Pietro Tribuno

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Wappen Pietro Tribunos entsprechend den Vorstellungen des 17. Jahrhunderts
Die Loggetta in einer Fotografie, die zwischen 1891 und 1894 entstanden ist. Der Text behauptet, der Glockenturm (Campanile) sei unter Pietro Tribuno errichtet worden.

Pietro Tribuno († 911) war nach der historiographischen Tradition der Republik Venedig der 17. Doge. Seine Regierungszeit dauerte von 888 bis 911. Ihm wird die Abwehr eines Plünderzuges der Magyaren zugeschrieben, die vier Jahre nach ihrer Ankunft im heutigen Ungarn im Jahr 896 die Orte um die Lagune zerstörten, dann jedoch im Jahr 900 von der venezianischen Flotte besiegt wurden. Auch erfolgten 888 und 891 Verträge mit fränkischen Königen sowie der Aufbau einer Stadtbefestigung im Zuge eines starken Anwachsens der Stadt.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pietro war der Sohn des Domenico Tribuno und der Agnella, zugleich Neffe des Dogen Pietro Tradonico, der im Kampf gegen die Narentaner an der Ostküste der Adria ums Leben gekommen war, die aus dem Blickwinkel der Venezianer als Piraten den Handel störten. Er wurde aus den Reihen der Familien gewählt, die eben durch diesen Handel zu Reichtum gekommen waren und sich von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden begannen. Diese Familien wiederum bildeten den Kern der Adelsfamilien (nobili), aus denen sich die spätere venezianische Oligarchie herausbildete.

Herrschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pietro Tribuno folgte seinem Vorgänger mit einigen Monaten Abstand wohl im Frühjahr 888 im Amt. Er war der erste Doge, der unmittelbar von der Volksversammlung, dem arengo, als Erweiterung einer dogalen Erlaubnis (‚placitum‘) eingesetzt wurde. Bereits am 7. Mai 888 gelang mit Berengar von Ivrea eine Bestätigung früherer Privilegien im Reichsgebiet, die allerdings nur dessen Herrschaftsgebiet betreffen konnte. Mit Guido von Spoleto wurde das sogenannte „praeceptum“ am 20. Juni 891 abgeschlossen, mit dem sich Venedig eine Gleichgewichtssituation zwischen den Kaiserreichen verschaffte.

Tribuno organisierte die Verteidigung Venedigs und der umliegenden Lagunensiedlungen gegen eine Invasion ungarischer Schiffe.[1] Er ließ eine Mauer errichten, die von Santa Maria Zobenigo bis Castello (Olivolo) reichte, und machte den Canal Grande durch Spannen einer Kette für Schiffe unpassierbar. Die Ungarn, die bereits nach Chioggia vorgedrungen waren und Malamocco und Pellestrina auf dem Lido geplündert hatten, konnten im Juni 900 bei Albiola von der venezianischen Flotte aufgehalten und zurückgeschlagen werden. Der byzantinische Kaiser Leo der Weise ehrte Tribuno wegen dieses Erfolges im folgenden Jahr mit dem Titel eines Protospatharios.

Ob er eines natürlichen Todes gestorben oder wegen tyrannischer Allüren einem Anschlag zum Opfer fiel, darüber sind sich die Chronisten uneins. Nach seinem Tod – der Doge wurde in San Zaccaria beigesetzt – blieb das Amt des Dogen erneut vakant, nämlich acht Monate lang, bis sein Nachfolger Orso II. Partecipazio gewählt wurde.

In dieser Zeit wurde, folgt man Francesco Sansovino, mit dem Bau eines Campanile auf dem heutigen Markusplatz begonnen, der jedoch um 1152 durch einen neuen Turm ersetzt wurde.[2]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der langen Herrschaft Piero Tribunos gab, in mehrererlei Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Herleitung der Herrschaftsrechte der ältesten Familien), aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Adria (hier der Abwehr der Ungarn). Dabei standen die Fragen nach der politischen Unabhängigkeit zwischen den sich zersetzenden Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen und Seeherrschafts-Anspruches, stets im Mittelpunkt, denn Venedig war in dieser Zeit gezwungen, unter höchster Gefahr völlig eigenständig in einer politisch zersplitterten Umgebung zu agieren. Gegen die Ungarn war es sogar das einzige Staatswesen, dem eine militärische Abwehr gelang, mehr als 50 Jahre vor dem Schlacht auf dem Lechfeld. Zudem bereitete sich Venedig durch den Bau einer Mauer und die Schaffung einer Sperrkette für den Canal Grande auf weitere Angriffe vor.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer in dieser Zeit längst geläufigen, von Einzelpersonen dominierten Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere Macht zuwies. Jedoch sind die Entscheidungsfindungsprozesse weitgehend unbekannt.[3] Nach dieser Chronik war „Piero“ Sohn des „Demenego Tribun“. Er erhielt das „regimento“ „a clamor de tuto il povolo“, wohl durch Akklamation. Während Berengar angesichts der ungarischen Macht „volse le spalle“, er der Invasion also gleichgültig zusah, und die Invasoren das Gebiet von Treviso und Istrien, sowie Eracliana zerstörten – hier vermerkt die Chronik ausdrücklich, dass die Stadt nach ihrem Wiederaufbau den Namen „Citanova“ erhielt –, dann Chioggia eroberten. Vor der venezianischen Flotte wichen sie jedoch aus und zogen weiter in die Lombardei, wo sie alle „contrade“ zerstörten. Nur mit viel Geld – „grande moneda“ – konnte Berengar sie zum Abzug aus Italien bewegen. Auch berichtet die Chronik von der besagten Mauer und der Kette, die den Canal Grande sperren konnte. Nach 23 Jahren der Herrschaft starb der Doge und wurde in San Zaccaria beerdigt.

Mit einigen Abweichungen berichtet Pietro Marcello. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Pietro Tribuno Doge XVI.“[4] Auch Marcello berichtet von der Mauer und der Kette zur Abwehr von Invasoren. „Gli Vnni popoli di Scitia“ fielen in Italien ein, „huomini tanto crudeli, che mangiavano anche carne humana“, ‚so grausame Menchen, dass sie auch Menschenfleiß aßen.‘ Nach ihm eroberten sie zahlreiche Städte und ihre Erfolge machten sie überheblich, so dass sie nun auch den Staat der Venezianer zerstören wollten. Dabei war für ihn „Vinegia“ nicht mehr die Lagune insgesamt, sondern Rialto, das die Ungarn nun angreifen wollten. Die Venezianer wiederum kämpften um ihr bloßes Leben, es kam zu einer mehrtägigen Schlacht an verschiedenen Orten, die Ungarn zogen ab. Nachdem sie „alcuni doni“, einige Geschenke von Berengar erhalten hatten, verließen sie Italien. Tribuno, der Venedig glücklich sowohl nach innen als auch nach außen regiert habe, starb – hier lässt der Autor eine Reihe von Jahren aus – im 19. Jahr seines „Prencipato“.

Der zurückgetretene Doge Johannes II. nahm trotz seiner Krankheit auf Bitten des Volkes sein Amt wieder auf, und erst nach sechs Monaten und dreizehn Tagen waren die „pubblici rumori“ soweit beruhigt, dass er das Volk dazu überreden konnte, im Jahr 888 einen neuen Dogen zu wählen. Die Historie venete dal principio della città fino all’anno 1382 des Gian Giacomo Caroldo berichten vom neuen Dogen „Pietro Tribuno“, „il quale fù figliuolo di messer Dominico Tribuno et di Madonna Angela nepote dell’Eccelso Duce Messer Pietro Candiano, che fù morto da Schiavoni“, er sei also Sohn des Domenico und der Angela gewesen, zugleich Neffe seines Vorgängers, der durch Slawen getötet worden war.[5] Im neunten Jahr seiner Herrschaft, demnach im Jahr 897, ließ er eine Mauer errichten, die vom „Rio di Castello sin’alla Chiesa di Santa Maria Giubanico“ reichte, dazu ließ er „fine del muro una grossa catena che traversava il canale alla Chiesa di San Gregorio, acciò non potesse penetrar nella Città alcuno navilio“ – er ließ also vom Ende der Mauer eine schwere Kette über den Kanal bei der Kirche San Gregorio anbringen, damit kein Schiff in die Stadt eindringen konnte. Der Sohn des Dogen, Domenico Tribuno, wurde zum Patriarchen er- oder gewählt („eletto“). Chioggia erhielt ein Privileg, das seine Grenzen definierte, aber auch die Verpflichtungen und Dienste („obligationi et servitij“) gegenüber dem Dogen. Die Ungarninvasion erfolgte auf Pferden und in ledernen Booten („barche di cuoio“). Die Ungarn brannten „Citta Nova“ nieder, dann folgten „Equilio, Chioza et Cavarzere“. Dann versuchten sie über Albiola und Malamocco nach Rialto zu gelangen. Doch unter Führung des Dogen griffen die Venezianer mit zahlreichen Schiffen und Booten („navilij et barche“) die Invasoren an, so dass diese „am Tag des hl. Petrus“ flohen und sich zerstreuten. „Einige“, so Caroldo, hätten über den Dogen viel Schlechtes geschrieben, und hätten behauptet, er sei deshalb zu Tode gekommen, doch seien sie einem großen Irrtum verfallen. Denn alte Dokumente würden zeigen, dass er „umsichtig“ und „friedvoll“ regiert habe, und dies zur allgemeinen „Zufriedenheit“. So sei er „secondo il corso di natura“ – eines natürlichen Todes also – nach 24 Jahren und 22 Tagen der Herrschaft gestorben. In San Zaccaria sei er „non senza lamentatione del Popolo“ beigesetzt worden.

In der Übersetzung von Alessandro Maria Vianolis Historia Veneta, die 1686 in Nürnberg unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,[6] wird der Doge „Petrus Tribunus, der Siebenzehende Hertzog“ genannt. Als der kranke Doge Johannes „verspüret / daß er die Gemeine / wegen Abnehmung der Kräfften / nicht mehr regieren kunte“ übergab er sein Amt an Petrus Candianus, der jedoch im Kampf gegen die Narentaner ums Leben kam. Johannes nahm auf Bitten des Volkes sein Amt erneut an, doch nach sechs Monaten, als er sah, „daß das Vatterland in einem sichern Port angelendet“ war, trat er erneut zurück, „worauf dann mit überaus grossem Frohlocken/ den Regierungs-Wagen zu führen / im Jahr achthundert und acht und achtzig/benennet worden Petrus Tribunus“. „Unter seiner Regierung ist der Stadt eine andere grosse Furcht und Schrecken eingejaget worden ; sintemalen die Hunnen zum andernmal in Italien gekommen“. Auch bei Vianoli wurden die Ungarn „übermüthig“, so dass sie sich „unterstanden / das Venedische Gebiet zu zerstören und zu verderben“. Sie brannten Eraclea und Jesolo, „Chiozza und Capo d'Argere“ nieder „und allbereits di Insul Rialto auf gleiche Weise zu tractiren in denen Gedancken bey sich entschlossen gehabt“. Im Gegensatz zu anderen Autoren geschah der Mauerbau und die Aufhängung einer Kette über den Canal Grande erst jetzt, und außerdem erhielten auch andere Kanäle eine solche Kette, auch griffen die Venezianer mit „gar kleinen und leichten Schifflein“ an. Zwei Tage lang wurde gekämpft, bis die Ungarn abzogen und noch Geschenke von Berengar mitnahmen. Danach stiegen die Einnahmen, so Vianoli, und es wurden zahlreiche Kirchen gebaut, die er alle aufzählt. Über die Zeit nach dem Ungarnsieg weiß auch dieser Autor nichts, nur, dass der Doge 23 Jahre regiert hatte, als ihm „Ursus II. Badoarius“ im Amt folgte.

1687 schrieb Jacob von Sandrart in seinem Werk Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig lakonisch: „... ward Im Jahr 888. zum (XVI.) Hertzog erwehlet Petrus Tribunus, welcher die Stadt Venedig mit Mauren befestigte/wo es schien nöthig zu seyn.“[7] Es „fielen nicht allein Berengarius und Guido in Italien von den Francken ab; sondern es thaten auch die Ungarn im Lande grossen Schaden/ drungen fort biß auf Meyland zu“ (S. 21 f.). „So geriethen sie auch über Venedig / rüsteten geschwind nothdürfftige Schiffe zu/brachen daselbst ein/ und plünderten ein zimlich Theil der Stadt“. Außer, dass der Doge 21 Jahre herrschte, erfahren wir hierüber nichts weiter – möglicherweise stand der Autor dem Abwehrerfolg, den die venezianische Historiographie kannte, skeptisch gegenüber.

Nach Johann Friedrich LeBret, der ab 1769 in seiner vierbändigen Staatsgeschichte der Republik Venedig seine Leserschaft mit seinen ausschmückenden Rückprojektionen unterhielt, die vielfach die lakonischen und schwer zu deutenden Quellen „ergänzten“,[8] war es die Initiative seines schwer kranken Vorgängers, die Tribunus auf den Dogensitz brachte. „Das Volk folgete seinen (gemeint ist Johannes II.) Vorstellungen, und erwählete den Peter Tribunus“, der wiederum „sorgete für die innere Sicherheit der Stadt, und ihre Befestigung wider die Einfälle der Seeräuber“. „Weil das griechische Reich zu ohnmächtig war“ wurde der Schutz der Adria zur Aufgabe der venezianischen Dogen, denen „die griechischen Kaiser gemeiniglich die Würde eines Protospatharien übertrugen.“ Für LeBret war die Uneinigkeit der Franken die Ursache für die Einfälle „der fremden Völker“. „Peter Tribun ließ Olivolo befestigen, welches daher den Namen Castello erhielt“, von der Mauer wurden nach LeBret „hin und wieder Spuren gefunden“. Und manche Autoren, so LeBret, setzen die Geburt Venedigs in diese Zeit, da die Stadt vorher aus verstreuten Siedlungen bestanden habe. Im Osten wurden die Narentaner zwar christianisiert, doch ihre Raubfahrten setzten sie fort, von vielen Schiffen verlangten sie „einen gewissen Zoll“. In den Kämpfen im Karolingerreich erklärten sich die Venezianer für Guido. „Nachdem dieser von Rom nach Pavia zurück gekommen war, so schickte der Doge Peter Tribunus seinen Capellan Driokus, und zween vom Adel, Morizen und Vitalen an ihn, welche um die Bestätigung der alten Verträge anhielten [...] Der Kaiser willigte in ihr Gesuch“. Nach dem Tod Widos, dem sein Sohn Lambert nachfolgte, hielten sich die Venezianer an Berengar, der gleichfalls ihre Privilegien bestätigte, während sich die Venezianer um Arnolf von Kärnten gar nicht erst bemühten, der sich zudem der „Hunnen“ oder „Hungarn“ bedient hatte. „Ihre Geschichtsschreiber selbst scheinen den Berengarius sehr zu rühmen, und der Priester Johannes schreibt ihm gewisse Thaten zu, welche wir in anderen Schriften der damaligen Zeit vergeblich suchen.“ Die Ungarn verglich er mit den Hunnen der Spätantike: „Diejenigen Völker, die sich über den oberen Theil von Italien ausbreiteten, waren würdige Söhne ihrer wilden Väter, die sich in Pannonien niedergelassen hatten.“ Sie besiegten das 15.000 Mann-Heer des Berengarius an „der Brenta“, und nun reizte sie der Reichtum Venedigs. „Sie nahmen eben den Weg, welchen Pippin genommen hatte“, womit Pippin, der Sohn Karls des Großen gemeint war, der wohl 806 versucht hatte, Venedig zu erobern. Aus Eraclea waren die Bewohner nach Venedig geflohen, ebenso aus den anderen zerstörten Städten, was der Stadt nun einen besonderen Wert verlieh. An „Peter und Paul“ kam es zur Schlacht, der Doge wurde zum „Erretter seines Vatterlandes“. Nach LeBret schickte der Doge Bogenschützen und Schiffe an Berengar, um die Flussübergänge zu blockieren. Die Ungarn zogen schließlich gegen Geschenke ab. Venedig und Berengar arbeiteten nun eng zusammen, was sich im Kampf gegen Ludwig von Niederburgund, der Pavia besetzte, bewährte. Während sich Berengar zunächst in Verona einschloss, und sein Gegner nach Rom zur Kaiserkrönung weiterreiste, siegte schließlich Berengar 905. „Bey allen diesen Zufällen blieb Peter Tribunus ein getreuer Freund des Berengarius.“ Venedig war ein schwacher König am nützlichsten. Nach 23 Jahren und 23 Tagen starb der Doge.

Ähnlich ausführlich schildert Samuele Romanin 1853 im ersten der zehn Bände seiner Storia documentata di Venezia die Machtkämpfe im Karolingerreich.[9] Die Ungarn, so glaubt er, habe bereits Karl der Große gezähmt („domi da Carlo Magno“), seien aber dann von Arnolf gegen Mähren gerufen worden. In ihrer Wildheit glichen sie Slawen, Sarazenen und Normannen. Nach Romanin zogen die Ungarn, auch bei ihm auf die Hunnen zurückzuführen, im April 900 durchs Friaul. Berengar, der kaum den Namen dieses Volkes gekannt habe, zwang die Ungarn zunächst zur Flucht, unterlag jedoch, nachdem er ein Friedensangebot ausgeschlagen hatte, „an der Brenta“. Auf dem Weg nach Mailand hörten sie vom Reichtum Venedigs, das außerdem bei ihrem Zug noch nicht ausgeplündert worden war. Nun baute man in Venedig alte Kastelle aus, wie Brondolo, ein neues entstand als Torre delle Bebbe, weitere in Caorle und Bibione. Die Mauer um Olivolo erstreckte sich weiter westwärts entlang der Riva degli Schiavoni. Ähnlich wie LeBret sieht auch Romanin eine Parallele zum Vorgehen Pippins. Ein Ort bei Mestre trug laut Romanin lange den Namen Campo degli Ungari, eine Straße nicht weit von Piove di Sacco trug den Namen Via degli Ungari (S. 213). Deren Boote bestanden aus Leder und Korbgeflecht, doch nach einem Jahr mussten sie aufgeben. Romanin zitiert aus einer Chronik namens Barbara Berengar, der dem Dogen zum Sieg gratulierte und ihn „conservatore della pubblica libertà ed espulsore dei Barbari“ genannt haben soll, also ‚Retter der Freiheit und Vertreiber der Barbaren‘. Für Romanin geschah dies in einer Zeit, in der Europa immer barbarischer wurde, das Unwissen extrem, die Sitten in allen Klassen verfallen waren, in Erwartung des Weltenendes. Wälder und Sümpfe bedeckten fast den ganzen Kontinent, der Handel lag darnieder. Nur die Venezianer seien in der Lage gewesen, weite Handelsreisen nach Afrika und Asien zu unternehmen. Romanin widerspricht einigen Autoren, die von der Ermordung des Dogen schrieben, denn diese Behauptung sei „totalmente falso“. Allerdings gab es wohl tatsächlich Streit um den Bischofsstuhl von Olivolo, auf den 909 ein anderer Kandidat gelangte, als der, den der Doge favorisiert hatte. Johannes Diaconus zitierend nahm Romanin an, der Tod des Dogen sei vom gesamten Volk beweint worden.

August Friedrich Gfrörer († 1861) nimmt in seiner, erst elf Jahre nach seinem Tod erschienenen Geschichte Venedigs von seiner Gründung bis zum Jahre 1084 an, dass Byzanz nach wie vor größten Einfluss in der Lagune ausübte, und dass es dort eine pro-fränkische und eine pro-byzantinische Partei gab, die innerhalb der Lagune in bestimmten Orten dominierten.[10] Gfrörer vermutet, dass sich Johannes II. gänzlich von Byzanz ab und dem Karolinger Karl III. zugewandt habe, auch weil seine Geschäfte sich vielleicht eher auf das Frankenreich erstreckten. Dann folgte die Wiedereinsetzung Johanns, der jedoch mangels fränkischer Unterstützung sein Amt nicht mehr halten konnte – eine Abhängigkeit vom Karolinger, die später Pinton widerlegte. Wie immer bei Gfrörer steckte hinter der Einsetzung von Mitdogen und dem Rücktritt des Dogen Konstantinopel. In diesem Falle deute auch die Herkunft der Dogenfamilie aus „dem byzantinischen Feuerheerde Heracliana“ auf ein entsprechendes Vorgehen hin, das jedoch zunächst durch den frühen Tod des Dogen Pietro Candiano obsolet wurde, um unter Tribuno wieder virulent zu werden. Gfrörer berechnete, dass Pietro Tribuno im Mai 911 gestorben sein muss, dass sein Nachfolger jedoch erst acht Monate später, wie Andrea Dandolo schreibt, „bestätigt“ wurde, was sich nach Gfrörers Auffassung „sonnenklar“ nur auf eine Bestätigung vom Kaiser in Konstantinopel beziehen konnte (S. 225). Die Stadtbefestigung gegen die Ungarn, die ab 896 in Pannonien siedelten, begann bereits ein Jahr später. Dabei zitiert Gfrörer aus der Chronik des Andrea Dandolo. Nach Gfrörer fand der Angriff der Ungarn jedoch erst 906 statt (S. 219), die entscheidende Schlacht am 29. Juni 906, am „Peter und Paulsfeste“. Die Einsetzung des Dominicus als Bischof von Olivolo, „von der die Sage geht, daß er dem Dogen Peter ... zu Trotz eingesetzt worden ist“, wie Dandolo berichtet, veranlasst Gfrörer zu der Annahme, es habe eine „katholische Partei“ gegeben, die sich gegen die Abhängigkeit der Kirche und ihre Nutzbarmachung durch den Staat („Byzantinismus“) wehren wollte. Gfrörer zitiert abermals Andrea Dandolo, der von Chronisten berichtet, die schreiben, „Peter sei ein harter und ungerechter Regent gewesen, und darum vom Volke umgebracht worden“. Dandolo müsse also verschollene Chroniken gekannt haben, und der Doge habe vor allem aus Urkunden geschöpft. Daher sei er zum Urteil gekommen, Pietro Tribuno sei ein „weiser, gütiger, friedfertiger Fürst“ gewesen.

Pietro Pinton übersetzte und annotierte Gfrörers Werk im Archivio Veneto in den Jahresbänden XII bis XVI. Pintons eigene Darstellung, die jedoch erst 1883 erschien – gleichfalls im Archivio Veneto –, gelangte zu stark abweichenden, weniger spekulativen Ergebnissen, als Gfrörer.[11] Für Pinton war es nicht die Anlehnung zweier verfeindeter Fraktionen an eines der beiden Kaiserreiche, sondern vielmehr der Kampf gegen die Ungarn, der Kaiser Leo dazu veranlasste, dem Dogen den Titel eines Protospatharios zu verleihen. Diese Reihenfolge jedenfalls berichtet Johannes Diaconus, während bei Andrea Dandolo diese Titelverleihung bereits nach der Amtseinsetzung erfolgt sei. Außerdem argumentiere Gfrörer unlogisch, wenn er einerseits behaupte, die Konfrontation sei mäßiger geworden, andererseits seien die meist minderjährigen Kandidaten für die Ämter von Bischöfen und Patriarchen als Exponenten ihrer Familie vielfach ermordet worden – was in den Quellen gar nicht auftaucht. Pinton betont eher die Gegensätze innerhalb der Lagune, wie den zwischen Rialto und Malamocco, denn letzteres war ja bis etwa 811 Sitz des Dogen, und die Stadt geriet gegenüber dem Residenzort Rialto immer mehr ins Hintertreffen. Anhand eines Dokuments vom 14. Januar 932 widerlegt Pinton auch Gfrörers Annahme eines längeren Interregnums nach Tribuno, aus dem er harte Konflikte ableitet, so dass sich dieses durch Nachberechnung der Herrschaftsjahre auf wenige Monate reduziere.

Schon 1861 hatte Francesco Zanotto in seinem Il Palazzo ducale di Venezia, worin er der Volksversammlung erheblich mehr Einfluss einräumte, berichtet, dass der Doge die Stadt habe befestigen lassen.[12] Auch um den Dogenpalast, den Markusdom und den Markusplatz bestanden Mauern. Bei ihm kamen die Ungarn in Booten, die sie auf ihrem Weg erbeutet hatten, die aber dennoch aus Korbgeflecht und Leder bestanden. Auch eine Widerlegung der Mordthese fügt Zannotto an, sowie den Kontrast des reichen Venedig zum zerfallenden Frankenreich.

Für Emmanuele Antonio Cicogna gehörte im ersten, 1867 erschienenen Band seiner Storia dei Dogi di Venezia der 17. Doge der Familie Memia oder Memma an.[13] Für ihn waren die Invasoren „Tartari, Ugri“, gegen die der Doge Anfang 900 die besagten Mauern erbauen ließ; nachts wurde jene Kette hochgezogen. Die Angreifer „folgten dem Beispiel Pippins“, wurden jedoch so geschlagen, dass sie es nie wieder wagten, die Lagune anzugreifen, auch wenn sie andernorts noch lange alljährlich ihre Plünderzüge durchführten. Der „Sieg von Albiola“ war nach Cicogna einer der bedeutendsten der Venezianer.

Heinrich Kretschmayr skizzierte die Epoche als vollkommen chaotisch, es versagten alle Ordnungen, während über das „innerlich zerrissene und verkommene Land die Magyarennot hereinbrach.“[14] Hingegen „konnte Venedig sich eines, wenigstens nach außen, fast ungebrochenen Friedens erfreuen“. Tribunus galt als „eigentlicher Stadtgründer“, Chioggias Grenzen gegen Loreo und Cavarzere wurden abgesteckt. Doch in Booten aus Tierhäuten erschienen die „Magyaren“ und wurden – nach Kretschmayr vielleicht eine Verwechslung mit dem Schlachtenort Pippins von 810 – bei Albiola besiegt. Ansonsten betrachtet der Autor „die Zeit des Petrus Tribunus und Ursus Paureta als eine Ära des Friedens“.

In seiner History of Venice betont John Julius Norwich zunächst die Verträge mit den italienischen Königen von 888 und 891, Abmachungen, die schon 883 erneuert worden waren. Venedig, so Norwich, konnte nur so verhindern, in eines der beiden Kaiserreiche „aufgesaugt“ zu werden. Dabei stärkte Venedig regelmäßig seine Sonderrechte. Wurde 883 ein Dogenmörder noch mit einer Geldstrafe bedroht, dazu Exil, so blieb dieser ab 888, wie nunmehr alle Venezianer, unter der Rechtsprechung des neuen Dogen und blieb den Gesetzen Venedigs unterworfen, nicht denen des Kaiserreichs. Dies diente vor allem der Rechtssicherheit der venezianischen Händler. Dies wiederum brachte der Schiffbauindustrie einen Aufschwung, brachte aber auch den Ausbau der Stadt voran. Das letzte Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts galt Norwich als das für Venedig „happiest and most prosperous of all“. Dann folgte 899 eine Krise durch die Ungarn, die einige Chronisten für Kannibalen hielten, „which, on occasion, they may well have been“, wie Norwich spekuliert. Doch ihre Niederlage in ihren „portable coracles“ war angeglich „quick and complete“. Um weitere Invasionen von womöglich besser ausgestatteten Völkern zu verhindern, erbaute Venedig nun erst seine Festungswerke. Wie Johannes Diaconus schon ein Jahrhundert nach diesen Ereignissen festgestellt hatte, wurde Venedig nun erst eine „civitas“. Ansonsten gibt der Autor seiner Hoffnung Ausdruck, dass die „authorities“ mit den zerbröckelnden Überresten der Mauer, die sich am südlichen Ende des Rio dell'Arsenale gefunden hätten, so respektvoll umgehen würden, wie sie es verdient hätten.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mario Brunetti: Tribuno, Pietro, Dizionario biografico degli Italiani (1937)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Pietro Tribuno – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Gina Fasoli: Le incursioni ungare in Europa nel sec. X, G. C. Sansoni, Florenz 1945, S. 91 ff: La grande spedizione in Italia dell' 898-900.
  2. Giuseppe Toaldo: Del conduttore elettrico Posto nel Campanile di S. Marco in Venezia. Memoria, in cui occasionalmente si ragiona dei Conduttori, che possono applicarsi ai vascelli, Ai magazzini da polvere, ed altri Edifizj, Venedig 1776, S. IX (Digitalisat).
  3. Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini - 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 40 f.
  4. Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 28–30 (Digitalisat).
  5. Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 66. (online).
  6. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 114–114, Übersetzung (Digitalisat).
  7. Jacob von Sandrart: Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig, Nürnberg 1687, S. 21 f. (Digitalisat).
  8. Johann Friedrich LeBret: Staatsgeschichte der Republik Venedig, von ihrem Ursprunge bis auf unsere Zeiten, in welcher zwar der Text des Herrn Abtes L'Augier zum Grunde geleget, seine Fehler aber verbessert, die Begebenheiten bestimmter und aus echten Quellen vorgetragen, und nach einer richtigen Zeitordnung geordnet, zugleich neue Zusätze, von dem Geiste der venetianischen Gesetze, und weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten, von der innern Staatsverfassung, ihren systematischen Veränderungen und der Entwickelung der aristokratischen Regierung von einem Jahrhunderte zum andern beygefügt werden, 4 Bde., Johann Friedrich Hartknoch, Riga und Leipzig 1769–1777, Bd. 1, Leipzig und Riga 1769, S. 182–187 (Digitalisat).
  9. Samuele Romanin: Storia documentata di Venezia, 10 Bde., Pietro Naratovich, Venedig 1853–1861 (2. Auflage 1912–1921, Nachdruck Venedig 1972), Bd. 1, Venedig 1853, S. 206–215 (Digitalisat).
  10. August Friedrich Gfrörer: Geschichte Venedigs von seiner Gründung bis zum Jahre 1084. Aus seinem Nachlasse herausgegeben, ergänzt und fortgesetzt von Dr. J. B. Weiß, Graz 1872, S. 217–225 (Digitalisat).
  11. Pietro Pinton: La storia di Venezia di A. F. Gfrörer, in: Archivio Veneto 25,2 (1883) 288–313, hier: S. 298–301 (Teil 2) (Digitalisat).
  12. Francesco Zanotto: Il Palazzo ducale di Venezia, Bd. 4, Venedig 1861, S. 40–42 (Digitalisat).
  13. Emmanuele Antonio Cicogna: Storia dei Dogi di Venezia, Bd. 1, Venedig 1867, o. S.
  14. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bde., Bd. 1, Gotha 1905, S. 103 f.
  15. John Julius Norwich: A History of Venice, Penguin, London 2003.
VorgängerAmtNachfolger
Pietro I. CandianoDoge von Venedig
888–911
Orso II. Particiaco