José Orabuena

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José Orabuena; gebürtig Hans Sochaczewer (* 10. August 1892 in Berlin; † 16. Februar 1978 in Ascona, Schweiz) war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller. Zu seinen Hauptwerken zählen Romane über das Leben der Juden in Polen und Deutschland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der am 10. August 1892 in Berlin geborene Hans Sochaczewer entstammte einer assimilierten und emanzipierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Seine Eltern Max Sochaczewer (1858–1929) und Magarethe Baschwitz (1870–1943) mieden den Kontakt zu Juden und zogen ihre Kinder daher auch nicht im jüdischen Glauben auf. Die Familie besuchte weder die Synagoge noch beachtete sie jüdische Speisegesetze. Auf der Privatschule, die Orabuena besuchte, gab es keinen Religionsunterricht für jüdische Kinder, so dass seine Eltern beschlossen, ihn am christlichen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Seinen Lebenserinnerungen kann man jedoch entnehmen, dass er dem christlichen Religionsunterricht nur wenig abgewinnen konnte. Ebenso verhielt es sich mit dem jüdischen Religionsunterricht durch einen Rabbiner, den er nach seinem neunten Lebensjahr erhielt und welcher ihn nur mit Schrecken erfüllte. So war es für Orabuena unmöglich, ein Verständnis für die jüdische Religion zu entwickeln. Ein Teil der deutschen Familien jüdischer Herkunft zog die Assimilierung, also die völlige Auflösung in die deutsche Bevölkerung vor, um Anfeindungen und Einschränkungen durch die Nichtjuden zu vermeiden, die durch eine Abgrenzung entstanden wären. Der Preis, den die Familie Orabuenas und andere jüdische Familien für die Emanzipation zahlten, war eine religiöse Entwurzelung, die viele Juden in eine tiefgehende Identitätskrise stürzte.

Nicht nur das fehlende religiöse Zugehörigkeitsgefühl belastete Orabuena, sondern auch die übermäßig strenge Erziehung durch den Vater, der als Kaufmann sehr hohe Leistungen von seinen Kindern erwartete und sich stets unzufrieden über die schulischen Leistungen seiner Kinder äußerte. Orabuena war noch zu Beginn seiner schulischen Laufbahn ein guter Schüler und begann schon sehr früh sich für Literatur zu interessieren und zu schreiben. Für Naturwissenschaften hingegen hatte er wenig Verständnis.

Als er über seinen Berufswunsch, Schriftsteller zu werden, mit seinem Vater in einen erbitterten Streit geriet und mit Selbstmord drohte, wurde er von seinen Eltern und Ärzten in ein Sanatorium und später in ein Irrenhaus eingewiesen. Dieser Schritt zerstörte das Verhältnis zu seinen Eltern nachhaltig und Orabuena löste sich von seiner Familie.

Ausbruch des Ersten Weltkrieges und Orabuenas Aufenthalt in Vilnius[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Orabuena für Deutschland an der deutsch-französischen Grenze und wurde schließlich an die östliche Front versetzt. Dort blieb er nicht lange im Waffendienst, sondern wurde nach längerem Lazarettaufenthalt als Pressevertreter nach Vilnius geschickt, wo er erste Begegnungen mit den Ostjuden machte und litauische Gedichte und Märchen schrieb.

Obwohl ihm anfangs Vilnius „fremd und eine neue Welt gewesen sei“ und die Stadt, wie Orabuena berichtet, schmutzig und ihre Häuser und Straßen von sehr schlechtem Zustand gewesen seien, interessierte er sich umso mehr für die Bewohner und für das, „was es sei, das man offenbar wichtiger nehme als die Ordnung und die Reinlichkeit“. Aufgrund der sprachlichen Hürden (Orabuena sprach weder Jiddisch noch Hebräisch) kam er den Menschen in Vilnius kaum näher. Zudem war er zu dieser Zeit nicht religiös, was ihn in vielen Augen der tiefreligiösen Vilniuser Juden, die alles im Spiegel der göttlichen Vorsehung betrachteten, suspekt erscheinen ließ.

Orabuena hingegen empfand das Leben und den Lebensalltag der Vilniuser Juden nicht als eintönig, weil ihre Lebensumstände negativer waren als die der Westjuden. Trotz ihrer häufig erbärmlichen Lage (die meisten lebten in armen Verhältnissen) hatten sie einen ausgeprägten Sinn für Familie, Gemeinschaft und Religion. Das Ostjudentum bot Orabuena die Möglichkeit, sich aus der Position des assimilierten „Luftmenschen“ ohne Wurzeln zu lösen und eine neue Form der Religiosität zu entdecken, die ihn ausfüllte und die Sehnsucht nach einem metaphysischen Halt stillte. So wurde sein zweijähriger Aufenthalt in Vilnius zu einem Schlüsselerlebnis, das Orabuena siebzehn Jahre später literarisch fixierte und viele Jahre später erst veröffentlichen konnte.

Die Zeit nach dem Weltkrieg und Orabuenas Ausreise nach Kopenhagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Deutschland zurückgekehrt, spürte Orabuena den Stimmungsumschwung in der deutschen Bevölkerung. Hatte es vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch eine gemeinsame Kriegsbegeisterung von Nichtjuden und Juden gegeben, so schlug diese Stimmung in eine antisemitische um. Bis 1925 lebte Orabuena in Berlin und schrieb dort unter anderem auch den Roman „Sonntag und Montag“, in dem er erstmals das Schicksal ostjüdischer Arbeiter in Berlin schildert. Der Roman war laut Orabuena ein Versuch „das Dasein der entwurzelten Ostjuden in einer Großstadt des Auslandes zu zeichnen“. Ein Versuch, der ihm  – wie er im Nachhinein feststellte – aufgrund der zu naturalistischen Darstellung misslang. Eine Zeit lang übernahm er aber auch Verlegertätigkeiten. Schon in diesen Jahren zog es Orabuena nach Kopenhagen, nicht nur weil er dänische Dichter bewunderte, sondern weil sich die feindliche Stimmung in Deutschland zunehmend bemerkbar machte. Orabuena lebte zwölf Jahre unter wechselnden Umständen in Kopenhagen, arbeitete aber weiterhin für deutsche Zeitungen und Verleger. Während seiner Zeit in Kopenhagen korrespondierte Orabuena mit zahlreichen Schriftstellern und seine Beiträge fanden in literarischen Kreisen Beachtung.

Exilsituation in Dänemark[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Zeit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 befand sich Orabuena im Ausland und musste wie zahlreiche andere jüdische Autoren hinnehmen, wie seine Werke verbrannt wurden. Heimatlos geworden, stand Orabuena vor dem Problem, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Die Exilsituation in Dänemark erwies sich als äußerst schwierig, da Orabuenas schriftstellerische Tätigkeit unterbunden wurde und er in Deutschland nicht mehr veröffentlichen durfte. Hinzu kommt, dass Orabuena Texte schrieb, die für den ausländischen Leserkreis eher uninteressant waren.

Da Orabuena ein unpolitischer Mensch war, kamen für ihn politische Texte nicht in Frage. Es fiel ihm zeitweise sehr schwer, ein Sujet zu finden, über das er schreiben konnte, so dass er lange Zeit in Isolation und Einsamkeit lebte. In dieser Zeit begann er, seine Ahnen zu erforschen und sich mit der jüdischen Glaubenslehre auseinanderzusetzen und die Stufen jüdischer Geschichtsentwicklung nachzuvollziehen. Dabei stieß er auf eine Familie namens Orabuena, aus der viele Ärzte hervorgingen und die 1492 infolge der Judenvertreibung aus Spanien ihr Land verlassen mussten und in alle Welt flüchten mussten. Er bewunderte diese Familie und adoptierte den Namen Orabuena und betrachtete sich von nun an als einen Nachfahren dieser sefardischen Familie. Zur selben Zeit fand er einen Zugang zur Religion und sein Bewusstsein veränderte sich. Er begann mit der Verarbeitung religiöser Themen und lehnte seine bis dato veröffentlichte Literatur unter seinem ehemaligen Namen Hans Sochaczewer ab, weil er sich mit seinen früheren Texten nicht mehr identifizieren konnte. In dieser Hinsicht lehnte sich Orabuena an das jüdische Verständnis an, demzufolge ein Namenswechsel immer auch einen Bewusstseinswechsel oder Persönlichkeitswechsel bedeute. Orabuena formulierte seinen dichterischen Auftrag neu, so dass nun „Glaube und Dichtung (…) einen kausalen Zusammenhang [bildeten]“[.] Dichtung, ‚wahre Dichtung‘ entstand für ihn nur im „Zusammenhang mit dem Überirdischen (…)“.

1935 begann Orabuena schließlich mit der literarischen Ausarbeitung seines Romans über das ostjüdische Wilna. Darin schildert er die Begegnung zwischen Ost- und Westjuden kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Trotz Verständigungsschwierigkeiten und unterschiedlichen Ansichten der beiden jüdischen Richtungen kommt es zu einem harmonischen Zusammenleben, von dem beide Gruppen profitieren. Der idealisierte Verschmelzungsprozess von Ost- und Westjudentum spiegelt den Wunsch der westjüdischen Literaten wider, sich literarisch dem ostjüdischen Leben anzunähern, dem sie lange Zeit ablehnend gegenüberstanden.

Orabuena arbeitete drei Jahre abgesehen von ein paar Unterbrechungen, diszipliniert an der Fertigstellung des Romans, der dann 1938 in Kopenhagen erfolgte. Obwohl ihm von Seiten vieler Verleger Lob für seine Arbeit zugesprochen wurde, war niemand bereit, sein Buch zu veröffentlichen. Er zog nach England wo seine Schwester schon seit längerer Zeit lebte und schrieb einige Arbeiten, die jedoch erst 1957 erstmals veröffentlicht wurden. „Groß ist Deine Treue“ wurde 1959 erstmals veröffentlicht und erhielt viele positive Besprechungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Orabuena bereits Mutter wie Schwester verloren und war in die Schweiz gezogen. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1978.

Konversion in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen seiner 1964 publizierten Autobiographie "Im Tale Josaphat" suchte Orabuena in nachvollziehbarer Weise Genese und Begleitumstände seiner Identitätskrise oder besser - seiner Identitätsfindung und Berufung zu veranschaulichen. Primär zwischen 1925 und 1938 in Dänemark hatte sich seine Hinwendung zum Glauben, seine Abwendung von vorhergehenden literarischen Versuchen, die Produktion seines großen Wilna-Romans vollzogen. Als Höhepunkte dieser Entwicklung fand 1948 ein Erwerb der englischen Staatsbürgerschaft im Manchester-Asyl statt, - im Verbund mit der bereits erwähnten Umbenennung. Dann nach seiner Etablierung in der Schweiz schließlich ließ sich Orabuena 1952 im Kloster Einsiedeln taufen und konvertierte damit offiziell zum Katholizismus (vgl. S.288, Im Tale Josaphat).

Die zwischen "Groß ist deine Treue" und der Autobiographie "Im Tale Josaphat" geschaffenen bzw. veröffentlichten Werke spielen demzufolge schwerpunktmäßig in spanisch-italienischem, katholischem Milieu: "Ebenbild-Spiegelbild"(1962), "Glück und Geheimnis" (1958), "Rauch und Flamme"(1960), "Auch Gram verzaubert"(1962). Allesamt zeugen diese Bücher von einer neuen, nunmehr völlig ironie- und übertreibungsfreien kunsttheoretischen Ausrichtung sowie von einer tiefen Religiosität des Dichters. Auf ganz eigene Weise werden darin sowohl jüdische Wurzeln als auch christliche Glaubensinhalte freigelegt und zu überkonfessioneller, kritisch-toleranter Frömmigkeit ermutigt.

Die beiden posthum erschienenen Alterswerke, der Roman "Tragische Furcht"(1980) und die Legendensammlung "Das Urlicht"(1979) unterstehen dem Dichterfanal: "Wie ich zu sterben lernte" (vgl. S.285 Im Tale Josaphat). "Das Urlicht- die Erzählungen des weisen Elias" - galt Orabuena als Rechtfertigung, als Vermächtnis seines Lebens (Brief vom 2. August 1970). Auf das darin liegende Weisheitspotential wird u.a. in www.orabuena.org hingewiesen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • José Orabuena – Im Tale Josaphat, Meine Lebensgeschichte, Zürich, Paderborn 1964.
  • José Orabuena – Zur Geschichte meines Wilna-Romans „Groß ist Deine Treue“, Zürich, Paderborn 1963.
  • Hans Sochaczewer – Sonntag und Montag, Potsdam 1927.
  • José Orabuena – Groß ist Deine Treue. Roman des jüdischen Wilna, Freiburg 1957.
  • Hans Sochaczewer – Menschen nach dem Kriege (Roman) (Berlin, Zsolnay, 1929)
  • Hans Sochaczewer – Henri Rousseau (Novelle) (Potsdam, Kiepenheuer, 1927)
  • José Orabuena – Tragische Furcht (Roman) (Freiburg, Herder, 1980)
  • Hans Sochaczewer – Die Untat (Roman) (Berlin, Kiepenheuer, 1931)
  • José Orabuena – Glück und Geheimnis (Lebensgeschichte des Pater Marcellus) (Schöningh, 1957)
  • José Orabuena: Das Urlicht. Die Erzählungen des weisen Elias (Paderborn 1971, Neuausgabe 1979)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Heinecke: Das Ostjudentum im Werk von José Orabuena. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1990, ISBN 3-631-42759-X (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur 1182), (Zugleich: Frankfurt (Main), Univ., Diss., 1989).
  • Thomas F. Schneider: Das Exil als biographischer und ästhetischer Kontinuitätsbruch. Von Hans Sochaczewer zu José Orabuena. In: Helga Schreckenberger (Hrsg.): Ästhetiken des Exils. Rodopi, Amsterdam u. a. 2003, ISBN 90-420-0965-9, S. 173–185 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 54).
  • Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Band 17, de Gruyter, Berlin 2009, S. 394–403

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]