Otto Wolken

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Otto Wolken (* 27. April 1903 in Wien; † 1. Februar 1975 ebenda) war ein österreichischer Arzt und Sozialist, der als Häftlingsarzt im KZ Auschwitz-Birkenau arbeiten musste und Krankheiten sowie Todesursachen seiner Mithäftlinge dokumentierte. Der Auschwitzüberlebende sagte später als Zeuge über die NS-Verbrechen und Lagerverhältnisse im ersten Frankfurter Auschwitzprozess aus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto Wolken, Sohn jüdischer Einwanderer aus Lemberg, wuchs in Wien auf. Wolken absolvierte ein Medizinstudium an der Universität Wien und promovierte dort zum Dr. med. im Februar 1931. Der Sozialist und Schutzbundarzt fungierte nach einer kurzen Tätigkeit im Hospital in Sankt Pölten als Arzt im niederösterreichischen Traisen. Nach dem „Anschluss“ von Österreich an das Deutsche Reich wurde Wolken verhaftet. Der Doktortitel wurde ihm 1940 durch die Universität Wien politisch bedingt entzogen.

Nach Gefängnis- und Lageraufenthalten, unter anderem auch zwei Jahre im KZ Zweibrücken, wurde Wolken am 9. Juli 1943 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur durch Zufall und aufgrund seines Arztberufes entging Wolken bei der Eingangsselektion der Vergasung. Nach dem Erhalt der Häftlingsnummer 128.828 wurde er bald darauf als Häftlingsarzt im Männer-Quarantänelager des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Ohne ausreichende Medikamente, mit unzureichend qualifizierten Häftlingspflegern und unter schwierigsten hygienischen Bedingungen arbeitete Wolken im dortigen Häftlingskrankenbau.[1] Er fertigte Aufzeichnungen über die Lebens- und Krankheitsbedingungen der Häftlinge an, die trotz Pflege nach Selektionen durch SS-Angehörige oft der Vergasung zugeführt wurden, und schuf so eine Dokumentation über deren Mortalität und Morbidität. Diese konspirativ geführte „Chronik des Quarantänelagers Birkenau“ war später ein wichtiges Beweismittel für die Konzentrationslagerverbrechen.[2] Nach der Evakuierung des KZ Auschwitz ab dem 17. Januar 1945 konnte sich Wolken unter schwierigen Umständen im Lager verbergen und so den Todesmärschen entgehen. Er kümmerte sich um die zurückgelassenen Häftlinge in seinem Block, versorgte sie ärztlich und organisierte Lebensmittel, um möglichst vielen das Überleben zu sichern. In Auschwitz-Birkenau erlebte er schließlich die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.[3] Mit der in Krakau ansässigen polnischen Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen arbeitete Wolken nach der Befreiung des Lagers unverzüglich zusammen. Seine Chronik und Aussagen bildeten in mehreren Auschwitzverfahren Grundlagen für die Anklage.[4] Auch im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurden seine Berichte herangezogen.[5]

Nach Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolken kehrte 1945 nach Wien zurück, schuf das Internationale Komitee für jüdische Flüchtlinge und baute die Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) wieder auf. Für die IKG in Wien fungierte er als Gesundheitsfererent und langjährig als Vorstandsmitglied. Zudem war er 1958/59 Vizepräsident der IKG. Nach Kriegsende war er zeitweise Chefarzt des Rothschildspitals.[5] Schließlich nahm er seine Tätigkeit als Arzt in Wien wieder auf. Er fungierte als Bundesvorstandsmitglied der SPÖ-Opferorganisation „Bund sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus“. Als erster von 357 Zeugen wurde Wolken bei dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess vernommen. Wolken starb im Februar 1975.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess: Dr. Otto Wolken
  2. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz; Frankfurt am Main, 1980; S. 235 ff.
  3. Otto Wolken: Die Befreiung von Auschwitz-Birkenau; in Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Die Auschwitz-Hefte, Band 2; Hamburg 1994; S. 261 ff.
  4. a b Edith Kirsch: Dr. Otto Wolken – selbstloser Helfer in Auschwitz; in: Der Sozialdemokratische Kämpfer – Nummer 1 bis 3, 2005
  5. a b Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert, Band 1, Berlin 2002, S. 1501