Kritische Geographie

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Als Kritische Geographie werden zusammenfassend Strömungen innerhalb der Geographie bezeichnet, die sich kritisch mit dem Zusammenhang von gesellschaftlichen Entwicklungen und dem geographischen Raum auseinandersetzen. Sie entstand als eine Kritik am Geodeterminismus und der Raumwissenschaft („spatial approach“), den beiden zuvor in der Geographie paradigmatischen Ansätzen. Während die kritische Geographie in der englischsprachigen Humangeographie den akademischen Mainstream bildet, stellt sie in der physischen Geographie und generell im deutschsprachigen Bereich weitgehend eine Randerscheinung dar.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Critical geography trat etwa Ende der 1980er Jahre als Selbstbezeichnung von Vertretern tendenziell links-emanzipatorischer, politisch engagierter Ansätze in der angloamerikanischen Geographie (vornehmlich der Humangeographie) in Erscheinung.[1][2] „Kritik“ wird dabei grundsätzlich im Sinne der Kritischen Theorie als Gesellschaftskritik und somit als Grundlage für Werturteile verstanden, explizite Bezüge auf Vertreter der Frankfurter Schule sind jedoch selten.[3]

Während eine Übersetzung als Kritische Geographie gebräuchlich ist, wird der bereits zuvor aufgekommene Begriff der radical geography im deutschen Sprachraum im Original belassen,[4] da „radikal“ stärker mit der Fremdzuschreibung des Radikalismus als mit der Selbstzuschreibung der Radikalität konnotiert ist (zumal eine der radical geography vergleichbare Bewegung nicht stattgefunden hatte). Das Verhältnis der beiden Strömungen zueinander ist umstritten, wobei die Ansicht am weitesten verbreitet ist, dass die kritische Geographie letztendlich eine um postmodernistische und poststrukturalistische Einflüsse erweiterte Fortführung der durch die radical geography begründeten Ansätze darstellt.[1] Nichtsdestotrotz findet der Begriff der radical geography auch gerade als bewusste Opposition zur sich als Mainstream verstehenden Critical Geography Verwendung.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorläufer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die traditionelle Geographie, die bis weit ins 20. Jahrhundert praktiziert wurde, war weitgehend von der Vorstellung geprägt, dass die natürliche Umgebung einer menschlichen Gesellschaft deren Kultur determiniert. Zwar waren mit Élisée Reclus und Pjotr Kropotkin zwei bedeutende Geographen Anarchisten, dies hatte jedoch nur wenig Einfluss auf das gesellschaftspolitische Selbstverständnis der geographischen Forschung.[5] Eine als Länder- und Landschaftskunde verstandene Geographie ignorierte weitgehend die kapitalistische Inwertsetzung natürlicher Ressourcen durch industrielle Produktion und die mit ihr einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen.[6] Sozialtheorie wurde nur insoweit betrieben, wie sich im Sinne der Geopolitik daraus nationale Herrschafts- und Expansionsansprüche als quasi-natürlich ableiten ließen.[5][7] Nur wenige kritische Stimmen wie der Sinologe Karl August Wittfogel 1929[8] oder auch einige japanische Geographen[9] versuchten, die mangelnde theoretische Grundlegung der Geopolitik offenzulegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, verstärkt ab Ende der 1950er Jahre, gaben daher Vertreter der sogenannten „quantitativen Revolution“ insbesondere in den Vereinigten Staaten der Relevanz des Fachs eine neue Deutung, indem sie mittels neuer, mathematischer Methoden den geographischen Raum als Erklärungsfaktor für gesellschaftspolitische Problemstellungen erschlossen.[7] Gleichzeitig blieb jedoch eine stärkere sozialtheoretische Fundierung zunächst aus.[5]

Radical Geography[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den gesellschaftlichen Umwälzungen in vielen westlichen Ländern ab Ende der 1960er Jahre rückten jedoch auch in der Geographie die sozialen, insbesondere ökonomischen, Ursprünge räumlicher Unterschiede in den Mittelpunkt des Interesses. Während allerdings einige Protagonisten dieses neuerlichen Paradigmenwechsels wie David Harvey komplett mit der quantitativen Neuorientierung brachen, die das Fach erst kurz zuvor erlebt hatte, kombinierten andere wie etwa William Bunge und James Morris Blaut diese Ansätze im Zuge kartographischer Darstellungen.[5] Unter dem Herausgeber Richard Peet entwickelte sich die 1969 gegründete Zeitschrift Antipode zum Sprachrohr dieser „Radical Geography“ genannten Bewegung.[2]

Auch wenn in ihrer Breitenwirkung nicht mit der der US-amerikanischen Radical Geography vergleichbar, entwickelte sich auch in vielen anderen Ländern, insbesondere im Mittelmeerraum und in Lateinamerika, eine vornehmlich marxistisch orientierte Kritik an der bisherigen geographischen Forschung. Neben dem Brasilianer Milton Santos oder dem Italiener Lucio Gambi ist hier vor allem Yves Lacoste zu nennen, der etwa die Verstrickungen der Geographie in militärische Operationen aufzeigte.[7] Ohnehin waren in Frankreich bereits zuvor wichtige Fachvertreter Anhänger marxistischer Ideen gewesen, jedoch ohne dass dies großen Einfluss auf die theoretische Basis des Fachs gehabt hätte.[10] Daneben entstand in Ländern des Ostblocks wie der Sowjetunion und der DDR eine vornehmlich wirtschaftsgeographische Interpretation des Marxismus.[11]

Kritische Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doch auch die Radical Geography war zunächst nur eine von mehreren tendenziell emanzipatorischen Strömungen, die zu dieser Zeit im angloamerikanischen Raum entstanden. So beschäftigten sich die Welfare Geography und die Humanistic Geography mehr mit der Distributions- als der Produktionsseite kapitalistischer Wirtschaft und mit der Lebenssituation benachteiligter Gesellschaftsgruppen.[12] Auch entstand die Feministische Geographie zu dieser Zeit, und kulturelle Faktoren wie Rassismus, von der Radical Geography zwischenzeitlich vernachlässigt, rückten ins Forschungsinteresse.[2]

So entwickelte sich im Laufe der 1980er Jahre eine breiter aufgestellte Kritische Geographie, deren sozialtheoretischer Kern jedoch der Marxismus und deren Weiterentwicklungen blieben.[5] Zudem erlangten mehrere ihrer Vertreter, allen voran Harvey, über das Fach hinaus in den Sozialwissenschaften Bedeutung. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, wurden neue Zeitschriften wie Environment and Planning D: Society and Space (1983) gegründet, während die Antipode seit 1986 durch einen kommerziellen Verlag herausgegeben wird.[2]

Nicht zuletzt in Reaktion auf das Aufkommen neoliberaler Wirtschaftspolitik (Thatcherismus, Reaganomics) bildete sich gleichzeitig eine zweite Generation marxistisch orientierter Geographen um Neil Smith, Erik Swyngedouw, etwas später auch Don Mitchell und Jamie Peck heran, die vor allem zwei Forschungsschwerpunkte vertiefte: Erstens die Frage, inwiefern bestimmte Maßstabsebenen (scales) durch politische Macht in einem Gebiet überhaupt erst produziert werden, zweitens die Frage nach der Rolle von Arbeitnehmern für ungleiche räumliche Entwicklungen.[5][13]

1997 wurde mit der International Critical Geography Group eine Institution gegründet, die den internationalen Austausch in der weitgehend anglophon dominierten Kritischen Geographie fördern soll. Erneut erfolgte auch die Neugründung von Zeitschriften: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies 2002 und Human Geography: A New Journal of Radical Geography 2008, letztere wiederum herausgegeben von Richard Peet.[2]

Deutschsprachiger Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum erlangte die Kritische Geographie längst nicht denselben, quasi-hegemonialen Status wie etwa im angloamerikanischen Raum, sondern blieb auf einzelne Werke und studentische Initiativen beschränkt.[4][1] Unter einer (politisch) „engagierten Geographie“ wurde letztendlich eine auf die Belange von Raumordnung und -planung ausgerichtete Forschung verstanden, und der ursprünglich neomarxistische Ansatz der Regulationstheorie weitgehend seiner politischen Konnotationen enthoben.[4] Seit den 2000er Jahren ist jedoch eine gewisse Hinwendung zu kritischen Themenstellungen durch Vertreter wie Bernd Belina, Georg Glasze und Michael Janoschka festzustellen.

Themenfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der grundsätzliche Ansatz einer sozialtheoretisch fundierten, das heißt ideologiefreien geographischen Forschung liegt darin, den geographischen Raum in Abhängigkeit zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen zu betrachten. Ihr Gegenstand ist somit die gesellschaftliche Produktion von Raum im Sinne des Soziologen Henri Lefebvre, die in (räumlich) ungleichen Entwicklungen gemäß Neil Smith resultiert. Insofern befasst sich Kritische Geographie gerade mit der gesellschaftlich bedingten Entstehung von Räumen aller Maßstabsebenen, seien es Staaten (Kritische Geopolitik), Regionen[14] oder Städte.[15] Aber auch vermeintlich naturgegebene Ebenen wie die Landschaft[16] oder der menschliche Körper[17] gehören zu den Forschungsgegenständen. Insbesondere im deutschen Sprachraum ist zudem in Anlehnung an die Kritische Kriminologie eine kritische Kriminalgeographie entstanden.[18]

Auch die Politische Ökologie wurde in erster Linie durch Vertreter der Kritischen Geographie begründet. Sie beschäftigt sich mit der Inwertsetzung des Naturraums im Rahmen kapitalistischer Produktion. Eine explizit kritische physische Geographie besteht jedoch bislang nicht bzw. ist in der Entstehung begriffen.[19]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während im angloamerikanischen Kontext die Kritische Geographie so weit definiert ist, dass fraglich bleibt, was der Begriff denn erfasst und was nicht,[20][21] stellt sich im deutschsprachigen Kontext umgekehrt die Frage, ob die Geographie überhaupt dazu geeignet ist, letztlich polit-ökonomische Fragestellungen zu bearbeiten.[6][7] Ein weiterer Kritikpunkt besteht in der Nichterfüllung der ursprünglich ausgerufen gesellschaftspolitischen Ziele. Im Zuge der akademischen Etablierung blieben marginalisierte gesellschaftliche Gruppen weiterhin außen vor.[22][23][2]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Bernd Belina: Kritische Geographie: Bildet Banden! Einleitung zum Themenheft. In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies. Band 7, Nr. 3, 2008, S. 335–349 (als PDF-Datei).
  2. a b c d e f Linda Peake, Eric Sheppard: The Emergence of Radical/Critical Geography within North America. In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies. Band 13, Nr. 2, 2014, S. 305–327 (als PDF-Datei).
  3. Wichtige Ausnahme: Derek Gregory: Ideology, science, and human geography. Hutchinson, London 1978, ISBN 0-09-133121-8.
  4. a b c Bernd Belina, Ulrich Best, Matthias Naumann: Critical geography in Germany: from exclusion to inclusion via internationalisation. In: Social Geography. Band 4, 2009, S. 47–58, doi:10.5194/sg-4-47-2009.
  5. a b c d e f Neil Smith: Marxism and Geography in the Anglophone World. In: Geographische Revue. Band 3, Nr. 2, 2001, S. 5–21 (als PDF-Datei).
  6. a b Ulrich Eisel: Landschaftskunde als „Materialistische Theologie“. Ein Versuch aktualistischer Geschichtsschreibung der Geographie. In: Gerhard Bahrenberg, Gerhard Hard (Hrsg.): Geographie des Menschen: Dietrich Bartels zum Gedenken (= Bremer Beiträge zur Geographie und Raumplanung). Band 7. Bremen 1987, ISBN 3-88722-168-0, S. 89–109.
  7. a b c d Bernd Belina: Geographische Ideologieproduktion – Kritik der Geographie als Geographie. In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies. Band 7, Nr. 3, 2008, S. 510–537 (als PDF-Datei).
  8. Karl-August Wittfogel: Geopolitik, Geographischer Materialismus und Marxismus. In: Unter dem Banner des Marxismus. Band 3, 1929, S. 7–51, 485–522, 898–935.
  9. Fujio Mizuoka, Toshio Mizuuchi, Tetsuya Hisatake, Kenji Tsutsumi, Tetsushi Fujita: The critical heritage of Japanese geography: its tortured trajectory for eight decades. In: Environment and Planning D: Society and Space. Band 23, Nr. 3, 2005, S. 453–473, doi:10.1068/d2204r.
  10. Vincent R. H. Berdoulay: Geography in France: Context, Practice, and Text. In: Gary S. Dunbar (Hrsg.): Geography: Discipline, Profession and Subject since 1870 (= The GeoJournal Library). Band 62. Springer, 2001, ISBN 978-94-017-1683-3, S. 45–78, doi:10.1007/978-94-017-1683-3_3.
  11. Gerhard Schmidt-Renner: Elementare Theorie der ökonomischen Geographie: nebst Aufriß der historischen ökonomischen Geographie. Verl. Die Wirtschaft, Berlin 1961.
  12. Kevin R. Cox: Making human geography. The Guilford Press, New York 2014, ISBN 978-1-4625-1283-6.
  13. für eine Übersicht siehe Markus Wissen, Bernd Röttger, Susanne Heeg (Hrsg.): Politics of Scale: Räume der Globalisierung und Perspektiven emanzipatorischer Arbeit. Westfälisches Dampfboot, Münster 2008, ISBN 978-3-89691-669-3.
  14. für eine Übersicht siehe Wolfgang Krumbein, Hans-Dieter von Frieling, Uwe Kröcher, Detlev Sträter (Hrsg.): Kritische Regionalwissenschaft: Gesellschaft, Politik, Raum - Theorien und Konzepte im Überblick. Westfälisches Dampfboot, Münster 2008, ISBN 978-3-89691-738-6.
  15. für eine Übersicht siehe Bernd Belina, Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch kritische Stadtgeographie. Westfälisches Dampfboot, Münster 2014, ISBN 978-3-89691-955-7.
  16. Olaf Kühne: Distinktion, Macht, Landschaft: zur sozialen Definition von Landschaft. VS, Verl. für Sozialwiss., Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-16213-3.
  17. Anke Strüver: Macht Körper Wissen Raum? Ansätze für eine Geographie der Differenzen (= Beiträge zur Bevölkerungs- und Sozialgeographie. Band 9). Institutsverlag, Wien 2005, ISBN 3-900830-55-X.
  18. Georg Glasze, Robert Pütz, Manfred Rolfes (Hrsg.): Diskurs – Stadt – Kriminalität: Städtische (Un-)Sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und Kritischer Kriminalgeographie. transcript, Bielefeld 2005, ISBN 978-3-89942-408-9.
  19. Rebecca Lave et al.: Intervention: Critical physical geography. In: The Canadian Geographer / Le Géographe canadien. Band 58, Nr. 1, 2014, S. 1–10, doi:10.1111/cag.12061.
  20. Nicholas Blomley: Uncritical critical geography? In: Progress in Human Geography. Band 30, Nr. 1, 2006, S. 87–94, doi:10.1191/0309132506ph593pr.
  21. Neil Smith: Neo-Critical Geography, Or, The Flat Pluralist World of Business Class. In: Antipode. Band 37, Nr. 5, 2005, S. 887–899, doi:10.1111/j.0066-4812.2005.00538.x.
  22. Noel Castree: Professionalisation, activism, and the university: whither 'critical geography'? In: Environment and Planning A. Band 32, Nr. 6, 2000, S. 955–970, doi:10.1068/a3263.
  23. Vera Chouinard, Ali Grant: On Being Not Even Anywhere Near ‘The Project’: Ways Of Putting Ourselves In The Picture. In: Antipode. Band 27, Nr. 2, 1995, S. 137–166, doi:10.1111/j.1467-8330.1995.tb00270.x.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]