Jochen Schweizer (Unternehmer)

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Jochen Schweizer auf der Bertelsmann Party (2016)

Jochen Schweizer (* 23. Juni 1957 in Ettlingen) ist ein deutscher Unternehmer.[1] Er gründete die nach ihm benannte Unternehmensgruppe, die unter anderem Erlebnisgutscheine anbietet.[2][3] Schweizer gilt als Pionier unter den Extremsportlern und Wegbereiter des Bungeespringens in Deutschland.[4][5][6] Er wirkte als Stuntman an Kino- und Werbefilmen mit, stellte mehrere Weltrekorde auf und erhielt Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde.[7][8] Schweizer ist auch als Motivationsredner tätig.[9]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbildung und Weltrekorde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schweizer wurde 1957 in Ettlingen bei Karlsruhe geboren und wuchs in Heidelberg auf.[10] Seine Schulzeit beendete er mit der allgemeinen Hochschulreife am Willy-Hellpach-Wirtschaftsgymnasium Heidelberg.[11] Im Anschluss reiste er mit dem Motorrad durch Afrika.[12][13] Schweizer machte eine Ausbildung als „Logistiker“ und war an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eingeschrieben.[14] Im Auftrag einer internationalen Spedition führte er zunächst Transporte für die GTZ in Westafrika durch und wurde anschließend Geschäftsführer der Niederlassung in München.[15] In den 1980er Jahren hatte Schweizer diverse Engagements als Stuntman. Bekannt wurde er vor allem durch einen Bungeesprung in Willy Bogners Actionfilm „Feuer, Eis und Dynamit“.[16] In den folgenden Jahren stellte Schweizer mehrere Weltrekorde auf,[17] beispielsweise 1997 für den Sprung aus einem Helikopter mit dem längsten Bungeeseil und der höchsten Falldistanz von 1.050 Metern.[18][19] Im gleichen Jahr beendete Schweizer seine Karriere als Stuntman.[20]

Unternehmerische Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985 gründete Schweizer die Event- und Werbeagentur Kajak Sports Productions mit Sitz in München,[21] aus der später die Jochen Schweizer Unternehmensgruppe entstand.[22] Das Unternehmen produzierte mehrere Funsport- und Actionsportfilme, etwa „Family Mad“, „Over the Edge“, „Topolinaden“ und „Verdon – Die Schlucht gestern und heute“.[23] Aufgrund des öffentlichen Interesses am Bungeespringen eröffnete das Unternehmen 1989 in Oberschleißheim die erste stationäre Anlage in Deutschland.[24] Sie ist die älteste noch aktive Sprunganlage Europas.[25] Es folgten weitere Anlagen in Deutschland und Österreich, zum Beispiel auch am Wiener Donauturm.[26] In den folgenden Jahren dehnte das Unternehmen seine Tätigkeit auf weitere Geschäftsfelder aus: So nahm man beispielsweise das House-Running, Flying Fox XXL und den Base-Flyer ins Angebot auf.[27][28][29] Mit der Show „Vertical Catwalk“ war Schweizers Unternehmen international präsent.[30][31] Zum Beispiel wurde eine Modenschau am Rockefeller Center in New York City durchgeführt.[32] 2002, 2003 und 2009 ereigneten sich drei schwere Unfälle an den Bungeestationen des Unternehmens, bei denen ein Mensch starb und drei Menschen schwer verletzt wurden.[33]

Schweizers Unternehmen geriet 2003 in eine schwere Krise.[34] Grund dafür war ein tödlicher Unfall am Florianturm in Dortmund.[35] Das Seil eines Bungeespringers war gerissen.[36] Schweizer äußerte sich bestürzt und ließ vorübergehend alle Anlagen des Unternehmens schließen.[37] Ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten konnte nicht festgestellt werden.[38][39][40] Die Konsequenz aus dem Unfall war, dass redundante Zweiseilsysteme verwendet werden. Das heißt, in das Seil wird eine Flachbandschlinge von mehr als einer Tonne Bruchlast eingenäht. Selbst wenn der Gummi reißen würde, würde die Schlinge halten.[41] Außerdem erweiterte man aufgrund der Krise das Geschäftsmodell des Unternehmens und konzentrierte sich darauf, fortan mit Erlebnissen zu handeln.[42] Das Unternehmen begann 2004, seine Erlebnisgutscheine über das Internet zu verkaufen.[43] Später eröffnete man deutschlandweit eigene Filialen[44], ferner werden die Erlebnisgutscheine auch über Handelspartner vertrieben.[45] Jochen Schweizer bot 2015 insgesamt 1.900 verschiedene „Erlebnisse“ an, beschäftigte in der Unternehmensgruppe 500 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 70 Millionen Euro jährlich.[46] Das Unternehmen galt 2015 als Marktführer für Erlebnisgutscheine in Deutschland.[47][48][49]

Neben der Tätigkeit als Geschäftsführer seiner Unternehmensgruppe ist Schweizer als Investor aktiv.[50] In dieser Funktion war er von 2014 bis 2016 in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ auf VOX zu sehen, in der sich Jungunternehmer um Kapital bewerben.[51][52] Jochen Schweizer Ventures ist an einigen Startups beteiligt.[53][54] Außerdem ist Schweizer ehrenamtliches Jurymitglied von Top 100, einem Wettbewerb, der innovative Mittelständler auszeichnet.[55]

Obwohl die Kerngesellschaft „Jochen Schweizer GmbH“ 2015 einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von 69 Millionen Euro auswies (was 60 % der Bilanzsumme ausmachte), kaufte ProSiebenSat.1 Media das Unternehmen im Juni 2017. Jochen Schweizer erklärte dazu im Jahresabschluss 2015, „dass keine Überschuldung im insolvenzrechtlichen Sinne vorliegt, da enorme stille Reserven aus voraussichtlich nie zur Einlösung kommenden Gutscheinen und noch nicht realisierten Vermittlungsprovisionen aus künftigen Einlösungen in den erhaltenen Anzahlungen enthalten sind“.[56][57][58] Das Unternehmen wird mit „Mydays“ unter dem Dach einer gemeinsamen Holding zusammengeführt, an der Schweizer weiterhin beteiligt sein wird. Andere Unternehmen der Gruppe hat er behalten.[59]

In Taufkirchen (bei München) eröffnete er im März 2017 die Jochen Schweizer Arena als „futuristische Freizeit-Destination“.[60]

Wirken als Buchautor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 veröffentlichte Schweizer unter dem Titel „Warum Menschen fliegen können müssen“ seine Biografie im Riva Verlag.[61] Die Börsen-Zeitung urteilte, der Autor schildere darin „authentisch und kurzweilig“ seinen Werdegang.[62] Schweizer gewähre laut Abendzeitung „tiefe Einblicke“ in sein Leben als „Abenteurer, Sportler, Familienmensch und Unternehmer“.[63]

2015 erschien mit „Der perfekte Augenblick“ das zweite Werk des Autors im Gräfe und Unzer Verlag; dieser Motivationsratgeber[64] war über mehrere Wochen in Bestsellerlisten vertreten.[65][66]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stunt von Jochen Schweizer (2014)

Darsteller[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1987: Family Mad (auch Produzent)
  • 1988: Verdon – Die Schlucht gestern und heute (auch Produzent)
  • 1989: Topolinaden (Dokumentation)
  • 1990: Over the Edge
  • 2012: Höher – schneller – Leben: Jochen Schweizer & Sohn
  • 2014–2016: Die Höhle der Löwen

Stuntman[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jochen Schweizer GmbH – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Schenken ist völlig krisenunabhängig“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Februar 2013, S. 25.
  2. Philipp Elsbrock: Fürchte dich nicht! In: Financial Times Deutschland. 29. Oktober 2010, S. 27.
  3. Jo Wüllner: German für Deutsche: Die 666 wichtigsten Wörter zum Überleben. Knaus, München 2013, ISBN 978-3-8135-0514-6 (unter „Thrill“).
  4. Die zehn extremsten Extremsportler der Welt. In: welt.de. 15. Oktober 2012; abgerufen am 8. September 2015.
  5. Kathrin Melliwa: Kein Prozess um tödlichen Bungee-Sprung in Dortmund gegen Jochen Schweizer. In: derwesten.de. 21. Januar 2011; abgerufen am 8. September 2015.
  6. Bis zum nächsten Festival müssen wir Jahre warten. In: Frankfurter Neue Presse. 14. Mai 2001.
  7. Menschen der Wirtschaft. In: WirtschaftsWoche. 17. November 2008, S. 22.
  8. Lars Kreye: Immer an der Wand lang – aber senkrecht. In: Die Welt, 10. Oktober 2007
  9. Erlebnisportal. In: Format. Nr. 48, 2014, S. 91 (Ressort: Kultur & Lifestyle).
  10. Jochen Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen. Riva Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86883-082-8, S. 11–12.
  11. Jochen Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen. Riva Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86883-082-8, S. 24.
  12. Jochen Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen. Riva Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86883-082-8, S. 24–86.
  13. Clemens Schömann-Finck: „Ich musste mich erstmal komplett ausleben“. In: focus.de. 25. Dezember 2012; abgerufen am 21. September 2015.
  14. Karin Janker: Früh vollendet. In: Süddeutsche Zeitung. 10. Januar 2015, S. 65.
  15. Jochen Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen. Riva Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86883-082-8, S. 74, 109–112.
  16. Karin Janker: Vom Dressman zum Personaler. In: sueddeutsche.de. 14. Januar 2015; abgerufen am 8. September 2015.
  17. Diana Fröhlich: Das Kind im Mann. In: handelsblatt.com. 9. Oktober 2010; abgerufen am 8. September 2015.
  18. 3000 Meter tief ins Buch der Rekorde gesprungen. In: Frankfurter Neue Presse. 19. September 1997, S. 1.
  19. Kleine Punkte am Himmel und 36 Sekunden freier Fall. In: Frankfurter Rundschau. 20. September 1997, S. 18.
  20. Der Adrenalin-Unternehmer. In: np-coburg.de. 14. November 2014; abgerufen am 21. September 2015.
  21. Elisabeth Neuhaus: „Ich sehe keinen Grund, mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen“. In: gruenderszene.de. 15. Oktober 2014; abgerufen am 21. September 2015.
  22. Christian Scherl: Ablenkung vom stressgeplagten Alltag. In: wirtschaftsblatt.at. 4. September 2013, archiviert vom Original am 17. November 2015; abgerufen am 21. September 2015.
  23. Trento Film Festival. In: trentofestival.it. Abgerufen am 11. September 2015 (italienisch).
  24. Dominik Knobloch: Wenn das Leben an einem Seil aus Gummi hängt. In: Heilbronner Stimme. 2. Juni 2014, S. 5.
  25. Andreas Burkert: Seit 25 Jahren springen die da runter. In: drive-and-style.de. 7. Juni 2015; abgerufen am 12. September 2015.
  26. Christian Rösner: Sprung vom Donauturm. In: wienerzeitung.at. 4. Mai 2001; abgerufen am 21. September 2015.
  27. Der Adrenalin-Händler. In: zeit.de. 28. Januar 2014; abgerufen am 16. September 2015.
  28. Mit der Seilrutsche gegen den Besucherschwund. In: welt.de. 24. August 2009; abgerufen am 11. September 2015.
  29. Adrenalinschub in der Vertikale. In: nzz.ch. 17. September 2007; abgerufen am 21. September 2015.
  30. Vertikaler Catwalk. Models tanzen an Fassade. In: Berner Zeitung. 16. September 2004, S. 44.
  31. Einzigartige Wunderwelt mit Vertical Catwalk. In: Leipziger Volkszeitung. 8. September 2004, S. 23.
  32. Orla Healy: Catwalk on the wild side – scary stroll down the heights of fashion. In: nypost.com. 27. Juli 2005; abgerufen am 13. Oktober 2015 (englisch).
  33. Wagnis mit fatalen Folgen. In: sueddeutsche.de. 17. Mai 2010; abgerufen am 9. September 2015.
  34. Mit Biss aus tiefsten Tälern befreit. In: Schwarzwälder Bote. 20. Juni 2015, S. 9.
  35. „Denken ist eine große Belastung“. In: Die Welt, 16. August 2009
  36. Sprung in den Tod. In: n-tv.de. 21. Juli 2003; abgerufen am 13. Oktober 2015.
  37. Sebastian Sigler: Tödlicher Unfall beim Bungee-Springen in Dortmund. In: Die Welt. 22. Juli 2003, S. 32.
  38. Verfahren wegen Tod beim Bungee-Sprung eingestellt. In: Rheinische Post. 22. Januar 2011.
  39. Strafverfahren nach Bungee-Unfall eingestellt. In: fr-online.de. 21. Januar 2011; abgerufen am 21. September 2015.
  40. Kathrin Melliwa: Kein Prozess um tödlichen Bungee-Sprung in Dortmund gegen Jochen Schweizer. In: derwesten.de. 21. Januar 2011; abgerufen am 30. September 2015.
  41. Der Euro rollt. Und früher der Schilling. In: Die Presse. 2. November 2015, S. 12.
  42. Erlebnis-Unternehmer Schweizer: Herr des Vollkasko-Kicks. In: spiegel.de. 14. August 2012; abgerufen am 9. September 2015.
  43. Der Erlebnisgesellschafter. In: brandeins.de. 2008; abgerufen am 9. September 2015.
  44. Dominic Multerer: Klartext: Sagen, was Sache ist. Machen, was weiterbringt. Gabal Verlag, ISBN 978-3-95623-234-3, S. 111.
  45. Erlebnis-Anbieter Jochen Schweizer setzt auf den Buchhandel als Vertriebsweg. In: boersenblatt.net. 15. Juli 2009; abgerufen am 21. September 2015.
  46. Die Unternehmensgruppe. Jochen Schweizer; abgerufen am 13. Oktober 2015.
  47. Jochen Schweizer: Vom Film-Stuntman zum Unternehmer. In: Kurier. 16. Oktober 2011, S. 19.
  48. Rebecca Eisert: Das Geschäft mit dem Kick. In: wiwo.de. 25. Februar 2015; abgerufen am 21. September 2015.
  49. Carina Kontio: Manager reden Klartext: „Was sollte das? Das war doch Scheiße!“ In: handelsblatt.com. 5. September 2015; abgerufen am 9. September 2015.
  50. Elisabeth Neuhaus: „Ich sehe keinen Grund, mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen“. In: gruenderszene.de. 15. Oktober 2014; abgerufen am 9. September 2015.
  51. Jennifer Garic: Von großen Geschäften und kleinen Deals. In: handelsblatt.com. 19. August 2015; abgerufen am 9. September 2015.
  52. Jonas Leppin: Höhle, Höhle, Höhle. In: spiegel.de. 19. August 2015; abgerufen am 9. September 2015.
  53. Portfolio. Jochen Schweizer Ventures; abgerufen am 12. September 2015.
  54. Alexander Hüsing: „Ich will jungen Entrepreneuren Mut machen“. In: deutsche-startups.de. 19. September 2014; abgerufen am 12. September 2015.
  55. „Die TOP 100-Jury“. Abgerufen am 2. Februar 2015.
  56. Jochen Schweizer verhandelt über Verkauf seiner Eventfirma. In: Manager Magazin. 29. Mai 2017; abgerufen am 4. Oktober 2017.
  57. Pro Sieben Sat.1 übernimmt Jochen Schweizer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 21. Juni 2017; abgerufen am 30. Juli 2017.
  58. ProSieben kauft Jochen Schweizer. In: WirtschaftsWoche. 21. Juni 2017; abgerufen am 30. Juli 2017.
  59. Caspar Busse, Ulrich Schäfer: Jochen-Schweizer-Gutscheine kommen bald von Pro Sieben. In: Süddeutsche Zeitung. 21. Juni 2017; abgerufen am 30. Juli 2017.
  60. Laura Kaufmann: Einfach mal die Fliege machen. In: Süddeutsche Zeitung. 3. März 2017; abgerufen am 30. Juli 2017.
  61. Stuntman griff zur Feder. In: Frankfurter Neue Presse. 18. August 2010.
  62. Ein Leben am Limit. In: Börsen-Zeitung. 4. Dezember 2010, S. 19.
  63. Höher, schneller, tiefer. In: Abendzeitung. 5. November 2010, S. 18.
  64. Iris Hilberth: Eine Surferwelle für Taufkirchen. In: sueddeutsche.de. 21. Oktober 2015; abgerufen am 23. Oktober 2015.
  65. - buchreport - BestsellerNachrichten aus der Buch- und Medienbranche, Marktanalysen und SPIEGEL- Bestseller. In: buchreport.de. Abgerufen am 22. Januar 2016.
  66. Ratgeber-Bestseller: Die Woche der Neueinsteiger. In: Focus Online. Abgerufen am 22. Januar 2016.