße verwendet wurden. Diese Bronzekessel fanden sich in Ungarn ebenso wie in Rumänien, Kasachstan, Russland samt Permgebiet und in Minussinsk. Charakteristische hunnische Ziermotive sind der Lebensbaum und Raubvögelköpfe, vor allem der Adler erfreute sich bei den Hunnen großer Beliebtheit, wie bei den iranischen Steppenvölkern (Sarmaten, Alanen), von denen auch die Goten und andere Germanenstämme das Adlermotiv übernommen hatten.

Die Hunnen kämpften meist beritten und nur leicht gerüstet mit dem enorm durchschlagskräftigen Kompositbogen,[25] für den Nahkampf verwendeten sie Schwerter und Speere.[26] Hunnische Gräber sind in der Regel Einzelgräber. Oftmals wurden den hunnischen Kriegern verschiedene Grabbeigaben mitgegeben, wobei dies je nach Rangstellung variieren konnte.[27] Darunter waren vor allem Waffen, die teils besonders kostbar gefertigt waren. Bei besonders hohen Würdenträger scheinen auch Pferde geopfert zu sein. Typisch für hunnische Frauen waren große Ohrringe, die Vornehmen unter ihnen trugen Stirnbänder aus Gold, verziert mit rotem Almandin und Perlmutteinlagen.

Religion[Bearbeiten]

Der Großteil der Hunnen hatte zu Zeiten Attilas unverändert eine naturverbundene Religion, wie zu jener Zeit, als sie aus Asien kamen.[28] Man übte Wahrsagung und Schamanismus aus, wobei die Schamanen am Namenskürzel „-kam“ (Atakam, Eskam) zu erkennen waren. Eingeweideschau und Schulterblattschau als Mittel der Vorhersage sind überliefert, wobei Jordanes nicht angab, ob die Schulterblätter dabei wie in Asien im Feuer erhitzt wurden. Die Naturkräfte waren göttlich. So wuschen die Hunnen sich und ihre Kleider bis auf wenige Ausnahmen (Attila selbst) nicht. Möglicherweise galt auch das fließende Wasser (wie etwa bei den Mongolen) als lebendig und musste entsprechend rein gehalten werden.

Für die Hunnen war der Herrscher gottähnlich, denn er sah sich von Gott zum Herrscher und König ernannt und wurde mit der Sonne verglichen. Jedenfalls vertrat man gegenüber einem römischen Vermittler die Gottähnlichkeit Attilas, der aber zumindest gegenüber seinen Hunnen ein bescheidenes Äußeres pflegte.

Es gibt auch Hinweise auf erfolgreiche christliche Missionierungsversuche bei den Hunnen. Allerdings zeugen die unverändert anhaltenden Plünderungen – und die damit verbundenen Gewalttaten in Kirchen – davon, dass es sich hierbei bloß um römische Wunschträume handelte. Es gab zwar nach wie vor eine sesshafte christliche Bevölkerung im hunnisch besetzten Pannonien, aber die Hunnen übernahmen offensichtlich nicht den Glauben der Besiegten.

An Kultgegenständen gab es Idole aus Gold und Elektron wie bei den Sarmaten und Alanen, des Weiteren Amulette und schamanistisch geprägte Masken. Einige Idole wurden vom Hunnenführer Grod um 528 eingeschmolzen, um Münzen herzustellen, was seine Hinrichtung durch seinen Bruder zur Folge hatte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. 5 Bände. de Gruyter, Berlin 1959–1962 (älteres und teils überholte Sammlung von Fachbeiträgen).
  • Bodo Anke, Walter PohlHunnen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 15, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016649-6, S. 246–261 (einführender Fachartikel).
  • Bodo Anke: Studien zur reiternomadischen Kultur des 4. bis 5. Jahrhunderts (= Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Bd 8). 2 Bände (Bd. 1: Text & Karten. Bd. 2: Katalog & Tafeln.). Beier und Beran u. a., Weissbach u. a. 1998, ISBN 3-930036-11-8 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 1995).
  • Bodo Anke, Heike Externbrink (Red.): Attila und die Hunnen. Begleitbuch zur Ausstellung. Herausgegeben vom Historischen Museum der Pfalz Speyer. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-930239-18-4.
  • István Bóna: Das Hunnenreich. Corvina, Budapest 1991, ISBN 963-13-3356-6 (vor allem aufgrund der Einbeziehung archäologischer Erkenntnisse lesenswert).
  • Gerhard Doerfer: Zur Sprache der Hunnen. In: Central Asiatic Journal. Bd. 17, Nr. 1, 1973, ISSN 0008-9192, S. 1–50, online.
  • Peter J. Heather: The Huns and the End of the Roman Empire in Western Europe. In: The English Historical Review. Bd. 110, Nr. 435, 1995, S. 4–41, doi:10.1093/ehr/CX.435.4.
  • Christopher Kelly: Attila the Hun. Barbarian Terror and the Fall of the Roman Empire. Bodley Head, London 2008, ISBN 978-0-224-07676-0.
  • Hyun Jin Kim: The Huns, Rome, and the Birth of Europe. Cambridge University Press, Cambridge 2013.
  • Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-02175-4 (aktueller Überblick zu den Hunnen und dem Zeitalter Attilas).
  • Otto J. Maenchen-Helfen: Die Welt der Hunnen. Herkunft, Geschichte, Religion, Gesellschaft, Kriegführung, Kunst, Sprache. Deutsch-sprachige Ausgabe besorgt von Robert Göbl. VMA-Verlag, Wiesbaden 1997, ISBN 3-928127-43-8 (deutsche Erstauflage 1978. Standardwerk, teils lückenhaft, deutsche Fassung auf neuerem Stand).
  • Wilfried Menghin, Tobias Springer, Egon Wamers (Hrsg.): Germanen, Hunnen und Awaren. Die Archäologie des 5. und 6. Jahrhunderts an der mittleren Donau und der östlich-merowingische Reihengräberkreis. Schätze der Völkerwanderungszeit (= Ausstellungskataloge des Germanischen Nationalmuseums.). Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1987, ISBN 3-9801529-4-4.
  • Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-89678-342-4.
  • Timo Stickler: Die Hunnen (= Beck'sche Reihe. 2433 C. H. Beck Wissen). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-53633-5 (kompakte Einführung in die Geschichte der Hunnen; Besprechung bei H-Soz-u-Kult).
  • Edward A. Thompson: The Huns. Revised. Blackwell, Oxford u. a. 1996, ISBN 0-631-21443-7 (Werk aus den 1940er Jahren, erschien in zahlreichen Auflagen, mit einem Nachwort von Peter Heather).
  • Gerhard Wirth: Attila. Das Hunnenreich und Europa (= Urban-Taschenbücher. 467). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1999, ISBN 3-17-014232-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hunnen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Hunnen Literaturhinweise bei der Studienhilfe zur Archäologie und Kunst Mittelasiens.
  • Hunnen. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica (englisch, inkl. Literaturangaben)

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Siehe allgemein die fachwissenschaftlichen Beiträge in dem Ausstellungskatalog Bodo Anke, Heike Externbrink (Red.): Attila und die Hunnen. Stuttgart 2007.
  2. So Maenchen-Helfen: Die Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997, S. 255 ff. (ein großer Teil der Hunnen sei turksprachig gewesen). Einschränkend Omeljan Pritsak: The Hunnic Language of the Attila Clan. In: Harvard Ukrainian Studies. Bd. 6, Nr. 4, 1982, S. 428–476, speziell S. 470 f., Digitalisat (PDF; 7,13 MB), (keine Turksprache, aber eng verwandt). Vgl. allgemein die Literaturhinweise (zustimmende und ablehnende) bei Timo Stickler: Aëtius. Gestaltungsspielräume eines Heermeisters im ausgehenden Weströmischen Reich (= Vestigia. Bd. 54). Beck, München 2002, ISBN 3-406-48853-6, S. 92, Anmerkung 469 (zugleich: Würzburg, Universität, Dissertation, 2000).
  3. Gerhard Doerfer: Zur Sprache der Hunnen. In: Central Asiatic Journal. Bd. 17, Nr. 1, 1973, S. 1–50. Skeptisch bezüglich einer genauen Zuordnung ist unter anderem Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 23.
  4. Vgl. etwa Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff.
  5. Ptolemaios 3,5,10.
  6. Wolfgang Felix: Chionites. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. Band 5 (1992), S. 485–487 (online).
  7. Vgl. Martin Schottky: Huns. In: Encyclopedia Iranica; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff.
  8. Gerhard Doerfer: Zur Sprache der Hunnen. In: Central Asiatic Journal. Bd. 17, Nr. 1, 1973, S. 1–50.
  9. Vgl. Widukind von Corvey, Rerum gestarum Saxonicarum libri tres. 1,18.
  10. Hans Naumann: Der Braunschweiger Löwe. In: Wandlung und Erfüllung. Reden und Aufsätze zur germanisch-deutschen Geistesgeschichte. Metzler, Stuttgart 1933, S. 93–94, hier S. 93.
  11. David A. Graff: Medieval Chinese warfare, 300–900. Routledge, London u. a. 2002, ISBN 0-415-23954-0, S. 39 f.
  12. Vgl. etwa Denis Crispin Twitchett, Michael Loewe (Hrsg.): The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han empires. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1986, ISBN 0-521-24333-5, S. 383 ff.
  13. Étienne de La Vaissière: The Steppe World and the Rise of the Huns. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge 2014, S. 175 ff.
  14. Vgl. Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt 2009, S. 52.
  15. Kai Vogelsang: Geschichte Chinas. 3. durchgesehene und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2013, S. 144.
  16. Vgl. Bodo Anke, Walter Pohl: Hunnen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 15, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016649-6, S. 246–261.
  17. Vgl. Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 20–26.
  18. Ammianus Marcellinus 31,2,1.
  19. Priskos, Fragment 1; Prokopios von Caesarea, Bella 4,5; Agathias 5,11.
  20. Vgl. zur folgenden Geschichte die einschlägigen Handbücher zur Spätantike sowie Maenchen-Helfen: Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997; allgemein und recht aktuell etwa Peter Heather: The Fall of the Roman Empire. Pan Books, London u. a. 2005, ISBN 0-330-49136-9, S. 145 ff.
  21. Vgl. Christopher Kelly: Neither Conquest Nor Settlement: Attila’s Empire and Its Impact. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge 2014, S. 193–208, hier S. 207.
  22. Vgl. Peter Heather: The Fall of the Roman Empire. Pan Books, London u. a. 2005, ISBN 0-330-49136-9, S. 333 ff.
  23. István Bóna: Das Hunnenreich. Budapest 1991, S. 43.
  24. István Bóna: Das Hunnenreich. Budapest 1991, S. 140ff.
  25. István Bóna: Das Hunnenreich. Budapest 1991, S. 167ff.
  26. István Bóna: Das Hunnenreich. Budapest 1991, S. 175f.
  27. István Bóna: Das Hunnenreich. Budapest 1991, S. 180ff.
  28. Zur Religion der Hunnen vgl. Maenchen-Helfen: Die Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997, S. 189 ff.