Radonbalneologie

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Radonbalneologie, auch Radontherapie, Radonbad oder Radoninhalationskur, ist die therapeutische Anwendung des radioaktiven Elements Radon in Heilbädern und Heilstollen. Es werden dabei natürliche Freisetzungen von Radon aus dem Erdboden genutzt. Früher war der Begriff Radiumbad verbreitet. Wissenschaftlich ist diese Form der Therapie nicht anerkannt, das potentielle Risiko der damit verbundenen Strahlenexposition wird kritisiert.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Badekuren sind bereits seit dem Mittelalter bekannt. Diese waren mit langen Kurdauern von mehreren Wochen verbunden. Mit der Entdeckung des Radiums und später des Radons und seiner Wirkung wurde an vielen Orten ein Zusammenhang vermutet, der das Interesse an den entsprechenden Heilbädern weckte.

Nach der Gründung des „Radiumbades“ Sankt Joachimsthal in Böhmen 1906[2][3] kam es unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg aufgrund einer vermuteten Heilwirkung radioaktiver Substanzen zu einem Aufblühen der Radiumbäder in Deutschland. Bad Kreuznach, das 1817 mit dem Kurbetrieb begonnen hatte,[4] warb damit, stärkstes Radiumsolbad zu sein; später waren es neben St. Joachimsthal vor allem Oberschlema und Bad Brambach, welche von sich behaupteten, stärkstes Radium- bzw. Radiummineralbad der Welt zu sein. Tatsächlich kam in den Heilquellen vor allem Radon vor, Radium hingegen nur in geringen Spuren. Korrekterweise hätten sich diese Bäder damals schon „Radonbad“ nennen müssen.

Radonbäder gibt es in Bad Gastein, Bad Hofgastein und Bad Zell in Österreich, in Niška Banja in Serbien, im Radon-Revitalbad in Menzenschwand und in Bad Brambach, Bad Münster, Bad Schlema, Bad Steben, Bad Schmiedeberg und Sibyllenbad in Deutschland, in Jáchymov in Tschechien, in Hévíz in Ungarn, in Bad Flinsberg in Polen. in Naretschen und in Kostenez in Bulgarien sowie auf Ischia. Radonstollen gibt es in Bad Kreuznach und in Bad Gastein.

Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Radonbelastung

Bei Radonkonzentrationen in der Luft von 150 Bq/m³ ist eine signifikante Erhöhung der Lungenkrebs-Mortalität festgestellt worden.[5] Im Heilstollen Bad Gastein beträgt die Radonkonzentration 170000 Bq/m³. Die Konzentration liegt damit etwa um den Faktor 1000 über den gesetzlichen Grenzwerten. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs.[6]

Anwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Forschungsinstitut Gastein (FOI) der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg wird unter anderem über Kurbeiträge aus Gastein finanziert.[7] Das FOI führt neben einigen Kontraindikationen folgende Erkrankungen als Indikationen an:[8]

Erkrankungen des Bewegungsapparates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkrankungen der Atemwege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkrankungen der Haut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Therapeutik und Wirkweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Radontherapie soll es sich um eine niedrigdosierte Strahlentherapie handeln. Beim Baden, Quellwassertrinken oder beim Aufenthalt in den ehemaligen Bergwerksstollen gelangt Radon in den Körper, verteilt sich dort in gelöster Form, geht aber als Edelgas keinerlei chemische Bindung ein. Die biologische Halbwertszeit durch Abatmung soll etwa 15 bis 30 Minuten betragen. Durch Hyperventilation aufgrund der Erwärmung der Umgebungsluft und der Herabsetzung des Luftdrucks, was einer Höhenlage entspricht, wird die Radonaufnahme gesteigert. Die heilbringende Wirkung soll bei normaler Temperatur ab 37.000 Bq/m³ (1 nCi/l) Atemluft einsetzen, mit einem Maximum bei 3 MBq/m³ Atemluft.

Bei der sogenannten Radonwärmetherapie, auch Low-dose-Radon- und Hyperthermie-Therapien (LDRnHT) genannt, soll die Wirkung auf einer Kombination aus leichter Hyperthermie, hoher Luftfeuchtigkeit und Aufnahme von Radon über Haut und Lunge beruhen: Temperaturen über 37,5 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit über 70 Prozent führen zum sogenannten Hyperthermie-Effekt. Unter diesen Bedingungen steigt die Körpertemperatur, die Muskeln entspannen sich und der Organismus soll das Radon besser aufnehmen.[9]

Die von den Anwendern postulierte nutzbringende Wirkung von niedrig dosiertem Radon soll in der Aktivierung, ausgelöst durch eine „Reizung“, der körpereigenen Schutzmechanismen gegen die Radikalbildung bestehen. Zugleich soll durch Radon die DNA-Synthese herabgesetzt werden, und dies soll ein möglicher Mechanismus der antirheumatischen Wirkung sein.[10][11] Daneben soll Radon die Kortisonsekretion steigern. Dies könnte die Wirkung bei Asthma oder Rheuma miterklären. Niedrig dosierter ionisierender Strahlung wird außerdem, im Widerspruch zur überwiegenden Ansicht der Fachöffentlichkeit, eine schützende Wirkung gegen Krebs zugesprochen. Diese sogenannte Hormesis-Hypothese von T.D. Luckey beruht auf Wachstumsexperimenten an bestrahlten Pflanzen und niederen Tieren. Es wird auch vom Adaptationsphänomen (adaptive Reaktion, adaptive response) der Zelle gegen Stress gesprochen.

Auf der Haut und in den Bronchien ist die Wirkung von Alphastrahlung auf die oberste Zellschicht begrenzt, das Stratum germinativum der Haut, die einlagige innerste Zellschicht, wird nicht erreicht. Im Blut gelöstes Radon erreicht jedoch auch tiefere Gewebe. Im exponierten Gewebe kommt es durch die Bestrahlung zur Bildung von freien Radikalen, die eine schädliche Wirkung auf Zellen haben. Die schädliche Wirkung, insbesondere die Entstehung von Krebserkrankungen durch hochdosierte Radonexposition ist seit fast hundert Jahren bekannt, siehe Schneeberger Krankheit.

Beim Menschen sind exakte Daten zur Wirkung niedriger Strahlendosen bisher nicht erhoben worden. Die Fachöffentlichkeit, beispielsweise UNSCEAR, geht durch lineare oder supralineare Extrapolation der bekannten Wirkung höherer Dosen von einer stochastischen schädlichen Wirkung, wie Krebs- und Mutationserzeugung, beliebig niedriger Dosen aus.

Befürworter verweisen darauf, dass im südlichen Indien (Kerala), wo die natürliche Strahlendosis mindestens vierfach höher ist als in Deutschland, die Krebsinzidenz geringer sei.[12]

In einem Forschungsprojekt unter Federführung der GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH in Darmstadt sollen die therapeutische Wirkung und die Risiken der Radontherapie untersucht werden. Hierbei sollen Aussagen über die Langzeitwirkungen einer Strahlenexposition mit niedrigen Radon-Strahlendosen und die für den therapeutischen Nutzen wichtigen Mechanismen der Entzündungshemmung bei Patienten mit chronisch entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates, wie zum Beispiel Rheuma, sowie der Atemwege und der Haut gefunden werden, zumal die Wirkungsweise bisher weitgehend unbekannt ist. Das Forschungsprojekt hat zum Ziel, die Wirkung von Radon zu klären und auf ein solides wissenschaftliches Fundament zu stellen. Außerdem sollen Risiken wie etwa die Gefahr der Krebserzeugung durch niedrige Strahlendosen des Radons besser abgeschätzt werden. Die therapeutische Wirkung von Radon in der Entzündungshemmung soll mit der von Röntgenstrahlung und der in der Tumortherapie erfolgreich eingesetzten Schwerionenstrahlung verglichen werden.[13]

Die internationale, doppelblinde IMuRa-Studie – im Auftrag des Vereins EURADON und bei sechs Radonkurzentren in Deutschland und Österreich durchgeführt – untersuchte die Wirksamkeit der Radonbehandlung auf die Schmerzsituation bei chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates. Die Studienteilnehmer wurden einer Behandlung mit einem Radonwannenbad bzw. einer Radonheilstolleneinfahrt unterzogen. Die Studienergebnisse belegen eine signifikant deutlichere Schmerzreduktion sowie eine signifikante Reduktion des Schmerzmittelverbrauchs der mit Radon behandelten Teilnehmer.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Kiefer, Winfried Koelzer: Strahlen und Strahlenschutz. Springer, Berlin 1986, ISBN 3-540-15958-4.
  • Hans Kiefer, Winfried Koelzer: Strahlen und Strahlenschutz. Springer, New York 1986, ISBN 0-387-15958-4.
  • Peter Deetjen: Radon als Heilmittel. Hrsg.: RADIZ Schlema e. V. Kovac, Hamburg 2005, ISBN 3-8300-1768-5.
  • Peter Deetjen: Radon und Gesundheit. Hrsg.: Peter Deetjen, Albrecht Falkenbach. Lang, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-631-35532-7.
  • Albrecht Falkenbach: Radon in der Kurortmedizin. In: Vereinigung für Bäder- und Klimakunde e. V. (Hrsg.): Deutsches Bäderbuch. 2. Auflage. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 152–154.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsche Ärztezeitung: Forscher ergründen die Stollenluft, Ausgabe vom 7. Januar 2013, abgerufen am 25. Januar 2017
  2. Irena Seidlerová, Jan Seidler: Jáchymover Uranerz und Radioaktivitätsforschung um die Wende des 19./20. Jahrhunderts. .. Hrsg.: Rudolf Holze. S. 110–112.
  3. Léčebné lázně Jáchymov a.s.: Die Geschichte des Bades Joachimsthal, abgerufen am 25. Januar 2017.
  4. Kur- und Salinenbetriebe der Stadt Bad Kreuznach (Hrsg.): 175 Jahre Heilbad Bad Kreuznach 1817–1992. Festschrift. Geis & Fiedler, Pfaffen-Schwabenheim 1992
  5. Auswertung der vorliegenden Gesundheitsstudien zum Radon. Empfehlung der Strahlenschutzkommission. Verabschiedet in der 192. Sitzung der SSK am 24./25. Juni 2004. Veröffentlicht im BAnz Nr. 141 vom 30. Juli 2004. Kurzinformationen
  6. Joseph Magill, Jean Galy: Radioactivity Radionuclides Radiation. Springer 2005, ISBN 3-540-26881-2, S. 148–149
  7. Infoblatt des Forschungsinstituts Gastein. In dem Infoblatt heißt es: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, bei einem Aufenthalt in Gastein tragen Sie, ab einer durch die Kurkommissionen Bad Gastein und Bad Hofgastein festgelegten Mindestaufenthaltslänge, mit einem einmaligen (!) Beitrag von 1,10 Euro zur Finanzierung des Forschungsinstituts Gastein bei.“
  8. Markus Ritter: Indikationen für eine Heilstollentherapie. Forschungsinstitut Gastein (FOI) der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, August 2008, abgerufen am 8. Januar 2010.
  9. Angelika Moder (Forschungsinstitut Gastein) u. a.: Effect of combined Low-Dose Radon- and Hyperthermia Treatment (LDRnHT) of patients with ankylosing spondylitis on serum levels of cytokines and bone metabolism markers: a pilot study. In: Int. J. Low Radiation. Vol. 7, No. 6, 2010, S. 423-435, abgerufen am 19. September 2013 (PDF; 327 kB).
  10. A. Falkenbach, J. Kovacs, A. Franke, K. Jörgens, K. Ammer: Radon therapy for the treatment of rheumatic diseases–review and meta-analysis of controlled clinical trials. In: Rheumatology international. Band 25, Nummer 3, April 2005, ISSN 0172-8172, S. 205–210. doi:10.1007/s00296-003-0419-8. PMID 14673618. (Review).
  11. K. Becker: Health Effects of High Radon Environments in Central Europe: Another Test for the LNT Hypothesis? In: Nonlinearity Biol Toxicol Med. 1, 2003, S. 3–35, PMID 19330110 PMC 2651614 (freier Volltext).
  12. J. H. Hendry u. a.: Human exposure to high natural background radiation: what can it teach us about radiation risks? In: J Radiol Prot. 29, 2009, S. A29–A42, PMID 19454802 (Review).
  13. Wie und warum wirkt eine Radontherapie? Meldung des GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung vom 29. Februar 2012.
  14. A. Franke, T. Franke: Long-term benefits of radon spa therapy in rheumatic diseases: results of the randomised, multi-centre IMuRa trial. In: Rheumatology international. Band 33, Nummer 11, November 2013, ISSN 1437-160X, S. 2839–2850. doi:10.1007/s00296-013-2819-8. PMID 23864139.
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