K.-o.-Tropfen

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Als K.-o.-Tropfen (auch: K.-o.-Mittel, Knockout-Tropfen, Date-Rape-Drogen, Vergewaltigungsdrogen) werden narkotisierend wirkende Stoffe bezeichnet, die im Rahmen von Straftaten wie Sexual- oder Eigentumsdelikten genutzt werden, um die Opfer zu betäuben und damit wehrlos zu machen.

Sie werden Opfern unbemerkt oder in heimlich überhöhter Dosis in Nahrung oder Getränke gemischt, nach Erwachen können sich die Opfer häufig aufgrund von Gedächtnislücken für die Wirkungszeit nicht mehr an die Tat oder den Tathergang erinnern.

Das tatsächliche Ausmaß der Verwendung von entsprechenden Mitteln - insbesondere im Verhältnis zu Alkohol - wird kritisch hinterfragt.

Wirkstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff K.-o.-Tropfen ist ein umgangssprachlicher und unspezifischer Begriff, der entgegen der weit verbreiteten Wahrnehmung nicht nur mit einer, sondern mit einer Vielzahl an Substanzen in Verbindung gebracht wird, die je nach Anwendungszusammenhang auch vollkommen andere und erwünschte Wirkungen haben. Viele dieser Substanzen werden normalerweise therapeutisch als Schlaf- oder Beruhigungsmittel oder als Partydroge benutzt, sie werden also erst durch die Heimlichkeit und zudem oft erst durch Überdosierung zu K.-o.-Tropfen.

Beispiele sind Benzodiazepine wie Flunitrazepam[1] und Temazepam, Antihistaminika,[2] Neuroleptika,[2] γ-Hydroxybuttersäure (GHB, Liquid Ecstasy) und deren intramolekularer Ester γ-Butyrolacton (GBL),[2][1] Ketamin,[3] Anticholinergika wie Scopolamin (Hyoscin) und Atropin,[4] 1,4-Butandiol[5] oder Haloperidol, welches beispielsweise in den 1980er Jahren im bekannten Fall um die Münchner Bar Donisl eingesetzt wurde.[6][7] Früher wurden auch Chloralhydrat, Barbiturate und Methyprylon[8] genannt. Insgesamt sind weit über 100 Wirkstoffe missbräuchlich als „K.O.-Mittel“ einsetzbar.[9]

Hinsichtlich der Sicherheit sind vor allem Barbiturate sowie GBL und GHB bei Überdosierung lebensgefährlich, da die Gefahr eines Atemstillstands besteht. Potentielle Täter stehen somit vor der „Herausforderung“, einen Angriff exakt und unter Berücksichtigung der Verfassung des Opfers zu dosieren, da insbesondere bei GBL und GHB in niedrigerer Dosierung die von freiwilligen Konsumenten gewünschten Effekte wie Bewegungsdrang und Euphorie überwiegen, bei Überdosierung jedoch Atemstillstand und Tod drohen, insbesondere im Zusammenhang mit Alkohol.

Insbesondere Ketamin und GBL werden oft in genau dem Umfeld, in dem sie mutmaßlich als Vergewaltigungsdroge missbraucht werden, nämlich in Clubs und Diskos, als Partydroge auch freiwillig konsumiert, da sie in geringerer Dosis eine eher entspannende oder euphorisierende als einschläfernde Wirkung haben. Die Einordnung als K.-o.Tropfen ist daher nur angebracht, wenn diese Mittel heimlich bzw. in höherer Dosis verabreicht werden. So kommentierte die taz, das Problem sei „die Heimlichkeit, der Übergriff und der Vergewaltiger – und nicht der Stoff“.[10]

Verbreitung und Diskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tatsächlich gibt es Fälle, in denen verschiedene der genannten Substanzen im eigentlichen Sinne, also insbesondere heimlich, als sogenannte K.-o.-Tropfen verabreicht wurden. Diverse Studien nähren aber den Verdacht, dass das Ausmaß solcher Vorfälle möglicherweise weit geringer ist als in der öffentlichen Wahrnehmung. Eine in Großbritannien durchgeführte und 2006 veröffentlichte Studie, für die 120 Verdachtsfälle von mutmaßlichen K.-o.-Tropfen-Angriffen untersucht wurden, kam zu dem Ergebnis, dass in 91,7 % der Verdachtsfälle ein Einsatz von K.-o.-Tropfen nicht nachgewiesen werden konnte. Nachgewiesen werden konnte hingegen, dass 119 der 120 mutmaßlichen Opfer Alkohol getrunken hatten (99,2 %), in 22 Fällen wurde ein Alkoholanteil von mindestens 200 mg% im Blut gefunden (18,3 %). Cannabis (20 %) und Kokain (17 %) waren die am häufigsten gemessenen illegalen Drogen, in zwei Fällen war GHB involviert (1,7 %). Insgesamt kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass in zehn von 120 Verdachtsfällen (8,3 %) dem Opfer nachweislich eine betäubende Substanz heimlich verabreicht wurde, in weiteren elf Fällen (9,2 %) konnte der Verdacht weder bestätigt noch ausgeräumt werden.[11][12]

In einer 2009 vom British Journal of Criminology veröffentlichten Studie wurde der weitverbreitete Gebrauch von K.-o.-Tropfen als moderne Sage bezeichnet. Der Studie zufolge habe die Polizei keine Hinweise, dass K.-o.-Tropfen regelmäßig bei Vergewaltigungen eingesetzt werden. In den meisten Fällen sei die Ursache stattdessen exzessiver Alkoholkonsum. [13] Eine Veröffentlichung der University of Ulster bezeichnet Alkohol als die weitestverbreitete „Date Rape Drug“.[14] Im Jahr 2008 wurde in einer australischen Studie festgestellt, dass keiner der 97 Patienten, die in einem Zeitraum von 19 Monaten in einem Krankenhaus in Perth wegen vermeintlichen Konsums von K.-o.-Tropfen behandelt worden waren, diesen tatsächlich ausgesetzt gewesen war.[13] Am Münchner Institut für Rechtsmedizin wurden zwischen 1995 und 1998 insgesamt 92 Fälle registriert, bei denen der Verdacht auf Verabreichung von K.-o.-Tropfen bestand. Häufigste Folgestraftat war hier nicht Vergewaltigung (13 % der Fälle), sondern Raub (47,8 %).[4] Einer Studie im Deutschen Ärzteblatt zufolge liegt in den untersuchten Fällen häufig eine freiwillige Einnahme vor; in Großbritannien sei in den Jahren 2000 bis 2002 lediglich in 21 von 1014 Fällen eine unfreiwillige Einnahme von K.-o.-Tropfen nachgewiesen worden.[4]

Problematisch ist, dass viele mutmaßlich als K.-o.-Tropfen verwendete Substanzen im Körper sehr schnell abgebaut werden und sich eine mögliche Tat daher oft nicht mehr nachweisen, sich ebenso aber auch kein Gegenbeweis erbringen lässt. Oft steht somit Aussage gegen Aussage. Prominentes Beispiel ist der Fall der schweizerischen Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin, die während einer Landammannfeier am 20. Dezember 2014 dem politischen Kontrahenten Markus Hürlimann offensichtlich unter Alkoholeinfluss näher kam und im Nachhinein eine breite Medienberichterstattung über den öffentlich ausgetragenen Rechtsstreit stattfand, ob möglicherweise K.-o.-Tropfen verwendet wurden oder ob lediglich zu viel Alkohol getrunken wurde.[15][16][17]

Analytik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige der mutmaßlich als K.-o.-Tropfen benutzten Substanzen lassen sich nur innerhalb von etwa 6-12 Stunden im Körper des Betroffenen nachweisen, so dass bei entsprechendem Verdacht rechtzeitig ein Arzt aufgesucht werden sollte. Sofern dies im genannten Zeitfenster nicht möglich ist, empfehlen Opferberatungsstellen, selbst eine Urinprobe zu nehmen, den Nahmezeitpunkt festzuhalten und die Probe gekühlt aufzubewahren.[18] Eine auf diese Weise genommene Probe hat u.U. keine juristische Beweiskraft,[19] kann dem mutmaßlichen Opfer jedoch Gewissheit verschaffen.

Zur zuverlässigen Bestimmung in Körperflüssigkeiten oder asserviertem Material werden chromatographische Verfahren eingesetzt. Bevorzugt werden Kopplungsverfahren wie z. B. die GC-MS[20] oder die HPLC-MS, beispielsweise beim vermuteten Einsatz von Ketamin.

Eine Blutprobe soll bei der Entnahme mindestens 2 ml, besser 10 ml umfassen, ohne Citratzusatz. Eine Urinprobe soll ca. 100 ml umfassen.[19]

Rechtslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heimliche Verabreichung von Betäubungsmitteln ist in Deutschland strafbar und begründet für sich genommen bereits den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung nach §§ 223, 224 I Nr. 1 und ggf. Nr. 3 StGB.[21] Werden die K.-o.-Tropfen dem Opfer gegen dessen Willen verabreicht, um den Geschlechtsakt vollziehen zu können, handelt es sich um eine Gewaltanwendung im Sinne des § 177 StGB (sexuelle Nötigung), der Täter macht sich in einem solchen Fall also der Nötigung nach § 177 Absatz 1 Nr. 1 und Absatz 3 Nr. 2 StGB strafbar.[22][23] Vergewaltigt er dann das Opfer, ist dies zusätzlich nach § 177 Absatz 2 Nr. 1 StGB strafbar.[22] Ist das Opfer zwar mit der Einnahme der K.-o.-Tropfen an sich einverstanden, weiß aber nicht um die sexuellen Absichten des Täters, kommt eine Strafbarkeit des Täters nach § 179 StGB (sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen) in Betracht.[24] Gibt der Täter dem Opfer heimlich K.-o.-Tropfen, um Wertgegenstände entwenden zu können, so liegt darin das Beisichführen eines Mittels, um Widerstand zu verhindern oder zu überwinden, was nach § 250 Absatz 1 Nr. 1b StGB strafbar ist.[25] Ist die Dosierung für das Opfer lebensgefährdend, so ist § 250 Absatz 2 Nr. 3b StGB anzuwenden. Der unerlaubte Besitz, z. B. von GHB, begründet zudem eine Strafbarkeit nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG).[26]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: K.-o.-Tropfen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Günter Jeromin: Organische Chemie. Harri Deutsch Verlag, 2. Auflage 2006, ISBN 978-3-8171-1732-1, S. 462.
  2. a b c Gisela Zimmer: Prüfungsvorbereitung Rechtsmedizin. Georg Thieme Verlag, 2. Auflage 2009, ISBN 978-3-13-141172-3, S. 56.
  3. Jessica A. Albright, Sarah A. Stevens & Douglas J. Beussman: Detecting ketamine in beverage residues: Application in date rape detection. In: Drug Testing and Analysis. Vol. 4, No. 5, S. 337–341, Mai 2012, DOI:10.1002/dta.335, PMID 22114065.
  4. a b c Burkhard Madea, Frank Mußhoff: K.-o.-Mittel: Häufigkeit, Wirkungsweise, Beweismittelsicherung. In: Deutsches Ärzteblatt. Jg. 106, Heft 20, 15. Mai 2009, S. 341–347, DOI:10.3238/arztebl.2009.0341
  5. Schweizer Parlament: Motion - 09.3945, Legal highs: Verbot von gefährlichen, aber legalen Betäubungsmitteln vom 25. September 2009.
  6. http://www.drogenkult.net/?file=GHB&view=2
  7. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13511468.html
  8. Wolfgang Arnold & Hans-Friedrich Grützmacher: Die Aufklärung der Noludarzwischenfälle im Hamburger Hafenviertel (St. Pauli) mit Hilfe kombinierter Analysenmethoden. In: Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin. Jg. 65, Heft 1, 1969, S. 44-60, DOI:10.1007/BF00584846 (PDF; 663 KB).
  9. Forensisch-Toxikologisches Labor Wien: „K.O.-Mittel“ / „K.O.-Tropfen“, Veröffentlichung: unbekannt, abgerufen am 5. Oktober 2015
  10. Julia Seeliger: 2C-B und GBL., veröffentlicht am 3. Januar 2012, abgerufen am 29. September 2015
  11. Gee D, Owen P, Mclean L, et al. (2006): Operation MATISSE: investigating drug facilitated sexual assault. London: Association of Chief Police Officers (ACPO), in EveningStandard: Police claim many "drugged" date-rape victims simply drunk, veröffentlicht am 15. November 2006, abgerufen am 8. Oktober 2015
  12. 24dash.com: No evidence to suggest widespread date rape drug use, veröffentlicht am 16. November 2006, abgerufen am 30. September 2015
  13. a b Stephen Adams: Date-rape drink spiking „an urban legend“. In: The Daily Telegraph. 27. Oktober 2009, abgerufen am 16. Januar 2010.
  14. medicalnewstoday.com: Alcohol Is Most Common "Date Rape" Drug, veröffentlicht am 15. Oktober 2007, abgerufen am 12. Oktober 2015
  15. Daniela Gigor: Spiess-Hegglin gibt Kampf in Sex-Skandal auf, veröffentlicht am: 7. September 2015, abgerufen am 6. Oktober 2015
  16. Neue Luzerner Zeitung: Endloser Fall Spiess, veröffentlicht am: 23. September 2015, abgerufen am 6. Oktober 2015
  17. Blick.ch: Hürlimann zeigt Spiess-Hegglin an, veröffentlicht am: 12. April 2015, abgerufen am 6. Oktober 2015
  18. LARA Krisen und Beratungszentrum für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen: 8 Tipps zur Soforthilfe, Veröffentlichung: unbekannt, abgerufen am 6. Oktober 2015
  19. a b Drogenhilfe Köln gGmbH: Nachweisbarkeit, abgerufen am 8. Oktober 2015
  20. Piotr Adamowicz & Maria Kała: Simultaneous screening for and determination of 128 date-rape drugs in urine by gas chromatography-electron ionization-mass spectrometry. In: Forensic Science International. Vol. 198, No. 1, 20. Mai 2010, S. 39–45, DOI:10.1016/j.forsciint.2010.02.012, PMID 20207513
  21. BGH: Beschluss vom 27. Januar 2009 - 4 StR 473/08 = NStZ 2009, 505, 506.
  22. a b BGH 3 StR 359/03; Thomas Fischer: Kommentar zum Strafgesetzbuch. 55. Auflage. § 177 Rn. 7.
  23. Bundesgerichtshof, Beschluss vom 23. Februar 2010, 1 StR 652/09
  24. Thomas Fischer: Kommentar zum Strafgesetzbuch. 55. Auflage. § 177 Rn. 7.
  25. BGH: Beschluss vom 27. Januar 2009 - 4 StR 473/08 = NStZ 2009, 505, 506.
  26. § 29 BtMG in Verbindung mit Anlage III zum BtMG.
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