Kevinismus

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Kevinismus und Chantalismus sind seit den 2000er Jahren verwendete ironische Bezeichnungen für das Auftreten ungewöhnlicher, nicht deutsch klingender Vornamen in deutschen Familien ohne erkennbaren Migrationshintergrund.[1] Die beiden Begriffe gehen auf die Vornamen Kevin und Chantal zurück. Der Begriff „Kevinismus“ entstammt dem Satire-Wiki Uncyclopedia und wurde später von Medien aufgegriffen.[2] In Abwandlung von „Kevinismus“ ist der Begriff „Emilismus“ entstanden, der das Auftreten traditioneller Vornamen bezeichnet. Die Begriffe werden im Kontext der Diskriminierung aufgrund des Namens verwendet.

Soziologische Hintergründe der Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage, ob Eltern aus den unteren sozialen Schichten bevorzugt dazu tendieren, ihren Kindern exotische oder angloamerikanische Vornamen zu geben, wird unter Soziologen und Sprachwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Ein Grund für eine solche Namenswahl wäre ein niedriger Bildungshintergrund der Eltern, die ihre Anregung für die Namenswahl aus der Populärkultur oder wenig anspruchsvollen Medien entnehmen; so ist der vorher in Deutschland wenig verbreitete Name Kevin nach dem Erscheinen des sehr erfolgreichen Films Kevin – Allein zu Haus im Jahr 1990 plötzlich viel häufiger gewählt worden. Als weitere Inspirationen für die Namensgebung werden der in Deutschland populäre englische Fußballnationalspieler Kevin Keegan genannt, der als einer der ersten englischen Profis Ende der 1970er Jahre in der Bundesliga spielte, und der um 1990 bekannte Hollywoodschauspieler Kevin Costner genannt. Eine aussagekräftige Statistik gibt es bislang nicht.[3]

Vorurteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer an der Universität Oldenburg im Jahr 2009 verfassten Masterarbeit zufolge erzeugen bestimmte Vornamen von Schülern tatsächlich Vorurteile auf der Lehrerseite.[4] Der Name Kevin etwa lege den Lehrern nahe, dass der Schüler verhaltensauffälliger sowie leistungsschwächer sei und eher aus der Unterschicht komme. Ob ein Schüler allerdings deshalb auch schlechter behandelt werde, ließ sich nicht schlüssig erarbeiten.[5] Derartige Vorurteile sollen insbesondere unter Lehrern in Westdeutschland verbreitet sein.

Englische bzw. exotische Vornamen werden in den alten Bundesländern häufig auch als typisch ostdeutsche Namen („Ossi“-Namen) stigmatisiert und mit der Diskriminierung Ostdeutscher in Verbindung gebracht.[6] Tatsächlich waren englische Vornamen in Ostdeutschland, vor allem in den beiden Jahrzehnten vor der Wende, zeitweise sehr beliebt, allerdings auch in der Mittelschicht, während die Vorliebe für derartige Vornamen heutzutage und speziell in den alten Bundesländern als Unterschichtenphänomen wahrgenommen wird.[7] Auffällig ist in diesem Zusammenhang die oft abweichende (bzw. germanisierte) Schreibweise der Namen in Ostdeutschland (z. B. Maik statt Mike).

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut einer Untersuchung der Leipziger Sprachwissenschaftlerin Gabriele Rodriguez aus dem Jahr 2012 haben „Kevinismus“-nahe Vornamen wie Mandy, Peggy oder Kevin zu Unrecht ein schlechtes Ansehen. Anhand von ihr ausgewerteter Statistiken ehemaliger Studenten der Universität Leipzig führte sie ins Feld, dass mittlerweile auch viele Hochschulabsolventen derartige Vornamen tragen. Unter den Akademikern mit dem Vornamen Kevin aus besagter Datensammlung der Universität Leipzig befanden sich beispielsweise – teilweise bereits promovierteChemiker, Theologen und Germanisten.[7] Ein prominentes Beispiel für einen Politiker mit dem Vornamen Kevin ist der SPD-Politiker Kevin Kühnert.[8] Ein prominentes Beispiel, das in Zusammenhang mit „Chantalismus“ beschrieben wurde, ist die Namensgebung der Kinder von Uwe Ochsenknecht, Cheyenne Ochsenknecht, Wilson Gonzalez Ochsenknecht und Jimi Blue Ochsenknecht, die als Schauspieler arbeiten.[9]

Die Namensforscherin und Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling sprach anlässlich ihrer Teilnahme an einer Tagung über „Vornamen als soziale Marker“ im September 2015 von einer „Hetzkampagne“, die gegen Vornamen wie Kevin und Chantal betrieben worden sei, und kritisierte die Rhetorik um diese Vornamen als „ganz billige Polemik“.[10] Die Begriffe „Kevinismus“ und „Chantalismus“ wurden mit dem Phänomen des Klassismus in Verbindung gebracht.[11]

Ableitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Alpha-Kevin (zusammengesetzt aus Alpha(männchen) und dem Vornamen), das einen besonders dummen Jugendlichen bezeichnen soll, lag 2015 bei der Online-Abstimmung für das Jugendwort des Jahres zeitweilig an der Spitze. Es wurde jedoch aus der Vorschlagsliste mit der Begründung gestrichen, dass Namensträger dadurch diskriminiert werden könnten.[12] Das Phänomen der Diskriminierung aufgrund des Vornamens traf bereits auf Vornamen wie Horst, Detlef, Uschi, Manni (Kurzform von Manfred), Ingo und Heini (Kurzform von Heinrich) zu.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kevinismus, vermeidbare Kinderkrankheit in Welt-Online vom 23. Dezember 2007, abgerufen am 9. Juni 2013
  2. Kevinismus als vermeidbare Kinderkrankheit, Die Welt, 23. Dezember 2007, zuletzt gesehen am 24. Dezember 2015
  3. Gibt es den klassischen Unterschichtsnamen?, Die Welt, 27. Februar 2008, zuletzt gesehen am 24. Dezember 2015
  4. Julia Isabell Kube, Vornamensforschung, Fragebogenuntersuchung bei Lehrerinnen und Lehrern, ob Vorurteile bezüglich spezifischer Vornamen von Grundschülern und davon abgeleitete erwartete spezifische Persönlichkeitsmerkmale vorliegen, Hochschulschrift zugl.: Oldenburg, Univ., Master-Arb., 2009
  5. Oliver Trenkamp: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, Der Spiegel, 16. September 2009, zuletzt gesehen am 17. September 2009.
  6. Diskriminierung wegen Namen – Mandys Leid, Migazin, 27. Februar 2012, zuletzt gesehen am 25. Oktober 2015.
  7. a b Was soll das heißen? Zeit Online, 31. Oktober 2012, zuletzt gesehen am 25. Oktober 2015
  8. Michael Sauga, DER SPIEGEL: Wo Kevin Kühnert recht hat. Abgerufen am 27. März 2021.
  9. Anne Hähnig: Was soll das heißen? Namen wie Peggy oder Denny verraten mehr, als ihren Trägern lieb ist. Erfolgreich werden kann man damit trotzdem. In: Die Zeit, 31. Oktober 2012, Beilage Zeit im Osten S. 12–13, hier S. 13.
  10. Schwierige Vornamen „Lilly nimmt keiner ernst“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. September 2015, zuletzt gesehen am 19. September 2015.
  11. Evelyn Hayn: You name it?! Everyday discrimination through accustomed perception of personal names, Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 2016, S. 99.
  12. Jugendwort des Jahres Läuft nicht bei „Alpha-Kevin“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juli 2015
  13. Wie Namen zu Schimpfwörtern werden, jetzt.de , Süddeutsche Zeitung, 7. September 2015, zuletzt gesehen am 19. September 2015