Koch, Neff und Volckmar

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Koch, Neff & Volckmar GmbH
Rechtsform GmbH
Gründung 1829 als F. Volckmar
Sitz Stuttgart

Leitung

  • Thomas Raff (Geschäftsführer)
  • Uwe Ratajczak (Geschäftsführer)
  • Oliver Voerster (geschäftsführender Gesellschafter)
Mitarbeiter ca. 2000
Branche Zwischenbuchhandel (Barsortiment)
Website www.knv.de

Die Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) ist der größte Buchgroßhändler[1] mit der Funktion eines Barsortiments im deutschsprachigen Raum. Das Familienunternehmen mit Sitz in Stuttgart, einer Niederlassung in Erfurt und Außenbüros in Berlin, Hamburg und Leipzig, beliefert Buchhändler in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol flächendeckend und meist über Nacht mit Büchern, Neuen Medien, Spielen und anderen buchhandelsrelevanten Artikeln. Außerdem entwickelt das Unternehmen IT-Lösungen für den Buchhandel.

Das Schwesterunternehmen KNO Verlagsauslieferung (KNO VA) und deren Tochter, die Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG), sind auf dem Gebiet der Verlagsauslieferung tätig.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1829 gründete Friedrich Volckmar die Firma F. Volckmar als Kommissionsgeschäft für Sortimenter und Verlage in Leipzig. Das Volckmar’sche Kommissionsgeschäft bestand aus dem Sortimenter-Kommissionär (Dienstleister für Buchhändler), dem Verleger-Kommissionär (der späteren Verlagsauslieferung) und der Bestellweiterleitung (der späteren Bestellanstalt). 1849 gründete Carl Voerster, Friedrich Volckmars Schwiegersohn, am Standort Leipzig das Barsortiment.

Der Erwerb der Stuttgarter Barsortimente Albert Koch & Co. (1903) und A. Oetinger (1907) erforderte einen Neubau für Koch & Oetinger in Stuttgart: Alfred Voerster, einziger Sohn Carl Voersters, und dessen Cousin Hans Volckmar, Enkel des Firmengründers, errichteten 1907/08 in Stuttgart den sogenannten Graf-Eberhard-Bau. Architekt hierfür war Karl Hengerer. Parallel dazu erwarb Karl Franz Koehler 1907 das Paul Neff’sche Kommissionsgeschäft und firmierte fortan unter Neff & Koehler. 1917 fusionierten diese beiden Firmen zu Koch, Neff & Oetinger (KNO). 1918 fusionierten die Großhändler K. F. Koehler und F. Volckmar zur Koehler & Volckmar AG (KV) mit Sitz in Leipzig.

Karl Voerster, ein Urenkel des Firmengründers, startete 1928 mit der Übernachtbelieferung von Buchhändlern und dem Bücherwagendienst von Leipzig aus. Er hatte bei der Reichsbahn durchgesetzt, dass an die D-Züge zu acht wichtigen Großstädten Bücherwagen angehängt werden durften.

Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es Bestrebungen, dem Unternehmen seine Selbstständigkeit zu entziehen und es in den NS-Verlag Franz Eher Nachfolger einzugliedern. Vor allem Wilhelm Baur und Max Amann setzten sich dafür ein. 1936 wurde Theodor Volckmar-Frentzel vorübergehend von der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ab 1937 war ein Kammerbeauftragter für mehrere Monate zur Überwachung des Verlages in Leipzig einquartiert. Dass das Unternehmen seine Selbstständigkeit bewahren konnte, hängt vor allem damit zusammen, dass Joseph Goebbels keine aus einer Vereinnahmung des Unternehmens resultierende Stärkung von Amanns Leipziger Amt wollte, und daher seine Untergebenen Karl Heinz Hederich und Hans Schmidt-Leonhardt gegen die Vereinnahmungspläne votierten.[2]

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Firmengebäude in Leipzig weitgehend zerstört, zudem bot ein Wiederaufbau unter den neuen Machtverhältnissen dort keine sinnvolle Perspektive. Zwar hatte Karl Voerster den Koehlerbau in Leipzig noch notdürftig reparieren lassen, aber 1948 floh die Inhaberfamilie wegen der politischen Situation von Leipzig nach Stuttgart, wo der Graf-Eberhard-Bau aufgrund seiner Stahlbeton-Bauweise eines von lediglich sechs Gebäuden in der Stuttgarter Innenstadt war, die den Krieg noch weitgehend verwendungsfähig überstanden hatten. (Weitere Stahlbetonbauten, die noch standen, waren z.B. der heute ebenfalls noch bestehende Tagblatt-Turm und das berühmte, von Erich Mendelsohn erbaute und 1960 abgerissene Kaufhaus Schocken). 1949 wurde das Leipziger Unternehmen erwartungsgemäß enteignet. Im gleichen Jahr erschien bei KNO, das in Stuttgart im Graf-Eberhard-Bau wieder einen Neuanfang starten konnte, der erste Barsortimentskatalog der Nachkriegszeit. Unter dem Namen Koehler & Volckmar (KV) wurde 1955 in Köln der Buchgroßhandel neu aufgebaut.

1987 übernahm KV das Grossohaus Wegner in Hamburg. 2004 fusionierten die Firmen Koch, Neff & Oetinger (KNO) und Koehler & Volckmar (KV) zu Koch, Neff & Volckmar (KNV). Im Januar 2006 übernahm KNV den Metzinger Schreibwarengroßhändler Schreyer, der 2008 wieder an PBS Deutschland verkauft wurde.

Am 20. Mai 2011 gab die Unternehmensleitung bekannt, dass mit einem Investitionsvolumen von 100 Mio Euro die logistischen Bereiche der Koch, Neff & Volckmar GmbH an den Standorten in Stuttgart und Köln, sowie die Logistik des Schwesterunternehmens Koch, Neff & Oetinger GmbH in Stuttgart bis 2015 aufgelöst werden und in der Mitte Deutschlands zentralisiert werden.[3][4] Am 10. April 2013 erfolgte in der Kühnhäuser Straße in Erfurt die offizielle Grundsteinlegung.[5][6]

Am 1. Oktober 2014 erfolgte die Inbetriebnahme - nun unter dem Namen KNV-Logistik - mit bislang ca. 420 Mitarbeitern. Gravierende technische Probleme führten dabei zu erheblichen Lieferproblemen, insbesondere auch bei der Zusammenführung von sogenannter Beischlußware aus der eigenen Verlagsauslieferung. Dies löste im Buchhandel wegen des bevorstehenden Weihnachtsgeschäftes große Kritik aus und zwang KNV zu erheblichem Mehraufwand, z.B. zum Einsatz von zusätzlichen Auslieferungsfahrzeugen. [7] Nach wie vor muss die Logistik in Erfurt durch den bisherigen Standort in Stuttgart unterstützt werden. Über das Weihnachtsgeschäft für 2015 hinaus sollen vor allem süddeutsche Kunden bis Februar 2016 aus Stuttgart beliefert werden.

Im Frühjahr 2016 wurden die letzten logistischen Tätigkeiten in Stuttgart eingestellt. Im Gegensatz zu den Gebäuden des Schwesterunternehmens KNO VA, die mittlerweile komplett abgerissen wurden, stehen die bisherigen Firmengebäude von KNV aber bislang leer. Alle in Stuttgart verbleibenden nicht-logistischen Bereiche der beiden Unternehmen sind mittlerweile gemeinsam in einen durch einen Investor neu erstellten Gebäudekomplex umgezogen, an dessen Front das Unternehmen nun mit "KNV Gruppe" benannt wird.

Geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens in der sechsten Generation sind heute Oliver Voerster und bis 31. März 2017 Frank Thurmann. [8] Seit 1. Juli 2012 ist außerdem Uwe Ratajczak als Geschäftsführer tätig.[9]

Tätigkeitsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barsortiment[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kerngeschäft ist die Funktion des Barsortiments mit etwa 480.000 verschiedenen Artikeln und einer Lagerfläche von 60.000 m² an den Standorten Stuttgart und Erfurt.[10] Seit 2006 wird die Komplettbestückung von Abteilungen in Buchhandlungen über sogenannte Systemdienstleistungen (auch „Vendor Managed Inventory“, kurz VMI, genannt) angeboten.[11]

Elektronisch bestellte Ware wird Buchhändlern im Nachtsprungverfahren meist am nächsten Tag vor 10 Uhr morgens geliefert. Die Auslieferung erfolgt mit dem Bücherwagendienst über firmeneigene LKWs und Sattelschlepper an über 7.000 Buchverkaufsstellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol.[10] Seit 1999 werden Zentralläger für Lieferanten unterhalten, die den Verbraucher direkt beliefern, zum Beispiel das Zentrallager des Online-Buchhändlers Buecher.de.[12]

Informationstechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen entwickelt Software speziell für die Buchbranche und schult Buchhändler im Umgang mit dieser Software. Die Standardprogramme heißen pcbis.de, fitbis.de und euro-BIS. Dabei handelt es sich um Bibliografier-, Bestell- und Warenwirtschaftssysteme.[13] Für Firmenkunden von Buchhändlern gibt es seit 2003 die Software POEM, die die elektronische Verwaltung von Abonnements und Bestellungen übernimmt.[14]

KNV ist Gründungsmitglied von EDitEUR[15], einer international agierenden Organisation in London, die sich um Standardisierungen im Buchhandel bemüht. KNV selbst tritt mit dem KNV Clearing Centre als neutrale Vermittlungsstelle für elektronischen Datenaustausch zwischen Buchhandlungen und Verlagen auf. Die Daten von Bestellungen, Auftragsbestätigungen, Rechnungen und Lieferscheinen werden von und nach Standard-EDI-Formaten konvertiert (EANCOM).[16]

E-Commerce[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

KNV stellt Buchhändlern die Plattform www.buchkatalog.de zur Verfügung, die als Webshop in ihre Homepage integriert werden kann. Neben der Datenbank aller im Barsortiment vorrätigen Artikel haben Buchhändler damit Zugang zu 50.000 Fach- und Publikumszeitschriften, etwa 100 Millionen antiquarischen oder gebrauchten Büchern aus dem In- und Ausland und etwa 155.000 E-Books des Downloadshops www.e-buchkatalog.de.[17] Über diese Internetplattform können Endkunden (B2C) alle im Barsortiment vorrätigen Artikel bestellen. Die bestellte Ware wird wahlweise an eine wohnortnahe Buchhandlung oder zum Endkunden nach Hause geliefert.[18]

Öffentlichkeitsarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den früheren Kölner Lagerhallen der Firma – stets mit namentlicher Erwähnung – kommentierte Denis Scheck als Bestandteil der ARD-Literatursendung Druckfrisch die Top-Ten-Titel der aktuellen Spiegel-Bestsellerlisten.

Mitbewerber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Bez: Zwischenbuchhandel. In: Der Stuttgarter Buchhandel im 20. Jahrhundert. Hoffmann, Stuttgart 1997, S. 91–114, ISBN 3-932001-00-1.
  • Jürgen Voerster: Geschichte der Firmen Koehler & Volckmar, Koch Neff & Volckmar, Koch Neff & Oetinger-Verlagsauslieferung und der Gründungsfirma F. Volckmar von 1829 bis 2009. Stuttgart: Koch, Neff & Volckmar 2009, ISBN 978-3-87423-001-8.
  • Thomas Keiderling: Unternehmer im Nationalsozialismus. Machtkampf um den Konzern Koehler & Volckmar AG & Co. 2. verbesserte Auflage. Sax-Verlag, Beucha 2008, ISBN 978-3-934544-39-0.
  • Thomas Keiderling: Friedrich Volckmar (1799–1876). In: Gerald Wiemers (Hrsg.): Sächsische Lebensbilder. Band 5, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003, S. 539–560.
  • Peter von Meyer-Dohm und Wolfgang Strauß (Hrsg.): Handbuch des Buchhandels in vier Bänden. Band 4. Verlag für Buchmarkt-Forschung, Hamburg 1977, ISBN 3-578-00933-4.
  • Jo Volks: Brennpunkt Barsortiment. In: Buchmarkt, Mai 2004, S. 22–25, PDF 68 KB.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peggy Voigt: Die neue Marktmacht der heimlichen Riesen. In: Buchreport Magazin, Januar 2005, S. 10–20.
  2. Voerster 2009, S. 100–106.
  3. dnv-online vom 20. Mai 2011
  4. Jetzt offiziell: KN Logistik geht nach Erfurt, Boersenblatt.net, abgerufen am 3. September 2012.
  5. Thüringer Allgemeine vom 10. April 2013
  6. Thüringer Allgemeine vom 11. April 2013
  7. Tagebuch zu Logistikproblemen bei KNV
  8. Frank Thurmann scheidet aus
  9. Unternehmensgruppe KNV und KNO VA: Geschäftsführung zum Trio erweitert, Boersenblatt.net, abgerufen am 5. November 2012.
  10. a b KNV.de Zahlen & Fakten
  11. Boersenblatt.net KNV und Buchpartner arbeiten im Lebensmitteleinzelhandel zusammen
  12. KNO-Logistik.de (PDF; 2,0 MB) Pressebericht:Ein unverzichtbarer Partner
  13. KNV.de IT: Branchensoftware
  14. Buchmarkt.de Neue E-Procurement-Lösung „Poem“ von KNV und LeserAuskunft unterstützt Kundenmanagement im Buchhandel
  15. Editeur.org
  16. KNV.de IT: Clearing Centre
  17. Ankoppeln statt abhängen. In: Buchreport.Express Nr. 9, 4. März 2010
  18. „Buch dabei – versandkostenfrei“. In: Buchreport.Express Nr. 14, 8. April 2010