Chemiepark Gendorf

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Der Chemiepark Gendorf (Eigenschreibweise Chemiepark GENDORF), ehemals Industriepark Werk Gendorf, liegt im oberbayerischen Burgkirchen an der Alz, mitten im Bayerischen Chemiedreieck. Er ist der größte Chemiepark Bayerns und Standort für über 30 Unternehmen aus den Bereichen Basis- und Spezialitäten-Chemie, Kunststoffe, Energieversorgung und Dienstleistungen.[1]

Der 188 Meter hohe Werkskamin des Chemieparks Gendorf, welcher auch als Sendeturm von „Radio ISW“ dient

Die produzierenden Standortunternehmen nutzen die gemeinsame Chemieparkinfrastruktur und sind durch einen Produktions- und Stoffverbund eng miteinander vernetzt. Am Standort sind ca. 4.000 Mitarbeiter beschäftigt; etwa 400 Menschen werden vor Ort ausgebildet.

Der Chemiepark Gendorf ist 197 Hektar groß. Eine Fläche von 50 Hektar steht für Ansiedlungen und Erweiterungen zur Verfügung. Die speziell auf die Chemieproduktion zugeschnittene Infrastruktur wird von der Betreibergesellschaft InfraServ Gendorf bereitgestellt.

Wegen zunächst gänzlich fehlender Abwasserbehandlung, später wegen technischer Defekte und der Produktion von Perfluoroctansäure bis 2003 gibt es am Standort erhebliche Umweltprobleme.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundsteinlegung des damaligen Anorgana-Werks Gendorf, ein Staats-Unternehmen unter der Regie des Großkonzerns I.G. Farben, erfolgte kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Wehrmacht benötigte eine Produktionsanlage für kriegswichtige Produkte, die 1939 im abgelegenen und deshalb gut zu tarnenden Gendorf gebaut wurde. Das sogenannte Bereitschaftswerk Gendorf stellte diverse kriegsrelevante Grundstoffe wie Frostschutzmittel, Vorprodukte für Sprengstoff, Chlor und Natronlauge her. Die eigentlich beabsichtigte Produktion von Senfgas kam wegen technischer Probleme zunächst nicht über Versuchsmengen hinaus. Bis Kriegsende sollen 2000 Tonnen hergestellt worden sein.[2] Während des Zweiten Weltkriegs setzte die deutsche Industrie in vielen Bereichen Zwangsarbeiter ein. Auch in Gendorf arbeiteten Zwangsarbeiter, darunter KZ-Häftlinge aus Dachau.[3] Kurz vor Kriegsende versuchten I.G.-Farben-Führungskräfte wie der später als Kriegsverbrecher verurteilte Chemiker Otto Ambros, die Rüstungsproduktion auf unverfängliche Produkte wie Seife umzustellen.

Auf Anordnung der Alliierten wurde der Betrieb in Gendorf nach Kriegsende dennoch eingestellt. Die Alliierten demontierten große Teile der Anlagen und der Infrastruktur. Das Werk Gendorf wurde anschließend als selbständige Firmeneinheit, „Independent Unit“, unter alliierter Kontrolle weitergeführt. Im Jahr 1953 erwarb der Freistaat Bayern das Werk Gendorf. 1955 erfolgte der Weiterverkauf des Werks an die Hoechst AG.[4]

Mit der seit 1993 begonnenen Umstrukturierung und späteren Abwicklung der Hoechst AG wurde das Werk Gendorf 1998 in einen Chemiepark umgewandelt, wobei die verschiedenen operativen Geschäftsbereiche der Hoechst AG in selbstständige Unternehmen überführt wurden.

Um Infrastruktur und Dienstleistungen am Standort sichern zu können, wurde als Betreibergesellschaft die InfraServ GmbH & Co Gendorf KG gegründet, die den Chemiepark Gendorf bis heute betreibt.

Standortunternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Chemiepark Gendorf ist (Stand 2017) Standort für über 30 Unternehmen.[5] Zu den bekanntesten Produktionsunternehmen zählen:

Umweltbelastung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie fast alle Standorte der chemischen Industrie hat auch Gendorf erhebliche Umweltprobleme. Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren im Grundwasser Produktions-Rückstände aus der NS-Zeit zu finden, da eigentlich geplante Abwasserleitungen zum Inn und Kläranlagen bis 1945 nie gebaut und die Abwässer somit in die wenig Wasser führende Alz geleitet wurden.[6] Für überregionales Aufsehen sorgte im März 2012 ein massives Fischsterben in der Alz. Wie sich herausstellte, war ein Waschmittelrohstoff, das Fettamin[7] Genamin LA 302 D, irrtümlich in eine Abluftreinigungsanlage gepumpt worden. Von dort soll es auf das Dach eines Produktionsbetriebes gelangt sein und sich entzündet haben. Das Löschwasser gelangte in den Fluss.[8] Heftige Diskussionen löste die großflächige und langfristige Verseuchung des Grundwassers mit Perfluoroctansäure aus.[9] Der Grundstoff wurde von 1968 bis 2003 in Gendorf hergestellt und gilt als krebserregend. Nach Angaben des Chemiepark-Betreibers werden vermutlich erst 2030 die Höchstkonzentrationen im Grundwasser erreicht. Spezielle Filter sollen seit 2009 verhindern, dass PFOA ins Trinkwasser gelangt. Dennoch wurden im Blut von Anwohnern PFOA-Konzentrationen festgestellt, die 20-fach über dem "unbedenklichen Wert" liegen. Einen offiziellen Grenzwert gibt es nicht. Ab 2020 soll PFOA in der Europäischen Union verboten sein.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Internetpräsenz Chemiepark Gendorf, Profil, (aufgerufen am 14. Mai 2017).
  2. Michael Kamp und Florian Neumann: VERANTWORTUNG leben – Vom Gendorfer Werk zum Industriepark. August Dreesbach Verlag München 2014, S. 9 ff.
  3. Ebd., S. 12 ff.
  4. Ebd., S. 27 f.
  5. Internetpräsenz Chemiepark Gendorf, Standortunternehmen, (aufgerufen am 14. Mai 2017).
  6. altoetting.bund-naturschutz.de: Alzkatastrophe, 31. Oktober 2012.
  7. [1]
  8. [2]
  9. [3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dietmar Grypa: Studien zu Kriegsende und Neuanfang im Landkreis Altötting. Burghausen 1991 (= Burghauser Geschichtsblätter, 46. Folge).
  • Michael Kamp und Florian Neumann: VERANTWORTUNG leben – Vom Gendorfer Werk zum Industriepark. August Dreesbach Verlag München 2014.
  • Wolfgang Metternich: Ideenfabrik. Von den Farbwerken zum Industriepark Höchst. Verlag Waldemar Kramer Frankfurt am Main 2007.
  • Edith Raim: Gendorf [aka Emmerting], in: Geoffrey P. Megargee (Hg.): The Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Vol. 1: Early Camps, Youth Camps, and Concentration Camps and Subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA), Part A. Indiana 2009, S. 476–478.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 48° 10′ 47″ N, 12° 43′ 46″ O