Marcus Keupp

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Marcus Matthias Keupp (* 29. September 1977 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Militärökonom und Künstler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Keupp leistete nach dem Abitur Zivildienst[1] und studierte von 1997 bis 2003 Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Im Rahmen seines Studiums verbrachte von 2000 bis 2001 ein Auslandsjahr an der Universität Warwick in Großbritannien. Im Jahr 2004 ging er in die Schweiz, um am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen zu promovieren. Er schloss die Promotion 2008 mit einer empirischen, betriebswirtschaftlichen Arbeit ab: Subsidiary initiatives in international research and development[2]. Im selben Jahr hielt er sich als Gast an der Universität Peking auf. Nach seiner Dissertation blieb er an der Universität St. Gallen, wo er sich habilitierte und 2013 zum Privatdozenten ernannt wurde.[3][4]

Militärökonomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Januar 2013 arbeitet Keupp als Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich, der Ausbildungsstätte für die Berufsoffiziere der Schweizer Armee. Seine Forschung befasst sich insbesondere mit Fragen rund um die Versorgungssicherheit (kritische Infrastruktur, Cybersecurity, moderner Wirtschaftskrieg), Herausforderungen internationaler Wirtschaftsbeziehungen (Distributions- und Transformationsprozesse internationalen Handels), als auch mit klassischen militärökonomischen Fragen unter einem institutionsökonomischen Blickwinkel.[4] Keupp hat seit dem russischen Überfall auf die Ukraine stark an öffentlicher Bekanntheit zugenommen und ist nun ein häufig geladener Gast im öffentlichen wie privaten Fernsehen, wie auch häufiger Interviewpartner in der Printmedien.

Sanktionen und Embargos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Keupp kritisierte dabei speziell die Vorschläge zu Öl- und Gasembargo, die immer auf eine Angebotsverknappung von Öl und Gas für die EU-Staaten hinausliefen und so die entsprechenden Preise nach oben treibe. Dies ist auch einer der zentralen Inflationstreiber derzeit. Stattdessen wäre es nötig, mehr Angebot auf den Weltmarkt zu werfen, etwa indem das iranische Atomabkommen erneuert würde und so "den Markt mit Öl zu fluten".[5] Hierdurch würden Energiepreise fallen, die europäische Inflation gedrosselt werden und die Einnahmen des russischen Staates fallen. Auch sei es eine absolute Fehlannahme, dass ein Öl-Boykott den russischen Kriegsverlauf negativ beeinflussen würde. Die russische Kriegswirtschaft funktioniere unabhängig vom Energieexportgeschäft. Der eigentliche Krieg ist für Russland sehr günstig und unabhängig von westlicher Technologie: Das Kriegsgerät stammt zumeist noch aus Sowjetreserven, die Treibstoffe für die Mobilität stammen der Eigenproduktion und Rohstoffe für neue Rüstungsgüter kann Russland komplett selbst gewährleisten. Ein Gas-Boykott (oder das Ausbleiben von Gas-Lieferungen) hätte fatale Auswirkungen für die europäische Industrie, die dann aufgrund des Mangels herunterfahren müsste, während die internationale Konkurrenz weiterproduzieren würde. Deutschland würde so in eine starke Rezession gleiten. Auch eine schnelle Substitution mit Flüssigerdgas ist für einige Länder wie Deutschland unrealistisch. Die weltweiten Kapazitäten sind zu gering und bereits auf Jahre ausgebucht worden. Die wirtschaftlichen Effekte von Sanktionen gegenüber russischen Oligarchen stuft Keupp als gering ein, während härtere Schritte der Enteignung über die Rechtsordnung kaum gedeckt sind. Zudem hätten viele bereits ihr Vermögen aus sanktionierenden Ländern (wie der Schweiz) abgezogen, hin zu nicht-sanktionierenden Länder wie Dubai, Israel oder die Türkei.[5]

In Bezug auf Fragen der Nahrungsmittelknappheit fordert Keupp mehr Nüchternheit. Nahrung werde überwiegend dort verbraucht, wo sie auch angebaut werde. Weltweit hätten wir kein Problem der Nahrungsmittelknappheit. Womit wir es derzeit zu tun hätten, sei vordergründig ein Preis- und Logistikproblem. Und hieran müsse zügig gearbeitet werden, indem beispielsweise finanzielle Unterstützung für die ärmsten afrikanischen Länder über die UN bereitgestellt werde.[6]

Das Hauptproblem Russlands liegt hingegen in der mangelnden Beschaffbarkeit von Vorprodukten und Ersatzteilen in der produzierenden Industrie. Die Importsubstitution ist Russland trotz Bemühungen bisher nicht gelungen. Die über die letzten Jahre vorgenommene Diversifizierung der russischen Volkswirtschaft werde so torpediert, Angestellte ausländischer Unternehmen verlieren ihren Beruf. Russland habe seine starke ökonomische Ausgangslage und Zukunftsperspektive verspielt.[7] Es handle sich um ökonomischen Selbstmord, um die Rückabwicklung einer Volkswirtschaft hin zu einem Entwicklungsland.[8]

Militärische Einschätzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf die Frage, weshalb Russland derartige Probleme im Krieg habe, verweist Keupp auf eine Vielzahl an Faktoren. Erstens sei der übergriffige Umgang (Dedowschtschina) mit den eigenen Soldaten zu nennen (bereits seit dem Zarenreich), was die Moral der Truppe untergräbt. Zweitens zeigte sich insbesondere am Anfang des Krieges eine schlampige Operationsführung. Das heißt, Systeme blieben einzig aufgrund falscher oder fehlender Wartung liegen, nicht weil sie abgeschossen werden. Drittens war die Logistik häufig durch geringe Transportfähigkeit überfordert, da sich die russisch-sowjetische Logistik auf einen 150 km Radius von einem Eisenbahn-Versorgungspunkt ausrichtet und mit adäquaten Ersatz und Treibstoffe zu versorgen, beziehungsweise gelang es der Ukraine, mit sehr einfachen Mitteln diese Routen empfindlich zu stören. Viertens gibt es ein Korruptionsproblem unter manchen Kommandanten und lokalen Politikern, die diese Probleme weiter befeuerten. Fünftens fehlt Russland militärisch das Moment der Überraschung. Die Ukrainer sind vorbereitet und angestammt im Gebiet, weshalb er mit einem langen Abnutzungskrieg rechnet. Russland scheint jedoch lernfähig zu sein und nimmt die Ukraine nun als Gegner ernst.[9]

Bei der Frage nach der Legitimität von Waffenlieferungen verweist Keupp auf Kapitel 7 der UN-Charta (insbesondere Artikel 51). Die Frage bei schweren Waffenlieferungen (Panzer, Artillerie) sei seiner Auffassung nach diffiziler. Da jedoch der Offensiv-Charakter der gelieferten Systeme nicht zum Tragen käme, sie defensiv verwendet werden, gilt ihre Lieferung wohl als legitimiert. Zur Gefahr eines möglichen Nuklearkriegs äußert Keupp sich kritisch gegenüber der gängigen Medienberichterstattungen. Es wird zumeist nicht zwischen dem Einsatz von Interkontinentalraketen und taktischen Nuklearwaffen unterschieden. Den begrenzten Einsatz von taktischen Nuklearwaffen hält er für ein gänzlich ungeeignetes Mittel. Der Einsatz wäre kaum effizient, weil die ukrainischen Verbände mobil und stark verteilt kämpfen und parallel die russischen Truppen mit gefährdeten. Auch die immense Gefahr einer weiteren nuklearen Eskalation würde in keinem Verhältnis zu den Kriegszielen und den weiterhin verbleibenden konventionellen Möglichkeiten stehen.[10]

Publikationen zur Militärökonomie

Künstlerisches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parallel begann Keupp ab ca. 2005, sich autodidaktisch über industrielle Fertigungstechniken weiterzubilden. Nach mehrjährigem Studium fand er einen Weg, diese Techniken für seine Kunst nutzbar zu machen; seither spricht er dezidiert von Kunst"produktion". Nachdem er in 2008–2011 primär solche mit industriellen Techniken gefertigte Bilder schuf, verlagerte sich sein gestalterischer Schwerpunkt ab 2011 auf Konzepte, die er zusammen mit literarischen und fotografischen Arbeiten in Form von Künstlerbüchern publiziert.

Keupps Hauptthema ist die Beschäftigung mit der modularen Konstruktion, die er als Grundgesetz allen Lebens und aller Existenz auffasst. Seine von buddhistischem Gedankengut beeinflussten Werke sind komplexe, dynamisch-unruhige Konstruktionen aus wenigen oder nur einer einzigen geometrischen Grundform, die er als "Modul" bezeichnet. Keupp setzt sich in seinem Werk in ironisch-distanzierter Weise mit der konkreten und konstruktiven Kunst auseinander, wobei er gegenüber den theoretischen Grundlagen dieser Richtungen eine eher ablehnende Haltung einnimmt. In seinen Büchern kommentiert er in satirischer Form die inhärenten Widersprüche der Kunst- und Arbeitswelt, indem er bekannte Symbole und Piktogramme mit neuen Bedeutungsinhalten versieht. Sein Werk wurde maßgeblich von Jürgen Blum gefördert, der ihn zur Gruppenausstellung 2010–2011 ins Museum Modern Art nach Hünfeld einlud. Zudem schuf Keupp großformatige Auftragsarbeiten für die Firma Hoffmann-La Roche in Basel.

Ausstellungen und Publikationen
  • via zug, 2011, Kuratierte Kunstausstellung der Stadt Zug
  • 30 räume - 31 positionen, 2010–2011, museum modern art Hünfeld
  • modular, 2012, DIE NEUE SACHLICHKEIT, ISBN 978-3-942139-15-1
  • spam, sex, & random thoughts, 2014, Kerber Verlag, ISBN 978-3-86678-962-3
  • corporate slave, 2017, Kerber Verlag, ISBN 978-3-7356-0361-6
  • grafik16, zürich
  • grafik17, zürich

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marcus M. Keupp: Ratgeber Zivildienst. Rowohlt, 2000, abgerufen am 26. März 2022: „Der Verfasser hat selbst als Zivi und Vertrauensmann Dienst getan.“
  2. Marcus M. Keupp: Subsidiary initiatives in international research and development : a survival analysis. Diss. Nr. 3467 Wirtschaftswiss. Universität St. Gallen 2008. Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften, Saarbrücken 2010, ISBN 978-3-8381-1218-3 (snl.ch).
  3. Profile Page PD Dr. Marcus Matthias Keupp. In: Forschungsplattform Alexandria. Universität St. Gallen, abgerufen am 26. März 2022.
  4. a b Militärakademie an der ETH Zürich: PD Dr. Marcus Keupp. In: Dozentur Militärökonomie. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, abgerufen am 22. März 2022.
  5. a b Dhiraj Sabharwal: Militärökonom erklärt, so killt man Putins Kriegskasse. In: Tageblatt. 11. Mai 2022, abgerufen am 5. Juni 2022.
  6. Drohende Hungerkrise in Afrika: Hunger als Waffe? In: ZDFheute live. 3. Juni 2022, abgerufen am 5. Juni 2022.
  7. Dhiraj Sabharwal: Militärökonom erklärt, so killt man Putins Kriegskasse. In: Tageblatt. 11. Mai 2022, abgerufen am 5. Juni 2022.
  8. Georg Ismar: Militärökonom über Putins drohenden Ruin: „Jeden Tag geht es mehr Richtung Sowjetunion“. In: Tagesspiegel Online. 25. März 2022, abgerufen am 27. März 2022: „Der Militärökonom Marcus Matthias Keupp über Putins Rubel-Trick, "ökonomischen Selbstmord" und warum ein Energie-Boykott den Krieg nicht stoppen kann.“
  9. Dominic Possoch: Kann die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen? In: BR24. 12. Mai 2022, abgerufen am 28. Mai 2022.
  10. Krieg in der Ukraine: Verfolgen wir das falsche Ziel? (Minute 11:20 und 44:10). In: ServusTV. 15. Mai 2022, abgerufen am 4. Juni 2022.