Idebenon

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Strukturformel
Strukturformel von Idebenon
Allgemeines
Freiname Idebenon (im Englischen Idebenone)
Andere Namen

2-(10-hydroxydecyl)-5,6-dimethoxy-3-methyl-cyclohexa-2,5-dien-1,4-dion

Summenformel C19H30O5
Kurzbeschreibung

gelbes Pulver[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 58186-27-9
PubChem 3686
Wikidata Q4197874
Arzneistoffangaben
ATC-Code

N06BX13

Wirkstoffklasse

Antioxidantien

Eigenschaften
Molare Masse 338,439 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

52- 55 °C[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze [1]
Toxikologische Daten

10.000 mg·kg−1 (LD50Ratteoral)[1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Idebenon (Handelsname Raxone®; Hersteller Santhera Pharmaceuticals) ist ein verschreibungspflichtiger Arzneistoff aus der Gruppe der Antioxidantien, der seit Oktober 2015 zur Behandlung von Leberscher Optikusatrophie (LHON) bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren eingesetzt werden kann.[2][3][4] Die Europäische Kommission hatte Idebenon im September 2015 als ersten genehmigten Wirkstoff in allen 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), Norwegen, Island und Liechtenstein zur Behandlung bei LHON zugelassen.[5]

LHON ist eine seltene mitochondriale Erbkrankheit mit einer Häufigkeit von ungefähr 2/100.000 in Europa.[6] Idebenon wurde bereits im Februar 2007 als Orphan Drug (Arzneimittel für seltene Leiden) ausgewiesen.[3] Professor Hartmut Morck, Marburg, spricht in der Pharmazeutischen Zeitung (PZ) in seiner Bewertung von einer "Sprunginnovation".[7]

Der Hersteller Santhera untersucht Idebenon noch für zwei weitere Anwendungsbereiche. Im April 2015 gewährte die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) Idebenon den fast track status für die Indikation Duchenne-Muskeldystrophie (DMD).[8] Der Zulassungsantrag in Europa wurde im Juni 2016 eingereicht.[9] Für die Indikation Primär progrediente MS (PP-MS) wird in den USA eine Phase-II-Studie durchgeführt.[10]

Klinische Angaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anwendungsgebiete (Indikationen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raxone wird zur Behandlung von Sehstörungen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit Leberscher Hereditärer Optikus-Neuropathie (LHON) eingesetzt.[11]

Art und Dauer der Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die empfohlene Dosis beträgt dreimal täglich zwei Tabletten, die mit fetthaltiger Nahrung einzunehmen sind. Die Behandlung sollte fachärztlich durchgeführt werden.

Unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufige Nebenwirkungen sind kombinierte Nasen-Rachenentzündungen und Husten. Durchfall und Rückenschmerzen treten ebenfalls öfter auf.

Pharmakologische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirkungsmechanismus (Pharmakodynamik)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Idebenon ist ein Antioxidans, das auf die Mitochondrien wirkt. Die Patienten weisen Mutationen in deren genetischen Material auf. Das heißt, dass die Mitochondrien bei der Energieproduktion Funktionsstörungen aufweisen und toxische Formen von Sauerstoff (freie Radikale) bilden, die die Netzhautzellen im Auge schädigen. Idebenon soll helfen, die Energieproduktion durch die Wiederherstellung der Funktion der Mitochondrien zu verbessern, und somit Zellschädigung und Visusverlust vorzubeugen.[3]

Zulassungsaspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Idebenon wurde in der Zulassungsstudie (LHON), an der 85 Patienten teilnahmen, untersucht, in der es 24 Wochen lang mit Placebo verglichen wurde. Das Hauptaugenmerk für eine Wirksamkeit lag auf einer Visusverbesserung. Hauptsächlich wurden Tests mit Standard-Optotypen durchgeführt, die die Patienten im Rahmen eines Sehtests auf einer Sehprobentafel lesen sollten. Bis zum Ende der Studie konnten die mit Idebenon behandelten Patienten, verglichen mit den Patienten, die Placebos erhielten, im Durchschnitt 3 bis 6 Sehzeichen mehr erkennen. Des Weiteren konnten einige hochgradig geschädigte Patienten nach der Behandlung im Rahmen des Sehtests zumindest eine Zeile lesen, was ebenfalls als klinisch relevant erachtet wurde. 30 % der mit dem Arzneistoff behandelten Patienten (16 von 53) erzielten eine klinisch relevante Verbesserung der Sehkraft auf mindestens einem Auge, verglichen mit 10 % der Patienten (3 von 29) in der Placebogruppe.[3]

  • RHODOS Zulassungsstudie (LHON): Thomas Klopstock, et al.: A randomized placebo-controlled trial of idebenone in Leber’s hereditary optic neuropathy. In: Brain. Band 134, Nr. 9, September 2011, S. 2677–2686, doi:10.1093/brain/awr170.
  • RHODOS-OFU: Thomas Klopstock, et al.: Persistence of the treatment effect of idebenone in Leber’s hereditary optic neuropathy. In: Brain. Band 136, Nr. 2, Februar 2013, S. e230–e230, doi:10.1093/brain/aws279.
  • DELOS (DMD): Gunnar M Buyse, et al.: Efficacy of idebenone on respiratory function in patients with Duchenne muscular dystrophy not using glucocorticoids (DELOS): a double-blind randomised placebo-controlled phase 3 trial. In: The Lancet. Band 385, Nr. 9979, Mai 2015, S. 1748–1757, doi:10.1016/S0140-6736(15)60025-3.
  • Zur Pharmakodynamik: Roman H Haefeli, et al.: NQO1-Dependent Redox Cycling of Idebenone: Effects on Cellular Redox Potential and Energy Levels. In: PLOS ONE. Band 6, Nr. 3, März 2011, S. e17963, doi:10.1371/journal.pone.0017963.
  • Zur Pharmakodynamik: Michael Erb, et al.: Features of Idebenone and Related Short-Chain Quinones that Rescue ATP Levels under Conditions of Impaired Mitochondrial Complex I. In: PLOS ONE. Band 7, Nr. 4, April 2012, S. e36153, doi:10.1371/journal.pone.0036153.

Im Rahmen bisheriger Studien erzielte Raxone® bei mindestens 1 von 2 Patienten mit guter Restsehkraft auf mindestens einem Auge eine Stabilisierung der Sehschärfe (Clinically Relevant Stabilization, CRS) (Klopstock T et al., Brain, 134:2677–2686, 2011; Metz G et al., „EUNOS“, Ljubljana, 2015). Ebenso bewirkte das Arzneimittel bei 1 von 3 Patienten, der bis zu 5 Jahre nach Symptombeginn behandelt wurde, eine klinische relevante Erholung des Sehvermögens (Clinically Relevant Recovery, CRR). Eine CRR war dabei definiert als eine Verbesserung vom off-Chart Bereich (ETDRS-Skala) auf mindestens 5 Buchstaben on-chart (entspricht 1 Zeile) oder eine Verbesserung von mindestens 10 Buchstaben on-chart (entspricht 2 Zeilen) (Hasham et al., „ARVO“, Seattle, 2016.). Diese Belege der Wirksamkeit betrachtet und aus der (hier sprichwörtlichen) Sicht von Patienten beurteilt, bedeutet das für einige Patienten sogar wieder lesen zu können! (off-chart zu on chart). Dies als „geringgradige Leistungsverbesserung“ zu bezeichnen dürfte bei Betroffenen sicherlich ebenso zu Protest führen, wie die Aussage „bei einigen Patienten“, wo doch eine CRS für 50 % bzw. eine CRR für 30,2 % der behandelten Patienten vorliegt.

Frühe Nutzenbewertung (AMNOG)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 müssen sich neu zugelassene Medikamente mit neuen Wirkstoffen in Deutschland aufgrund § 35a SGB V (AMNOG) einer „frühen Nutzenbewertung“ durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unterziehen. Dies gilt auch für Idebenon.

Der G-BA hat Raxone im Rahmen des AMNOG-Verfahrens bewertet und das Ausmaß des Zusatznutzens als „nicht quantifizierbar“ eingeschätzt. Die stark limitierte Evidenzlage zur LHON ist der Seltenheit der Erkrankung geschuldet. Mit einer Prävalenz der LHON zwischen 2,06 und 4,30 pro 100.000 Personen tritt diese Erkrankung in Deutschland äußerst selten auf und erfordert für klinische Studien einen hohen Aufwand zur Rekrutierung von Patienten. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat unter Anerkennung der Studien-Situation eine Zulassung unter „außergewöhnlichen Umständen“ erteilt. Das bedeutet, dass es aufgrund der Seltenheit der Erkrankung nicht möglich war, vollständige Informationen zu diesem Arzneimittel zu erhalten. Im Rahmen des Risikomanagement wird die EMA alle neuen Informationen, die verfügbar werden, jährlich bewerten, und falls erforderlich, die Packungsbeilage aktualisieren.[12][13]

Raxone hat inzwischen wie alle neu eingeführten Arzneimittel in Deutschland das AMNOG Verfahren durchlaufen. Im Rahmen dieses Verfahrens haben der GKV-Spitzenverband und Santhera einem einheitlichen Erstattungsbetrag für Raxone zugestimmt. Im Rahmen der Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband zum Erstattungsbetrag wurde für die Verordnung von Raxone auch eine Praxisbesonderheit vereinbart.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Datenblatt Idebenone, ≥98% (HPLC) bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 21. November 2015 (PDF).
  2. Summary of the European public assessment report (EPAR) for Raxone, der EMA (engl.), abgerufen am 18. November 2015
  3. a b c d Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit der EMA (dt.), abgerufen am 18. November 2015
  4. Santhera bringt Raxone® im ersten EU-Land auf den Markt, PM Santhera vom 1. Oktober 2015, abgerufen am 18. November 2015
  5. Santhera erhält europäische Marktzulassung für Raxone® bei Leber Hereditärer Optikusneuropathie (LHON), PM Santhera vom 9. September 2015, abgerufen am 18. November 2015
  6. Meta-analysis of the prevalence of Leber hereditary optic neuropathy mtDNA mutations in Europe, Eur J Ophthalmol 2012; 22(3): 461–465, doi:10.5301/ejo.5000055.
  7. Eine Handvoll neuer Wirkstoffe, PZ 45/2015, abgerufen am 3. Februar 2016
  8. Duchenne Muscular Dystrophy auf der Website des Herstellers, abgerufen am 18. November 2015
  9. Santheras Zulassungsantrag für Raxone® bei Duchenne - Muskeldystrophie (DMD) durch die Europäische Arzneimittelbehörde validiert, PM Santhera vom 21. Juni 2016, abgerufen am 7. September 2017
  10. Primary Progressive Multiple Sclerosis auf der Website des Herstellers, abgerufen am 18. November 2015
  11. Fachinfo Raxone, abgerufen am 7. September 2017
  12. Beschlüsse über die Nutzenbewertung von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen nach § 35a SGB V – Idebenon, Beschluss des G-BA vom 17. März 2016, abgerufen am 7. September 2017
  13. Summary of the risk management plan (RMP) for Raxone ( idebenone ) Risikomanagementplan der EMA (engl.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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