Peter Landau

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Peter Landau beim Internationalen Kanonistenkongreß in Washington 2004, aufgenommen von Werner Maleczek.

Peter Landau (* 26. Februar 1935 in Berlin; † 23. Mai 2019 in München) war ein deutscher Rechtsgelehrter, Rechtshistoriker und Kanonist. Schwerpunktmäßig erforschte er das mittelalterliche kanonische Recht vor allem des 12. und 13. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Abitur legte er 1953 er am neusprachlichen Rheingau-Gymnasium in Berlin-Friedenau ab. An der Freien Universität Berlin studierte er ab 1953 Geschichte und Philosophie, 1954 begann er das Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Freiburg im Breisgau und wechselte 1955 an die Universität Bonn. Er war 1956 Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Die Erste Juristische Staatsprüfung legte er in Köln 1958 ab und wurde 1960 Assistent bei Hermann Conrad. Im Jahr 1962, dem Jahr der Spiegel-Affäre, organisierte er in Bonn die größte Studentendemonstration gegen Franz Josef Strauß in der Bundesrepublik.[1] Er wurde 1964 promoviert. Als Postgraduierter war Landau 1964/65 an der Yale University, wo er vor allem von Stephan Kuttner geprägt wurde und am Institute of Medieval Canon Law an seiner Habilitation arbeitete.[2] Er wurde 1965 zum Lecturer an der Yale University für mittelalterliches kanonisches Recht ernannt. Im Herbst 1966 kehrte er zurück nach Deutschland. Er habilitierte sich 1968. Noch im selben Jahr wurde er als ordentlicher Professor an die Universität Regensburg berufen. Dort fungierte er 1970/71 als Prorektor der Universität und von 1979 bis 1981 als Dekan der Juristischen Fakultät.[3]

Es folgten Forschungsaufenthalte an der University of California, Berkeley (1977) und eine Lehrtätigkeit als Visiting Professor an der Universität Chicago (1984). Nachdem Landau Rufe an die Universität Frankfurt (1983 als Nachfolger von Helmut Coing) und an die University of California, Berkeley (1986) abgelehnt hatte, nahm er 1987 einen Ruf an die Universität München auf einen Lehrstuhl für Deutsche Rechtsgeschichte, Neuere Privatrechtsgeschichte, Kirchenrecht, Bürgerliches Recht, Rechts- und Staatsphilosophie an. Damit verbunden war auch das Amt als Direktor des Leopold-Wenger-Instituts für Rechtsgeschichte. 1990/91 folgte ein Forschungsaufenthalt Landaus am Institute for Advanced Study in Princeton. In München war Landau von 1993 bis 1995 als Dekan der Juristischen Fakultät tätig. Von 1988 bis 2000 amtierte Landau als Präsident der Society for Medieval Canon Law in Zürich. Einen weiteren Ruf an die Universität Leipzig lehnte Landau 1993 ab. 2003 wurde Landau entpflichtet; Nachfolger auf seinem Lehrstuhl wurde Harald Siems. Zu seinen akademischen Schülern gehörten unter anderem Udo Wolter, Andreas Thier, Thomas Duve und Wolfgang Forster. Landau war von 1991 bis 2016 Präsident des Stephan Kuttner Institute of Medieval Canon Law; ab 2016 war er Honorary President dieses Instituts.

Landau war Mitglied der SPD und langjähriges Mitglied der Bundesschiedskommission der Partei.[4] Er gehörte zu den Seeheimern innerhalb der SPD und war Gründungsmitglied des Regionalverbandes Seeheimer Oberbayern.[5]

Landau lebte in München. Er heiratete 1971. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landau galt als einer der weltweit führenden Kanonisten, der vor allem durch Arbeiten zum mittelalterlichen Kirchenrecht und auch zum evangelischen Kirchenrecht hervorgetreten ist. In der kanonistischen Forschung veröffentlichte er Studien zur Dekretistik und zu den frühen Dekretalensammlungen des 12. Jahrhunderts sowie zur Entfaltung der klassischen Kanonistik bis hin zur Zeit des Liber Sextus. In seiner Dissertation befasste er sich mit dem Infamiebegriff. Damit wollte er am Beispiel des „kanonischen Infamiebegriffs von Gratian bis zur Glossa Ordinaria“ „einen Beitrag zur Geschichte der Entwicklung von Rechtsbegriffen in der klassischen Kanonistik“ leisten.[6] Die Habilitation untersuchte das Patronatsrecht im 12. und 13. Jahrhundert.[7] In verschiedenen Arbeiten befasste er sich mit Grundfragen der Stammesrechte. Daneben galt sein Interesse auch der Rechts- und Staatsphilosophie. Er veröffentlichte Studien zur allgemeinen Dogmen- und Ideengeschichte des deutschen Privatrechts. Er widmete sich auch der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus.

Er veröffentlichte zahlreiche Studien zum Sachsenspiegel. Einflussreich wurde seine These, dass „Eike zunächst partiell ein Neuerer“ war, der dabei „durch das kanonische Recht inspiriert“ worden war.[8] Auf dem International Medieval Congress Leeds 2004 und auf dem 35. Deutschen Rechtshistorikertag in Bonn desselben Jahres hat er die These aufgestellt, dass der Sachsenspiegel des Eike von Repgow in der Zisterzienserabtei Altzella geschrieben worden sei.[9]

Ein weiterer Schwerpunkt war die Geschichte jüdischer Juristen im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Einen umfangreichen Beitrag verfasste er über das Schicksal jüdischer Juristen.[10] Der Beitrag wurde wegweisend und erschien 2020 in monographischer Form.[11] Mit Rolf Rieß erarbeitete er eine Edition zu den Lebenserinnerungen Philipp Loewenfelds. Landau initiierte 2000 eine Ringvorlesung über „Große jüdische Gelehrte an der Münchener Juristischen Fakultät“.

Sein Verdienst ist es, dass das in Yale und Berkeley geführte Stephan Kuttner Institute of Medieval Canon Law 1991 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München angesiedelt wurde.[12]

Ehrungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für seine Forschungen wurden Landau zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Er erhielt Ehrendoktorwürden des Kanonistischen Instituts der Universität München (1997), der Universität Basel (1998) und der Pariser Universität Panthéon-Assas (2001). Er wurde 1985 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, wo er von 1990 bis 1998 das Amt des Sekretärs der philosophisch-historischen Klasse bekleidete. Von 1986 bis 2012 war Landau Mitglied der Zentralredaktion der Monumenta Germaniae Historica (MGH). Von 1994 bis 2001 gehörte er den Fachbeirat des Max-Planck-Instituts für Europäische Rechtsgeschichte berufen. Er war korrespondierendes Mitglied der Medieval Academy of America (2001) und der Accademia degli Intronati in Siena. Er war zudem Mitglied der Vereinigung für Verfassungsgeschichte. Im Jahr 2011 wurde Landau die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber verliehen. Für seine Verdienste um die Monumenta Germaniae Historica wurde er im März 2015 mit der Freiherr vom Stein-Medaille der MGH gewürdigt.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriftenverzeichnisse

  • Peter Landau: Deutsche Rechtsgeschichte im Kontext Europas, 40 Aufsätze in vier Jahrzehnten, versehen mit Addenda, Register und einer Gesamtbibliographie des Autors. Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2016, ISBN 978-3-940523-14-3, S. 937–978 [Bibliographie auf dem Stand Oktober 2015].

Monographien

  • Die Entstehung des kanonischen Infamiebegriffs von Gratian bis zur Glossa Ordinaria (= Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht. Band 5, ZDB-ID 503916-2). Böhlau, Köln u. a. 1966, (Zugleich: Bonn, Universität, Dissertation, 1964).
  • Jus Patronatus. Studien zur Entwicklung des Patronats im Dekretalenrecht und der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts (= Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht. Band 12). Böhlau, Köln u. a. 1975, ISBN 3-412-11575-4 (Zugleich: Bonn, Universität, Habilitations-Schrift, 1968).
  • Kanones und Dekretalen. Beiträge zur Geschichte der Quellen des kanonischen Rechts (= Bibliotheca eruditorum. Band 2). Keip, Goldbach 1997, ISBN 3-8051-0200-3.
  • Rechtsphilosophie unter der Diktatur. Drei Beispiele deutschen Rechtsdenkens während des Zweiten Weltkriegs (= Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie. Band 29). Nomos, Baden-Baden 2002, ISBN 3-7890-7723-2 (Rezension).
  • Der Archipoeta – Deutschlands erster Dichterjurist. Neues zur Identifizierung des politischen Poeten der Barbarossazeit (= Bayerische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte. Jg. 2011, Heft 3). Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 2011, ISBN 978-3-7696-1658-3.

Aufsatzsammlungen

  • Grundlagen und Geschichte des evangelischen Kirchenrechts und des Staatskirchenrechts (= Jus Ecclesiasticum. Band 92). Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-16-149455-0.
  • Europäische Rechtsgeschichte und kanonisches Recht im Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze aus den Jahren 1967 bis 2006. Mit Addenda des Autors und Register versehen. Bachmann, Badenweiler 2013, ISBN 978-3-940523-13-6.
  • Deutsche Rechtsgeschichte im Kontext Europas. 40 Aufsätze aus vier Jahrzehnten, versehen mit Addenda, Register und einer Gesamtbibliographie des Autors. Bachmann, Badenweiler 2016, ISBN 978-3-940523-14-3.

Edition

  • mit Rolf Rieß: Recht und Politik in Bayern zwischen Prinzregentenzeit und Nationalsozialismus, Die Erinnerungen von Philipp Loewenfeld (= Abhandlungen zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung. Band 91). Aktiv Dr. & Verlag, Ebelsbach 2004, ISBN 3-932653-16-5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heribert Prantl: Nachruf. Der Rechtsgelehrte Peter Landau ist tot, 27. Juni 2019.
  2. Robert Somerville: Peter Landau at Yale. In: Joseph W. Goering, Stephan Dusil, Andreas Thier (Hrsg.): Proceedings of the Fourteenth International Congress of Medieval Canon law: Toronto, 5–11 August 2012. Città del Vaticano 2016, S. 1169–1173.
  3. Andreas Thier: In memoriam Peter Landau (1935–2019). In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 107, 2021, S. 496–513, hier: S. 499.
  4. Ehrung vom Landtag. Bayerische Verfassungsmedaille für Prof. Dr. Landau. In: Wochenanzeiger München. Südost-Kurier vom 6. Dezember 2011 (abgerufen am 27. März 2012).
  5. SPD-Ortsverein Trudering-Riem: SPD Trudering-Riem gratuliert Prof. Dr. Dr. H.C. mult. Peter Landau zum 80sten (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive), 3. März 2015, (Abruf 14. April 2015).
  6. Peter Landau: Die Entstehung des kanonischen Infamiebegriffs von Gratian bis zur Glossa ordinaria. Köln 1966, S. VII.
  7. Peter Landau: Ius patronatus, Studien zur Entwicklung des Patronats im Dekretalenrecht und der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts. Wien 1975.
  8. Peter Landau: Der Entstehungsort des Sachsenspiegels. Eike von Repgow, Altzelle und die anglo-normannische Kanonistik. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 61 (2005), S. 73–101, hier: S. 100 (online).
  9. Peter Landau: Der Entstehungsort des Sachsenspiegels. Eike von Repgow, Altzelle und die anglo-normannische Kanonistik. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 61 (2005), S. 73–101 (online).
  10. Peter Landau: Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In: Helmut Heinrichs u. a. (Hrsg.): Deutsche Juristen jüdischer Herkunft. München 1993, S. 133–213.
  11. Peter Landau: Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Mit einem Nachwort von Michael Stolleis. München 2020. Vgl. dazu die Besprechung von Horst Sassin in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 2 [15. Februar 2021], (online).
  12. Thomas Duve: Wie die Kurie ihr Recht setzte. Savignys und Kuttners Erbe: Zum Tod des Kanonisten Peter Landau. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Mai 2019, Nr. 123, S. 12.