Vernehmung

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Eine Vernehmung (veraltete Bezeichnung: Verhör) bezeichnet im Recht Deutschlands die Befragung einer Person durch einen Bediensteten zu einem Sachverhalt bzw. zu einer Wahrnehmung. Die Einvernahmen werden in aller Regel niedergeschrieben oder anderweitig festgehalten.

Anders als die Anhörung dient die Vernehmung nicht der Gewährung rechtlichen Gehörs, sondern der Ermittlung des maßgeblichen Sachverhalts durch Frage und Antwort.[1]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Strafverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vernehmungen dienen der Wahrheitsfindung sowie gegebenenfalls auch der Entscheidungsfindung. Sehr häufig ist in diesem Zusammenhang eine Befragung eines Beschuldigten, Betroffenen oder Zeugen durch Beamte der Strafverfolgungsbehörden in einem Strafprozess oder in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren. Die Praxis der Vernehmung ist ein Teil der Kriminalistik.

In der Rechtswissenschaft bezeichnet die Vernehmung das Befragen durch ein staatliches Organ zu einem Untersuchungs- bzw. Verfahrensgegenstand. Eine gesetzliche Legaldefinition gibt es nicht. Der Bundesgerichtshof versteht unter einer Vernehmung eine Befragung, die von einem Amtswalter eines Strafverfolgungsorgans in amtlicher Funktion mit dem Ziel der Gewinnung einer Aussage durchgeführt wird.[2]

Die Befragung von Zeugen, Sachverständigen sowie des Beschuldigten (im Ordnungswidrigkeitenverfahrensrecht: Betroffenen), Angeschuldigten bzw. Angeklagten ist eine Art der Beweiserhebung.

Vor Gericht können Zeugen oder Sachverständige verpflichtet werden, unter Eid auszusagen. Eidliche und uneidliche Falschaussagen sind in Deutschland strafbewehrt.

Jede Vernehmung in Ermittlungsverfahren besteht aus den Teilen Vernehmung zur Person und Vernehmung zur Sache. Letztere ist in vielen Ländern der Welt freiwillig, da Beschuldigten ein Aussageverweigerungsrecht zusteht und sie sich nach dem römisch-rechtlichen Grundsatz nemo tenetur se ipsum accusare nicht selbst belasten und gegebenenfalls die Eröffnung eines Ermittlungsverfahren riskieren müssen. Bei der Vernehmung zur Person sind in Deutschland die Angaben zur Identität wie Familienname, Geburtsname, Vorname, Geburtsdatum, Geburtsort, Familienstand, Staatsangehörigkeit, Beruf und Wohnanschrift obligatorisch (§ 163b StPO). Ein Verstoß durch falsche Angaben oder die Verweigerung dieser Angaben ist tatbestandsmäßig eine Ordnungswidrigkeit gem. § 111 OWiG.

Vor Erlass eines Strafbefehls bedarf es keiner Anhörung des Angeschuldigten durch das Gericht (§ 407 Abs. 3 StPO).

Eine besondere Situation stellt die gerichtliche Vernehmung eines Verfolgten im Zusammenhang mit einem Auslieferungsersuchen gem. § 28 Gesetz über die internationale Rechtshilfe in Strafsachen dar.

Ermittlungsverfahren und Hauptverhandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personenkreis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vernommen werden kann jeder, der etwas als Verdächtiger, Beschuldigter, Angeschuldigter, Angeklagter, Betroffener oder Zeuge zur Aufklärung einer Sache beitragen kann. Als Auskunftsperson bezeichnet man bei der Polizei einen Menschen, der nebensächliche Informationen zur Aufklärung einer Tat im polizeilichen Ermittlungsverfahren geben kann (beispielsweise Fluchtrichtung, Aufenthaltsorte, benutzte Fahrzeuge, Kontaktpersonen).

Beschuldigten- und Betroffenenvernehmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Polizeiliche Vernehmung, beobachtet durch einen Einwegspiegel

In Deutschland gelten für Vernehmungen im Buß- und Strafverfahrensrecht die Strafprozessordnung (StPO), als Transformationsvorschrift bei Ordnungswidrigkeiten auch das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) und als befugnisnormergänzende Vorschrift jeweils auch die Europäische Menschenrechtskonvention. Die Aussage bei Vernehmungen stellt später im Gerichtsverfahren einen Personenbeweis dar und gibt kriminalistische Ermittlungsansätze für die Klärung eines Falles oder anderer ungelöster Fälle.

In der Beschuldigten- beziehungsweise Betroffenenvernehmung ist der Beschuldigte bzw. Betroffene nach § 136 StPO über seine Rechte zu belehren. Diese Belehrungen sind in Deutschland u. a.:

Unterbleiben die Belehrungen über das Recht auf Aussagefreiheit und Verteidigerkonsultation, so ist die Aussage unter Umständen für ein Gerichtsverfahren unverwertbar. Sofern ein Beweisverwertungsverbot gegeben ist, muss der anwaltlich vertretene (oder seitens des Gerichts auf die Möglichkeit eines Widerspruchs hingewiesene) Angeklagte jedoch der Verwertung in der Hauptverhandlung rechtzeitig widersprechen, da ansonsten gemäß der Widerspruchslösung des BGH die Verwertung doch möglich ist. Ferner kann ein solcher Beweiserhebungsfehler durch die sog. qualifizierte Belehrung geheilt werden. Hier muss der Beschuldigte darüber aufgeklärt werden, dass seine bisherigen Aussagen nicht verwertet werden können, eine Belehrung muss erfolgen und der Beschuldigte kann in Kenntnis der Nichtverwertbarkeit eine erneute Aussage machen.

Dem Beschuldigten soll Gelegenheit gegeben werden, Verdachtsgründe auszuräumen und die zu seinen Gunsten sprechenden Tatsachen geltend zu machen sowie selbst einen Beweisantrag zu stellen. Die einzige Pflicht eines Beschuldigten ist die Angabe der vollständigen und wahrheitsgemäßen Personalien, hierfür ist jedoch keine gesetzliche Vorschrift für eine Belehrung vorhanden. Vorsätzliche oder fahrlässige Verstöße sind mit Bußgeld bewehrt, § 111 OWiG.

Der Vernommene als Beschuldigter oder Betroffener darf über einen Rechtsbeistand oder einen Verteidiger Akteneinsicht nehmen, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Der Rechtsanwalt oder Rechtsbeistand erhält jedoch bereits im laufenden Verfahren Akteneinsicht, um sich von den Vorwürfen und der Aussicht (Beweislage) ein Bild machen zu können und im Ermittlungs- oder Gerichtsverfahren argumentieren zu können.

Die Vorschriften der StPO gelten auch in Verbindung mit Ordnungswidrigkeiten (Überleitungsvorschrift 46 II OWiG§ 163a Abs. 3 und 4 StPO) und in ähnlicher Form für Vernehmungen in der Hauptverhandlung (§ 243 Abs. 4 StPO).

Bei der Vernehmung sind durch den Vernehmenden die beweiserheblichen Tatbestände herauszuarbeiten, die Täterschaft und Teilnahme zu erforschen sowie die Vorbereitungs- und Vollendungshandlungen zu erschließen. Hierbei kann der Vernommene auf Widersprüche, Täterwissen oder Beziehungen zum Opfer und so weiter konfrontiert werden. Ferner kann das Alibi überprüft und hinterfragt werden. Bei mittleren oder schwerwiegenden sprachlichen Verständnisschwierigkeiten ist ein Dolmetscher hinzuzuziehen, um ein faires Verfahren sowie das rechtliche Gehör zu gewährleisten. Eine Zeugenvernehmung vor Gericht (zur Person und Sache) und eine Vernehmung eines Angeschuldigten/Betroffenen (nur zur Sache) ist jedoch außer im Falle eines Aussageverweigerungsrechts oder Vernehmungsunfähigkeit Pflicht.

Zeugenvernehmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeugenvernehmungen sind Befragungen von Zeugen zu ihren Wahrnehmungen und Kenntnissen zum Untersuchungsgegenstand. Bei der Zeugenvernehmung sollen Fragen nach entehrenden Tatsachen, nach Vorstrafen oder Umständen aus dem persönlichen Lebensbereich des Zeugen oder seiner Angehörigen nur gestellt werden, wenn sie unerlässlich sind (§ 68a StPO). Auch kann zum Schutz der Privatsphäre des Zeugen die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden (§ 171b Gerichtsverfassungsgesetz). Eine Gegenüberstellung mit anderen Zeugen oder mit dem Beschuldigten im Vorverfahren ist allerdings zulässig, falls es für das weitere Verfahren geboten erscheint (§ 58 Abs. 2 StPO).

Bestimmten Zeugen steht aus persönlichen oder beruflichen Gründen ein Zeugnisverweigerungsrecht oder zumindest ein Auskunftsverweigerungsrecht zu bestimmten Fragen zu.

Verbotene Vernehmungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Freiheit der Willensentschließung und Selbstbestimmung eines Beschuldigten oder Zeugen darf nicht durch verbotene Vernehmungsmethoden wie Drohungen, Folter, Ermüdung, körperlichen Eingriff, Verabreichung von bewusstseinstrübenden Mitteln, Täuschung oder Hypnose beeinträchtigt werden (§ 136a, § 69 Abs. 3 StPO). Erlaubt ist jedenfalls das wiederholte Aufsuchen in der Wohnung oder am Arbeitsplatz, die Mitnahme zu einer Dienststelle oder wiederholte Telefongespräche.

Die Drohung mit einer unzulässigen Maßnahme und das Versprechen eines gesetzlich nicht vorgesehenen Vorteils sind ausdrücklich verboten; nicht gestattet sind auch Maßnahmen, die absehbar das Erinnerungsvermögen oder die Einsichtsfähigkeit des Beschuldigten beeinträchtigen würden. Aussagen, die unter Verletzung dieser Verbote zustande gekommen sind, dürfen auch dann nicht verwertet werden, wenn der Beschuldigte der Verwertung zustimmt (§ 136a StPO).

Der Einsatz von Lügendetektoren ist in Deutschland als Beweis im Ermittlungs- und Gerichtsverfahren unzulässig und daher kommen diese nirgends zur Anwendung. Die Gesprächsführung obliegt dem Beamten der Ermittlungsbehörde, es gibt insofern kein jederzeitiges Rederecht bzw. eine übermäßige lange Dauer. Es bleibt dem Betroffenen jedoch in jedem Fall freigestellt, sich schriftlich zu äußern (auch nachträglich, bis zum Beginn der Hauptverhandlung).

Ziel der Vernehmung seitens der Strafverfolgungsbehörde ist das Geständnis oder zumindest Hinweise, die als Ermittlungsansätze dienen. Eine besondere Methode zur Erlangung von Geständnissen ist die Reid-Methode.

Grundsätzlich muss der Beschuldigte bzw. Betroffene gemäß § 163 a Abs. 1 StPO spätestens vor Abschluss der polizeilichen Ermittlungen zur Person und Sache vernommen worden sein oder zumindest der Tatvorwurf eröffnet worden sein (z.B. auf der Vorladung).

Vernehmen darf von Seiten des Staates jeder befugte, zuständige und im Dienst befindliche Amtsträger, dessen Aufgabe die Straf- oder Ordnungswidrigkeitenverfolgung ist.

Verwertung von Aussagen nach einem Statuswechsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ist eine Person als Zeuge vernommen worden und erhält später im Verfahren den Status eines Beschuldigten oder Betroffenen, so wird in der Praxis die Person entsprechend a) neu belehrt und dieses Einverständnis bei Zustimmung in einem Aktenvermerk festgehalten oder b) neu vernommen; Gleiches gilt im umgekehrten Sinne.

Dokumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vernehmungen können auf Grundlage eines interviewähnlichen Gesprächs in einer Vernehmungsniederschrift protokolliert werden, und zwar sowohl als Fließtext als auch im Frage-Antwort-Verfahren. Vernehmungen können auch in indirekter Rede in Vermerkform niedergeschrieben werden. Es ist jedoch auch in manchen Polizeien und Jurisdiktionen bei geeigneten Fällen üblich, dass sich Beschuldigte bzw. Betroffene ohne des Beiseins eines Vernehmenden schriftlich äußern. In anderen Fällen kann die Vernehmung – nach Einverständnis – auf Tonträger aufgenommen oder durch den Vernehmenden protokolliert werden. Dies verflüssigt das Gespräch (weil nicht dauernd für die Protokollierung pausiert werden muss). Die Art der Vernehmung und die Art der Niederschrift obliegt dem vernehmenden Beamten im Rahmen der Gestaltungsfreiheit des Ermittlungsverfahrens.

In Ausnahmefällen können Vernehmungen auch per Videokonferenz durchgeführt werden. In speziellen Fällen kann eine Vernehmung auch videografiert werden. Vernehmungen werden der Ermittlungsakte beigegeben. Bei sehr belastenden Ereignissen eines Geschädigten (ergo Zeuge) kann auf eine erneute Einvernahme vor Gericht verzichtet werden, wenn erschöpfende Vernehmungsergebnisse vorliegen. Diese können dann per Beschluss in die Entscheidung mit einfließen, als wären die Vernehmungen vor Gericht getätigt.

Vorladung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ladungen der Staatsanwaltschaft und des Gerichtes ist Folge zu leisten. Dies gilt für Ladungen durch die Polizei nur, wenn die Vorladungen zur Polizei aufgrund staatsanwaltlicher Weisung ergeht. Sie kann dann auch zwangsweise durchgesetzt werden (§ 133 StPO, § 25 Bundespolizeigesetz). Soll der Bundespräsident als Zeuge vernommen werden, so geschieht dies in seiner Wohnung. Zur Hauptverhandlung wird er nicht geladen (§ 49 StPO).

Wahrheitsgehalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Beschuldigter oder Zeuge, der vor Gericht, der Staatsanwaltschaft oder vor der Polizei lügt, kann deshalb bestraft werden, wenn er dadurch tatbestandsmäßig eine Begünstigung i. S. v. § 257 StGB, das Vortäuschen einer Straftat i. S. v. § 145d StGB oder eine Falsche Verdächtigung i. S. v. § 164 StGB begeht. Allerdings sind davon Äußerungen nicht erfasst, die bloß die eigene Beteiligung an einer Straftat leugnen, solange nicht andere Personen beschuldigt werden. Die Möglichkeit, eine eigene Tatbeteiligung leugnen zu dürfen, ergibt sich aus dem Grundsatz der Selbstbelastungsfreiheit (sog. „Nemo tenetur“-Grundsatz). Führt die falsche Aussage für den Zeugen oder Beschuldigten vorhersehbar zur Festnahme einer Person, so macht er sich der Freiheitsberaubung (§ 239 StGB) durch mittelbare Täterschaft (§ 25 Abs. I 2. Alt. StGB) schuldig.

Sagt ein Zeuge bei einer uneidlichen Vernehmung vor Gericht falsch aus, so macht er sich zudem einer falschen uneidlichen Aussage (§ 153 StGB) oder im Falle der Vereidigung des Verbrechens des Meineides (§ 154 StGB) strafbar. Im Falle der Vereidigung ist auch die fahrlässige Falschaussage (§ 163 StGB) strafbar. Vor der Polizei kann sich der Zeuge auch wegen einer Strafvereitelung i. S. v. § 258 StGB strafbar machen.

Beim Beschuldigten, der wahrheitsgemäß aussagt, wirkt sich dies auf die Strafzumessung aus, insbesondere wenn er damit zur Aufklärung der Tat beiträgt, vgl. § 46 Abs. 2 StGB – Verhalten nach der Tat.

Bei Straftaten nach dem BtMG kann ein deutsches Gericht von Strafe absehen oder die Strafe mildern, wenn der Beschuldigte dazu beigetragen hat, die Tat über seinen Tatbeitrag hinaus aufzuklären oder freiwillig sein Wissen so rechtzeitig einer Dienststelle offenbart, dass Straftaten nach § 29 Abs. 3, § 29a Abs. 1, § 30 Abs. 1, § 30a Abs. 1 BtMG, von deren Planung er weiß, noch verhindert werden können.

„Der Irrtum ist der größere Feind der Wahrheit, als die Lüge. Der Lügner will nicht die Wahrheit sagen, der Irrende kann es nicht, auch wenn er nicht so sehr die Wahrheit sagen will. Den Lügner kann man mit Hilfe der Glaubwürdigkeitskriterien entlarven; den „halben“ Lügner mit geschickter Vernehmungstechnik zur Wahrheit motivieren. Beim Irrtum kann man nur mögliche Irrtumsquellen in Betracht ziehen und sie bei der Bewertung der Aussage berücksichtigen.“

Rolf Bender und Armin Nack: Tatsachenfeststellung vor Gericht, Glaubwürdigkeitslehre und Beweislehre, C.H. Beck, München, ISBN 978-3-406-35986-6, Band 1, S. 1.
Vernehmungspraxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Polizei ist der Vorläufer im zeitlichen Zusammenhang zur Vernehmung die informatorische Befragung. Hierbei wird festgestellt, wie eine Person zu belehren und zu behandeln ist.

Befragungen aller Art im Ordnungswidrigkeiten- und Strafverfahren (informatorische Befragungen, Einholung von Auskünften, Vernehmungen) sind von anderen Beteiligten (Beschuldigte, Zeugen) getrennt durchzuführen, um eine eigenständige und somit unmanipulierte Aussage zu erhalten. Bei widersprüchlichen Aussagen von Beschuldigten kann eine gemeinsame Vernehmung der Personen zur Ermittlung der Wahrheit führen. Vernehmungen sollten zeitnah zur Tatzeit erfolgen, damit keine Erinnerungslücken entstehen und das Ergebnis für weitere Ermittlungen zur Verfügung steht.

Für Beschuldigte, die der deutschen Sprache nicht mächtig oder hör- oder sprachbehindert sind, ist ein Übersetzer oder Gebärdensprachdolmetscher heranzuziehen (§ 187 GVG, § 163a Abs. 5 StPO).

Für Vernehmungen ist in vielen Polizeidienststellen ein Vernehmungsraum eingerichtet, in dem ungestört gearbeitet werden kann. In besonderen Fällen, z. B. beim sexuellen Missbrauch von Kindern, werden oft Vernehmungsspielzimmer mit Videoaufzeichnung vorgehalten. Einige Zimmer, besonders in Nordamerika, sind mit einem Venezianischen Spiegel versehen, um die Reaktionen des Vernommenen ungestört zu beobachten.

Üblicherweise ist die Vernehmung in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil erhält der zu Vernehmende Gelegenheit zusammenhängend zu berichten, danach werden ihm Fragen gestellt. Im letzten Teil werden Vorhalte gemacht und sonst versucht, Widersprüche der Aussage zu Beweismitteln und anderen Aussagen zu klären.

Erfahrene Vernehmungsbeamte versuchen zunächst, das Basisverhalten einer Person zu erforschen, um so durch Beobachtung des nonverbalen Verhaltens festzustellen zu können, wann eine Person lügt.

Fallweise kann auch eine Tonaufnahme der Vernehmung erfolgen. Dies hat folgende Vorteile für die Ermittlung:

  • flüssigere Aussage ohne Unterbrechung für die Niederschrift
  • Verhalten auf Vorhalte bzw. Fragen (beispielsweise Pausen, Emotionen)

Bezüglich der Sprachaufzeichnung muss im Voraus eine Einverständniserklärung seitens des Vernommenen vorliegen. Auch Tonband- und Videovernehmungen müssen dem Gericht zusätzlich in Schriftform vorgelegt werden.

§ 247a StPO erlaubt die audiovisuelle Vernehmung eines im Ausland aufenthältlichen Zeugen (Videoaufzeichnung oder Videokonferenz).

In der Hauptverhandlung vernimmt der vorsitzende Richter den Angeklagten in Abwesenheit der Zeugen über seine persönlichen Verhältnisse. Sodann wird der Angeklagte darauf hingewiesen, daß es ihm freistehe, sich zu der Anklage zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen. Ist der Angeklagte zur Äußerung bereit, so wird er zur Sache vernommen (§ 243 StPO). In der anschließenden Beweisaufnahme werden die Zeugen einzeln nach Aufruf vernommen. Die Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen kann der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung zum Zwecke des Kreuzverhörs überlassen werden, das Gericht bleibt aber für die Aufklärung des Sachverhalts verantwortlich (§ 239 StPO).

Zivilprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zivilprozess können nach deutschem Zivilprozessrecht Zeugen, Sachverständige und die Parteien selbst im Wege der Parteivernehmung einvernommen werden.

Sonstige Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestages und der Landtage können jeden Beteiligten oder Zeugen vorladen und vernehmen. Hierbei kann die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Das Untersuchungsausschussgesetz (PUAG) verweist hier häufig die Regelung aus der Strafprozessordnung, z. B. § 23, § 24 PUAG.

Auch im Verwaltungsrecht gibt es verschiedene Arten von Vernehmungen, z. B. die eidliche Vernehmung eines anderen als eines Beteiligten gem. § 94 Abgabenordnung. Vor Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland 2011 spielte die Vernehmungen von Zeugen und Sachverständigen zur Überprüfung der Verfügbarkeit eines anerkannten Kriegsdienstverweigerers gem. § 20 Zivildienstgesetz (ZDG) eine Rolle.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die österreichische Strafprozeßordnung enthält seit 1993 die Möglichkeit der kontradiktorischen Vernehmung eines Beschuldigten oder Zeugen bereits im Ermittlungsverfahren.[3]

Sie kommt in Betracht, wenn zu besorgen ist, dass die Vernehmung in der Hauptverhandlung aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen nicht möglich sein werde (§ 165 Abs. 1 öStPO). Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn ein Zeuge seinen Wohnsitz im weit entfernten Ausland hat und nicht ohne weiteres zur Hauptverhandlung anreisen kann oder an einer fortschreitenden schweren Krankheit leidet.[4] Um dem Zeugen eine Begegnung mit dem Beschuldigten und anderen Verfahrensbeteiligten zu ersparen, etwa für Opfer von Sexualdelikten[5] oder um die Beeinflussung minderjähriger Zeugen zu verhindern, kann die richterliche Vernehmung auf Video aufgezeichnet und den übrigen Beteiligten in einen separaten Nebenraum übertragen werden. Eventuelle Fragen werden dabei über den Richter an den Zeugen übermittelt ohne persönlichen Kontakt zu der fragenden Person.

Die kontradiktorische Vernehmung findet auf Antrag der Staatsanwaltschaft nach den für die Hauptverhandlung geltenden Bestimmungen statt. Es findet keine einseitige Vernehmung durch die Strafverfolgungsbehörde statt, sondern es können sich die Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte, das Opfer, eventuelle Privatbeteiligte und deren Vertreter beteiligen und Fragen sowie gegensätzliche (kontradiktorische) Anträge stellen. Das Vernehmungsprotokoll sowie Ton- oder Bildaufnahmen der Vernehmung können in der Hauptverhandlung verlesen bzw. vorgeführt werden. Insofern stellt die kontradiktorische Vernehmung eine Ausnahme von dem Grundsatz der Mündlichkeit und Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme dar.

Vereinigte Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Grundsatzurteil von 1966 (Miranda v. Arizona) entwickelte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten eine Belehrungspflicht zum Aussageverweigerungsrecht gegenüber Beschuldigten vor der polizeilichen Vernehmung.

Der Einsatz von in den USA selbst verbotenen sog. enhanced interrogation techniques (verschäfte Verhörmethoden) wie das Waterboarding in den Gefangenenlagern von Abu-Ghuraib oder Guantanamo ist Gegenstand vielfältiger öffentlicher Kritik.[6][7][8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Claudia Brockmann und Reinhard Chedor: Vernehmung. Hilfen für den Praktiker, Polizei, Psychologie, 120 S., Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 1999. ISBN 3-8011-0405-2
  • Max Hermanutz, Sven Max Litzcke und Ottmar Kroll: Polizeiliche Vernehmung und Glaubhaftigkeit. Ein Trainingsleitfaden. 162 Seiten, Richard Boorberg Verlag, Stuttgart u. a., 2005, ISBN 3-415-03554-9
  • Ackermann, R./Clages, H./Roll, H.: Handbuch der Kriminalistik für Praxis und Ausbildung, Boorberg Verlag, Stuttgart, 2000
  • Arntzen, F.: Vernehmungspsychologie, C. H. Beck Verlag, München, 1989
  • Bender, R./Wartemann, F.: Vernehmung, in: Kube, E./Störzer, H. U./Timm, K. J. (Hrsg.): Kriminalistik, Band 1, Boorberg Verlag, Stuttgart, 1992
  • Brockmann, C. und Chedor, R.: Vernehmung. Hilfen für den Praktiker, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden, 1999
  • Brockmann, C.: Vernehmungstechniken, in: Stein, F. (Hrsg.): Brennpunkte der Polizeipsychologie, Verlag für angewandte Psychologie, Stuttgart, 1990
  • Brodag. W.-D.: Kriminalistik: Grundlagen der Verbrechensbekämpfung, Boorberg Verlag, Stuttgart, 1995
  • Burghard, W.: Die aktenmäßige Bearbeitung kriminalistischer Ermittlungsvorgänge, BKA-Schriftenreihe, Band 35, Wiesbaden, 1979
  • Burghard, W./Hamacher, H. W./Herold, H./Howorka, H./Kube, E./Schreiber, M./ Stümper, A. (Hrsg.): Kriminalistik-Lexikon, Schriftenreihe der Kriminalistik, Grundlagen, Band 20, Kriminalistik Verlag, Heidelberg, 1996
  • Uwe Füllgrabe, F. Geerds: Kriminalistik, Schmidt-Römhild Verlag, Lübeck, 1980
  • Uwe Füllgrabe: Irrtum und Lüge, Boorberg Verlag, Stuttgart, 1955
  • Jaeger, R.: Vernehmung von Einbrechern, in: Kriminalistische Kompetenz, Kapitel 6, DSB 5, Schmidt – Römhild Verlag, Lübeck, 2000
  • Krauthan, G.: Psychologisches Grundwissen für Polizeibeamte, Psychologie, Verlagsunion, 1990
  • Märkert, W.: Vernehmungslehre, in: Kriminalistische Kompetenz, Kapitel 1, KR 9, Schmidt-Römhild Verlag, Lübeck, 2000
  • Meyer, H. und Wolf, K.: Kriminalistisches Lehrbuch der Polizei, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden, 1994
  • Schäfer, G.: Praxis des Strafverfahrens, Kohlhammer GmbH Stuttgart, 1992
  • Scheler, U. und Haselow, R.: Repititorium Psychologie für die Polizei, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden, 1994
  • Schicht, G.: Einbruchsdiebstah,l in: Burghard, W. und Hamacher, H.-W. (Hrsg.): Lehr- und Studienbriefe Kriminalistik, Nr. 20, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 1996
  • Schneider, R./Krauthan, G.: Wahrheit und Lüge, Boorberg Verlag, Stuttgart, 1988;
  • Stolz, H. und Treschel, W.: Kriminalistik für die Polizeipraxis, Lehr- und Arbeitsmaterialien für Schutz- und Kriminalpolizei, Verlag Hans-Rainer Strahlendorf, Berlin, 1992
  • Stüllenberg, H.: Vernehmung, Gegenüberstellung, in: Burghard, W./Hamacher, H.-W. (Hrsg.): Lehr- und Studienbriefe Kriminalistik, Nr. 4, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 1992;
  • Vietzke, H.-P.: Besonderheiten bei der Vernehmung von Asiaten, in: Kriminalistische Kompetenz, Kapitel 1, KR 9.16, Schmidt-Römhild Verlag, Lübeck, 2000
  • Wendler, A. und Hoffmann, H.: Technik und Taktik der Befragung im Gerichtsverfahren, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-17-020446-1
  • Eisenberg: Spezialkommentar. Beweisrecht der StPO, C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München, 7. Aufl. 2011
  • Karlsruher Kommentar zur StPO, C. H. Beck München 1999

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Vernehmung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Carl Creifelds: Rechtswörterbuch. 21. Aufl. 2014. ISBN 978-3-406-63871-8
  2. BGH GSSt 1/96, Beschluss vom 13. Mai 1996 = BGHGSt 42, 139, 149
  3. Andreas Petritsch: Die kontradiktorische Vernehmung Karl-Franzens-Universität Graz, 2010
  4. Petritsch, S. 1
  5. Kontradiktorische Vernehmung Der Standard, 17. März 2009
  6. Andreas Förster: Die US-Regierung untersucht die Verhörmethoden der Bush-Ära. Die CIA foltert schon viel länger: Waterboarding, Kältefolter, Wahrheitsdrogen Berliner Zeitung, 27. August 2009
  7. Magdalena Hamm: USA: "Ärzte haben für die Bush-Regierung Foltermethoden erforscht" Die Zeit, 24. Juni 2010
  8. Bericht enthüllt brutale Foltermethoden der CIA Die Zeit, 9. Dezember 2014
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