Sprachkritik

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Sprachkritik untersucht Sprache, Sprechakte und Diskurse auf die Zusammenhänge von Sprache und Denken bzw. Erkenntnisfähigkeit (Sprachphilosophie) sowie von Sprache und den gesellschaftlichen Verhältnissen (Soziologie). Nach dem Sprachwissenschaftler und Begründer der modernen Semiotik Roland Barthes ist Sprachkritik auch Gesellschaftskritik, da Sprache selbst ideologisch sei.[1] In der Sprachpflege bedeutet Sprachkritik die Bewertung sprachlicher Äußerungen. Sie kann in ihrer Aussage sowohl negativ (Tadel) als auch positiv (Empfehlung) sein.

Sprachphilosophische Ursprünge der Sprachkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ferdinand de Saussure stellte 1916[2] die These auf, dass sprachliche Zeichen auf Konventionen innerhalb einer Sprachgemeinschaft beruhen. Er prägte dafür den Begriff Arbitrarität. Dies hat allerdings überhaupt nicht explizit und nicht unbedingt mit Sprachkritik als Kulturkritik zu tun.

Wilhelm Kamlah kritisiert das „monologische Drauflosschreiben und Aneinandervorbeireden“ der Philosophen und fordert eine (sprachkritisch fundierte) „Disziplin des Denkens und des Redens“. Er weist darauf hin, dass Menschen, bevor sie philosophieren, „immer schon sprechen“ und dass es ein verbreiteter Fehler ist, eine „Kaspar-Hauser-Situation“ zu fingieren. Aus dieser Alltagssprache und ihrem Vorverständnis der Welt heraus sei die wissenschaftliche Sprache erst neu zu entwickeln.[3]

Sprachkritik unter dem Aspekt der Gesellschaftsanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Hintergrund des Zusammenhanges von Sprache und Gesellschaft wird hier Sprache als ein gesellschaftlich wirksames Instrument betrachtet. Sprache wird als ein Mittel zur Ausübung von Macht sowie zur Etablierung und Reproduktion von Machtverhältnissen analysiert. Diese Sprachkritik findet sich nicht nur in den Kulturwissenschaften und der Soziologie, sondern auch in den Sprachwissenschaften wie zum Beispiel der Linguistik. In den 1920er Jahren entwickelte Kurt Tucholsky unter dem Leitspruch „Sprache ist eine Waffe“ eine primär politisch motivierte Form der Sprachkritik.

Sprachkritik unter dem Aspekt der Sprachpflege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachkritik und Sprachwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachkritik gehörte von der Antike bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zu den Aufgaben sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Mit Jacob Grimm erfolgte eine Revision des Verhältnisses zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Grimms als „Manifest der historischen Grammatik“ bezeichnete Vorrede zur ersten Fassung des ersten Teils seiner „Deutschen Grammatik“ (1819) brachte die Wende. Von da an folgte eine Entwicklung der Sprachwissenschaft, die zum Strukturalismus führte und damit zur Auffassung, die Sprache sei ein sich selbst genügender Organismus. Der Praxisbezug wurde zunehmend ausgeklammert. Charakteristisch für diese Haltung ist der Titel eines Buches des Strukturalisten Robert A. Hall aus dem Jahr 1950: „Leave your language alone“ (Laß deine Sprache in Ruhe!). In jüngerer Zeit wird beobachtet, dass aus der Sprachwissenschaft nicht mehr nur schroffe Ablehnung gegenüber der Sprachkritik geäußert wird.[4]

Linguistisch begründete Sprachkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die linguistisch begründete Sprachkritik basiert auf detaillierter Kommunikationsanalyse nach semantischen und pragmatischen Kriterien. Ihre Grundlage bilden Pragmatik, Sprechakttheorie und kommunikative Handlungstheorie. Kritik an sprachlichen Äußerungen und Sprechern sollte wissenschaftlich begründet sein und nicht von ideologischen Kriterien geleitet. Die Sprachkritik soll wissenschaftlich und fundiert bewerten, nicht normierend sein, sich aber nicht jeder Wertung enthalten. Die linguistisch begründete Sprachkritik bleibt nicht Linguisten vorbehalten: „Sprachkritik ist etwas für alle.“ (Slogan von Heringer). Jeder Einzelne soll nach Maßgabe seiner sprachlichen Kompetenz Sprachkritik betreiben und reflektiert mit seinem eigenen Sprachgebrauch umgehen. Damit geht die linguistisch fundierte Sprachkritik eine didaktische und emanzipatorische Verpflichtung ein: zur Freiheit im Umgang mit Sprache befähigen.

Linguistisch fundierte Sprachkritik hat nicht nur Sprecher im Blick. Sie kritisiert auch die Sprachkritiker, die nach unbegründeten Kriterien urteilen.

Alles Sprechen ist geleitet von evolutionär und in Kommunikation entstandenen Regeln. Klassische Sprachkritik orientiert sich an gesetzten Normen. Darum gehört zur fundierten Sprachkritik die Kritik an sprachlichen Normen, die in einem gewissen Sinn der Sprache äußerlich sind. Dies gilt insbesondere für konfligierende Normen. Die linguistisch begründete Sprachkritik versteht sich als Sprachnormenkritik und will konfliktlösend in Normenkonflikte eingreifen.

Vorgehensweise der linguistisch begründeten Sprachkritik nach Rainer Wimmer:

  1. Kommunikationsschwierigkeiten und Kommunikationskonflikte identifizieren
  2. Ziele und Relevanz einer sprachkritischen Analyse bestimmen
  3. Sprachlich wichtige Aspekte im Blick auf den Konflikt ermitteln
  4. Diese sprachlichen Phänomene linguistisch analysieren und
  5. linguistisch-sprachkritisch bewerten auf der Grundlage der Analyse.

Grundrichtungen nach Schiewe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen Überblick über die Geschichte der Sprachkritik gibt Jürgen Schiewe.[5] Er unterscheidet zwischen Sprachkritik

Mit Sprachkritik als Erkenntniskritik beschäftigte sich bereits die antike Philosophie. Dies äußert sich zum Beispiel in den Sprachstudien von Platon, Aristoteles oder den Stoikern. Dagegen kam die Textkritik erst in hellenistischer Zeit auf. Die Alexandrinische Schule war hier federführend.

Richtungen der Sprachkritik nach Gauger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans-Martin Gauger unterscheidet zwischen Kritik am Sprachbesitz und Kritik an Sprachäußerungen.[6]

Kritik am Sprachbesitz kann nach Gauger unter zwei Aspekten geäußert werden: erstens unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit, Wahrheitsfindung und Wahrheitsvermittlung; zweitens unter dem Gesichtspunkt der kommunikativen Absicht.

Kritik an Sprachäußerungen kann nach Gauger unter drei verschiedenen Gesichtspunkten kritisiert werden: inhaltlich, formal und speziell sprachlich (Beispiel Fremdwortgebrauch).

„Sprachideologische Haltungen“ nach Polenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter von Polenz klassifiziert die Sprachkritik anhand von „sprachideologischen Haltungen“.[7] Uwe Pörksen bezeichnet dessen Kritik an den Sprachkritikern der 1950er Jahre als „problematisch“, da Sprachkritiker die geschichtliche Dimension der Wörter und ihren Wahrheitsaspekt ernstnähmen. Sprachwissenschaftler wie Polenz vernachlässigten wegen ihres synchronen Ansatzes und ihrer Überzeugung von der Kontextdetermination der Wörter diese Aspekte.[8] Hier die Polenzsche ideologische Klassifizierung sprachkritischer Haltungen:

Sprachkonservative Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer wieder wird Sprachverfall in der Sprachkritik beklagt. Bestimmte Veränderungen im Sprachgebrauch werden als negativ und in entsprechender Ideologie als Verfall gesehen. Als positives Ideal wird ein vergangener Sprachgebrauch (beispielsweise die Sprache Luthers oder Goethes) oder der eigene Sprachgebrauch angesehen. Ignoriert wird der der Sprache immanente Wandel und die Herausbildung neuer Formen. Rudi Keller zum Sprachverfall

Sprachelitäre Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird gesagt, es finde Verhunzung statt, Sprachmittel aus Subkultur­varietäten würden in den öffentlichen Gebrauch übernommen, Veränderungen der sozialen Struktur dagegen ignoriert. Stilistische Tabus in Textsorten werden für unveränderbar gehalten.

Historische Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertreter der „Historischen Haltung“ beriefen sich auf die Etymologie oder frühere Bedeutungen eines Wortes. Beispielsweise sei die Wendung „Welche Alternativen gibt es dazu?“ falsch, weil lateinisch alter nur eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten zulässt. Bekannt ist auch das Beispiel, dass man nicht „neu renovieren“ könne, weil „neu“ in „renovieren“ bereits enthalten sei. Ignoriert werde die Veränderbarkeit von Gebrauchsbedingungen (Bedeutungswandel). Außerdem werde von den Sprechern mehr Sprachbildung abverlangt als für die Kommunikationserfordernisse nötig ist.

Im anglo-amerikanischen Sprachraum hat in den 1990er Jahren insbesondere durch die Veröffentlichungen von Henry Louis Gates eine Auseinandersetzung mit dem sogenannten Signifyin' stattgefunden, ein im Grunde ironisches Sprechen, bei dem durch den jeweiligen Sprachgebrauch, zum Beispiel eine stark reflektierte Berücksichtigung der Bedeutungen von Wortbestandteilen, Worte (und Begriffe) selbst ad absurdum geführt werden (Beispiel: hello bedeutet hell / low). Das Referenzobjekt wird auf diese Weise entkleidet und zumeist auch kommentiert. Während der Kommunikation entsteht eine Situation jenseits der Sprache, die oft verblüffend durch ihre stupende und unerwartet naheliegende Einfachheit ist und spontan erscheint, sowie den Gebrauch von Sprache als solchen kritisiert. Grundlegend für diese Praxis ist die Frage nach der kulturellen Identität von Afroamerikanern, ob sie sich also als westlich geprägte US-Amerikaner verstehen oder den Bruch in der Geschichte der Afroamerikaner als Bruch in der eigenen Geschichte mit- bzw. nachvollziehen und den historischen Hintergrund weiterhin berücksichtigen. Es stellt sich hier auch die Frage, ob die Phylogenese der Ontogenese des Menschen entspricht, wie Norbert Elias in der Zivilisationstheorie behauptet.

Sprachpuristische Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachpuristen setzten sich für die „Reinerhaltung“ der Sprache von Fremdwörtern und dem Eindringen anderer Sprachen ein. Im 18. Jahrhundert habe man sich primär gegen das Französische und Lateinische gewendet, um Deutsch als allgemeinverständliche Wissenschaftssprache zu etablieren. Im 19. Jahrhundert hätten primär nationalistische Beweggründe im Vordergrund gestanden. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts habe sich die Kritik vor allem gegen Anglizismen gewendet. Für solche Zusammenhänge wird bei Polenz auch der Terminus Sprachlegitimation verwendet.

Nicht beachtet wird dabei, dass das Deutsche von jeher eine Mischsprache mit sprachkulturellem Gewinn ist. Versuche, Fremdwörter zu übersetzen, seien häufig fehlgeschlagen. Teilweise stehen auch beide Ausdrücke nebeneinander, werden aber in unterschiedlichen Kontexten gebraucht. Während Anschrift primär amtssprachlich gebraucht wird, hat sich Adresse im öffentlichen Sprachgebrauch nicht verdrängen lassen, da das Wort zur Zeit der Übersetzung bereits etabliert war.

Sprachmonomane Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sprachmonomane Haltung bezeichnet eine pedantische Sprachnorm-Auffassung. Unter Berufung auf den Duden oder andere Nachschlagewerke werde kritisiert, was dort nicht verzeichnet ist. Vertreter dieser Haltung gingen davon aus, dass jedes Wort an sich für etwas steht; Auffassung der Sprachwissenschaft sei, dass Wörtern erst im Gebrauch ihre Bedeutung verliehen wird.

Panlinguistische Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertreter der panlinguistischen Haltung schrieben der Sprache selbst eine potentiell unmoralische Wirkung zu. In den 1960er Jahren sei von Sprachkritikern behauptet worden, die deutsche Sprache trage eine Mitschuld an den Verbrechen der NS-Zeit. Von sprachwissenschaftlicher Seite sei entgegnet worden, dass nicht etwa grammatische Formen an sich moralisch oder unmoralisch seien, sondern der Mensch, der sie gebraucht, moralisch oder unmoralisch handeln könne.

Kulturrevolutionäre Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kulturrevolutionäre Haltung wendet sich gegen Sprachbarrieren. Sie vertritt die Ansicht, dass Sprachnormen der Unterdrückung von Unterschichten dienen. Ignoriert wird, dass Sprachstandardisierung auch anderen Zwecken dient, beispielsweise der überregionalen oder wissenschaftlichen Kommunikation.

Aktuelle Entwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Feministische Sprachkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die feministische Sprachkritik hat einige Änderungen im Sprachgebrauch bewirkt, beispielsweise feminine Berufsbezeichnungen (Lehrerin, Ärztin, Bundeskanzlerin) und das Binnen-I (z. B. SchülerInnen).

Die deutsche feministische Linguistik fragt danach, wie Frauen in der deutschen Sprache vorkommen, wie Frauen im Unterschied zu Männern sprechen, wie sie sich in Gesprächen Männern gegenüber verhalten und welche Herrschaftsverhältnisse sich in der Kommunikation zwischen Männern und Frauen bilden. Indem die feministische Linguistik Sprachnormen und Sprachsysteme auf patriarchale Gewaltverhältnisse untersucht, kommt sie wie Senta Trömel-Plötz zu dem Ergebnis:[9] Unsere Sprache tut uns (Frauen) Gewalt an, weil sie die männlichen Formen bevorteilt. Damit wird eine Weltsicht geschaffen, in der Frauen nicht präsent sind.[10] Diese Sprachkritik führte im Westen der Bundesrepublik seit den 1980er-Jahren zu vielen sprachlichen Veränderungen. Ein markantes Beispiel sind Stellenausschreibungen, die heute deutlich machen, dass auch Frauen für die ausgeschriebene Arbeitsstelle einen Zugang haben könnten.

Gleichzeitig ist diese sehr junge Form der Sprachkritik Gegenstand größerer gesellschaftlicher und auch sprachwissenschaftlicher Debatten. Neben der radikalen Ablehnung durch normkonforme und konservative Sprachpfleger stehen sie auch in einer wissenschaftlichen Kritik seitens der Sprachwissenschaften, die ebenfalls den Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft analysiert. Dazu zählen Teile der Diskurstheorie.

Diskurstheoretische Position zur Feministischen Linguistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der diskurstheoretischen Kritik an der Feministischen Linguistik wird die Sensibilisierung gegenüber gesellschaftlichen Machtverhältnissen positiv bewertet. Der Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft wird in der Diskurstheorie umfassender gesehen. Idealistische Sprachauffassungen der Feministischen Sprachkritik werden abgelehnt. Die damit verbundenen sprachtheoretischen Annahmen führen ihrer Ansicht nach auch zu Fehlern in der Analyse und somit in eine „Sackgasse“ bei dem Versuch, über Sprachkritik die Befreiung der Frau und weitere gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.

Kritik an einer idealistischen Sprachauffassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diskurstheoretische Positionen, wie sie beispielsweise von Margaret Jäger vertreten werden, kritisieren an der traditionellen feministischen Sprachkritik die idealistische Sprachauffassung. Damit ist die linguistische Vorstellung gemeint, Sprache bestimme die gesellschaftlichen Verhältnisse. Unter dieser Voraussetzung gehe die feministische Sprachkritik von der Überzeugung aus, dass sich die Gesellschaft verändert, wenn sich die Sprache verändert. Dabei würden zutreffende Phänomene wie die, dass Sprache ein Mittel der Unterdrückung und der Gewalt sein kann, von der feministischen Linguistik zutreffend analysiert. Entscheidend für eine Analyse der Machtwirkung durch sprachliche Mittel sei jedoch der gesellschaftliche Diskurs, der die Einzelnen (Subjekte) so formt, dass sie mit einer „Machtwirkung“ ausgestattet sind. Gegenüber einem ideologischen Sprachverständnis müsse Sprachkritik, die das Reden über Frauen auf seine Machtwirkung hin kritisiert, auch die Diskurse kritisieren, die von der gesellschaftlichen Realität bestimmt sind und diese Realität gleichzeitig bestimmen: Diese feministischen Linguistinnen thematisieren somit das Verhältnis Sprache und Realität zwar durchaus in der Weise, daß die Realität das eigentlich Veränderungsbedürftige ist. Doch sie verdrehen dieses Verhältnis schließlich, indem sie einen anderen Sprachgebrauch bereits als Veränderung der kritisierten Realität ansehen.[11]

Sprachnorm und Sprachsystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritisiert wird von der diskursanalytischen Seite das häufig das Ineinssetzen von Sprachnormen und Sprachsystem in der Feministischen Linguistik. Erst eine deutliche Trennung zeige die unterschiedlichen Voraussetzungen für eine Veränderung auf: Änderungen der Sprachnorm können durch Verhaltensänderungen von der Basis her bewirkt werden, da die Regeln der Sprachnorm wenig fest sind. Veränderungen des Sprachsystems bedeuten Veränderungen der Sprache als solcher und stellen somit eine Herausforderung der gesamten sogenannten Sprachgemeinschaft dar.[12]

Gesellschaftliches Machtgefüge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenüber traditionellen Formen der Feministischen Linguistik wird in der Diskurstheorie auf die Bedeutung des Zusammenwirkens mehrerer Machtwirkungen hingewiesen, die die gesellschaftliche Realität und Handlungsposition des einzelnen Mannes wie der einzelnen Frau mitbewirken. Entsprechend gibt es „nicht allein Dominanzen zwischen Männern und Frauen [...], sondern auch zwischen verschiedenen Schichten, zwischen Generationen, zwischen Kranken und Gesunden sowie zwischen Angehörigen verschiedener Herkunftsgruppierungen, sogenannter Ethnien.“[13]

Political Correctness[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus den Vereinigten Staaten kam in den 1980ern eine Sprachkritik nach Europa, die auf diskriminierende Phänomene der Sprache hinweist und sprachliche Äußerungen auf ihre kolonialen, rassistischen und sexistischen Konnotationen hin reflektiert.

In den 1990er-Jahren wurde eine Kampagne gegen die Political Correctness (kurz „PC“) der Neo-Konservativen aus den USA von konservativen und vor allem rechtsextremen Medien in der BRD aufgenommen. Diedrich Diederichsen und Autoren des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung untersuchten diesen Diskurs in der BRD schon in seinen Anfängen. Sie weisen nach, dass eine solche Sprachkritik von „neokonservativ“ sprachpflegerischer Seite abwertend als Political Correctness bezeichnet wird. Einer kritischen Sprachkritik werde mit diesem Begriff eine Form der Tabuisierung unterstellt und sie werde somit stigmatisiert, um weitere Reflexionen über Sprache abzulehnen und abzuwehren.[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachkritische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Jürgen Heringer (1982): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. Tübingen.
  • Theodor Ickler: Kritischer Kommentar zur „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“, mit einem Anhang zur „Mannheimer Anhörung“, 2. durchgesehene u. erw. Auflage, Verlag Palm & Enke, Erlangen und Jena 1999, ISBN 3-7896-0992-7 (Erlanger Studien, Band 116).
  • Hans-Martin Gauger: Was wir sagen, wenn wir reden. DTV, München 2007, ISBN 3-423-34384-2.
  • Hubert Ivo: Nach 1945 Deutsch unterrichten. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-39385-7.
  • Victor Klemperer: LTI [Lingua Tertii Imperii]. Notizbuch eines Philologen. Aufbau-Verlag, Berlin 1947, 300 S.
  • Walter Krämer: Sich einmischen oder wegschauen – Problemfall deutsche Sprache. (Vortrag zur Verleihung des Deutschen Sprachpreises 1999; Weimar, 24. September 1999). In: Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache (Hrsg.): Deutscher Sprachpreis 1999, Essen: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, 1999, 40 S., S. 30–37.
  • Uwe Pörksen: Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-93614-9.
  • Michael Rudolf: Atmo. Bingo. Credo. Das ABC der Kultdeutschen. Edition Tiamat, Berlin 2007, ISBN 3-89320-111-4.
  • Rainer Wimmer (2009): Die Sprachkritik kommt aus der Sprache selbst: Reflektiertheit ist gefragt. In: Der Sprachdienst, Heft 3-4, 2009, Seite 77-90.
  • Daniel Valente: Politische Sprache im Kanzlerduell: Eine politolinguistische Analyse. Saarbrücken 2010, ISBN 3639289714.
  • Hans Jürgen Heringer/ Rainer Wimmer (2015): Sprachkritik. Paderborn: UTB. ISBN 978-3-8252-4309-8.

Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Sprachkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vincent Balnat & Barbara Kaltz (2007): Sprachkritik und Sprachpflege im frühen 20. Jahrhundert: Einstellungen zu ‘Fremdwörtern’ und ‘Kurzwörtern’. In: Bulletin of the Henry Sweet Society for the History of Linguistic Ideas 49, 27-37.
  • Willy Sanders (1992/98): Sprachkritikastereien und was der „Fachler“ dazu sagt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, 177 S., ISBN 3-534-11690-9; 2., überarb. Auflage: Sprachkritikastereien, 1998, 211 S., ISBN 3-534-14110-5
  • Peter von Polenz (2000): Sprachgeschichte und Sprachkritik. Deutscher Sprachpreis 2000 der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache. 1. Auflage. Schliengen: Edition Argus, 44 S., ISBN 3-931264-12-2 (Jahrbuch der Henning-Kaufmann-Stiftung)
  • Fritz Tschirch (1969): Geschichte der deutschen Sprache. I: Die Entfaltung der deutschen Sprachgestalt in der Vor- und Frühzeit, 1966. II: Entwicklung und Wandlungen der deutschen Sprachgestalt vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart
  • Wolfgang Müller: Deutsch für Vor- und Nachdenker. In: texten + schreiben. (Kritische Sprachbeiträge von Heft 1/1981 bis Heft 4/1994)
  • Günter Saße: Sprache und Kritik. Untersuchung zur Sprachkritik der Moderne. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977, ISBN 3-525205-38-4.
  • Jürgen Schiewe (1998): Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München : C. H. Beck
  • Streitfall Sprache. Sprachkritik als angewandte Linguistik? Mit einer Auswahlbibliographie zur Sprachkritik (1990 bis Frühjahr 2002). Hrsg. von Jürgen Spitzmüller .... Bremen: Hempen, 2002, VI, 177 S., ISBN 3-934106-21-8 (Freiburger Beiträge zur Linguistik; Bd. 3)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Sprachkritik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Sprachgebrauchskritik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Barthes, Roland: Das Reich der Zeichen. Frankfurt/M. 1981., Seite 21
  2. Anm. 1916 veröffentlichten Schüler Saussures die Mitschriften: Cours de linguistique générale
  3. Wilhelm Kamlah, Paul Lorenzen: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens, Bibliographisches Institut, Mannheim 1967
  4. Hans-Martin Gauger: Mach meine Sprache nicht an!, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Februar 2006.
  5. Jürgen Schiewe: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München: Beck, 1998. ISBN 3-406-42695-6. Dazu Rezension von Theodor Ickler in der Deutschen Sprachwelt
  6. Hans-Martin Gauger: Richtungen der Sprachkritik. In: Ders. (Hrsg.): Sprach-Störungen. Beiträge zur Sprachkritik, München 1986, Seite 13-25.
  7. Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Teil 3: 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter, 1999. (De-Gruyter-Studienbuch) ISBN 3-11-014344-5
  8. Uwe Poerksen: Platons Dialog über die Richtigkeit der Wörter und das Problem der Sprachkritik
  9. Margarete Jäger: Gewalt gegen Frauen – durch Sprache? [1]
  10. Senta Trömel-Plötz, Gewalt durch Sprache, in: dieselbe (Hg.): Gewalt durch Sprache, Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen, Frankfurt 1984, 56, Zitiert nach: Margarete Jäger: Margret Jäger: Gewalt gegen Frauen – durch Sprache? [2]
  11. Margarete Jäger: Gewalt gegen Frauen – durch Sprache?
  12. Margarete Jäger: Gewalt gegen Frauen – durch Sprache?
  13. Margarete Jäger: Gewalt gegen Frauen – durch Sprache?
  14. Brigitta Huhnke: „pc“ – Das neue Mantra der Neokonservativen. In: Andreas Disselnkötter, Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Susanne Slobodzian (Hg.): Evidenzen im Fluss. Demokratieverluste in Deutschland, Katrin Auer: „Political Correctness“ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 30 (3) 2002, S. 294., Rainer Wimmer: „Political Correctness“ – ein Fall für die Sprachkritik. In: Andreas Disselnkötter, Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Susanne Slobodzian (Hg.): Evidenzen im Fluss. Demokratieverluste in Deutschland. Diedrich Diederichsen: Politische Korrekturen. Kiepenheuer & Witsch, 1996