Jischuw

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Mit Jischuw (hebräisch יישוב; „bewohntes Land, Siedlung“) bezeichnet man die jüdische Bevölkerung in Palästina vor der Gründung des Staates Israel.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wurde seit der zionistischen Bewegung der 1880er Jahre[1] für die ursprüngliche jüdische Bevölkerung, die zwischen der ersten Einwanderungswelle (= erste Alija) im Jahr 1882 und dem Palästinakrieg im Jahre 1948 in Palästina lebten. Er findet bis heute Verwendung.

Unterteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterteilt wird der Jischuw in einen Alten und Neuen Jischuw.

Alter Jischuw[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als alter Jischuw wurde die jüdische Bevölkerung, die bereits vor 1882 in Palästina ansässig war und ihre Nachkommen bezeichnet.

Seit dem frühen Mittelalter kamen immer wieder Zuwanderer aus aschkenasischen und sefardischen Diaspora-Gemeinden, um dort das jüdische Gesetz zu studieren, um das Gebot im Lande Israel zu leben zu erfüllen, aber auch um hier ihre letzte Ruhestätte zu finden. Sie passten ihre Lebensweise ihrer orientalischen Umgebung an.[2]

Der alte Jischuw siedelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich in den vier Heiligen Städte des Judentums: Safed, Tiberias, Hebron und im jüdischen Viertel von Jerusalem. Weiter Orte waren Jaffa, Haifa, Pek’in, Akkon, Nablus, Schefar’am und bis 1779 in Gaza.[3]

Im alten Jischuw herrschte überwiegend große Armut. Viele Menschen lebten von Spenden aus der ganzen jüdischen Welt. Bereits in der vorzionistischen Epoche findet man in vielen jüdischen Häusern der Diaspora Spendenbüchsen wohltätiger Vereine zugunsten des alten Jischuw. Ihrerseits fertigten Menschen aus dem Jischuw geschnitzte rituelle Gegenstände aus Olivenholz – zum Beispiel Besamimbüchsen, Mesusot und Schneidebretter, die sie zum Verkauf in der Diaspora anboten.[4]

In der Jerusalemer Altstadt befindet sich mit dem Isaac Kaplan Old Yishuv Court Museum in der Or-Ha-Haim-Straß das Museum des alten Jischuw.[5]

Neuer Jischuw[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit neuer Jischuw ist die jüdische Gemeinschaft Palästinas gemeint, die durch die überwiegend zionistisch motivierte Zuwanderung seit 1860 vor allem aus Mittel- und Osteuropa entstand. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass diese Einwanderungswelle keine Fortsetzung der traditionellen Einwanderung von kleinen Gruppen und Individuen war, sondern den Keim für etwas Neues und völlig Neues war. Dies nährte die Sorge und Angst der alteingesessenen Bewohner, dass sich mit jeder Alijahwelle in Eretz Israel eine Entwicklung verstärkte, die sich von der traditionellen Lebensweise sehr unterschied. Es wurde zu einer sehr beunruhigenden Realität, die ein Gefühl der Entfremdung erzeugte. In dieser Zeit werden erstmals die Begriffe alter und neuer Jischuw verwendet. Die Einteilung wurde nicht nach dem Zeitpunkt der Einwanderung, sondern nach dem Lebensstil vorgenommen.[6]

Mit jeder weiteren Alija vergrößtere sich der neue Jischuw.

Angehörige des neuen Jischuw gründeten die ersten Stadtviertel Jerusalems außerhalb des Stadtmauer und mit den Moschawot die ersten landwirtschaftlichen jüdischen Siedlungen in Palästina. Damit legten sie eine wichtige Grundlage zur Gründung des Staates Israel.

Da sich der neue Jischuw als politische Bewegung verstand, bildete er in Palästina Strukturen zur Organisation und Verwaltung des jüdischen Gemeinwesens, die zunächst neben den älteren Verwaltungsformen des Osmanischen Reiches und später der britischen Mandatsverwaltung standen.

Wichtige Organisationen waren: 1903 gründete sich die erste Knesset, und 1920 fanden Wahlen zu einer Delegiertenversammlung statt. 1908 folgte das Palästinaamt und 1909 die Selbstverteidigungsorganisation HaSchomer. Weiter wurden Schulen und Hochschulen (z. B. das Technion), Arbeiterorganisationen, Gesundheits- und Kulturleistungen gegründet.

1928 wurde der Jischuw von der britischen Regierung offiziell anerkannt.

Demografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1860 umfasste der Jischuw in Palästina etwa 12.000 Menschen. Zu Beginn der Einwanderung im Jahr 1880 waren es bereits etwa 25.000 Menschen.

Nach Zählungen der britischen Militärregierung im Jahre 1918 lebten 573.000 Araber, davon ca. 10 % Christen und 66.000 Juden in Palästina.[7]

Bis zur Staatsgründung wuchs der Jischuw auf rund 700.000 Menschen an.

Ab 1914 war der alte Jeschuw gegenüber dem neuen Jeschuw in der Minderheit.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende des 18. Jahrhunderts begann bis ins frühe 19. Jahrhundert die Einwanderung der Chassidim. Die erste organisierte chassidische Einwanderung fand 1764 statt und wurde von Schülern des Ba’al Schem Tow, des Begründers des Chassidismus, angeführt. Sie siedelten sich in Tiberias, Safed, Hebron und Jerusalem an und begründeten die Tradition der vier Heiligen Städte des Judentums.

1808 organisierten auch die Peruschim, die Schüler des Gaon von Wilna, einem Gegner des Chassidismus, eine Alija und begründeten eine Gemeinde in Jerusalem.

1830 begann eine Einwanderungswelle aus Deutschland, den Niederlanden und Ungarn.

1834: Pogrome in Hebron und Safed im Zusammenhang mit dem Ägyptisch-Osmanischen Krieg

Während des 19. Jahrhunderts fand die Einwanderung tausender Juden aus orientalischen Ländern wie der Türkei, Nordafrika, Irak, Persien, Buchara, Kurdistan, Afghanistan, dem Kaukasus und dem Jemen statt, welche die Ankunft des Messias für das jüdische Jahr 5.600 (= 1840) erwarteten. 1840 waren Juden die größte Bevölkerungsgruppe in Jerusalem. Die Eroberung von Syrien durch Muhammad Ali Pascha brachte für die jüdische Bevölkerung Erleichterungen, wie z. B. die Erlaubnis, die bei einem Erdbeben 1837 zerstörten Gebäude in Safed und Tiberias wieder aufzubauen.

Der Krimkrieg (1853–1856) bot die Möglichkeit beim Osmanischen Reich einen besseren Schutz der christlichen Stätten und der Christen in Palästina zu erreichen. Vor allem Russland und Frankreich entwickelten sich in den folgenden Jahren zu christlichen Schutzmächten. In diese Zeit fallen auch die Gründungen vieler christlicher Vereine zum Erwerb von Grundstücken im Heiligen Land.[8]

1857: Der in London lebende italienische Jude Sir Moses Montefiore ließ eine achtzehn Meter hohe Windmühle mit einer kleinen Siedlung aus zwanzig Häusern außerhalb der Stadtmauer Jerusalems errichten und schuf damit eine wichtige Lebensgrundlage der jüdischen Bevölkerung.

1903: Gründung einer Vorläuferorganisation für die Knesset.

1908: Palästinaamt zur Förderung der Einwanderung von Juden und deren Ansiedlung in Palästina.

Für die weitere Geschichte ab 1917 siehe: Völkerbundsmandat für Palästina

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ron Kuzar: Jischuw. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. (EJGK) Band 3, Metzler, Stuttgart/ Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02500-5, S. 199–203.
  • Georg Lubinski: Wer soll den Jischuw führen? [vor den Wahlen zur Assefat Haniwcharim] Miflegeth Poale Erez Israel, Abteilung für die Olim aus Mitteleuropa, Palästina 1944 (digital gespeichert bei Deutsche Nationalbibliothek, Einsicht nur im Lesesaal möglich; späterer Verfassername in Israel: Giyora oder Giora Lotan)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jischuw – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Jischuw – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. laut Kuzar, S. 202 f. verwendete Abraham Isaak Kook den Begriff.
  2. http://www.zentralratdjuden.de/de/article/5542.was-ich-immer-schon-wissen-wollte.html abgerufen am 1. Mai 2017.
  3. http://www.zentralratdjuden.de/de/article/5542.was-ich-immer-schon-wissen-wollte.html abgerufen am 1. Mai 2017.
  4. http://www.zentralratdjuden.de/de/article/5542.was-ich-immer-schon-wissen-wollte.html abgerufen am 1. Mai 2017.
  5. http://www.theologische-links.de/downloads/israel/jerusalem_museum_alter_jischuw.html abgerufen am 1. Mai 2017.
  6. [1] In: jafi.jewish-life.de, abgerufen am 14. Juli 2018.
  7. [2] In: Bundeszentrale für politische Bildung.de, abgerufen am 14. Juli 2018.
  8. http://www.zentralratdjuden.de/de/article/5542.was-ich-immer-schon-wissen-wollte.html, abgerufen am 1. Mai 2017