Klaus Wildenhahn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klaus Wildenhahn, 1995

Klaus Wildenhahn (* 19. Juni 1930 in Bonn) ist ein Dokumentarfilmer und gilt mit seinen Arbeiten und seiner Lehrtätigkeit als einer der einflussreichsten deutschen Dokumentarfilmregisseure des 20. Jahrhunderts.[1]

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wildenhahn ist das späte und einzige Kind des Tischlers, Tapezierers und späteren kaufmännischen Direktors einer Möbelfabrik Max Wildenhahn und seiner Frau Nora, geb. von Sochatzki, einer ausgebildeten Krankenschwester. Nach dem Studium der Soziologie, Publizistik und Politologie an der Freien Universität Berlin erhielt er ein Austauschstipendium für die Colgate University in Hamilton, USA. Er brach das Studium nach einem Jahr wieder ab und war von 1954 bis 1958 als Krankenpfleger in der Nervenheilanstalt Banstead Hospital in Sutton, Surrey bei London tätig. Er heiratete eine Japanerin und sie bekamen zwei Kinder.[2] Eine Begegnung mit dem britischen Dokumentarfilmer Richard Leacock inspirierte ihn dazu, als Dokumentarfilmer mit der Methode des Direct Cinema zu arbeiten.[3]

1959 begann er beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). Er erlernte als Regie-Assistent beim NWDR das Filmhandwerk bei der Herstellung von Werbespots für die ARD-Fernsehlotterie.

Von 1960 bis 1964 arbeitete er als Realisator bei dem von Rüdiger Proske entwickelten politischen Fernsehmagazin Panorama. Dort produzierte er unter anderem folgende Beiträge:

  • 1961: Der merkwürdige Tod des Herrn Hammarskjöld, 45 Min.
  • 1962: Der Tod kam wie bestellt, 45 Min.
  • 1964: CDU-Parteitag, 5 Min.
  • 1964: CSU-Landesversammlung, 5 Min.
  • 1964: SPD-Parteitag, 5 Min.
  • 1964: Parteitag 64, 18 Min. (wurde vom NDR zurückgezogen und erst 17 Jahre später gekürzt gesendet)[4]
  • 1964: Zwischen drei und sieben Uhr morgens, 9 Min.

Nach einem personellen Wechsel innerhalb der Panorama-Redaktion 1964 (Weggang von Proske) ging Wildenhahn in die Abteilung Fernsehspiel des NDR, für die er ausschließlich Dokumentarfilme realisierte. Daneben arbeitete er von 1968 bis 1972 als Regie-Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb).[4] 1972 erschien sein Buch Über synthetischen und dokumentarischen Film, eine „einflussreiche theoretische Reflexion über Methode und Technik des Dokumentarfilms“.[5] Der zweite Teil einer 1970/71 entstandenen Dokumentation über die Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel wurde auf Einspruch des Verlegers hin nicht gesendet und vernichtet. Ein vierteiliger Dokumentarfilm über die Schließung eines VW-Werkes in Emden (Emden geht nach USA, 1975/76), den er mit Landschaftsaufnahmen von Norddeutschland und Porträts ihrer Einwohner erweiterte, stieß auf ablehnende Reaktionen der Regionalpresse. Der erste Teil wurde 1978 mit dem Adolf-Grimme-Preis mit Gold ausgezeichnet.[6]

Klaus Wildenhahn im Gespräch mit einem Landarbeiter, Dreharbeiten zum Dokumentarfilm Die Liebe zum Land (1973)

Ab 1981 war er bis zu seiner Pensionierung Redakteur im Bildungsprogramm des NDR 3 und gehörte mehrfach der Programmkommission der Duisburger Filmwoche an. 1993 initiierte er die NDR-Sendereihe „Der Dokumentarische Blick“. 1998 wurde er Gründungsmitglied der Filmwerkstatt „Dokumentarisch Arbeiten“ e.V.

2010 erschien in der DVD-Reihe Die großen Dokumentaristen die Box Dokumentarist im Fernsehen mit 14 seiner Filme auf 5 DVDs. Die Auswahl traf Wildenhahn selbst, die Edition wurde von Hans-Michael Bock (CineGraph) sowie Christa Donner und Peter Paul Kubitz (Deutsche Kinemathek) betreut.

Wildenhahn lebt heute in Hamburg. Viele Jahre lebte er außerdem in Ostende, wo seine Mutter als Krankenschwester während des Ersten Weltkriegs gearbeitet hatte und zur Pazifistin wurde.[3]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1965: Bayreuther Proben, 69 Min. und 31 Min.
  • 1965: Eine Woche Avantgarde für Sizilien, 43 Min.
  • 1965 und 1966: Smith, James O. – Organist, USA, 2 Teile
  • 1966: John Cage, 58 Min.
  • 1967: 498, Third Avenue, 83 Min.
  • 1967: In der Fremde, 81 Min. und 60 Min.
  • 1967/1968: Heiligabend auf St. Pauli, 50 Min.
  • 1968: Harlem Theater, 110 Min.
  • 1968/1969: Der Reifenschneider und seine Frau, 67 Min.
  • 1969: Wochenschau II, 27 Min. (mit der Gruppe Wochenschau)
  • 1969: Institutssommer, 92 Min.
  • 1969/1970: Wochenschau III, 60 Min. (mit der Gruppe Wochenschau)
  • 1970/71: Ein Film für West-Berliner Zeitungsleser und Journalisten – Der Tagesspiegel, 2 Teile
    (Der 2. Teil wurde wegen Einspruch des Verlegers nicht gesendet und vernichtet.[4])
  • 1971: Der Hamburger Aufstand Oktober 1923, 3 Teile (zusammen mit Gisela Tuchtenhagen und Rainer Etz)
  • 1971/72: Harburg bis Ostern, 78 Min.
  • 1973/74: Die Liebe zum Land, 2 Teile (Co-Autorin Gisela Tuchtenhagen)
  • 1974: 5 Bemerkungen zum Dokumentarfilm, 63 Min. (Co-Autor, Regie: Gisela Tuchtenhagen)
  • 1974/75: Der Mann mit der roten Nelke, 62 Min. (Co-Autorin Gisela Tuchtenhagen)
  • 1975/76: Emden geht nach USA, 4 Teile (Co-Autorin Gisela Tuchtenhagen)
  • 1975/76: Im Norden das Meer (...) Annäherungen an eine norddeutsche Provinz, 66 Min.
  • 1978/1999: Tor 2, 32 Min.
  • 1980: Der Nachwelt eine Botschaft – ein Arbeiterdichter, 55 Min. und 108 Min.
  • 1981: Bandoneon, 2 Teile
  • 1982: Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal? 120 Min.
  • 1983/84: Ein Film für Bossack und Leacock, 113 Min.
  • 1984/85: Yorkshire, 2 Teile (Dokumentation der Bergarbeiterstreiks 1984 in Yorkshire)
  • 1986: Berlin, DDR & ein Schriftsteller April-Mai ’86, 99 Min. (Porträt des Schriftstellers Christoph Hein)
  • 1986: Pina Bausch: »Walzer«. 41 Minuten aus den Proben
  • 1987: Stillegung, 86 Min.
  • 1988/89: Rheinhausen, Herbst ’88, 86 Min. (Nach der Schließung der Hüttenwerke Rheinhausen)
  • 1988/89: Mister Evans geht durch Hamburg, 44 Min.
  • 1989: Barmbek: Der Aufstand wird gebrochen, 43 Min.
  • 1989: Reise nach Ostende, 117 Min.
  • 1990: Der König geht, 105 Min.
  • 1991: Noch einmal HH 4, Reeperbahn nebenan, 90 Min.
  • 1991: Reeperbahn nebenan, 17 Kurzfilme
  • 1992: Freier Fall: Johanna K., 92 Min.
  • 1993: Reiseführer durch 23 Tage im Mai, 120 Min.
  • 1994: Die dritte Brücke ein Film aus Mostar Spätsommer ‘94, 80 Min.
  • 1995: Reise nach Mostar, 98 Min.
  • 2000: Ein kleiner Film für Bonn, 116 Min.

Retrospektiven[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Wildenhahn: Über synthetischen und dokumentarischen Film. 12 Lesestunden erschienen 1973 bei der DFFB, Berlin als Typoskript. Hrsg. von Hilmar Hoffmann und Walter Schobert. Kommunales Kino, Frankfurt am Main 1975, 231 S.
  • Eine Reise in die Legende und zurück. (Journey to a legend and back. The British realistic film.) Hrsg. von Stiftung Deutsche Kinemathek. Essays von Klaus Wildenhahn. Spiess, Berlin 1977, 213 S., Ill., Filmographie und Literaturverzeichnis S. 165–210, ISBN 3-920889-51-7.
  • Teilstücke - Über mein dokumentarisches Arbeiten in einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in 'Fernseh-Dokumentarismus' 1992, Band 1 der Reihe GLOSE UP, Haus des Dokumentarfilms
  • Mimesis und die Wirkung der Schnulze – Filmtheorie Nr. 2. Gedichte 1997 Kellner Verlag Hamburg
  • Klaus Wildenhahn: Der Körper des Autoren. Filmtheorie Nr. 3. Hrsg. von René Schöttler. Materialverlag, Hamburg 2005, 176 S., Ill., ISBN 3-938158-21-2.
  • Abendbier in flacher Gegend – Filmtheorie Nr. 4. Ediert und eingeleitet von Eva Orbanz. Verbrecher Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-95732-076-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Hißnauer: Hamburger Schule – Klaus Wildenhahn – Eberhard Fechner. Fernsehdokumentarismus der zweiten Generation. In: Becker, Andreas R. et al. (Hrsg.): Medien – Diskurse – Deutungen. Dokumentation des 20. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums. Marburg: Schüren-Verlag 2007, S. 118–126.
  • Christian Hißnauer/Bernd Schmidt: Wegmarken des Fernsehdokumentarismus: Die Hamburger Schulen. Konstanz: UVK 2013.
  • Nicolaus Schröder (Red.): Klaus Wildenhahn, Dokumentarist. Freunde der Deutschen Kinemathek, Berlin 2001, 157 S., Ill., Heft 92.
  • Egon Netenjakob: Die Liebe zum Fernsehen und ein Portrait des festangestellten Filmregisseurs Klaus Wildenhahn. 1. Auflage. Volker Spiess, Berlin 1984, ISBN 3-88435-089-7 (Publikation der Stiftung Deutsche Kinemathek, Red.: Hans Helmut Prinzler. Detaillierte Filmografie S. 194–234).

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das Kriterium für Wahrheit und Würde des Dokumentarfilms liegt Wildenhahn zufolge in einer besonderen Nähe des Filmenden zum Gefilmten. Sie ist nicht in erster Linie ästhetisch definiert, sondern moralisch und politisch. Die Tugend des Dokumentarfilmers zeigt sich in der behutsamen, gespannten und geduldigen Beobachtung von sozialen Prozessen und Menschen, die in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit gewöhnlich nicht repräsentiert sind.

Die Tugenden des Dokumentarfilm-Handwerks sind demnach: Langzeitbeobachtung, möglichst unauffälliges, der ‚Erzählung‘ des Protagonisten sich anpassenden Filmen, lange Kameraeinstellungen, selbstlose, (wie) vom Rohmaterial selbst hervorgebrachte Montage, Eliminierung oder Minimalisierung der Kommentarebene, keine synthetischen, zwischen Zuschauer und ‚Erzähler‘ sich drängenden ‚synthetischen‘ Filmelemente.

Derart seine Form immer nur auf- oder herausfindend, nicht eigenmächtig bestimmend oder erfindend ist der konsequent altruistische Dokumentarfilm wildenhahnscher Prägung das Gegenteil von Formalismus: der dokumentarische Inhalt sucht und bestimmt seine Form.“

Cinegraph[9]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Wildenhahn. Direct! Public and Private, Dokumentarfilm mit und über Klaus Wildenhahn, Deutschland, 2010, 84 Min., Buch und Regie: Quinka F. Stoehr, Kamera: Volker Tittel, Stefan Grandinetti, Quinka Stoehr, Montage: Margot Neubert Maric; Dramaturgische Beratung: Rainer Komers; Redaktion: Katya Mader (ZDF/3sat), Bernd Michael Fincke (NDR); Produktion: StoehrMedien und NDR, ZDF/3sat.
  • Ostende, 3 Uhr nachmittags – Der Dokumentarist Klaus Wildenhahn. Fernseh-Dokumentation, Deutschland, 2010, 59 Min., Buch und Regie: Quinka F. Stoehr, Produktion: NDR, 3sat, Erstausstrahlung: 15. Juni 2010, Inhaltsangabe von 3sat

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mitglieder stellen vor. Klaus Wildenhahn: „Der Körper des Autoren“, Akademie der Künste, 2008
  2. http://www.zeit.de/1993/11/beobachter-nicht-voyeur/seite-2
  3. a b Der Dokumentarist Klaus Wildenhahn, 3sat, 15. Juni 2010
  4. a b c Klaus Wildenhahn, filmportal.de
  5. taz 24. Feb. 2011
  6. grimme-institut.de
  7. Preisträger 1978. grimme-institut.de, abgerufen am 29. Mai 2015.
  8. imilleocchi 2011 (italienisch)
  9. (Hrsg. Hans-Michael Bock) filmmakersweb.de, 2007 (Memento vom 21. Oktober 2007 im Internet Archive)