Hans Günther Adler

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Hans Günther Adler, H.G.Adler, (* 2. Juli 1910 in Prag, Österreich-Ungarn; † 21. August 1988 in London) war ein deutschsprachiger Dichter und Schriftsteller aus Prag, der seit 1947 in London als Privatgelehrter im Exil lebte. Bekannt wurde er mit seinem Werk Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, das bis heute als Standardwerk gilt.[1] Er war seit seiner Kindheit mit Franz Baermann Steiner befreundet und verwaltete dessen Nachlass.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Günther Adler überlebte die deutsche Judenvernichtung als einziger seiner Angehörigen. Er schildert sein Leben bis zur Ankunft in London in zehn Bildern bzw. Kapiteln seines Romans Panorama in Gestalt des Josef. Nach 1945 nannte er sich aufgrund des SS-Sturmbannführers Hans Günther, dem Vertreter von Adolf Eichmann in Prag für das Protektorat Böhmen und Mähren, H. G. Adler.

Nach seinem Studium der Musik-, Kunst- und Literaturwissenschaften sowie Philosophie und Psychologie und Promotion über das Thema Klopstock und die Musik an der Karl-Ferdinands-Universität Prag von 1930 bis 1935 war Adler Sekretär des Volksbildungshauses Urania Prag, Lehrer und der für deutschsprachige Sendungen zuständige Mitarbeiter beim tschechoslowakischen Rundfunk. Ab August 1941 musste er Zwangsarbeit leisten und wurde nach vorüberübergehnder Tätigkeit in der jüdischen Kultusgemeinde Prag mit seiner Frau, der Ärztin Dr. Gertrud Klepetar-Adler, und deren Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit seiner Einlieferung nach Theresienstadt entschloss sich Adler, sollte er diese Zeit überleben, diese zu bezeugen. Seine Aufzeichnungen während seiner Haft in Theresienstadt übergab er vor seiner Zwangseinweisung in das Vernichtungslager Auschwitz, Mitte Oktober 1944, Leo Baeck zur Aufbewahrung. Ende Oktober 1944 nach Niederorschel, einem Außenlager des KZ Buchenwald, verbracht, wurde H. G. Adler Mitte Februar 1945 in das KZ Langenstein-Zwieberge eingeliefert, dort Anfang April 1945 befreit und kehrte auf abteuerlichen Wegen nach Prag zurück.

In Prag kümmerte sich H. G. Adler zusammen mit Přemysl Pitter um jüdische wie deutsche Kriegswaisen und um die Sammlung des Prager Jüdischen Museums. Um dem Stalinismus zu entkommen, ging H. G. Adler 1947 nach London, Großbritannien, ins Exil, heiratete seine Jugendfreundin aus Prag, die Bildhauerin Bettina Gross, und blieb dort wohnen. Der Dichter und Germanist Jeremy Adler ist ihr gemeinsamer Sohn. 1959 trat er auf Bitten Hermann Langbeins dem Internationalen Auschwitzkomitee (IAK) bei und organisierte dessen Arbeit in Großbritannien. Er unterstützte Langbein von 1960 bis 1962 bei der Herausgabe der Auschwitz-Dokumentation, die gegen den Widerstand der Kommunisten im IAK erschien, aus dem Adler daher auch wieder ausschied.[2] Am 18. Oktober 1961 sendete der Westdeutsche Rundfunk das von Langbein und Adler konzipierte dreistündige Feature Auschwitz. Topographie eines Vernichtungslagers.[3] Von 1973 bis 1985 war er Präsident des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Mit seinem Monumentalwerk Theresienstadt 1941–1945 begründete H. G. Adler 1955 die Forschung über das nationalsozialistische Lager. Mit einer erstaunlichen Menge von Dokumenten bezeugte er das Lagerwesen, seine Geschichte, Soziologie wie Psychologie als Zwangsgemeinschaft und äußerte Kritik an den Judenältesten. Diese wurde von Hannah Arendt übernommen und findet sich in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem wieder. Seit Jahren gilt Adlers Buch als Standardwerk. Seine Darstellung der Selbstverwaltung wird von Jiří Kosta nicht geteilt.[4]

Als Autor von Gedichten und Romanen blieb H. G. Adler im Nachkriegsdeutschland trotz seines Bemühens und jährlicher Lesereisen wenig Erfolg beschert.[5] Jeremy Adler übergab den Nachlass seines Vaters und Franz Baermann Steiners dem Deutschen Literatur Archiv Marbach. Der nordamerikanische Dichter Peter Filkens[6] [7]übersetzte die Romane Panorama und Die unsichtbare Wand wie die Erzählung Eine Reise ins amerikanische Englisch. Er veröffentlichte als Herausgeber 2 Bände mit Essays von H.G. Adler, Nach der Befreiung (2013) und Die Orthodoxie des Herzens (2014).[8]

Am 7. November 2016 sprach Rüdiger Görner mit Jeremy Adler und Michael Krüger über "Deutschsprachige Exilanten in London im Zeichen der Shoah" im Internationalen Kolleg Morphomata der Universität Köln, das sich insbesondere den Exilautoren H.G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner widmete (Audiomitschnitt).[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prosawerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Unser Georg und andere Geschichten. Bergland, Wien 1961.
  • Eine Reise. Roman. Bibliotheca christiana, Bonn 1962; Aufbau Taschenbuch, Berlin 2002, ISBN 3-7466-1854-1.
  • Der Fürst des Segens. Parabeln, Betrachtungen, Gleichnisse. Bibliotheca christiana, Bonn 1964.
  • Sodoms Untergang. Bagatellen. Bibliotheca christiana, Bonn 1965.
  • Panorama. Roman in 10 Bildern. Walter, Olten 1968; Zsolnay, Wien 2010, ISBN 978-3-552-05489-9.
  • Ereignisse. Kleine Erzählungen und Novellen. Walter, Olten 1969.
  • Kontraste und Variationen. Essays. Echter, Würzburg 1969.
  • Hausordnung. Wortlaut und Auslegung. Wiener Journal, Wien 1988, ISBN 3-900379-24-6.
  • Die unsichtbare Wand. Roman. Zsolnay, Wien 1989; Aufbau Taschenbuch, Berlin 2003, ISBN 3-7466-1139-3.
  • Der Wahrheit verpflichtet. Interviews, Gedichte, Essays. Hrsg. v. Jeremy Adler. Bleicher, Gerlingen 1998, ISBN 3-88350-660-5.
  • Gesammelte Erzählungen in fünf Bänden:
    • Ereignisse. Gesammelte Erzählungen Band 3. Hrsg. v. Jeremy Adler, Franz Hoheneder und Helmuth A. Niederle, Löcker Wien 2017, ISBN 978-3-85409-813-3.
    • Schuldig und Unschuldig. Gesammelte Erzählungen Band 4. Hrsg. v. Jeremy Adler, Franz Hoheneder und Helmuth A. Niederle, Löcker, Wien 2017, ISBN 978-3-85409-793-8.

Gedichtbände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fenster. Sechs Gedichte. Alphabox, London 1974, ISBN 0-904504-00-X.
  • Viele Jahreszeiten. Dürer, München 1975.
  • Spuren und Pfeiler. Alphabox, London 1978.
  • Transsubstantations, 1978.
  • Zeiten auf der Spur, 1978.
  • Blicke. Gedichte 1947–1951. Europäische Ideen, Berlin 1979, ISBN 3-921572-41-X.
  • Stimme und Zuruf. Knaus, Hamburg 1980, ISBN 3-8135-7899-2.
  • Andere Wege. Gesammelte Gedichte. Drava, Klagenfurt 2010, ISBN 978-3-85435-625-7.

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Mohr, Tübingen 1955. (Reprint: Wallstein, Göttingen 2005, 2012, ISBN 978-3-89244-694-1; Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG, Darmstadt 2013)
  • Der Kampf gegen die „Endlösung der Judenfrage“. Bundeszentrale für Heimatdienst, Bonn 1958.
  • Die Juden in Deutschland. Von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus. Kösel, München 1960. (Piper, München 1987, ISBN 3-492-10766-4)
  • Die Erfahrung der Ohnmacht. Beiträge zur Soziologie unserer Zeit. EVA, Frankfurt am Main 1964.
  • Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland. Mohr, Tübingen 1974, ISBN 3-16-835132-6.
  • Die Freiheit des Menschen. Aufsätze zur Soziologie und Geschichte. Mohr, Tübingen 1976, ISBN 3-16-838682-0.
  • Vorschule für eine Experimentaltheologie. Betrachtungen über Wirklichkeit und Sein. Steiner, Stuttgart 1987, ISBN 3-515-04772-7.
  • Der Wahrheit verpflichtet. Interviews, Gedichte, Essays. Hrsg. von Jeremy Adler. Bleicher, Gerlingen 1998, ISBN 3-88350-660-5.
  • Nach der Befreiung: Ausgewählte Essays zur Geschichte und Soziologie. Hrsg. und mit einem Nachwort von Peter Filkens. Konstanz University Press, Paderborn 2013, ISBN 978-3-86253-041-0.
  • Orthodoxie des Herzens, Ausgewählte Essays zu Literatur, Judentum und Politik. Hrsg. und mit einem Nachwort von Peter Filkens. Konstanz University Press, Paderborn 2014, ISBN 978-3-86253-055-7.

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Baermann Steiner: Unruhe ohne Uhr. Ausgewählte Gedichte aus dem Nachlass. Lambert Schneider, Heidelberg 1954.
  • Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente. Mohr, Tübingen 1958.
  • mit Hermann Langbein und Ella Lingens-Rainer: Auschwitz. Zeugnisse und Berichte EVA, Frankfurt am Main 1962. (EVA, Hamburg 1994, ISBN 3-434-46223-6)
  • Franz Baermann Steiner: Eroberungen. Ein lyrischer Zyklus. Lambert Schneider, Heidelberg 1964.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brockhaus Enzyklopädie, Band 18, 1973, s. Theresienstadt, S. 635.
  2. Katharina Stengel: Auschwitz zwischen Ost und West. Das Internationale Auschwitz-Komitee und die Entstehungsgeschichte des Sammelbandes Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. In: Katharina Stengel (Hrsg.): Opfer als Akteure. Interventionen ehemaliger NS-Verfolgter in der Nachkriegszeit. Herausgegeben im Auftrag des Fritz Bauer Instituts. Campus, Frankfurt am Main u. a. 2008, ISBN 978-3-593-38734-5, S. 174–196.
  3. H. G. Adler, Hermann Langbein: Auschwitz. Topographie eines Vernichtungslagers. 3 CDs. DAV, Berlin 2014.
  4. Jiří Kosta: H. G. Adlers Opus magnum über das Ghetto Theresienstadt. Kritik eines Standardwerkes. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 58, 2010, H. 2, S. 105–133.
  5. Jeremy Adler, Rüdiger Görner und Michael Krüger: Deutschsprachige Exilanten in London im Zeichen der Shoah. Morphomata - Universität Köln, 07.11.2016, abgerufen am 14.03.2017 (deutsch).
  6. Peter Filkens. wikipedia, abgerufen am 16.3.2017 (englisch).
  7. Peter Filkens. Bard College at Simon's Rock, abgerufen am 16.3.2017.
  8. Thomas Meyer: Erlebnis plus Erkenntnis. Die Zeit, 5. März 2015 DIE ZEIT Nr. 8/2015, 19. Februar 2015, abgerufen am 16.03.2017 (deutsch).
  9. Jeremy Adler, Rüdiger Görner und Michael Krüger: Deutschsprachige Exilanten in London im Zeichen der Shoah. Internationales Kolleg Morphomata - Universität Köln, 7.11.2017, abgerufen am 16.3.2017 (deutsch).
  10. Vgl. Kurt Schilde: Rezension zu: Hocheneder, Franz: H. G. Adler (1910–1988), Privatgelehrter und freier Schriftsteller. Eine Monographie. Wien 2009. In: H-Soz-u-Kult. 2. Juli 2010.