MRC-5

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MERS-Coronavirus-infizierte MRC-5-Zellen

MRC-5 (Medical Research Council cell strain 5, übersetzt: „Medizinischer Forschungsrat, Zellstamm 5“) ist eine diploide, menschliche Zellkulturlinie. Sie besteht aus fibroblastischen Zellen, die ursprünglich aus der Lunge eines 14 Wochen alten, männlichen Fötus stammen.[1][2][3] Dieser wurde im September 1966 wegen psychischer Probleme von einer 27-jährigen, sonst körperlich gesunden Mutter in England abgetrieben.[3][4] Die MRC-5-Zellen haben nicht die Fähigkeit, Tumoren hervorzurufen, und weisen eine geringe Frequenz chromosomaler Anomalien auf.[5]

Die Zelllinie wurde von J.P. Jacobs und Kollegen nach der 7. Zellteilung isoliert (PDL7). Die Zelllinie erreicht Seneszenz nach etwa 45 bis 60[6] Teilungen.[7][8] Da der ursprüngliche Vorrat nach etwa 40 Jahren zur Neige geht und die Integrität und Sterilität der originalen Glasampullen gefährdet ist, hat die WHO einen zweiten Vorrat mit einer etwas erhöhten Verdopplungsrate (PDL12) in Auftrag gegeben.[6]

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

MRC-5-Zellen wurden in den letzten Jahren zur Herstellung mehrerer Impfstoffe (MMR – hierbei Röteln, Windpocken, Hepatitis A und Tollwut) genutzt.[9] Leonard Hayflick und Paul Moorhead haben Anfang der 1960er-Jahre entdeckt, dass sich Viren, die für bestimmte Impfungen benötigt werden, in menschlichen Stammzellen im Labor besser entwickeln als in tierischem Gewebe oder lebendigen Tieren.[3] Letztere hatte man häufig vorher zur Herstellung und Kultivierung genutzt, so z. B. vorher verwendete Nierenzellen aus Affen.[9] Bei jener Herstellungsmethode aus Nierengewebe kam es aber immer wieder vor, dass diese auch ungewollte Krankheitserreger enthielten, während die ursprünglich aus dem Fötus gewonnenen Zellen eine sichere Virus- und damit auch Impfstoffproduktion ermöglichten.[10]

Die Kultivierung auf MRC-5-Zellen klappt insbesondere bei Rötelnviren, die in abgeschwächter Form dann im Rötelnimpfstoff enthalten sind (beispielsweise bei Priorix[11] bzw. Priorix-Tetra[12]). Die Viren werden für den Impfstoff gereinigt und Reste der Zellkultur entfernt, können indes unter Umständen als Spuren in den Impfstoff gelangen.[13] Gemäß PEI sind diese möglichen Reste der Zelllinienkulturen keine Inhaltsstoffe, sondern Hilfsstoffe bei der Herstellung, da sie nicht „bewusst zugefügt“ werden.[13] Der Corona-Impfstoffkandidat AZD1222 wird dagegen nicht mit Hilfe von MRC-5-Zellen hergestellt.[14]

Heute werden hauptsächlich neben MRC-5 auch die ebenfalls aus einem Fötus stammende Zelllinie WI-38 für die Entwicklung von einer Vielzahl von Impfstoffen eingesetzt.[3] In beiden Fällen sind die Föten aber nicht deswegen abgetrieben worden, um aus ihnen Gewebe für die Zelllinien zu entnehmen.[13] Außerdem wurden diese Zelllinien einmalig aus den Föten entnommen, danach wurden sie kontinuierlich vermehrt und eingefroren. Es wurde insbesondere von religiösen Gemeinschaften kritisiert, dass die MRC-5-Zelllinie (und auch WI-38) aus einem abgetriebenen Fötus gewonnen wurde.[9] Jedoch sehen die katholische Kirche, aber auch andere Religionsgemeinschaften, die Produktion solcher Impfstoffe in Hinblick auf ihren Nutzen als gerechtfertigt an. So hatte 2003 der spätere Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) gerade den Rötelimpfstoff gelobt.[15] Auch die Päpstliche Akademie für das Leben sieht in einer Stellungnahme 2017 den Einsatz solcher Impfstoffe als vertretbar an.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. MRC-5 ATCC ® CCL-171™ Homo sapiens lung Normal. American Type Culture Collection, abgerufen am 9. Januar 2020.
  2. AG05965-D. Coriell Institute for Medical Research, abgerufen am 9. Januar 2020.
  3. a b c d Ralf Nowotny: Wurden Krebszellen in Impfstoffen entdeckt? (Faktencheck). In: mimikama. 9. Januar 2020, abgerufen am 9. Januar 2020 (deutsch).
  4. Zaria Gorvett: The controversial cells that saved 10 million lives. In: BBC. 4. November 2020, abgerufen am 23. Dezember 2020 (englisch).
  5. T. Betáková et al.: Overview of measles and mumps vaccine: origin, present, and future of vaccine production. In: Acta Virologica. Band 57, Nr. 2, 2013, S. 91–96, doi:10.4149/av_2013_02_91, PMID 23600866.
  6. a b Ross Hawkins und Miltiades Stylianou: SECOND REPLACEMENT SEED STOCK FOR MRC-5 CELLS. WHO, 2018, abgerufen am 4. März 2020 (englisch).
  7. J. P. Jacobs et al.: Characteristics of a human diploid cell designated MRC-5. In: Nature. Band 227, Nr. 5254, 11. Juli 1970, S. 168–170, doi:10.1038/227168a0, PMID 4316953.
  8. J. P. Jacobs: The status of human diploid cell strain MRC-5 as an approved substrate for the production of viral vaccines. In: Journal of Biological Standardization. Band 4, Nr. 2, 1. Januar 1976, S. 97–99, doi:10.1016/0092-1157(76)90018-4.
  9. a b c Frank Destefano, Paul A. Offit, und Allison Fisher: Vaccine Safety. In: Stanley A. Plotkin et al. (Hrsg.): Plotkin’s Vaccines. 7. Auflage. Elsevier, Philadelphia 2017, ISBN 978-0-323-35761-6, S. 1594, PMC 7173515 (freier Volltext) – (elsevier.com).
  10. Impfungen: Wie eine Abtreibung dabei half, Millionen Leben zu retten. Der Spiegel, 6. März 2017, abgerufen am 11. Januar 2020.
  11. Fachinformation Priorix. November 2019, abgerufen am 29. Mai 2020.
  12. Fachinformation Priorix-Tetra. Dezember 2019, abgerufen am 29. Mai 2020.
  13. a b c Joana Splieth: Nein, Zellen von menschlichen Föten und Affen oder Glyphosat sind keine Inhaltsstoffe von Impfungen. In: correctiv. 13. Dezember 2019, abgerufen am 9. Januar 2020 (deutsch).
  14. Grace Rahman: There are no foetal cells in the AstraZeneca Covid-19 vaccine. In: Full Fact. 26. November 2020, abgerufen am 11. Dezember 2020 (englisch).
  15. Liz Neporent: What Aborted Fetuses Have to Do With Vaccines. In: ABC News. 17. Februar 2015, abgerufen am 10. Januar 2020 (englisch).
  16. Note on Italian vaccine issue. In: Pontifical Academy for Life. 31. Juli 2017, abgerufen am 1. Mai 2020 (englisch).