Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft

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Unterstrass - Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) - Schaffhauserstrasse 2011-08-17 14-48-04.jpg
Geschäftssitz der SGG in Zürich-Unterstrass

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) fördert geistig und materiell gemeinnützige Aktivitäten und Wohltätigkeit in der Schweiz. Seit dem UNO-Jahr für Freiwilligkeit (2001) fördert und erforscht die SGG die Freiwilligenarbeit in der Schweiz und publiziert regelmässig den Freiwilligenmonitor Schweiz.

Für die Entwicklung des schweizerischen Bundesstaates und dessen Gründung im Jahr 1848 war die SGG die wichtigste soziale und sozialpolitische Organisation der Schweiz. Die SGG war treibende Kraft bei der Gründung zahlreicher sozialer Organisationen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die SGG verstand sich als Erbin der Helvetischen Gesellschaft und verfolgte aufklärerisch-patriotische Ziele. Vorbild war die 1777 gegründete Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel. Sie stellte die Gemeinwohlorientierung ins Zentrum und konzentrierte sich in den ersten Jahrzehnten auf die Armutsbekämpfung, die Förderung von Bildung, Erziehung und wirtschaftlichen Fortschritt. Die liberal gesinnten Mitglieder des SGG, die reformierter und katholischer Herkunft waren, förderten ein reformorientiertes Diskussionsforum für die politischen, wirtschaftlichen und geistlich-seelsorgerischen Eliten und wirkten dadurch national integrierend und staatstragend.

Ab 1823 wurde an den SGG-Jahresversammlungen ähnlich einer heutigen Denkfabrik über konkrete Fragestellungen diskutiert, die von Mitgliedern empirisch vorbereitet wurden. Die dabei gehaltenen sozialpolitischen Referate und Diskussionsvoten wurden in den Verhandlungen der SGG und ab 1862 in der Schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit publiziert. Die praktische Umsetzung der in den Diskussionen entwickelten Ideen und Projekte erfolgte anfänglich durch lokale Akteure und wurde nach 1830 immer mehr durch eigene praktische Tätigkeit abgelöst.

An der Jahresversammlung 1823 wurde von Johann Caspar Zellweger der Antrag eingebracht, die Armut mit Bildung zu bekämpfen, wobei auch Wissen, Moral und Sittlichkeit gefördert werden sollten. Die rege Schuldebatte in der SGG ebnete den Weg für die liberale Schulreform, die sich ab den 1830er Jahren in der ganzen Schweiz durchsetzte. 1835 wurde von der SGG eine Kommission für Armenerziehung eingesetzt, die sich der Ausbildung von sogenannten Armenlehrern widmete. Mitte der 1850er Jahre konnte der SGG dank dem ersten grossen Legat das erste Schwyzer Lehrerseminar errichten lassen.

Ab 1828 hielt die SGG ihre Jahresversammlungen an verschiedenen Orten in der Schweiz ab, um Beziehungen und Bindungen zu stärken und den nationalen Zusammenhalt zur fördern. In den unruhigen 1840er Jahren förderte die SGG die friedliche Gesinnung und die Humanität, sie war ein Ort, an dem die politischen Gegner den Dialog ins Zentrum ihrer Bemühungen stellten. Die SGG engagierte sich für die Schaffung der Stiftung Solidarität Schweiz und übernahm die Führung der Abstimmungskampagne. Der SGG fördert Projekte, die der inneren Kohäsion der Schweiz und dem Austausch zwischen den Sprachregionen dienen.

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die SGG 1834 mit der Koordination der Geldsammlung für die Geschädigten einer grossen Unwetterkatastrophe im Voralpengebiet. Mit dem Kauf der Rütliwiese von 1859 und der Schenkung an die Eidgenossenschaft schuf sich die SGG einen nachhaltigen nationalen Bekanntheitsgrad. Im 19. Jahrhundert gründete und betrieb die SGG Erziehungs- und Besserungsanstalten (Hilfs- und Sonderschulen) und förderte die Berufsbildung, sie klärte über Gesundheits- und Ernährungsfragen auf und bekämpfte die Alkohol- und Spielsucht. 1901 initiierte die SGG den Fonds für die Hilfe bei nicht versicherbaren Elementarschäden.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts flossen der SGG finanzielle Mittel durch Schenkungen und Legate zu. Im 20. Jahrhundert stieg das verwaltete Vermögen kontinuierlich von 180'000 Fr. (1910) auf 5,7 Mio. Fr. (1980) bzw. 63 Mio. Fr. (2009). Dies ermöglichte ihr die Vergabe von Subventionen und Einzelfallhilfe zu einem Schwerpunkt zu machen. Gleichzeitig schwand durch den Ausbau sozialstaatlicher Strukturen und die fehlende Integration der neuen sozialistisch orientierten Reformkräfte der politische Einfluss der wertkonservativ, wirtschaftsliberal und sozialstaatskritisch geprägten Denkfabrik.

Im 20. Jahrhundert gründete die SGG verschiedene private Wohlfahrtswerke: 1912 die Pro Juventute, 1917 die Pro Senectute, 1918 die Stiftung zur Förderung von Gemeindestuben und Gemeindehäusern und 1978 die Pro Mente Sana. Mit der Gründung und Unterstützung von Konferenzen sowie der Einrichtung eines Sekretariats im Jahre 1930 leistete sie einen Beitrag zur Verständigung in der Familienpolitik (Schweizerische Familienschutzkommission 1931, Pro Familia 1942), zur Koordination der privaten Wohlfahrtswerke und zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Sie gab 1932 den Anstoss für die Schweizerische Landeskonferenz für soziale Arbeit (LAKO), die sich zunächst der Koordination der Flüchtlingshilfe annahm und 1942 die Gründung der Schweizer Berghilfe veranlasste. 1934 initiierte sie die Gründung der Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsunternehmungen ZEWO.

In den 1990er Jahren setzte eine Neuorientierung ein, die zur verstärkten Förderung der Freiwilligenarbeit führte.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinsgründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die SGG wurde 1810 in Zürich vom Freundeskreis des Zürcher Stadtarztes Hans Caspar Hirzel[1] gegründet. Hirzel hatte im Namen der Zürcher Hülfsgesellschaft zur Gründung eingeladen. Unter dem Namen Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG, Société suisse d‘utilité publique SSUP, Società svizzera di utilità pubblica, Società svizzra ad ütil public besteht seit dem 16. Mai 1810 ein Verein im Sinne von Artikel 60 ff.[2] des Schweizerischen Zivilgesetzbuches mit Sitz in Zürich.[3] Organisatorisch wandelte sich die SGG nach 1850 zunehmend zu einem national verankerten Verein.

Vereinsziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäss ihrer Statuten ist die Förderung geistiger und materieller Volkswohlfahrt in der Schweiz Zweck und Aufgabe der Gesellschaft.[3]

Vereinsorgane / Gremien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Strukturen der SGG umfassen jährlich die Gesellschaftsversammlung aller Mitglieder, zwei Sitzungen der aus dreissig Mitgliedern und fünf permanenten Gästen bestehenden Zentral-Kommission (ZK), sechs bis acht Sitzungen des Vorstands, zwei Sitzungen der Geschäftsprüfungskommission (GPK) sowie regelmässige Sitzungen der SGG-Geschäftsstelle und ihrer Programme und Projekte. In der SGG bestehen folgende Fach-Kommissionen: Ressourcen-Kommission (Finanzausschuss REKO), Kommission SeitenWechsel, Kommission Job Caddie, Kommission Forschung Freiwilligkeit (KFF), Rütli-Delegation (Rüdel) und Archiv-Kommission.

Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mitgliederzahl betrug von 1860 bis 1890 rund 1000 Mitglieder, darunter Pfarrer, Exekutivpolitiker, Unternehmer, Gewerbetreibende und Bildungsexperten. Sie stieg durch Werbeaktionen nach 1920 auf 10.000 an. Im Jahr 2015 zählte die SGG 1200 natürliche und kollektive Mitglieder.

Informationsorgane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die SGG gab unter dem Titel Revue der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, Revue de la Société suisse d‘utilité publique, Rivista della Società svizzera di utilità pubblica, Periodic svizzer ad ütil public eine Zeitschrift heraus, die vor allem allgemeine Fragen der Gemeinnützigkeit und Sozialen Arbeit behandelt. Im Jahr 2014 wurde die Revue ersetzt durch einen Online-Newsletter, der vier Mal jährlich auf Deutsch und Französisch an rund 5000 Personen und Organisationen verschickt wird. Der Jahresbericht wird in der Printversion den Mitgliedern zugestellt und zusammen mit der Jahresrechnung in der Webseite der SGG publiziert.

Tätigkeitsbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Erreichung ihres Zweckes prüft, erörtert und fördert die Gesellschaft Bestrebungen auf dem Gebiet der Volksbildung, der Volksgesundheit, der Volkswirtschaft und der Sozialen Arbeit.[3]

Die Aufgaben der SGG lassen sich wie folgt umschreiben:

  • Die SGG behandelt aktuelle Themen zu sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen;
  • Die SGG setzt sich für das soziale und solidarische Verantwortungsgefühl der Bevölkerung ein.
  • Die SGG leitet drei eigene thematische Programme: Das Programm SeitenWechsel[4] fördert die soziale Führungskompetenz von Kaderpersonen durch Praktika in sozialen Institutionen. Das Programm JobCaddie[5] bietet ehrenamtliches Mentoring an für Jugendliche im Übergang in die Arbeitswelt. Und das Programm Intergeneration[6] bringt lokal und virtuell Institutionen und Projekte von Jung und Alt zusammen.
  • Die SGG erforscht und fördert die Freiwilligentätigkeit in der Schweiz und publiziert regelmässig den Freiwilligenmonitor Schweiz.[7]
  • Die SGG unterstützt Notleidende und soziale Projekte in der Schweiz.
  • Die SGG verwaltet seit 1860 das Rütli und organisiert dort jährlich die Bundesfeier.[8]
  • Die SGG lancierte 2014 einen Künstlerwettbewerb zur Schaffung eines neuen Textes für die Schweizer Nationalhymne. Unter den 208 Beiträgen wählte die Öffentlichkeit online den Beitrag des Zürcher Gesundheitsökonomen Werner Widmer. Der neue Hymnetext basiert auf der Präambel der Schweizer Bundesverfassung. Sobald er in der Bevölkerung genügend populär sein wird, wird der neue Hymnetext bei den zuständigen Behörden mit der Bitte eingereicht, ihn zur neuen Nationalhymne zu bestimmen.[9][10][3]

Kantonale und regionale Gemeinnützige Gemeinschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) sind in fast allen Kantonen eigenständige Gemeinnützige Gesellschaften entstanden. Die SGG arbeitet mit den kantonalen, regionalen und lokalen Gemeinnützigen Gesellschaften eng zusammen. Die kantonalen und regionalen Gesellschaften sind historisch sehr unterschiedlich gewachsen und haben verschiedene Formen angenommen. Die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel ist in der Sozialpolitik des Kantons Basel-Stadt ein wichtiger Partner der öffentlichen Hand, ebenso die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug. Die Bernische Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft hat vor allem für die bäuerliche Bevölkerung des Kantons und darüber hinaus mit der Zeitung Schweizer Bauer eine grosse Bedeutung.

Die SGG regte in den 1830er Jahren die Bildung von Frauenvereinen an, die sich mit der Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend befassten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren bereits 1.030 gemeinnützige Frauenvereine entstanden und 1888 wurde der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein SGF gegründet, der sich zunächst mit der Frage der hauswirtschaftlichen Bildung beschäftigte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • W. Rickenbach: Geschichte der schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft 1810-1960. Verlag Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, Zürich 1960.
  • Beatrice Schumacher: Freiwillig verpflichtet. Gemeinnütziges Denken und Handeln in der Schweiz seit 1800. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2010, ISBN 978-3-03823-594-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Mörgeli: Hirzel, Hans Caspar im Historischen Lexikon der Schweiz
  2. Schweizerische Bundeskanzlei: ZGB, Art. 60 ff. Zweiter Abschnitt: Die Vereine. In: SR 210 - Schweizerisches Zivilgesetzbuch (ZGB). Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 1. Januar 2011, S. 25, abgerufen am 7. September 2011 (HTML, deutsch).
  3. a b c d Statuten vom 4. Juni 2009. Vereinsstatuten. In: Offizielle Webseite. Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, 4. Juni 2009, S. 7, abgerufen am 7. September 2011 (PDF, deutsch, 140 KB).
  4. www.seitenwechsel.ch
  5. www.jobcaddie.ch
  6. Intergeneration - Wir verbinden Generationen. intergeneration.ch, abgerufen am 29. März 2016.
  7. Freiwilligen-Monitor der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG
  8. www.ruetli.ch
  9. www.chymne.ch
  10. www.sgg-ssup.ch