Rudolf Dodenhoff

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Rudolf Dodenhoff (* 12. Februar 1917 in Worpswede; † 31. Oktober 1992 ebenda[1] ebenda) war ein deutscher Fotograf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dodenhoff wurde als Sohn des Malers und Lyrikers Heinz Dodenhoff (1889–1981), der zur zweiten Generation der Worpsweder Künstler zählt, und dessen Ehefrau Anna, geb. Bunger (1892–1985) in Worpswede geboren.

Ausbildung und berufliche Stationen in München, Wien und Krakau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Ausbildung an der staatlichen Lehranstalt für Fototechnik in München und machte dort 1941 seinen Abschluss als Fotograf.[2]

1941 ging er nach Krakau, wo er für die Zeitschrift der Landesbildstelle des Generalgouvernements arbeitete; deren Aufgabe die Verbreitung eines im Sinne des Nationalsozialismus definiertes Deutschtum war.

1942 folgte Wien, wo er nach seiner Tätigkeit im Projekt „Erforschung typischer Ostjuden“ – mit der Zulassung zum Begabtenabitur – Volkskunde, Völkerkunde und Rassenkunde studierte bei dem Vorgesetzten der Projektleiterin Dora Maria Kahlich[3] Karl Tuppa und vor allem bei Richard Wolfram, der zu der Zeit in Wien das Institut für germanisch-deutsche Volkskunde leitete, wo Dodenhoff Mitarbeiter war. Das Institut gehörte zu den diversen Instituten der SS-Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe.[4][5][6]

Tätigkeit im Projekt „Erforschung typischer Ostjuden“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuvor – im März 1942 – war Dodenhoff in der deutsch besetzten polnischen Stadt Tarnów Mitarbeiter im Projekt der beiden Wiener NS-Anthropologinnen Dora Maria Kahlich und Elfriede Fliethmann, die zur „Erforschung typischer Ostjuden“ im Ghetto Tarnów mehr als hundert jüdische Familien, insgesamt 565 Männer, Frauen und Kinder, erfassten und von Dodenhoff fotografieren ließen. Die Aufnahmen entstanden deutlich sichtbar unter Androhung von Gewalt. Von diesen Menschen überlebten nur 27 Personen den Holocaust. Ihre Berichte sind jetzt dokumentiert durch die Fotografien und die zugehörigen Kurzbiografien der Ermordeten.[7][8][9] Dodenhoffs Aufgabe dabei war, von jeder Person Kopfaufnahmen zu machen sowie von speziell ausgewählten Familien Farbaufnahmen und Ganzkörper-Nacktaufnahmen der Männer.[10]

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Krieg eröffnete Dodenhoff 1949 in der Bergstr. 5 in Worpswede ein Fotogeschäft. Zusätzlich bemühte er sich um Werbeaufträge für die Industrie, ein Geschäftszweig, der in den Zeiten des Wirtschaftswunders zu florieren begann. So entstanden neben den herkömmlichen Fotoarbeiten viele Werbeaufnahmen u. a. für Firmen wie Telefunken, Continental oder Hapag-Lloyd. Seine diversen Tätigkeiten im Nationalsozialismus wurden von ihm nicht thematisiert.

Als Fotograf wurde Dodenhoff jetzt vor allem durch seine Landschaftsfotografien bekannt. Er hatte in den 1950er und 1960er Jahren auch intensiv die regionale und überregionale Architektur fotografiert. Seine Aufnahmen aus Bremen und Worpswede stellen nach Ansicht von Experten „ein Stück Kultur- und Sozialgeschichte“ dar; unter den Arbeiten befinden sich alte Aufnahmen vom Bremer Bahnhofsvorplatz, von der Schlachte und dem nunmehr abgerissenen Kühne + Nagel-Hochhaus in Bremen; aber auch den Neubau der Dammschule in Schwanewede, das Deutsche Haus in Worpswede u.v.m.[11] Dodenhoff gilt als einer der Pioniere der Farbfotografie; er besaß das erste Farbfotolabor in Norddeutschland.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In erster Ehe war Dodenhoff verheiratet mit der Fotolaborantin Maria Bozena Romanowski, die aus Posen stammte und als sog. „volksdeutsch“galt. Mit ihr zusammen wurde er im Sommer 1944 vom Institutsleiter Richard Wolfram in Kärnten und Osttirol gemeinsam für Foto-Arbeiten für die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ beauftragt.[12] In dem Projekt „Erforschung typischer Ostjuden“ im Ghetto Tarnów war seine Ehefrau als Hilfskraft ebenfalls angestellt. Das Paar wurde 1945 geschieden und hatte einen Sohn.

Ab 1950 war er dann verheiratet mit der aus Hannover stammenden Fotografin Ruth Schapitz (1923–2018).[13], die das fotografische Handwerk 1943 bis 1945 im Lette-Verein in Berlin erlernte. Das Paar hat 2 Söhne, Rolf (geb. 1952) und Jan (geb. 1957).[14]

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der anthropologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1989 entdeckte die Humanbiologin Margit Berner im Naturhistorischen Museum Wien einen Karton mit der Aufschrift TJ, das hieß: Tarnówer Juden. Durch umfassende Forschungsarbeiten zur nationalsozialistischen Rassenlehre und deren Forscher*innen konnten den von Dodenhoff aufgenommenen Fotos, die zunächst nur Nummern trugen, mit Hilfe von Washingtoner Archivbeständen[15] Namen und manchmal auch Schicksale zugeordnet werden. In der Ausstellung "Der kalte Blick". Topographie des Terrors.", zu deren geschichtlichen und politischen Hintergründen vier Kuratoren recherchiert haben, wurde erstmals die Mitarbeit Dodenhoffs öffentlich bekannt und aufgearbeitet. In der Ausstellung zeigen sich die Fotos, denen damals angeblicher wissenschaftlicher Wert zukommen sollte, als Zeugnisse menschlicher Teilnahmslosigkeit. In der Präsentation werden die Aufnahmen jetzt zu Erinnerungsstücken an die Ermordeten.[16][17]

Im Kreisarchiv Osterholz-Scharmbeck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den umfangreichsten Teil des fotografischen Nachlasses mit mehreren 100.000 Fotos hat der Landkreis Osterholz für das Kreisarchiv erworben mit Unterstützung der Kreissparkasse Osterholz und der EWE Stiftung. Landrat Bernd Lütjen erklärte dazu: „Das Gesamtwerk hat für den Landkreis Osterholz einen hohen dokumentarischen Wert. Es ist ein einzigartiger Schatz für die Region. Ihn für die Regionalgeschichte und die Nachwelt zu bewahren ist aus Sicht des Landkreises von besonderer Bedeutung.“[18]. Im Bestand befinden sich auch Aufnahmen, die Dodenhoff im Ghetto Tarnow aufgenommen hat; sie tragen Beschriftungen wie „Juden“, „Zigeuner“ u. a. und sind gestempelt mit „Zentralstelle für Bild und Film Krakau“. Derzeit gibt das Archiv die Bilder nicht zur Veröffentlichung frei (Stand Dezember 2020), zweifelt die Ergebnisse des Kuratoren-Teams an und arbeitet nach eigenem Bekunden an einem eigenen wissenschaftlichen Gutachten.[19]

Nachlass bei akg-images[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Teil des fotografischen Nachlasses wurde von akg-images erworben und ist seitdem online recherchierbar.[20]

Arbeiten von Ruth Dodenhoff im Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Vielzahl ihm zugeschriebener und mit R. Dodenhoff signierter Worpsweder Künstlerporträts stammen hingegen von seiner Frau Ruth Dodenhoff, wie die Osterholzer Kreisarchivarin Gabriele Jannowitz-Heumann herausfand.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Margit Berner, Letzte Bilder: Die "rassenkundliche" Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942. Berlin, Hentrich und Hentrich Verlag 2020, ISBN 9783955654078

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://grabsteine.genealogy.net/tomb.php?cem=88&tomb=42&b=&lang=de
  2. Margit Berner, Letzte Bilder: Die "rassenkundliche" Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942. Berlin, Hentrich und Hentrich Verlag 2020, ISBN 9783955654078, S. 180
  3. 1942 war er Mitarbeiter von Dora Kahlich im Ghetto Tarnów
  4. Peter Groth: Die unbekannte Seite des Fotografen Rudolf Dodenhoff, in: Worpsweder Internetzeitung (veröffentlicht am 18. November 2020), [1]
  5. Lars Fischer, Tiefer Schleier: Der Worpsweder Fotograf Rudolf Dodenhoff und die Rassenkunde des Dritten Reichs, in: Weser-Kurier vom 23. November 2020, S. 18, [2]
  6. [3]
  7. https://www.topographie.de/ausstellungen/sonderausstellungen/
  8. Götz Aly im Interview im DLF Kultur am 20. Oktober 2020 zur Ausstellung „Der kalte Blick“ – Eine Ausstellung in der „Topographie des Terrors“
  9. https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/hitlers-helfer-zwei-nazi-forscherinnen-auf-den-pfaden-der-rassentheorie-li.112665
  10. Margit Berner, Letzte Bilder: Die "rassenkundliche" Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942. Berlin, Hentrich und Hentrich Verlag 2020, ISBN 9783955654078, S. 186f.
  11. www.arcinsys.niedersachsen.de
  12. Margit Berner, Letzte Bilder: Die "rassenkundliche" Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942. Berlin, Hentrich und Hentrich Verlag 2020, ISBN 9783955654078, S. 180
  13. https://bztrauer.de/traueranzeige/ruth-dodenhoff/56920950
  14. https://www.weser-kurier.de/region_artikel,-Der-erste-Neubau-nach-dem-Krieg-_arid,167946.html
  15. Nach Kriegsende hatten amerikanische Offiziere den zuvor bereits bereinigten Aktenbestand des Instituts für Deutsche Ostarbeit beschlagnahmt und an ihre Regierung geschickt.
  16. vgl.: Stephan Speicher, "Der kalte Blick": Mit deutscher Gründlichkeit, in: DIE ZEIT Nr. 44/2020 v. 22. Oktober 2020 [4]
  17. Begleitband zur Ausstellung: Margit Berner: "Letzte Bilder : Die 'rassenkundliche' Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942"; Hentrich & Hentrich 2020
  18. https://www.landkreis-osterholz.de/portal/meldungen/-ein-einzigartiger-schatz-fuer-die-region--901003180-21000.html
  19. vgl. dazu: Lars Fischer: Dissens um Dodenhoffs Rolle : Kreisarchiv Osterholz widerspricht Darstellung in Berliner Ausstellung zur NS-Rassenforschung, in: Osterholzer Kreisblatt vom 4. Dezember 2020, S. 3
  20. https://www.akg-images.de/Package/2UMEBM86Y2B0
  21. s. Weser-Kurier vom 29. Mai 2020