Reinhard Strecker (Aktivist)

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Reinhard Strecker vor Erhalt des Bundesverdienstkreuzes am 24. August 2015 zur Würdigung und als Anerkennung seiner Verdienste um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Reinhard Strecker (* 8. September 1930 in Zehden an der Oder) ist ein deutscher politischer Aktivist, Mitglied des SDS, Publizist und Initiator der historischen Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre. Diese Ausstellung begleiteten politische Aktionen, die im In- und Ausland eine umfassende Berichterstattung auslösten und tiefgreifende justiz- und personalpolitische Debatten auf Bundes- und Landesebene anregten.

Leben und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reinhard Strecker wurde 1930 in Zehden (Oder) geboren, wuchs u. a. in Celle auf und erwarb in Paris die Hochschulreife (Baccalauréat universitaire) an der École internationale des langues orientales (EILO), kehrte 1954 nach Deutschland zurück und begann an der Freien Universität Berlin das Studium der indogermanischen Sprachen. Neben dem Studium war er als wissenschaftliche Hilfskraft von Jacob Taubes tätig. Später arbeitete Strecker für das Berliner Goethe-Institut. Er lebt heute in Berlin.

Politisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reinhard Strecker war Initiator der „Aktion Ungesühnte Nazijustiz“ bzw. Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz des SDS. In Zusammenarbeit mit politischen Jugendgruppen und Studentenverbänden – u. a. dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) – erstellte er mit fotografischen Kopien nationalsozialistischer Sondergerichtsakten eine Wanderausstellung, die in den Jahren 1959 bis 1962 an zehn Hochschulstandorten in Westdeutschland und Westberlin gezeigt wurde.

Auf dem Ausstellungsmaterial basierende Ausstellungen wurden in Leiden, Amsterdam, Utrecht und Oxford durchgeführt, zudem wurden auf Einladung eines von Barbara Castle und Sydney Silverman initiierten All-Party Committees im Frühjahr 1960 Übersetzungen des Materials im House of Commons, dem Britischen Unterhaus, den Abgeordneten präsentiert.

Petition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen der Vorbereitungen initiierte Strecker zwei Petitionen an den Deutschen Bundestag, in denen die mangelhafte juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Medizinverbrechen und Justizverbrechen sowie die Weiterbeschäftigung der an den Verbrechen beteiligten Mediziner und Justizjuristen kritisiert wurde. 1958 verabschiedete und unterstützte der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Freien Universität Berlin die Petition.

Strafanzeige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Frühjahr 1960 erstattete Strecker gemeinsam mit Wolfgang Koppel im Auftrag des SDS Strafanzeige gegen 49 wiederamtierende ehemalige NS-Richter wegen des Verdachts auf Rechtsbeugung in Tateinheit mit Totschlag. Über diese Aktionen wurde in der lokalen, nationalen und internationalen Presse umfassend berichtet. Zahlreiche Staatsanwaltschaften im gesamten Bundesgebiet nahmen die Ermittlungen gegen amtierende Justizjuristen auf und der Bundestagsrechtsausschuss debattierte basierend auf den von Strecker gesammelten Aktenkopien die Neufassung von §116 Deutsches Richtergesetz (DRiG), das die vorzeitige Pensionierung politisch belasteter Richter ermöglichen sollte.

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Strecker ist Mitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte. Diese versuchte bereits in den 1950er Jahren, eine kritische öffentliche Reflexion über die nationalsozialistische Vergangenheit anzuregen. Ihre Mitglieder verstehen die selbstkritische Aufklärung über die nationalsozialistische Diktatur als zentralen Teil eines menschenrechtlichen Engagements.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 24. August 2015 wurde Reinhard Strecker in Anerkennung um seine Verdienste zur Aufklärung der bundesdeutschen Öffentlichkeit über NS-Verbrechen das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Der Orden wurde von Tim Renner, dem Staatssekretär für Kultur des Landes Berlin, überreicht.[2]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente. Rütten & Loening, Hamburg 1961.[3]
  • mit Günter Berndt (Hrsg.): Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen. Geschichtsschreibung und Schulbücher. Beiträge zum Polenbild der Deutschen. Reinbek bei Hamburg 1971.
    • darin: Gehirnwäsche für Generationen. S. 16–53.
  • Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess im Jahre 1945 und seine „Folgen“. In: Jan Peters (Hrsg.): Nationaler „Sozialismus“ von Rechts. Berlin 1980, S. 69–87.
  • Die Bedeutung der Faschismusdiskussion in den 60er Jahren. Ringvorlesung am 4. Mai 1988 mit Wolfgang Lefèvre und Reinhard Strecker. In: Siegward Lönnendonker, Jochen Staadt (Hrsg.): 1968. Vorgeschichte und Konsequenzen. Dokumentation der Ringvorlesung vom Sommersemester 1988 an der Freien Universität Berlin. Online[4]
  • Makulierte Vergangenheit. In: Ossietzky (Zeitschrift), Heft 22, 2005

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jan Eckel: L. Wildenthal: The Language of Human Rights in West Germany (HSozKult, 19. August 2013)
  2. Landespressedienst: Bundesverdienstkreuz für Reinhard Strecker vom 25. August 2015
  3. Strecker hat den Band unter dem Namen „Reinhard M(aria) Strecker“ herausgegeben, mit dem er bereits die Strafanzeigen gegen 49 wiederamtierende Justizjuristen unterzeichnet hatte. Dies ist nicht sein Geburtsname, erklärt jedoch, aus welchem Grund er in der Literatur mal unter „Reinhard Strecker“ und mal unter „Reinhard-M(aria) Strecker“ genannt wird. Vgl. dazu basierend auf Interviews mit Reinhard Strecker Glienke 2008, S. 208, FN 885, und Oy/Schneider 2013, S. 61 ff.
  4. Der dort mit "Zint" bezeichnete Antisemit der Nachkriegszeit heißt real "Zinth", eine in Offenburg weit verbreitete Familie. Der äußere Sachverhalt war, vom richtig dargestellten Kern abgesehen, etwas anders, siehe online, nach einer damaligen Broschüre

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Kohlstruck: Reinhard Strecker – „Darf man seinen Kindern wieder ein Leben in Deutschland zumuten?“ In: Claudia Fröhlich, Michael Kohlstruck (Hrsg.): Engagierte Demokraten. Vergangenheitspolitik in kritischer Absicht. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, ISBN 3-89691-464-2, S. 185–212.
  • Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen. Nomos, Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-8329-3803-1.
  • Gottfried Oy, Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie. Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, 2. korrigierte Auflage 2014, ISBN 978-3-89691-933-5.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christoph Weber: Akte D (1/3) – Das Versagen der Nachkriegsjustiz. Dokumentation, 2014, 45 Min. Mitwirkung von Norbert Frei (Senderkommentar bei Phoenix.de vom Nov. 2016)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]