Marshall Sahlins

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Marshall Sahlins (* 27. Dezember 1930 in Chicago) ist ein US-amerikanischer Anthropologe.

Leben[Bearbeiten]

Marshal Sahlins wuchs in Chicago auf. Seinen BA und MA erwarb er an der University of Michigan, wo er bei Leslie White studierte. 1954 wurde Sahlins Ph.D. an der Columbia University. Hier haben ihn Karl Polanyi und Julian Steward intellektuell beeinflusst. Er kehrte in den 1960er Jahren als Dozent an die University of Michigan zurück und wurde bei Protesten gegen den Vietnamkrieg politisch aktiv: Gemeinsam mit seinem Kollegen Eric Wolf organisierte er das erste Teach-in.

Während eines zweijährigen Aufenthaltes in Paris lernte Sahlins insbesondere die Arbeiten von Claude Lévi-Strauss kennen und erlebte die studentischen Proteste bei den Mai-Unruhen 1968. Seit 1973 lehrte Sahlins an der University of Chicago, und seit Juni 1997 führt er den Titel des Charles F. Grey Distinguished Service Professor of Anthropology Emeritus.

Position[Bearbeiten]

Sahlins Forschungen konzentriert sich auf die Fragestellung, mit welchem Potenzial die Kultur auf Wahrnehmungen und Handlungen der Menschen einwirken kann. Er will vor allem beweisen, dass die Kultur eine einzigartige Kraft zur Motivation der Menschen besitzt, die nicht biologischen Ursprungs ist. Seine frühen Arbeiten dienten dazu, die Vorstellung vom Homo oeconomicus zu relativieren und zu zeigen, dass sich das ökonomische System in kulturell spezifischen Weisen der jeweiligen Umwelt anpasst.

Nach der Veröffentlichung von Culture and Practical Reason (1976) widmete sich Marshall Sahlins der Beziehung zwischen Geschichte und Anthropologie sowie der Art, wie verschiedene Kulturen Geschichte verstehen und schaffen. Obwohl der gesamte Pazifik in seinem Blickfeld lag, betrieb er die meiste Forschung auf den Fidschi und Hawaii.

In seinem Werk Evolution and Culture (1960 und 1988) befasst sich Sahlins mit der kulturellen Evolution und dem Neoevolutionismus. Die Evolution von Gesellschaften unterteilt er in allgemein und spezifisch. Als allgemeine Evolution bezeichnet er die Tendenz, kultureller und sozialer Systeme, sich bezüglich der Komplexität, Organisation und Anpassung an die Umgebung zu vergrößern. Da die einzelnen Kulturen jedoch nicht isoliert sind, kommt es zu Interaktion und einer Diffusion ihrer Qualitäten (zum Beispiel technologische Erfindungen). Dies führt dazu, dass sich die Kulturen unterschiedlich entwickeln (spezifische Evolution), da diverse Elemente in verschiedenen Kombination und in verschiedenen Entwicklungsstufen eingeführt werden.

Ende der 1990er Jahre lieferte sich Sahlins eine heiße Debatte mit Gananath Obeyesekere über die Details des Todes von James Cook auf Hawaii im Jahre 1779. Im Mittelpunkt der Debatte stand die Frage nach der Beurteilung der Rationalität indigener Völker. Obeyesekere bestand darauf, dass diese grundsätzlich genauso dachten wie Menschen aus der westlichen Welt, und befürchtete, dass jede andere Einschätzung sie als „irrational“ oder „unzivilisiert“ einstufen würde. Sahlins hingegen sah die westliche Denkweisen selbst kritisch, er betonte, dass indigene Kulturen anders und dabei denen im Westen gleichwertig seien.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Autor
  • Social Stratification in Polynesia. Seattle University of Washington Press 1958.
  • Moala. Culture and Nature on a Fijian Island. University of Michigan Press, Ann Arbor 1962.
  • Tribesmen. Prentice-Hall, New Jersey 1965.
  • Stone Age Economics. Tavistock, London 1974 ISBN 9780422745307, Aldine de Gruyter, New York 1972 ISBN 0-202-01098-8
  • Culture and Practical Reason. University of Chicago Press, Chicago 1976 ISBN 0226733610
    • Deutsche Ausgabe: Kultur und praktische Vernunft. Übersetzt von Brigitte Luchesi. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981 ISBN 3-518-06424-X
  • The Use and Abuse of Biology. An Anthropological Critique of Sociobiology. University of Michigan Press, Ann Arbor 1977 ISBN 0472766007
  • Historical Metaphors and Mythical Realities. 1981
    • Deutsche Ausgabe: Der Tod des Kapitän Cook. Geschichte als Metapher und Mythos als Wirklichkeit in der Frühgeschichte des Königreichs Hawaii. Übersetzt von Hans Medick u. Michael Schmidt, Wagenbach, Berlin 1986 ISBN 3-8031-3532-X
  • Islands of History. University of Chicago Press, Chicago 1987 ISBN 0226733580
    • Inseln der Geschichte. Übersetzt von Ilse Utz. Junius Hamburg 1992 ISBN 3885061937
  • Evolution and Culture. Gemeinsam mit Elman Service. Vorwort Leslie White. University of Michigan Press, Ann Arbor 1988 ISBN 0472087762
  • Anahulu. The Anthropology of History in the Kingdom of Hawaii. Mit Patrick Vinton Kirch. 2 Bd. University of Chicago Press, Chicago 1992.
  • How "Natives" Think. About Captain Cook, for Example University of Chicago Press, Chicago 1995 ISBN 0-226-73368-8
  • Culture in Practice. Selected Essays. Zone Books, New York 2000 ISBN 094229937X
  • Waiting for Foucault, Still. Prickly Paradigm Press, Chicago 1993. 3. Auflg. 1999 ISBN 097175750X
  • Apologies to Thucydides. Understanding History as Culture and Vice Versa. University of Chicago Press, Chicago 2004 ISBN 0226734005
  • The Western Illusion of Human Nature. Prickly Paradigm Press, Chicago 2008 ISBN 9780979405723
Herausgeber
  • Thomas Harding u. David Kaplan: Evolution and Culture. Gemeinsam mit Elman Service. University of Michigan Press, Ann Arbor 1960.

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]