Indogermanische Sprachen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die indogermanischen oder indoeuropäischen Sprachen bilden die heute sprecherreichste Sprachfamilie der Welt mit etwa drei Milliarden Muttersprachlern.

Ihre große Verbreitung ist das Ergebnis von Völkerwanderungen im Laufe der Jahrtausende und zuletzt auch der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert. Die dazugehörigen Sprachen zeigen weitreichende Übereinstimmungen beim Wortschatz, in der Flexion, in grammatischen Kategorien wie Numerus und Genus sowie im Ablaut.

Als Ursprung der Sprachfamilie wird eine einzelne, vorgeschichtliche Indogermanische Ursprache angesetzt, die in Grundzügen durch einen Vergleich der Einzelsprachen rekonstruiert werden konnte.

Indogermanische Sprachen (hellgrün dargestellt) neben den anderen Sprachfamilien der Welt
Ein hypothetischer Stammbaum der indogermanischen Sprachen

Die Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden gängigen Bezeichnungen sind Klammerbegriffe, die sich an der (vorkolonialen) geografischen Verbreitung der Sprachfamilie orientieren. Sie werden nach Wissen und Tradition des frühen 19. Jahrhunderts verwendet, als man vom Hethitischen und Tocharischen noch nichts wusste.

Der in der deutschsprachigen Linguistik gängige Ausdruck indogermanisch orientiert sich an den geographisch am weitesten voneinander entfernt liegenden Sprachgruppen des (vorkolonialen) Verbreitungsgebietes,[1] den indoarischen Sprachen im Südosten (mit Singhalesisch auf Sri Lanka) und den germanischen Sprachen mit dem Isländischen im Nordwesten. Diese Bezeichnung wurde als langues indo-germaniques 1810 vom dänisch-französischen Geografen Conrad Malte-Brun (1775–1826) eingeführt.[2][3] Später wird Heinrich Julius Klaproth den Begriff „indogermanisch“ in seiner (1823) erschienen Asia Polyglotta im deutschsprachigen Raum einbringen. Franz Bopp (1816)[4] spricht hingegen von den „indoeuropäischen“ Sprachen.

Um eine „pan-germanistische“ Fehldeutung auch bei Laien zu vermeiden, und weil die germanischen Sprachen gegenüber den übrigen europäischen Vertretern der Familie keine Sonderrolle haben sollen, ist heute[5] in allen anderen Sprachen die Bezeichnung indoeuropäische Sprachen (in verschiedenen Übersetzungen) gebräuchlich.

Die Wortbildungen indogermanisch und indoeuropäisch sind also nicht so zu verstehen, dass der rechts stehende Wortteil -germanisch / -europäisch den Kern des Wortes darstellte und folglich alle beteiligten Völker so einordnen würde. Auch der modernere Begriff indoeuropäisch muss (analog zu indogermanisch) verstanden werden als „Sprachen, die in einem Bereich von Europa bis Indien vorkommen“. So sind z. B. Persisch, Kurdisch oder Armenisch „indoeuropäische“ Sprachen, deren Heimat weder in Europa noch in Indien liegt, dasselbe gilt für die ausgestorbenen Sprachen Hethitisch und Tocharisch.

Einige Forscher stellen die früh abgespaltenen anatolischen Sprachen den gesamten übrigen indogermanischen Sprachen als Primärzweig gegenüber und bezeichnen die Gesamtheit dieser Sprachen als indohethitisch. Dieser Begriff wird in der Indogermanistik heute weitgehend abgelehnt, da der anatolische Zweig trotz seiner sicherlich frühen Abspaltung als einer unter mehreren Primärzweigen des Indogermanischen – wie z. B. Germanisch, Italisch, Keltisch oder Indoiranisch – angesehen wird. Völlig veraltet ist die im 19. Jahrhundert auch in der britischen Linguistik verbreitete Bezeichnung arische Sprachen. (In der englischsprachigen Literatur wird arisch (Aryan) allerdings weiterhin für die Untergruppe der indoiranischen Sprachen verwendet.)

Ursprung und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die indogermanischen Sprachen werden als genealogisch verwandt betrachtet, d. h. als „Tochtersprachen“ einer „Muttersprache“, des nicht mehr erhaltenen Urindogermanischen (Proto-Indoeuropäisch (PIE)). Dass ihre Ähnlichkeit nur durch typologische Angleichung nach Art eines Sprachbundes zustande kam, kann aufgrund der zahlreichen regelmäßigen Entsprechungen ausgeschlossen werden. Die bereits seit langem bekannte Tatsache, dass die romanischen Sprachen als Nachfolger der lateinischen bzw. der vulgärlateinischen Sprache anzusehen sind, sowie einige ähnlich gelagerte Fälle wie die skandinavischen Sprachen, führte zum Konzept der Sprachfamilie, das auch auf solche Gruppen von Sprachen übertragen wurde, die in gleicher Art aus einer gemeinsamen Vorläufersprache hervorgegangen erschienen, die aber nicht durch Texte bekannt war, sondern deren einstige Existenz nur hypothetisch und rekonstruktiv erschlossen werden konnte. Bei der Rekonstruktion stützt man sich vor allem auf Gemeinsamkeiten der grammatischen Formen und auf verwandte Wörter (Kognaten). Eine hohe Anzahl an Kognaten weist auf eine genealogische Verwandtschaft hin, wenn der zu vergleichende Wortschatz aus dem Grundwortschatz stammt.

Der florentinische Gelehrte und Kaufmann Filippo Sassetti der über Konstantinopel und Teheran bis nach Indien reiste, begann sich neben seiner Handelstätigkeit auch für das Sanskrit zu interessieren. Um das Jahr 1585 bemerkte er die auffälligen Wortähnlichkeiten zwischen den indoarischen Sprachen und dem Italienischen.[6]

Bereits 1647 stellte der niederländische Linguist und Gelehrte Marcus Zuerius van Boxhorn erstmals eine grundlegende Verwandtschaft zwischen einer Reihe von europäischen und asiatischen Sprachen fest; ursprünglich bezog er in diese Verwandtschaft die germanischen sowie die „illyrisch-griechischen“ und italischen Sprachen einerseits und das Persische andererseits ein, später fügte er noch die slawischen, keltischen und baltischen Sprachen hinzu. Die gemeinsame Ursprache, von der all diese Sprachen abstammen sollten, bezeichnete van Boxhorn als Skythisch. Jedoch konnte sich van Boxhorn mit dieser Erkenntnis im 17. Jahrhundert noch nicht durchsetzen.

1786 erkannte der englische Orientalist William Jones aus Ähnlichkeiten des Sanskrit mit Griechisch und Latein, dass es für diese Sprachen eine gemeinsame Wurzel geben müsse. Er deutete bereits an, dass dies auch für Keltisch und Persisch gelten könnte.

Der Deutsche Franz Bopp brachte 1816 in seinem Buch Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache den methodischen Beweis für die Verwandtschaft dieser Sprachen und begründete damit die deutsche Indogermanistik. Diese indogermanische Ursprache ließ sich durch Rekonstruktion gewinnen (siehe dazu: Vergleichende Sprachwissenschaft).

Zur Verbreitung der indogermanischen Sprachen in Raum und Zeit und damit auch bezüglich ihrer Differenzierung und weiteren Entwicklung sowie zur Überlegung einer einheitlichen indogermanischen Protosprache versuchen verschiedene Theorien Erklärungsmodelle anzubieten. Vier bekannte Theorien sind die:

Der deutsche Linguist August Schleicher hat versucht, die Entwicklung und Verwandtschaftsstruktur der indogermanischen Sprachen in seiner berühmten Stammbaumtheorie darzustellen. In diesem Stammbaum gibt es sowohl gesicherte als auch spekulative Verzweigungen; letztere betreffen insbesondere ausgestorbene Sprachen, die keine Nachfolgesprachen hinterlassen haben. Schleicher versuchte das hypothetische Urindogermanische zu rekonstruieren, indem er sich ursprünglicher Formen verschiedener indogermanischer Sprachen bediente. Daraus entstand eine Übersetzung der sogenannten indogermanischen Fabel Das Schaf und die Pferde als Avis akvasasca.

Hermann Hirt gründete die Substrattheorie und gebrauchte dabei das Bild von Sprachschichten, die sich überlagern. Die sprachliche Grundlage für diese Überlagerungen ist das Substrat, auf welches sich das Superstrat als sprachliche Überlagerung auflegt oder aneinander anlagert, im Sinne einer Adstrat-Wirkung bei Zweisprachigkeit. So könnten immigrierende indogermanische Ethnien ihre Sprache auf die regionalen Völker übertragen haben.

Von Hugo Schuchardt und Johannes Schmidt stammte die Wellentheorie; sie ersetzt die Vorstellung eines Stammbaums, welcher sich aus einer indogermanischen Ursprache entwickelt haben soll, durch das Modell einer Welle mit konzentrischen Kreisen, die mit zunehmender Entfernung vom Mittelpunkt immer schwächer werden. Gemäß dieses Modells haben sich die verschiedenen indogermanischen Sprachgruppierungen und Einzelsprachen aus einer nur relativen ursprünglichen Spracheinheit ausgegliedert und in der Folge durch wellenartige Verbreitung zu sprachlichen Neuerungen über mannigfaltige Übergangsdialekte geführt.

Es können sowohl Wortwurzeln als auch morphologische und phonologische, ja sogar (mit Einschränkungen) syntaktische Merkmale des Indogermanischen rekonstruiert werden. Eine Grundsprache im Sinne eines präzisen kommunikativen Verständnisses wird mit dieser Rekonstruktion jedoch nicht erreicht.

„Urheimat“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Indogermanen

Ausgehend von Wortstämmen, die allen indogermanischen Sprachen gemeinsam sind, versucht die Ethnolinguistik, in Zusammenarbeit mit der Archäologie das Ursprungsgebiet der Indogermanen zu bestimmen und mit prähistorischen Völkern oder Kulturen in Verbindung zu bringen. Bei der Frage nach einer Urheimat ist allerdings immer zwischen einer hypothetischen sprachhistorischen Rekonstruktion örtlicher Einflussgrößen im Rahmen der Herausbildung der frühest fassbaren indogermanischen Wurzelwörter und demgegenüber einer Identifikation von Volk, Sprache und Raum (Kontinuitätstheorie) zu unterscheiden.

Einige Hypothesen sind erheblich vom Nationalismus geprägt oder wurden von einer Ideologie vereinnahmt (z. B. im Nationalsozialismus). Dies gilt z. B. auch für viele indische Wissenschaftler, die die indogermanische Urheimat in Indien selbst verorten und damit gleichzeitig die Trägerschaft z. B. der Harappa-Kultur den Indoariern bzw. ihren urindoiranisch- oder gar urindogermanischsprachigen Vorläufern zusprechen. Andere extreme Annahmen sehen die Urheimat z. B. in Südosteuropa oder ostwärts des Urals bis zum Altaigebirge.

Karte der indoeuropäischen Migration von ca. 4000 bis 1000 v. Chr. (Kurgan-Hypothese). Die Einwanderung nach Anatolien könnte entweder über den Kaukasus (gestrichelter Pfeil) oder über den Balkan stattgefunden haben.
  • Urheimat gemäß der Kurgan-Hypothese
  • indogermanisch sprechende Völker bis 2500 v. Chr.
  • Besiedlung um 1000 v. Chr.

Die Kurgan-Hypothese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wahrscheinlicher sind Hypothesen, die eine Urheimat zwischen den Extremen annehmen. Dazu gehören vor allem Gegenden rund um das Schwarze Meer: die Steppen mit der Kurgankultur im Norden, Transkaukasien im Osten oder Kleinasien (Anatolien) im Süden.

Sprachwissenschaftler (z. B. J.P. Mallory (1989),[7] A. Parpola (2008),[8] R.S.P. Beekes (2011)[9]) neigen überwiegend zur Steppen-These,[10] die auch von archäologischen Befunden gestützt wird.[11] Die Transkaukasien-Hypothese geht auf die Linguisten T. Gamqrelidse und W. Iwanow (1984) zurück.[12] Der britische Archäologe C. Renfrew (1987)[13] gilt als Schöpfer der Anatolien-Hypothese, nach der die Urheimat in Anatolien liegt. Keine der Herkunfts-Hypothesen hat bisher allgemeine Akzeptanz gefunden. Einen Überblick über die Diskussion bietet z. B. der Mallory-Schüler John Day.[14]

Die über ein derartig weites Gebiet vom Atlantik bis zum Tarimbecken erstaunlich gut erhaltenen Übereinstimmungen, wie z. B. das Zahlensystem oder die Grammatik sprechen jedoch für einen relativ engen sprachlichen Konstituierungsraum als Urheimat. Die dann vorauszusetzenden Wanderungsbewegungen (Migrationen) erklären darüber hinaus weitere Elemente der indogermanischen Sprachen, wie Adstrat-, Superstrat-Effekte, möglicherweise auch durch sich gegenseitig beeinflussende indogermanische Sprachen unterschiedlicher Lautverschiebungs- und Verbreitungsstufen.

Daher erscheint die von einigen Archäologen (namentlich A. Häusler (2004)[15]) vertretene Hypothese eines frühen ausgedehnten indogermanischen Sprachkontinuums eher unwahrscheinlich. Dies hängt auch mit der Schwierigkeit zusammen, weiträumige Wanderungsbewegungen archäologisch zu fassen.

Die Anatolien-Hypothese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anatolien-Hypothese postuliert den Kulturtransfer, vor allem für Sprachen, Ackerbau und Viehzucht nach Europa durch Einwanderung aus Anatolien. Im engeren Sinne wird darunter die Ausbreitung einer indogermanischen Ursprache von Anatolien her nach Europa durch und mit der jungsteinzeitlichen Revolution gesehen. Sie wurde in den späten 1980er Jahren von dem britischen Archäologen Lord Colin Renfrew vorgeschlagen.

Genetik und Indogermanistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europas wichtigste Y-DNA-Haplogruppen. Die farblich markierten Flächen repräsentieren Gebiete, wo die Häufigkeit einer Haplogruppe mehr als ein Drittel des Genpools ausmacht

Populationsgenetiker wie Luigi Luca Cavalli-Sforza[16] versuchen, Herkunft und Verwandtschaft von Völkern und Sprachen durch molekulargenetische Methoden, insbesondere durch Erforschung der Verbreitung von Genmutationen (Haplogruppen), zu erhellen.

Man geht mittlerweile davon aus, dass die Ausbreitung der indogermanischen Sprache(n) mit der Ausbreitung der Y-DNA-Haplogruppen R1a[17] und R1b[18] zusammenhängt. Das stimmt auch mit dem archäologischen Befund überein (Schnurkeramik- und Glockenbecherkultur).

Indogermanisch und andere Sprachfamilien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Außenverwandtschaften des Indogermanischen gibt es zahlreiche Hypothesen.

Die engste Beziehung scheint das Urindogermanische zur kartwelischen Ursprache gehabt zu haben, mit dem es nicht nur lexikalische Übereinstimmungen aufweist, sondern sogar Ablautmuster teilt.[19]

Am häufigsten wird eine enge Beziehung des (östlichen) Indogermanischen zur uralischen Ursprache angenommen. Diese Annahme kann mit vielen Übereinstimmungen erhärtet werden[20], wie im Bereich des Wortschatzes (z. B. beim Pronominalsystem [21]) oder der Morphologie.[22]

Zum Semitischen dagegen bestehen eher lexikalische Übereinstimmungen (die auf Entlehnung beruhen können).

Einige, vor allem sowjetische Wissenschaftler haben versucht, Belege für eine sogenannte nostratische Sprachfamilie zu finden, zu der neben den indogermanischen auch die afroasiatischen Sprachen (früher hamitosemitischen Sprachen) und die als genealogische Einheit selbst umstrittenen altaischen Sprachen gehören sollen. Diese Belege werden derzeit überwiegend als nicht ausreichend angesehen.

In ähnlicher Weise hat der US-amerikanische Linguist Joseph Greenberg aufgrund lexikalischer und grammatischer Gemeinsamkeiten eine eurasiatische Makro-Sprachfamilie vorgeschlagen. Sie umfasst insbesondere die drei relativ umfangreichen indogermanischen, uralischen und altaischen Sprachfamilien sowie einige Kleinfamilien und Einzelsprachen Eurasiens, jedoch ausdrücklich nicht Afroasiatisch. Diese Makro-Sprachfamilie deckt sich somit teilweise mit dem Nostratischen, wobei auch grundlegendere Gemeinsamkeiten beiderseitig (Greenberg, Bomhard) festgestellt wurden. Bisher ist eine Entscheidung über die Gültigkeit der eurasiatischen Hypothese ebenfalls nicht möglich.

Die Zweige des Indogermanischen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den indogermanischen Sprachen gehören die folgenden Gruppen heute noch gesprochener Sprachen:

Zwei weitere wichtige Gruppen sind ausgestorben (†):

Ebenso ausgestorben ist das sogenannte

Außerdem sind uns folgende Sprachen lediglich in Fragmenten überliefert, deren Zugehörigkeit zur indogermanischen Sprachfamilie außer Zweifel steht, deren genauere Zuordnung zu anderen Sprachen jedoch umstritten ist:

  • Illyrisch † (möglicherweise die Vorstufe des Albanischen)
  • Lusitanisch † (möglicherweise keltisch oder mit dem Keltischen näher verwandt)
  • Makedonisch † (möglicherweise mit dem Griechischen näher verwandt)
  • Messapisch † (möglicherweise mit dem Illyrischen näher verwandt)
  • Phrygisch † (zeigt gemeinsame Entwicklungen mit dem Griechischen und Armenischen)[24]
  • Sikulisch † (möglicherweise italisch)
  • Thrakisch † (mit den Dialekten Dakisch, Getisch, Moesisch)
  • Venetisch † (möglicherweise zum Italischen gehörig)

Einige fragmentarisch überlieferte Sprachen können nicht sicher als indogermanisch identifiziert werden:

Zurückgehend auf Peter von Bradke (1890) werden die indogermanischen Sprachen nach dem Einzelkriterium der Entwicklung des palatalisierten /k’/ (z. B. im Zahlwort *k’mtom ‚hundert‘) in sogenannte Kentum- und Satem-Sprachen eingeteilt. Die ursprüngliche Annahme, diese Einteilung ginge auf eine Dialekt-Isoglosse der Indogermanischen Ursprache zurück, hat sich mit der Entdeckung des Tocharischen gegen Anfang des 20. Jahrhunderts als unhaltbar herausgestellt, wurde aber einige Jahrzehnte lang teilweise noch weiter vertreten. Als rein deskriptives Kriterium ist die Einteilung heute noch lebendig.[27]

Verwandtschaftsverhältnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Schleicher wird immer wieder versucht, die oben genannten Untergruppen auf gemeinsame Zwischensprachen zurückzuführen. Durchgesetzt haben sich nur wenige, so besonders die Zusammenfassung der indoarischen und der iranischen Sprachen als indoiranische Sprachen. Weitgehend anerkannt ist auch die baltoslawische Sprachgruppe (Balto-slawische Hypothese); strittig bleiben eine nähere Verwandtschaft zwischen den italischen und den keltischen Sprachen, die Zuordnung des Venetischen sowohl zum Illyrischen als auch zu den italischen Sprachen, eine thrakisch-phrygische Sprachgemeinschaft, die Abstammung des Albanischen vom Illyrischen, die Gruppe des Balkanindogermanischen (Griechisch, Armenisch, Albanisch) und vieles mehr.

Daher wird bei der obigen Liste auf genauere Zuordnungen verzichtet, Streitfälle stehen weiter als Einzelgruppen ohne Hinweise auf vermutete Verwandtschaftsverhältnisse.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Archaismen des Urindogermanischen sind heute nur noch in wenigen der modernen Nachfolgesprachen erhalten. Dabei können Sprachen sich in einigen Eigenschaften als konservativ zeigen, in anderen aber große Veränderungen aufweisen. Meinungen, wonach eine Sprache besonders konservativ ist (z. B. oft für das Litauische vertreten), müssen sich also auf konkrete Eigenschaften beziehen und sind nicht zu verallgemeinern.

Ausbreitung der indogermanischen Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Karten zeigen die vermutete geographische Ausbreitung und die Differenzierung der indogermanischen Sprachen bis ca. 500 n. Chr.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemeines, Wissenschaftliche Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlagen und Lehrbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert S.P. Beekes: Vergelijkende taalwetenschap. Een inleiding in de vergelijkende Indo-europese taalwetenschap. Het Spectrum, Amsterdam 1990. (niederländisch)
    • englisch: Comparative Indo-European Linguistics. An Introduction. 2. Auflage. Übersetzt von UvA Vertalers / Paul Gabriner. John Benjamins, Amsterdam / Philadelphia 2011 (1. Auflage 1995), ISBN 1-55619-505-2.
  • Warren Cowgill: Indogermanische Grammatik. Bd I: Einleitung; Bd II: Lautlehre. Begr. v. Jerzy Kuryłowicz, Hrsg.: Manfred Mayrhofer. Indogermanische Bibliothek, Reihe 1, Lehr- und Handbücher. Winter, Heidelberg 1986.
  • Benjamin W. Fortson IV: Indo-European Language and Culture. An Introduction. 2. Auflage. Wiley-Blackwell, Malden, MA / Chichester 2010 (1. Auflage 2004), ISBN 978-1-4051-8896-8.
  • Ernst Kausen: Die indogermanischen Sprachen. Von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart. Helmut Buske Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-87548-612-4.
  • Michael Meier-Brügger: Indogermanische Sprachwissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin 2010 (9. durchges. u. erg. Aufl.), ISBN 3-11-025143-4.
  • Oswald Szemerényi: Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990 (4. Aufl.), ISBN 3-534-04216-6
  • Eva Tichy: Indogermanistisches Grundwissen. Hempen, Bremen 2000, ISBN 3-934106-14-5.

Historische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bertold Delbrück: Einleitung in das Studium der indogermanischen Sprachen. Ein Beitrag zur Geschichte und Methodik der vergleichenden Sprachforschung. Bibliothek indogermanischer Grammatiken. Bd 4. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1919 (6. Aufl.).
  • August Schleicher: Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Böhlau, Weimar 1861/62, Olms, Hildesheim 1974 (Nachdr.), ISBN 3-487-05382-9

Archäologie und Urheimat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David W. Anthony: The Horse, the Wheel and Language. How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton University Press, Princeton, NJ 2007, ISBN 978-0-691-14818-2.
  • David W. Anthony / Don Ringe: „The Indo-European Homeland from Linguistic and Archaeological Perspectives“. In: Annual Review of Linguistics. Heft 1 (2015), S. 199-219 (online).
  • Linus Brunner: Die gemeinsamen Wurzeln des semitischen und indogermanischen Wortschatzes – Versuch einer Etymologie. Francke, Bern, München 1969.
  • Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. dtv, München 2001, ISBN 3-423-33061-9
  • Thomas W. Gamkrelidse / Wjatscheslaw Iwanow: Die Frühgeschichte der indoeuropäischen Sprachen. In: Spektrum der Wissenschaft. Dossier. Die Evolution der Sprachen. Spektrumverlag, Heidelberg 2000,1, S. 50–57. ISSN 0947-7934
  • Marija Gimbutas: The Kurgan Culture and the Indo-Europeanization of Europe. Selected Articles from 1952 to 1993. Institute for the Study of Man, Washington 1997, ISBN 0-941694-56-9
  • Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. in: Archeolingua. series minor 6. jointly ed. by the Archaeological Institute of Hungarian Academy of Sciences and the Linguistic Institute of the University of Innsbruck. Archaeolingua Alapítvány, Budapest 1994 (auch als Buch). ISSN 1216-6847 ISBN 3-85124-171-1
  • James P. Mallory: In Search of the Indo-Europeans. Language, Archaeology and Myth. Thames & Hudson, London 1989, ISBN 0-500-27616-1
  • James P. Mallory / D. Q. Adams (Hrsg.): Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, London 1997, ISBN 1-884964-98-2
  • Georges-Jean Pinault: La langue poétique indo-européenne – actes du colloque de travail de la Société des Études Indo-Européennes. Leuven, Peeters, 2006, ISBN 90-429-1781-4
  • Colin Renfrew: Archaeology and Language. The Puzzle of Indo-European Origins. 2. Auflage. University Press, Cambridge 1995 (1. Aufl. 1987), ISBN 0-521-38675-6
  • Colin Renfrew: Die Indoeuropäer – aus archäologischer Sicht. in: Spektrum der Wissenschaft. Dossier. Die Evolution der Sprachen. Spektrumverlag, Heidelberg 2000,1, S. 40–48. ISSN 0947-7934
  • Elmar Seebold: „Versuch über die Herkunft der indogermanischen Verbalendungssysteme“. In: Zeitschrift für vgl. Sprachforschung 85-2:185-210.
  • Jürgen E. Walkowitz: Die Sprache der ersten europäischen Bauern und die Archäologie In: Varia neolithica III, 2004, ISBN 3-937517-03-0

Populäre Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elisabeth Hamel: Das Werden der Völker in Europa, Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik. Tenea Verlag Ltd., Berlin 2007, ISBN 978-3-86504-126-5
  • Milan Machovec: Heimat Indoeuropa: Das Leben unserer Vorfahren aufgrund eines Vergleichs einzelner Sprachen. Verlagsatelier Wagner, Linz 2002, ISBN 3-9500891-9-5
  • Reinhard Schmoeckel: Die Indoeuropäer. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1999, ISBN 3-404-64162-0. Das Werk findet sich nur in drei deutschen Uni-Bibliotheken.
  • Harald Wiese: Eine Zeitreise zu den Ursprüngen unserer Sprache. Wie die Indogermanistik unsere Wörter erklärt, Logos Verlag, Berlin 2010, 2. Auflage, ISBN 978-3-8325-1601-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verbreitungsgebiet und Liste indoeuropäischer Sprachen (englisch)
  2. Conrad Malte-Brun, Précis de la Géographie universelle. Bd. 1: Ou description de toutes les parties du monde, sur un plan nouveau, d’apres les grandes divisions naturelles du globe …, F. Buisson, Paris 1810, S. 577.
  3. Michael Meier-Brügger, Indogermanische Sprachwissenschaft, 8. Aufl., Walter de Gruyter, Berlin 2002, E 301.
  4. Franz Bopp: Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache. Andreäsche Buchhandlung, Frankfurt am Main 1816
  5. Der Übergang vollzog sich im Laufe des 20. Jahrhunderts; so konnte noch 1937 Uhlenbeck in einer wissenschaftlichen US-Zeitschrift unbeanstandet den Begriff Indogermanic verwenden: C.C. Uhlenbeck (1937). The Indogermanic mother language and mother tribe complex. In: American Anthropologist 39-3
  6. Jean-Claude Muller: Early stages of language comparison from Sassetti to Sir William Jones. In: Kratylos. Kritisches Berichts- und Rezensionsorgan für indogermanische und allgemeine Sprachwissenschaft, Jg. 31 (1986), Heft 1, S. 31f. ISSN 0023-4567
  7. James P. Mallory: In Search of the Indo-Europeans. Language, Archaeology and Myth. Thames & Hudson, London 1989.
  8. Asko Parpola: „Proto-Indo-European speakers of the late Tripolye Culture as the inventors of wheeled vehicles: Linguistic and archaeological considerations of the PIE homeland problem“. In: Karlene Jones-Bley, Martin E. Huld, Angela Della Volpe, und Miriam Robbins Dexter (Hrsg.): Proceedings of the nineteenth annual UCLA Indo-European Conference. Institute for the Study of Man, Washington, DC 2008. S. 1–59.
  9. Robert S. P. Beekes: Comparative Indo-European linguistics: An introduction. 2. Auflage. John Benjamins, Amsterdam 2011.
  10. Fortson (2010), S. 39 ff.
  11. David W. Anthony (2007).
  12. Tamaz V. Gamkrelidze / Vjačeslav V. Ivanov: Indoevropjskij jazyk i indoevropejcy. Rekonstrukcija i istoriko-tipologieskij analiz prajazyka i protokultury. Universitätsverlag Tiflis, Tiflis 1984; englische Ausgabe: Indo-European and the Indo-Europeans. A Reconstruction and Historical Analysis of a Proto-Language and a Proto-Culture. 2 Bände. Übersetzt von Johanna Nichols. Mouton de Gruyter, Berlin / New York 1994-1995.
  13. Colin Renfrew: Archaeology and Language. The Puzzle of Indo-European Orgins. Jonathan Cape, London 1987, ISBN 0-224-02495-7, S. 75–98
  14. John V. Day: Indo-European origins. The anthropological evidence. The Institute for the Study of Man, Washington DC 2001.
  15. Alexander Häusler: Über alte und neue Hypothesen zum Ursprung und zur Verbreitung der Indogermanen. Fennoscandia archaeologica XXI (2004), S. 23–36
  16. Luigi Luca Cavalli-Sforza: Geni, Popoli e Lingue (= Piccola Biblioteca Adelphi. Vol. 367). Adelphi, Mailand 1996, ISBN 88-459-1200-0 (In deutscher Sprache als: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Hanser, München u. a. 1999, ISBN 3-446-19479-7; in englischer Sprache: Genes, Peoples and Languages. Allen Lane, London u. a. 2000, ISBN 0-7139-9486-X)
  17. http://www.eupedia.com/europe/Haplogroup_R1a_Y-DNA.shtml
  18. http://www.eupedia.com/europe/Haplogroup_R1b_Y-DNA.shtml
  19. Thomas V. Gamkrelidze, Givi I. Mačavariani: Sonantensystem und Ablaut in den Kartwelsprachen. Tübingen 1982. S. 93 ff.
  20. Björn Collinder: Indo-uralisches Sprachgut. Uppsala 1934; Károly Rédei: Zu den indogermanisch-uralischen Sprachkontakten. Wien 1986
  21. Elmar Seebold, 1970
  22. Hier steht im Mittelpunkt der Betrachtung wie die grammatischen Bausteine oder Morpheme miteinander verbunden werden; ob als analytische, isolierende Sprachen oder synthetische Sprachen. Zu den synthetischen Sprachen gehören folgende Typen: 1. Agglutinierende Sprachen (wie Finnisch, Ungarisch (Uralische Sprachen) oder Türkisch (Turksprachen)), solche Sprachen verketten gebundene Morpheme hintereinander, welche dabei jeweils eindeutig ein einzelnes Merkmal versprachlichen, 2. Polysynthetische Sprachen (fast alle indigenen nordamerikanischen Sprachen, wie beispielsweise die irokesischen Sprachen), solche Sprachen verketten gebundene und freie Morpheme hintereinander zu langen Wörtern und 3. Flektierende Sprachen (fusionierende Sprachen) wie die meisten indogermanischen Sprachen. Solche Sprachen haben viele gebundene Morphe, die eine enge Verbindung mit den Kernmorphen eingehen, hierdurch werden komplexe morphologische Merkmalswerte versprachlicht. Vgl. Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/ Weimar 2010. ISBN 978-3-476-02335-3, Stichwort Synthetische Sprache.
  23. Peter Anreiter: Breonen, Genaunen und Fokunaten. Vorrömisches Namengut in den Tiroler Alpen. 1997
  24. Benjamin W. Fortson: Indo-European Language and Culture: An Introduction. 2. Auflage. Blackwell Publishing, Malden, Oxford, Victoria 2010, ISBN 978-1-4051-8895-1, S. 461 f. (engl.).
  25. Ligurian language. Britannica.com. 2014-12-16. Retrieved 2015-08-29.
  26. Koch, John T (2009). Tartessian. Celtic in the South-West at the Dawn of History. Celtic Studies Publications, Aberystwyth. ISBN 978-1-891271-17-5
  27. z. B. in Benjamin W. Fortson: Indo-European Language and Culture: An Introduction. Blackwell Publishing, Malden,Oxford,Victoria 2004, ISBN 978-1-4051-0316-9 (engl.).