Kevinismus

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Kevinismus und Chantalismus sind ironische Bezeichnungen für die Neigung, Kindern ungewöhnliche, fremdländisch klingende Vornamen zu geben.[1] Kevin prägte den Begriff Kevinismus für dieses Klischee, als weibliche Entsprechung wurde Chantalismus aus Chantal gebildet. Der Begriff selbst entstammt ursprünglich der Satirewebsite Uncyclopedia und wurde später von Journalisten aufgegriffen und thematisiert.[2]

Soziologische Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage, ob Eltern aus den unteren sozialen Schichten bevorzugt dazu tendieren, ihren Kindern exotische oder angloamerikanische Vornamen zu geben, wird unter Soziologen und Sprachwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Eine aussagekräftige Statistik gibt es zu diesem Thema bislang nicht.[3]

Vorurteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer an der Universität Oldenburg im Jahr 2009 verfassten Masterarbeit zufolge erzeugen bestimmte Vornamen von Schülern tatsächlich Vorurteile auf der Lehrerseite.[4] Der Name Kevin etwa lege den Lehrern nahe, dass der Schüler verhaltensauffälliger sowie leistungsschwächer sei und eher aus der Unterschicht komme. Ob ein Schüler allerdings deshalb auch schlechter behandelt werde, ließ sich nicht schlüssig erarbeiten.[5] Derartige Vorurteile sollen insbesondere unter Lehrern in Westdeutschland verbreitet sein.

Englische bzw. exotische Vornamen werden in den alten Bundesländern häufig auch als typische „Ossi“-Namen stigmatisiert.[6] Tatsächlich waren englische Vornamen in Ostdeutschland, vor allem in den beiden Jahrzehnten vor der Wende, zeitweise sehr beliebt, allerdings auch in der Mittelschicht, während die Vorliebe für derartige Vornamen heutzutage und speziell in den alten Bundesländern als Unterschichtenphänomen wahrgenommen wird.[7]

Laut einer Untersuchung der Leipziger Sprachwissenschaftlerin Gabriele Rodriguez aus dem Jahr 2012 haben „Kevinismus“-nahe Vornamen wie Mandy, Peggy oder Kevin zu Unrecht ein schlechtes Ansehen. Anhand von ihr ausgewerteter Statistiken ehemaliger Studenten der Universität Leipzig führte sie ins Feld, dass mittlerweile auch viele Hochschulabsolventen derartige Vornamen tragen. Unter den Akademikern mit dem Vornamen Kevin aus besagter Datensammlung der Universität Leipzig befanden sich beispielsweise – teilweise bereits promovierteChemiker, Theologen und Germanisten.[7]

Die Namensforscherin und Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling sprach anlässlich ihrer Teilnahme an einer Tagung über „Vornamen als soziale Marker“ im September 2015 von einer „Hetzkampagne“, die gegen Vornamen wie Kevin und Chantal betrieben worden sei, und kritisierte die Rhetorik um diese Vornamen als „ganz billige Polemik“.[8]

Ableitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Alpha-Kevin (zusammengesetzt aus Alpha(männchen) und dem Vornamen), das einen besonders dummen Jugendlichen bezeichnen soll, lag 2015 bei der Online-Abstimmung für das Jugendwort des Jahres zeitweilig an der Spitze. Es wurde jedoch aus der Vorschlagsliste gestrichen, weil Namensträger dadurch diskriminiert werden könnten.[9] Das Phänomen, dass insbesondere zeitweise sehr häufig vergebene Vornamen mit negativen Vorurteilen belegt oder gar als Schimpfwörter benutzt werden, ist jedoch aus sprachwissenschaftlicher Sicht nichts Neues. In der Vergangenheit traf dies zum Beispiel auf Vornamen wie Horst, Detlef, Uschi, Manni (Kurzform von Manfred), Ingo und Heini (Kurzform von Heinrich) zu.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kevinismus, vermeidbare Kinderkrankheit in Welt-Online vom 23. Dezember 2007, abgerufen am 9. Juni 2013
  2. Kevinismus als vermeidbare Kinderkrankheit, Die Welt, 23. Dezember 2007, zuletzt gesehen am 24. Dezember 2015
  3. Gibt es den klassischen Unterschichtsnamen?, Die Welt, 27. Februar 2008, zuletzt gesehen am 24. Dezember 2015
  4. Julia Isabell Kube, Vornamensforschung, Fragebogenuntersuchung bei Lehrerinnen und Lehrern, ob Vorurteile bezüglich spezifischer Vornamen von Grundschülern und davon abgeleitete erwartete spezifische Persönlichkeitsmerkmale vorliegen, Hochschulschrift zugl.: Oldenburg, Univ., Master-Arb., 2009
  5. Oliver Trenkamp: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, Der Spiegel, 16. September 2009, zuletzt gesehen am 17. September 2009.
  6. Diskriminierung wegen Namen – Mandys Leid, Migazin, 27. Februar 2012, zuletzt gesehen am 25. Oktober 2015.
  7. a b Was soll das heißen? Zeit Online, 31. Oktober 2012, zuletzt gesehen am 25. Oktober 2015
  8. Schwierige Vornamen „Lilly nimmt keiner ernst“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. September 2015, zuletzt gesehen am 19. September 2015.
  9. Jugendwort des Jahres Läuft nicht bei „Alpha-Kevin“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juli 2015
  10. Wie Namen zu Schimpfwörtern werden, jetzt.de , Süddeutsche Zeitung, 7. September 2015, zuletzt gesehen am 19. September 2015