Lebersche Optikusatrophie

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Klassifikation nach ICD-10
H47.2 Optikusatrophie
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Lebersche Optikusatrophie (Synonym: Leber hereditary optic neuropathy (LHON), Lebersche Optikusneuropathie, Lebersche hereditäre Optikusatrophie oder Leber Optikusatrophie) ist eine seltene, neurodegenerative Erbkrankheit der Ganglienzellen des Sehnerven und gehört zur Gruppe der Mitochondriopathien. Einem anfänglich oft einseitigen Beginn folgt innerhalb eines Zeitraums von maximal neun Monaten in der Regel auch die Erkrankung des anderen Auges.[1]

Im Verlauf der Krankheit kommt es zum Schwund (Degeneration) von Fasern des Nervus opticus, insbesondere in seinem temporalen Bereich.[2] Dies führt zu verminderter Wahrnehmung der Farben Rot und Grün, zentralen Gesichtsfeldausfällen mit entsprechendem Verlust der Sehschärfe und früher oder später zur Erblindung. Die Funduskopie zeigt einen typischen Befund des Augenhintergrundes mit Pseudopapillenödem und abgeblasster Papille, Arterienerweiterungen und peripapillären Teleangiektasien. Ein vollständiger Sehschärfenverlust kann bereits unmittelbar bei Krankheitseintritt vorliegen oder sich über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren kontinuierlich entwickeln. Die Aussicht auf eine Wiederherstellung des Visus ist gering. In schweren Fällen können zusätzliche neurologische und kardiologische Symptome auftreten.

Die Häufigkeit (Prävalenz) der Leberschen Optikusatrophie liegt bei etwa 1:50.000.[1] Andere Quellen sprechen von 1:100.000[3] Betroffen sind vor allem Männer zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Bei Frauen und Kindern ist die Krankheit weit weniger verbreitet. Sie kann nur von Frauen an ihre Kinder vererbt werden (maternal), nicht jedoch von erkrankten Männern oder solchen, die zwar Erbträger sind, ansonsten jedoch klinisch gesund. Als Ursache wird ein Defekt im Komplex I der Atmungskette vermutet.[1] Der Defekt beruht auf Punktmutationen der Positionen 3460, 11778 und 14484 des mitochondrialen Genoms.[4] Die Diagnosestellung erfolgt anhand des klinischen Bildes und erfordert einen molekulargenetischen Nachweis der Punktmutation. Nicht selten wird zu Beginn der Krankheit eine Retrobulbärneuritis angenommen. Es existierte bislang keine etablierte Therapie. An einer wirksamen Behandlung wurde intensiv geforscht.[5][6] Seit Oktober 2015 ist ein erstes zugelassenes Präparat in Deutschland erhältlich.[7]

Die Lebersche Optikusatrophie wurde benannt nach dem deutschen Augenarzt Theodor Carl Gustav von Leber, der die Krankheit erstmals Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb.[8]

Klinisches Bild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Subjektive Anzeichen bestehen zu Beginn der Erkrankung in einem Nachlassen der Farberkennung für Rot und Grün, gefolgt vom Verlust der zentralen Sehschärfe. Durch das Zentralskotom versuchen Patienten oft, mit parafoveolaren Netzhautstellen einen Gegenstand zu betrachten, was den Eindruck erweckt, sie würden an dem Objekt vorbeisehen. In etwa der Hälfte der Fälle beginnt die Lebersche Optikusatrophie einseitig und befällt dann in einem Zeitraum von Tagen bis Monaten auch das andere Auge. Die Endsehschärfe, die sich nach maximal etwa zwei Jahren einstellt, liegt bei rund 2-5 Prozent. Die Ableitung eines Muster-VEP liefert in der Regel für alle Mustergrößen keine signifikanten Reizantworten.[9]

Der Augenhintergrund weist anfangs im akuten Stadium eine abgeblasste Papille auf, die auch bei anderen Krankheiten des Sehnervenkopfes auftreten und bei Fehlen einer molekulargenetischen Abklärung nicht selten zu einer anfänglichen Fehldiagnose und -behandlung führen kann. Es kommt im weiteren Verlauf zu Hyperämie, Erweiterung der Arteriolen, geschlängelten Gefäßen und peripapilläre Teleangiektasien. Die perimetrischen Untersuchungen zeigen ein deutliches zentrales Farbskotom für Rot und Grün, gefolgt von einem relativen, später absoluten Zentralskotom für Weiß. Durch die primäre Degeneration der Netzhaut und des Sehnerven kann es zu Sekundärveränderungen am Tractus opticus und im Corpus geniculatum laterale kommen.[2]

Da eine negative Auswirkung von blausäurehaltigen Stoffen auf den Krankheitsverlauf vermutet wird, ist der Verzicht auf Tabak, Alkohol und sonstige blausäurehaltige Lebensmittel (Nüsse, Bittermandeln, Kohl etc.) angezeigt.

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Diagnose von LHON wird in der Regel durch Neuroophthalmologen an Augenzentren durchgeführt. Differentialdiagnostisch ist unter anderem die Abklärung einer Optikusneuritis im Zusammenhang mit einer Multiplen Sklerose durch einen Neurologen von Bedeutung. Am schnellsten lässt sich eine Verdachtsdiagnose durch einen genetischen Test erhärten.[10][11]

Differentialdiagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abzugrenzen sind unter anderem das Rosenberg-Chutorian-Syndrom und das Hagemoser-Weinstein-Bresnick-Syndrom.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Oktober 2015 ist zur Behandlung von Sehstörungen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren, die an LHON erkrankt sind, der Wirkstoff Idebenon (Handelsname Raxone®; Hersteller Santhera Pharmaceuticals) in Deutschland im Handel.[7] Die Europäische Kommission hatte Raxone im September 2015 als erstes genehmigtes Medikament in allen 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), Norwegen, Island und Liechtenstein zur Behandlung bei LHON zugelassen.[12][13][14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albert J. Augustin: Augenheilkunde. Springer Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-540-30454-8.
  • A. Hufschmidt, C. H. Lücking, S. Rauer: Neurologie compact. Buch und CD-ROM: Leitlinien für Klinik und Praxis. Thieme-Verlag, 5. Auflage, 2009, ISBN 978-3-13-117195-5.
  • B. Leo-Kottler, B. Wissinger: Lebersche Optikusneuropathie. In: Der Ophthalmologe. 108, 2011, S. 1179–1194, doi:10.1007/s00347-011-2482-y.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Lebersche Optikusatrophie. In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
  2. a b Rudolf Sachsenweger: Neuroophthalmologie. Thieme Verlag, Stuttgart; 3. Auflage, (Januar 1983), Seite 110 ff. ISBN 978-3-13-531003-9.
  3. Leitlinie Nr. 25 des Bundesverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA) und der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG): Hereditäre Netzhaut-, Aderhaut- oder Sehbahn-Erkrankungen
  4. Lebersche Optikusatrophie. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
  5. Erste Therapiestudie zur LHON - aus: Der Augenspiegel, Klinik und Praxis in der Augenheilkunde. Ausgabe 04/2007.
  6. Studie: Hoffnung für LHON-Patienten - aus: Der Augenspiegel, Klinik und Praxis in der Augenheilkunde. Ausgabe 07-08/2011.
  7. a b Santhera bringt Raxone® im ersten EU-Land auf den Markt, PM Santhera vom 1. Oktober 2015, abgerufen am 18. November 2015
  8. Lebersche Optikusatrophie. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
  9. Retina Science - Hereditäre Netzhautdystrophien
  10. Mitochondriale Diagnostik, Friedrich-Baur-Institut an der Neurologischen Klinik und Poliklinik, abgerufen am 19. November 2015
  11. Nachweis der mitochondrialen Punktmutationen m.3460G>A (MT-ND1-Gen), m.11778G>A (MT-ND4-Gen) und m.14484T>C (MT-ND6-Gen) nach PCR und Sequenzierung Labor Lademannbogen MVZ GmbH, abgerufen am 19. November 2015
  12. Summary of the European public assessment report (EPAR) for Raxone, der EMA (engl.), abgerufen am 18. November 2015
  13. Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit der EMA (dt.), abgerufen am 18. November 2015
  14. Santhera erhält europäische Marktzulassung für Raxone® bei Leber Hereditärer Optikusneuropathie (LHON), PM Santhera vom 9. September 2015, abgerufen am 18. November 2015
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