Lebensmittelverschwendung

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Abfallcontainer mit Obst und Gemüse
Straßenbanner in den USA während des 1. Weltkriegs:
“Food will win the war - don't waste it!”
(„Nahrung ist kriegsentscheidend - vergeude sie nicht!“)

Lebensmittelverschwendung bzw. -vergeudung (englisch Food waste, dort wortgleich mit der Bezeichnung für „Lebensmittelabfall“) bezeichnet das Phänomen, dass vor allem in „entwickelten“ Ländern bzw. Industriestaaten große Teile der zur menschlichen Ernährung hergestellten Lebens- bzw. Nahrungsmittel vernichtet werden – aufgrund z. B. schlecht oder nicht geplanter oder zu umfangreicher Einkäufe, Überschreitung von Mindesthaltsbarkeitsdaten oder weil sie aufgrund eines Überangebots oder Unkonformität nicht verkauft werden dürfen oder konnten oder erst gar nicht in den Handel gelangen.

Ursachen der Verschwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen der Verschwendung sind vielfältig. So wird zum Beispiel zu viel eingekauft; die Lebensmittel werden vom Endverbraucher falsch gelagert.[1] Auch die Überschreitung von Mindesthaltsbarkeitsdaten spielt eine wichtige Rolle. Aber auch bei der "Gewinnung" von Lebensmitteln kann es zu Verschwendung kommen, etwa, wenn bei einer nicht-nachhaltigen Fischerei der Beifang nicht lebend dem Meer zurückgegeben wird.[2] Weitere Ursachen sind eine vermeidbare falsche Lagerung, Schädlingsbefall, Überproduktion, wodurch zu viele Lebensmittel hergestellt werden, die dann keinen Abnehmer finden, des Weiteren Transportschäden, aber auch überanspruchsvolle Vorstellungen beim Kunden, die etwa nicht normgerechte Produkte ablehnen bzw. nicht kaufen ... usw.[3]

Folgen der Verschwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der für die USA zwischen 2015 und 2017 beispielsweise hochgerechnete durchschnittliche Lebensmittelmüll von 150 kg pro Person und Jahr hat die Vergeudung bzw. den unsinnigen Einsatz von 354.000 Tonnen Pestiziden und mehr als 816.000 Tonnen Stickstoffdünger bedeutet;[4] die für Deutschland für den WWF hochgerechneten 18 Millionen Tonnen vergeudeten Lebensmittel haben ohne Not 2,6 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Produktionsfläche zusätzlich erforderlich gemacht und 48 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt.[5]

Die Kompensation, die zum Ausgleichen des Verlusts an den meist aus lapidaren Gründen weggeworfenen Lebensmitteln in reichen Industriestaaten erforderlich wird, führt dazu, dass kraft der Zwänge des Marktes die Verwendung von rund 30 % der weltweiten Anbauflächen für die Lebensmittelverschwendung in den Industriestaaten priorisiert werden.[6]

Nahrungsmittelverschwendung kostet Ressourcen (etwa für zusätzliche Düngung, Transport, Lagerung usw.) und führt damit unmittelbar oder mittelbar zu einem gesteigerten Energieverbrauch und damit zu einem schnelleren Klimawandel.[7] Aufgrund der endlichen Verfügbarkeit der Ressourcen in ihrer Gesamtheit muss Nahrungsmittelverschwendung zwangsläufig dem Welthunger indirekt Vorschub leisten.[2]

Laut einer Erhebung der FAO aus dem Jahr 2006 ist der globale Viehsektor für 18 % aller menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Ausmaß sei gefährlich für die globale Nahrungsmittelproduktion, so die FAO, da die Ausweitung von Anbau- und Weideflächen immer mehr Wald vernichten würde. Ein großer Waldverlust würde die globale Erwärmung beschleunigen und damit die landwirtschaftlichen Erträge mindern. Das könne nach Befürchtungen des UN-Umweltprogramms UNEP Konsequenzen bis hin zu einer globalen Missernte haben.[8]

Laut einer Studie des Freiburger Öko-Instituts könnten bis zum Jahr 2030 mehr als 110 Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart werden, wenn die Menschen ihre Ernährungsgewohnheiten nur leicht ändern würden. Dies entspricht einem Viertel der Treibhausgase aus der Nahrungsmittelproduktion.[8]

Situation in einzelnen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut einer vom deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft beauftragten Studie der Universität Stuttgart von 2012 wurden in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet, was 138 kg pro Person entspricht.[4] Laut der Mitte 2015 veröffentlichten Studie „Das große Wegschmeißen“[9] der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) waren es zu dieser Zeit 18 Millionen Tonnen, das entsprach zusammen durchschnittlich 313 kg pro Sekunde auf landwirtschaftlichen Produktionsflächen (Acker, Feld), im Einzelhandel, in Kantinen oder in Privathaushalten als „Abfall“ bzw. „Müll“ vernichteter genießbarer Lebensmittel.[5]

Nach den vom Institut für nachhaltige Ernährung an der Universität Münster 2018 für den WWF berechneten Zahlen wurden 60 % der vergeudeten Lebensmittel in der Wertschöpfungskette und 40 % bei den Endverbrauchern vernichtet.[4]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz fallen pro Jahr eine Million Tonnen Lebensmittelabfälle aus Privathaushalten, 950.000 Tonnen aus der Lebensmittelindustrie, 290.000 Tonnen aus der Gastronomie, 224.500 Tonnen aus der Landwirtschaft und 100.000 Tonnen aus dem Detailhandel an.[10] Von den total 2.564.500 Tonnen wären zum Zeitpunkt der Entsorgung noch zwei Drittel genießbar.

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer Studie von der amerikanischen Universität Vermont warfen die Landesbewohner zwischen 2007 und 2014 täglich durchschnittlich 422 Gramm Nahrungsmittel weg, also mehr als 150 kg jährlich.[4]

Gegenstrategien, Proteste, Kampagnen und Initiativen gegen Nahrungsmittelverschwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Protestform gegen die Nahrungsmittelschwendung wird von Menschen manchmal das Containern gewählt. In zahlreichen Ländern gibt es Initiativen und Kampagnen gegen Nahrungsmittelverschwendung. Im Jahr 2015 wurde von mehr als 190 Staaten die UN-Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Die Ziele sehen unter anderem vor, dass bis 2030 die Nahrungsmittelverluste pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbiert und die entstehenden Nahrungsmittelverluste entlang der Produktions- und Lieferkette verringert werden.[11]

Mitglieder des EU-Parlaments sowie z. B. die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) forderten von daher eine Halbierung der Lebensmittelverschwendung bis 2030,[4] der WWF einen „nationalen Aktionsplan“.[5]

Das deutsche Bundesland Bayern erfasst seit 2012 die Daten der landesweit auftretenden Lebensmittelverluste; Baden-Württemberg hat die Vermeidung von Lebensmittelabfällen in seinem Abfallwirtschaftsplan verankert, Nordrhein-Westfalen als erstes deutsches Bundesland einen „Runden Tisch“ zum Thema installiert.[4]

Initiativen wie z. B. foodsharing.de oder United Against Waste engagieren sich auf verschiedenen Ebenen zur Verbesserung der Problematik und der Entwicklung von Gegenstrategien wie z. B. verbessertem Management entlang der Wertschöpfungskette, nachhaltigeren Marketingstrategien oder der Veränderung von Konsumgewohnheiten.[5] 2017 wurde die App Too Good To Go mit dem Bundespreis Ecodesign ausgezeichnet.

In China hat eine Kampagne den Titel Esst die Teller leer!.

In 54 untersuchten Ländern landeten im Jahr 2019 noch schätzungsweise 931 Millionen Tonnen Lebensmittel oder 17 % der gesamten Lebensmittel, die den Verbrauchern zur Verfügung standen, im Abfall.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nadine Arnold (Hrsg.): Wenn Food Waste sichtbar wird. Zur Organisation und Bewertung von Lebensmittelabfällen. Bielefeld, transcript 2021, ISBN 978-3-8376-5538-4
  • Lucia Mancini et al.: Application of the MIPS method for assessing the sustainability of production-consumption systems of food. Journal of Economic Behavior & Organization ISSN 0167-2681 Bd. 81, H. 3, März 2012, S. 779–793 (englisch)
  • Vaclav Smil: Improving efficiency and reducing waste in our food system. Environmental Sciences ISSN 1569-3430 Bd. 1, 2003/04, S. 17–26 (englisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Lebensmittelvergeudung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: vergeuden – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Leena: 18 Tipps gegen Lebensmittelverschwendung. In: nachhaltig-sein.info. 25. April 2018, abgerufen am 28. September 2020 (deutsch).
  2. a b WWF.de: Tonnen für die Tonne. Verschwendung. Abgerufen am 7. September 2020 (deutsch).
  3. Lebensmittelverschwendung – die Dekadenz des Überflusses. Abgerufen am 7. September 2020.
  4. a b c d e f 18 Millionen Tonnen für die Tonne. Abgerufen am 24. Dezember 2018.
  5. a b c d Das große Wegschmeißen. 24. Dezember 2018, abgerufen am 24. Dezember 2018.
  6. Lebensmittel: Zwischen Wertschätzung und Verschwendung., verbraucherzentrale.nrw-Internetportal (Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen online), 1. März 2021
  7. Reduced Food Waste. In: Drawdown.org. 6. Februar 2020, abgerufen am 28. September 2020 (englisch).
  8. a b n-tv: „Ein Drittel aller Nahrungsmittel: Verschwendung ist schockierend“, vom 3. September 2011
  9. WWF, Juni 2015, Steffen Noleppa, Matti Cartsburg, agripol – network for policy advice GbR: Das grosse Wegschmeissen – Vom Acker bis zum Verbraucher: Ausmaß und Umwelteffekte der Lebensmittelverschwendung in Deutschland (PDF, 24. Dezember 2018)
  10. Food Waste in der Schweiz. In: bafu.admin.ch. 29. April 2018, abgerufen am 29. April 2019.
  11. Lebensmittelabfälle. In: bafu.admin.ch. Abgerufen am 19. Januar 2020.
  12. UN: 17% of all food available at consumer levels is wasted. Umweltprogramm der Vereinten Nationen, 4. März 2021, abgerufen am 4. März 2021 (englisch).