Maria Grevesmühl

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Maria Grevesmühl (* 1936 in Bremen; † 28. Oktober 1996 in Bremen) war eine deutsche Violinistin und Hochschuldozentin.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Privatleben und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grevesmühl kam als jüngstes Kind des berühmten Konzertmeisters und Musikpädagogen Hermann Grevesmühl zur Welt und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Über ihren Vater kam sie bereits früh mit dem Geigenspiel in Kontakt und erfuhr eine Ausbildung an diesem Instrument. Sie spielte – teilweise auch als Solistin – im Jugend-Kammerorchester ihres Vaters. Im Dezember 1952 lobte der Weser-Kurier ihren Vortrag von Mozarts Violinkonzert Nr. 5 A-Dur und bescheinigte der damals 15-Jährigen, dass sie „erneut ihre Begabung, aber auch ihre weitere Vervollkommnung unter Beweis“ gestellt habe.[1] Nachweislich im Februar 1956 gehörte sie dem Kreisorchester Diepholz / Vechta an und „erntete für ihr virtuoses Spiel stürmischen Applaus.“[2] In den folgenden Jahren trat sie oft als Solistin auf und gastierte auch im Ausland. Im April 1968 brachte sie beim 21. Waage-Konzert in Bremen eine Sonate von Otto Busch (* 1901) zur Uraufführung.[3]

Letztendlich entschied sie sich dann jedoch für eine Hinwendung zum Lehrberuf. 1972 erwarb sie beim Bremer Händler Dietmar Machold für 200.000 Deutsche Mark eine Stradivari-Violine aus dem Jahr 1694 („ex Muir-McKenzie“).[4] Mehr als 20 Jahre wirkte sie anschließend am Konservatorium der Freien Hansestadt Bremen sowie an der daraus hervorgegangenen Hochschule für Künste Bremen als Musikprofessorin. Sie war dort zunächst Konzertmeisterin in Hans Joachim Kauffmanns Orchester, ehe sie in den 1980er Jahren für ihre Studenten ein eigenes Kammerorchester gründete.[5] Zwischen 1987 und Oktober 1993 amtierte Grevesmühl als Präsidentin der in Mainz ansässigen European String Teachers Association (ESTA)[6] und darüber hinaus war sie 1988 sowie 1989 Mitglied der Jury beim Internationalen Wettbewerb für Violine der Kulturstiftung Hohenlohe, der im Kloster Schöntal ausgetragen wird.[7] Ferner gehörte sie dem Kuratorium der Dr. Ernst Koch-Stiftung (heute: ESTA Foundation for young string players) an, aus dem sie auf eigenen Wunsch ebenfalls im Oktober 1993 ausschied.[8]

Sie blieb kinderlos und unverheiratet.

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Abendstunden des 28. Oktober 1996 starb Grevesmühl infolge eines Treppensturzes am Bahnhof Bremen-Schönebeck, nachdem sie im Anschluss an eine abendliche Probe (Edvard Griegs Aus Holbergs Zeit)[9] mit dem Regionalzug aus dem Stadtzentrum nach Hause gefahren war. Sie erlitt einen Schädelbasisbruch sowie sehr schwere Verletzungen im Gesicht. In ihrer Handtasche fanden sich Schmuck und Bargeld, die Stradivari jedoch war gestohlen worden, weshalb die Ermittlungsbehörden schnell von einem Verbrechen ausgingen. Das Kommissariat 31 der Kriminalpolizei wurde mit einer 14-köpfigen Mordkommission aktiv und eine Belohnung von 60.000 DM für Hinweise ausgesetzt. Der Fall erregte bundesweit große Aufmerksamkeit und wurde in den Medien breit rezipiert. Am 6. November 1996 erfolgte die Beisetzung Grevesmühls auf dem Friedhof Alt-Aumund.

Juristische und mediale Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ermittlungen begleitete ein Kamerateam von Radio Bremen, das für die Dokumentarfilmreihe Unter deutschen Dächern aufzeichnete. Zwei Tage nach der Tat konnte – im Beisein der Journalisten – der Rumäne Marin Boaca (* 1965) als Tatverdächtiger verhaftet werden. Er hatte versucht, die Violine an einen Bremer Hehler zu verkaufen. Dieser informierte die Polizei. Boaca war als Taschen- und Ladendieb bereits einige Male polizeilich in Erscheinung getreten, wegen Raubes und Körperverletzung vorbestraft sowie mehrfach ausgewiesen beziehungsweise abgeschoben worden und wieder nach Deutschland zurückgekehrt.[10] Als die Beamten bei ihm eine Visitenkarte von Grevesmühls Student Vasile Dárnea fanden, gab Boaca an, lediglich in dessen Auftrag gehandelt zu haben. Auch diese Aussage sowie eine spätere Vernehmung nahmen die Medienvertreter heimlich auf. Ferner wohnten sie der Obduktion des Opfers sowie der Hausdurchsuchungen von Dárneas Wohnung bei. Im Zuge dessen integrierten sie private Foto- und Videoaufnahmen von ihm in ihren Film. Während der Aufnahmen bedrängten die Polizisten Dárnea massiv, da sie in ihm den Hauptdrahtzieher der Tat sahen. Diese Ansicht wurde von vielen Pressevertretern geteilt. Schnell kam es zu einer medialen Vorverurteilung des Studenten.

Boaca verstrickte sich jedoch zunehmend in Widersprüche. So behauptete er zunächst, die Dozentin gestoßen zu haben, revidierte seine Aussage aber dann dahingehend, ihr lediglich die Geige abgenommen zu haben. Dabei müsse sie vor Schreck gestolpert sein. Drei Monate nach seiner Verhaftung wurde der Violinstudent Dárnea mangels dringenden Tatverdachts nach 13 Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Strafkammer II des Landgerichts Bremen – vor der später auch die Verhandlung stattfinden sollte – hatte festgestellt, dass zwei vom Fernsehen begleitete Hausdurchsuchungen bei ihm rechtswidrig waren, da keine richterliche Anordnung vorgelegen hätte und auch nicht Gefahr im Verzug war. Das Landgericht Hamburg verfügte zudem, dass mehrere Passagen des von Radio Bremen produzierten Films Der Fall Stradivari nicht ausgestrahlt werden dürfen. Am 28. Mai 1997 wurde die Reportage von Dirk Blumenthal erstmals im Ersten gesendet.

Dárneas Strafverteidiger warf der Polizei in seinem Schlussplädoyer vor, einzelne Beamte hätten sich von der „vom Fernsehen inszenierten Dramatik hinreißen lassen“[10] und wären der „Suggestion einer von ihr [der Polizei] mitgeschaffenen Dramatik erlegen“.[10]

Am 15. Mai 1998 wurde Boaca dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgend zu 13 Jahren Freiheitsstrafe wegen des Raubes mit Todesfolge verurteilt. Dagegen sprach das Gericht Dárnea, für den drei Jahre Haft gefordert worden waren, frei.[10] Eine Revision der Staatsanwaltschaft hiergegen wurde im November 1998 abgewiesen.[11]

Margot Overath produzierte im gleichen Jahr für Radio Bremen, den NDR, den WDR, den ORB und den SFB das Radio-Feature Raub der Stradivari – Die Geschichte eines jungen Geigers unter falschem Verdacht.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Drei Konzerte am Wochenende“. In: Weser-Kurier, 8. Jahrgang, № 278, 2. Dezember 1952, Seite 6.
  2. Bernhard Heimann (Hrsg.): „Illustrierte Chronik des Männergesangvereins Bürgerliedertafel von 1860 Dinklage“. 1985, Seite 222. Abgerufen auf maennergesangverein.wordpress.com am 3. Januar 2017.
  3. „Eine Woche Bremer Kulturleben“. In: Delmenhorster Kreisblatt, 8. Mai 1968. Abgerufen auf archivio.piccoloteatro.org am 3. Januar 2017.
  4. Roger Graham Hargrave: Vorstellung der Stradivari-Violine „ex Muir-McKenzie“. In The Strad, Dezember 1985, Seiten 126–132. Abgerufen auf roger-hargrave.de am 17. März 2016.
  5. Die Tageszeitung, 1996.
  6. Liste der Präsidenten der European String Teachers Association. (Memento des Originals vom 2. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.esta-de.de Abgerufen auf esta-de.de am 2. Januar 2017.
  7. Übersicht über die Jurymitglieder der unterschiedlichen Austragungen des Internationalen Wettbewerb für Violine der Kulturstiftung Hohenlohe. (Memento des Originals vom 29. Juli 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.violinwettbewerb.de Abgerufen auf violinwettbewerb.de am 2. Januar 2017.
  8. Informationen zum 20th International ESTA Congress, Oktober 1993 in St. Moritz. Abgerufen auf esta-de.de am 3. Januar 2017.
  9. Bruno Schrep: „Der süße Ton der Stradivari“. (Memento des Originals vom 24. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.spiegel.de In Der Spiegel, № 47 / 1996, 18. November 1996, Seiten 90–92. Abgerufen auf spiegel.de (Spiegel Online) am 17. März 2016.
  10. a b c d Gisela Friedrichsen: „Ein Wust von Angaben“. In: Der Spiegel, № 22 / 1998, 25. Mai 1998, Seiten 127–129. Abgerufen auf spiegel.de (Spiegel Online) am 17. März 2016.
  11. David Schoenbaum: The Violin. A Social History of the World’s Most Versatile Instrument. W. W. Norton & Company, New York City, 2012, ISBN 978-0-393-08440-5, Seite 212.