Sexualmagie

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Sexualmagie bezeichnet die Verknüpfung sexueller und magischer Praktiken im Kontext des modernen westlichen Okkultismus und weiter gefasst moderner spiritueller Bewegungen in der westlichen Welt und die damit verknüpften Konzepte. Als erster Vertreter sexualmagischer Praktiken gilt der Amerikaner Paschal Beverly Randolph, die Wurzeln reichen jedoch wesentlich weiter zurück. Als weitere wichtige Protagonisten der Sexualmagie gelten neben Randolph Theodor Reuss, Aleister Crowley, Julius Evola, Gerald Gardner, Anton Szandor LaVey, Austin Osman Spare und Peter J. Carroll.

Bei den verschiedenen Vertretern der Sexualmagie lassen sich zwei Hauptrichtungen unterscheiden, nämlich einmal die auf eine spirituelle Übersteigerung der Sexualität abzielende, bei der die sexuelle Begegnung als ihrem Wesen nach magisch aufgefasst wird, und dann jene, bei der Sexualität ein magisches Mittel zum Zweck ist, eine durch sexuelle Handlungen und Riten anzapfbare Energiequelle, die vom Magier als ein Instrument zum Erreichen seiner Ziele eingesetzt wird. Vertreter der ersten Position ist zum Beispiel Randolph, Vertreter der zweiten Richtung ist Crowley. Während Randolph seine Theorien ausschließlich mit ehelicher Liebe und Sexualität verband, wurden vom OTO und Aleister Crowley Formen der Sexualmagie entwickelt, bei der nichtreproduktive und Normen und Tabus brechende Formen der Sexualität wie zum Beispiel Homoerotik, Autoerotik und Sado-Masochismus eine wesentliche Rolle spielten. Je stärker eine sexuelle Praktik von der gesellschaftlichen Norm abwich, als umso stärker galt die durch ihre Übung freisetzbare sexualmagische Energie.

Das Erscheinen der Sexualmagie gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird von einigen Kulturwissenschaftlern als Vorwegnahme des Aufkommens einer freieren Sexualität, des libertinären Umganges mit dieser und der intensiven Beschäftigung mit Sexualität in der Moderne gewertet.[1]

Die Gegenposition, die Sexualität im Okkultismus grundsätzlich ablehnte und teilweise das Zölibat als wesentliches Element der okkulten Praxis ansah, entwickelte sich ebenfalls im 19. und 20. Jahrhundert. Besonders in den USA war diese Neigung zum Zölibat sehr verbreitet. Beispielsweise wurde in Hiram Butlers Esoteric Fraternity die Lehre der Enthaltsamkeit verbreitet, die als solche schon zur Entwicklung des Geistes führe. Auch der Hermetic Order of the Golden Dawn, die Theosophie und andere okkulte Organisationen lehnten Sexualmagie grundsätzlich ab.[2]

Nicht zum Bereich der Sexualmagie gezählt wird der Liebeszauber und ähnliche Praktiken, etwa Tränke, Amulette und Rituale gegen Impotenz oder zur Steigerung der Potenz, die seit der Antike in zahlreichen Beispielen überliefert sind. Es werden nämlich beim Liebeszauber magische Praktiken gebraucht, um Sexualität zu fördern, bei der Sexualmagie als Teil moderner Esoterik wird dagegen umgekehrt Sexualität verwendet, um Magie zu wirken bzw. die spirituelle Entwicklung zu fördern.[3]

Die übergreifende wissenschaftliche Behandlung des Themas Sexualmagie mit modernen Methoden steckt in den Anfängen. Hugh B. Urban merkt an, dass abgesehen von vereinzelten Arbeiten zu speziellen Themen (er nennt insbesondere John Patrick Deveney, Joscelyn Godwin und Alex Owen) es keine Übersichtsarbeiten gab und der Umfang der wissenschaftlichen Literatur in keinem Verhältnis steht zu Umfang und Wirkung der esoterischen und der populären Literatur mit ihrer Flut von Titeln wie Celtic Sex Magic, Wicca for Lovers und natürlich dem Complete Idiot's Guide to Tantric Sex.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Drei Hexen (Hans Baldung, ca. 1514)

Probleme[Bearbeiten]

Sexualmagie ist nur schwer anzugrenzen von überall auf der Welt und in allen Epochen vorgefundenen sexuellen Riten, worunter in Religionswissenschaft, Ethnologie und verwandten Wissenschaften kultische Handlungen verstanden werden, die mit Sexualität in Verbindung stehen, wie zum Beispiel phallische Kulte (siehe die kultische Verehrung von Lingam und Yoni in Südasien), Hierogamie oder Tempelprostitution. Dieses Abgrenzungsproblem entspricht dem generell bestehenden Problem, kultische von magischen Handlungen zu unterscheiden.

Hinzu kommt das Problem, dass sich bei den von Forschern von Frazer bis Eliade in geschichtlicher Überlieferung und bei autochthonen Völkern vorgefundenen und beschriebenen Vegetationskulten, Initiations- und Fruchtbarkeitsriten mit sexuellen Elementen heute immer häufiger die Frage stellt, ob es sich nicht um Konstruktionen handelt, die mehr über die Forscher als über die Erforschten aussagen. Solche Konstruktionen von Kulten vorzeitlicher Muttergottheiten, zu denen dann „primitive sexuelle Riten [gehörten], gegründet auf die magische Verbindung der Fruchtbarkeit der Menschen und Fruchtbarkeit der Natur“ werden dann von modernen Sexmagiern und Okkultisten aufgegriffen und gefolgert, dass Sexualmagie so alt sei wie die Menschheit. Das mag wohl sein, nur ist es schwer zu belegen.[5]

Antike und frühes Chrstentum[Bearbeiten]

In der christlichen Tradition spielen sexualmagische Praktiken von Anfang an eine Rolle, indem man solche mit Regelmäßigkeit häretischen Gruppen unterstellte, basierend auf der Annahme, dass einer Abweichung im Theologischen eine Abweichung im Sexuellen entsprechen müsse. So bezichtigte man seit der Frühzeit des Christentums gnostische Gruppen wie die Karpokratianer oder verschiendene Denominationen der Barbelo-Gnostiker in ihren Gottesdiensten Orgien zu feiern, Sperma zu opfern etc. Das setzte sich fort bei den Katharern, bei den Vorwürfen der kultischen Sodomie gegen die Tempelritter und in der frühen Neuzeit im Hexenwahn, als man den Hexen den fleischlichen Verkehr mit Dämonen oder dem Satan selbst nachsagte. Allerdings: Was in Spätantike und Mittelalter Fantasie und Projektion gewesen sein mag, wurde vom Okkultismus des 20. Jahrhundert zu Realität umgebildet: die „Gnostische Messe“, die Aleister Crowley für den OTO konzipierte, setzte in Wirklichkeit um, was die Kirchenväter den gnostischen Gemeinden unterstellt hatten, und wenn die Hexen des Mittelaters es abgeblich mit Dämonen trieben, so gehörte zum Great Rite in Gerald Gardners Wicca der Geschlechtsverkehr zwischen Hexe und Hexer entsprechend dazu.[6]

Die Verknüpfung zwischen fremdartigen Kulten und sexueller Devianz war freilich keine Erfindung der Christen, vielmehr wurden zum Beispiel von den Römern die Kulte der Kybele und des Dionysos mit großem Misstrauen betrachtet und letzterer nach dem sogenannten Bacchanalienskandal zu unterdrücken versucht. Was Livius hier über die Versammlungen der Bacchanten berichtet, ähnelt bereits sehr den Beschreibungen angeblicher Orgien häretischer Gruppen bei den Kirchenvätern. Zuvor galten allerdings auch die Christen als fremdländischer, orientalischer Kult und die Vorstellungen, die man sich vom christlichen Liebesmahl machte, entsprachen dem bekannten Muster: die Christen treffen sich nachts, schlachten Kinder, trinken ihr Blut und auf dem Höhepunkt bringt man einen Hund dazu, den Leuchter umzureißen und in der anschließenden Dunkelheit treiben es dann alle mit allen.[7] Die Verbindung von Kult und Religion ist offensichtlich, fraglich ist nur, inwiefern hier eine magische Praktik unterstellt wird. Autoren wie Livius oder Minucius Felix geben keinen Hinweis, dass die Ausschweifungen irgendwelchen magischen Zwecken dienen sollten, sondern interpretieren sie schlicht als Folge der allgemeinen Verderbtheit und Lasterhaftigkeit der Kultanhänger.[8] Demgegenüber behaupten etwa Irenäus von Lyon oder Epiphanios von Salamis, die Angehörigen gewisser gnostischer Sekten würden Sperma und Menstruationsblut konsumieren, die sie für Gefäße der Seelen hielten, und diese so davor bewahren, der materiellen Welt anheimzufallen. Man kann dies als eine sexualmagische Praktik interpretieren.[9]

Außereuropäische Kulturen[Bearbeiten]

In anderen Religionen als dem Christentum ist jedoch eine positive Auffassung von Sexualität und eine entsprechende Einbindung in kosmologische und spirituellen Konzepte verbreitet. Sexualmagie bzw. Sexualmystik und ihre rituelle Ausformung traten in unterschiedlichen Kulturen auf, so in Sumer im Hieros gamos und in China bei den Fangshi, wo sie seit der vorchristlichen Zeit nachzuweisen sind und wahrscheinlich bis auf die schamanistischen Praktiken der Shang-Zeit zurückgehen. Die chinesische Form der Kunst des Schlafgemaches ist stark daoistisch geprägt und zielt häufig darauf ab, das Leben zu verlängern und die Gesundheit zu erhalten. In Indien entwickelte sich innerhalb des Tantrayana eine Form der Sexualmystik, die teilweise sexualmagische Techniken aufweist.

Mittelalter und Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

„Obszöner Kuss“ bei den Templern (Miniatur, ca. 1350)

Im Mittelalter findet sich das bereits in der Antike gefundene Muster, häretischen Gruppen sexuelle Devianz und sexualmagische Praktiken zu unterstellen, vielfach wieder. Die nun dominierende Kirche wendet es an auf die Bewegungen der Katharer und der Bogomilen, die ähnlich wie die Gnostiker soweit sich dies heute beurteilen lässt, keineswegs sexueller Ausschweifung ergeben waren, sondern im Gegenteil sexuelle Enthaltsamkeit und bei ihren geistigen Führern das Zölibat forderten. Das hinderte nicht, dass bugger, die englische Bezeichnung für einen Sodomiten, sich über das französische bougre vom lateinischen bulgarus herleitete, eine Bezeichnung für die vom Balkan her stammenden Bogomilen.[10] Diese Bewegungen wurden verfolgt und im Fall der Katharer wurde ein regelrechter Kreuzzug zu ihrer Vernichtung geführt.

Ebenfalls als Praktikanten von Sexualmagie angeklagt wurde der Templerorden. Man bezichtigte sie der Sodomie und warf ihnen vor, ein Baphomet genanntes Symbol zu verehren. Ob diesen Vorwürfe in irgend einer Weise Tatsachen zugrunde lagen, konnte bis heute nicht entschieden werden, die allgemeine Ansicht ist aber, dass die wesentlichen Motive für die Aktion woanders lagen, nämlich in den machtpolitischen Interessen und den finanziellen Problemen des französischen Königs Philipps des Schönen.

Die Vernichtung der Templer bildet was die Esoterik betrifft allerdings nur den Anfang der Geschichte. Zahlreiche okkulte Strömungen beriefen sich auf die Templer und behaupteten, deren Nachfolger zu sein, und Elemente aus den Anklagen und Protokollen wurden zu Bestandteilen der Konstruktion der Schwarzen Messe, zum Beispiel Auslassung oder Verfälschung von Teilen der Liturgie in der Messe, blasphemische Handlungen wie das Spucken auf das Kreuz oder der sogenannte „obszöne Kuss“, bem als Verehrungsgeste der Hintern eines Oberen geküsst wurde.

„Obszöner Kuss“ bei den Hexen (Francesco Maria Guazzo Compendium Maleficarum 1608)

In der frühen Neuzeit beginnen dann die systematischen Hexenverfolgungen durch Kirche und Staat. So dünn hier die Beweislage ist, was tatsächlich von den angeklagten Hexen praktizierte Sexualmagie betrifft, so offensichtlich und präsent sind Projektion und Konstruktion in den Schriften der Ankläger, deren bekannteste der „Hexenhammer“ (Malleus maleficarum) des Dominikaners Heinrich Kramer von 1486 ist. Diesen Schriften hat man angesichts ihrer Verliebtheit ins sexuelle Detail schon geradezu pornographische Qualitäten bescheinigt. Im Fokus der Konstruktion steht dabei der Hexensabbat, eine Versammlung von Hexen und Dämonen unter Vorsitz Satans , die im Ablauf wieder den Schilderungen christlicher Apologeten von den Versammlungen der Barbelo-Gnostiker gleicht, einschließlich des abschließenden Höhepunktes, bei der alle mit allen der Fleischeslust frönen. Hier begegnet auch wieder der von den Templern schon bekannte „obszöne Kuss“, etwa in einer bekannten Illustration zu Francesco Maria Guazzos Compendium Maleficarum von 1608.

Schwarze Messe der Catherine Monvoisin (Holzschnitt, 1895)

Das schon bei den Gnostikern vermerkte Muster wiederholte sich bei Templern und Hexen. Wie sich die Anklagen gleichen, so gleicht sich die Reaktion des modernen Okkultismus: Die Faktizität der historischen Vorgänge ist zweifelhaft und eine Einordnung derselben als nachgewiesene sexualmagische Praxis sehr fragwürdig, der neuzeitliche Okkultismus aber stellt all das nach, baut es aus und macht es nachträglich wahr. Das beginnt mit den Schwarzen Messen der Catherine Monvoisin unter Beteiligung der Madame de Montespan, der Mätresse von Ludwig XIV., und reicht bis zu den modernen, ausgearbeiteten Liturgien für Schwarze Messen, die im Buchhandel bestellbar sind. Auch die Wissenschaft hat sich an der nachträglichen Konstruktion beteiligt, etwa Margaret Murray mit ihrem in Wicca und Neopaganismus stark rezipierten Büchern The Witch-cult in Western Europe (1921) und The God of the Witches (1933), in denen sie einen Hexenkult als Rest des Kults aus Zeiten vorgeschichtlichen Matriarchats mit einer Muttergottheit und ihren Gegenpol, dem Gehörnten Gott konstruiert.

Aber auch unabhängig von solchen Projektionen sexualmagischer Praktiken auf häretische Bewegungen und Randgruppen der Gesellschaft hat die Verbindung von magischen Kräften mit Sexualität in den westlichen esoterischen Traditionen eine lange Geschichte. So gab es während der Renaissance mehrere Autoren wie Marsilio Ficino und Giordano Bruno, die die Verbindung von Eros und Magie als eines der grundlegenden Prinzipien der Natur ansahen. [11] Paracelsus sah im Samen eine Kraft der Magie und verglich diesen mit den Kräften der Imagination und unter mittelalterlichen jüdischen Kabbalisten wurde die eheliche Sexualität häufig als eine Form der Theurgie, die die männlichen und weiblichen Aspekte Gottes verband, angesehen.[12]

Schließlich ist im Zeitalter der Aufklärung als Vorläufer oder eigentlich schon Teil des modernen Okkultismus Emanuel Swedenborg zu nennen, der sich vor allem in seinen späteren Jahren intensiv mit der Beziehung von Spiritualität und Sexualität auseinandersetzte, etwa in seinem Werk Delitiae sapientiae de amore conjugiali („Die Wonnen der Weisheit betreffend die eheliche Liebe“).[13] Darüber hinaus hat man in seinen Schriften und Tagebüchern Hinweise darauf gefunden, dass er fortgeschrittene Techniken der Meditation, Visualisierung und Atmungskontrolle einsetzte, um sexuelle Energien für spirituelle Erfahrungen nutzbar zu machen.[14]

Paschal Beverly Randolph[Bearbeiten]

Sexualmagie im modernen Sinn, als Strömung im westlichen Okkultismus und Element westlicher Esoterik entstand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als ersten Vertreter der Richtung sieht man dabei den Amerikaner Paschal Beverly Randolph, der in seinen Schriften sowohl eine Sexualisierung der Spiritualität als auch die Spiritualisierung der Sexualität propagierte, wobei er zugleich Vorbehalte gegen die freie, außereheliche Liebe geltend machte. Randolphs Arbeiten beeinflussten grundlegend die spätere Esoterik, da durch Randolphs Werk die Sexualmystik in vielen Formen in diese einging und Sexualmagie eine Form des Mainstream innerhalb der westlichen Esoterik wurde.[15]

Theodor Reuss[Bearbeiten]

Erste Vertreter der anderen Hauptrichtung, die in der Sexualität vor allem eine Quelle nutzbar zu machender magischer Energie sah, war Theodor Reuss, der von ihm gegründete Ordo Templi Orientis (OTO) und in Verbindung mit diesen Aleister Crowley.

Bei dieser Form der Sexualmagie wird während des Sexualaktes und des Orgasmus der gesamte Wille auf das gewünschte Ziel oder Objekt gerichtet. Von den Mitgliedern des OTO und Crowley wurde in bezug auf die vermeintlichen magischen Kräfte der Sexualität angenommen, diese sei die stärkste Kraft des Lebens, der Psyche und der Natur überhaupt und eigne sich deshalb besonders gut für magische Operationen.

Aleister Crowley[Bearbeiten]

Aleister Crowley 1912

Für die Traditionslinie der Sexualmagie in der westlichen Esoterik war dann aber hauptsächlich Aleister Crowley wichtig, der in zahlreichen Schriften sexualmagische Themen behandelte. Von besonderer Bedeutung ist er dabei für die Übernahme und Transformation tantrischer Praktiken im Westen. Crowley hatte während seiner Indienreise Kontakt zum indischen Tantrismus, so dass Crowleys Sexualmagie eine Synthese indischer und westlicher Formen zeigt, und er eine bedeutende Rolle spielte in der Übernahme des Tantrismus durch den Westen, auch wenn Crowleys Sexualmagie den tantrischen Ansatz modifizierte.[16]

Die Abgrenzung der westlichen Sexualmagie zum indischen Tantra besteht darin, dass sich die westliche Sexualmagie als magische Technik versteht und nicht zwangsläufig in einen religiösen oder spirituellen Zusammenhang eingebettet ist. Das heißt, sie ist primär ein Mittel, um Veränderungen in Übereinstimmung mit dem Willen herbeizuführen, diese Veränderungen können sich aber natürlich auch auf die Spiritualität beziehen. Der Unterschied zu den westlichen Vorstellungen vom Tantra – welches eher als therapeutisches Neotantra zu bezeichnen wäre – ist, dass Sexualmagie nicht das Ziel hat, die Qualität des sexuellen Erlebens zu verbessern, sondern Sexualität als magische Quelle zu nutzen sucht, um spezifische Ziele zu verwirklichen. Durch seine sexualmagischen Schriften er als ein Begründer des Neotantra gelten kann, dessen Einfluss auch auf all die modernen Strömungen, Schulen und Praktiken fortwirkt, die sich heute im Grenzbereich von Sexualmagie, Wellness und schlichter Triebhaftigkeit bewegen.

Ebenfalls von Bedeutung und in anderen Traditionslinien fortwirkend war die Bedeutung, die Crowley wie schon der OTO der Transgression in der Sexualmagie gab. Transgression meint hier, dass Crowleys Sexualmagie geprägt war von einer nicht-reproduktiven Sexualität, die Akte z.B. der Homosexualität und Masturbation, also eine damals nicht-gesellschaftskonforme Sexualität, die als physisch und moralisch gefährlich galt, explizit einbezog.[17] Für Crowley stellte diese Transgression eine Form der Befreiung von moralischen Zwängen dar, die er als gewaltige Kraftquelle und Quelle befreiender Glückseligkeit ansah. Crowley betrachtete die Sexualität als ultimative Kraft, die magisch genutzt werden konnte.

Pierre Arnold Bernard[Bearbeiten]

Der erste tantrische Orden in den USA wurde 1906 oder 1907 von Pierre Arnold Bernard gegründet, der ebenfalls die frühe Sexualmagie prägte, und mit dessen Orden Aleister Crowley persönliche Kontakte hatte. Bernard war zu seiner Zeit als skandalöse Figur in den USA vergleichbar mit Aleister Crowley in Europa.[18]

Heutige westliche Werke der Sexualmagie und des Tantra stellen zumeist eine Mischung aus crowleyanischen Ansätzen und einem "westlichen", verfälschten Tantrismus (Neotantra) dar. Bernard spielte dabei eine prägende Rolle, da er einer der ersten war, die Tantra auf seinen physisch-sexuallen Aspekt reduzierten.[19] Bernards tantrischer Orden soll auch schon Tendenzen zur Kommodifizierung der Sexualität gezeigt haben, die in Zusammenhang gebracht werden mit dem damals sich ausbildenden modernen, konsumorientierten Kapitalismus.[1]

Dion Fortune[Bearbeiten]

Zu einem der am meisten ausgearbeiteten Systeme der Sexualmagie des Okkultismus des 20. Jahrhunderts gehört Dion Fortunes Werk. Für Fortune stellte die Sexualität einen Ausdruck der schöpferischen Urkräfte des Universums dar. Fortune propagierte Sexualmethoden, die die Schöpfungskraft von der körperlichen Sexualität fortleiten sollten, jedoch gehörte sie nicht zu den Vertretern des Zölibats und zeigte auch keine grundsätzliche Verachtung der Sexualität, wie sie bei der zölibatären Richtung häufig anzutreffen ist. Nach Fortune können die postulierten schöpferischen Urkräfte in alle Interaktionen jeglicher Seinsebene einfließen, und in ihrem Spätwerk erscheinen die erotischen Kräfte als neutral, die sich je nach Umstand und Bedürfnis in die körperliche Sexualität hineinleiten oder herausleiten lassen.[20]

Gerald Gardner[Bearbeiten]

Durch persönlichen Kontakt mit Aleister Crowley gelangten dessen sexualmagische Lehren an Gerald Gardner. Dieser vereinfachte und überarbeitete das Konzept für seine neu entwickelte Religion, den Wicca-Kult. In der Folge wurde aus der Sexualmagie eine von vielen neopaganen Gruppierungen behauptete „heidnische“ Tradition, die uralt sei und bereits seit prähistorischen Zeiten in England praktiziert werde.[21]

Literatur[Bearbeiten]

  • Francis King: Sexuality, magic and perversion. Spearman, London 1971, ISBN 0-85435-161-2.
  • Francis King: The Secret Rituals of the O.T.O. Samuel Weiser, New York 1973, ISBN 978-0-85207-111-3.
  • Wouter Hanegraaff, Jeffrey J. Kripal (Hg.): Hidden Intercourse: Eros and Sexuality in the History of Western Esotericism. Brill, 2008, ISBN 90-04-16873-7.
  • Peter-Robert König: Ein Leben für die Rose (Arnoldo Krumm-Heller). München 1995, ISBN 3-927890-21-9.
  • Michael A. Köszegi: Sexuality, religion and magic. A comprehensive guide to sources. Garland, New York 1994, ISBN 0-8153-0921-X.
  • Jonn Mumford: Tantrische Sexualmagie. Theorie und Praxis der okkulten Liebe. Edition Sphinx, Basel 1991, ISBN 3-85914-329-8.
  • Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Esotericism. University of California Press, Berkeley 2006, ISBN 0-520-24776-0.
  • Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. In: Journal of the American Academy of Religion. Bd. 72 Nr. 3 (September 2004), S. 695–731
  • Hugh B. Urban: Transgression, Violence and Secrecy in Bengali Sakta Tantra and Modern Western Magic. In: Numen Bd. 50 Nr. 3 (2003), S. 269-308.
  • Benjamin Walker: Sex and the supernatural. Sexuality in religion and magic. Harrow Booka, New York 1973, ISBN 0-356-03464-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 699.
  2. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 667.
  3. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 41 f.
  4. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 2, 4 f.
  5. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 22 f.
  6. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 21–25.
  7. Minucius Felix Octavius 9
  8. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 28 f.
  9. Epiphanios von Salamis Panarion 26,4–8. Selbstverständlich macht Epiphanios klar, dass er die Borboriten für aufs Äußerste verderbt und fehlgeleitet hält. Nichtdestotrotz beschreibt er Spermadarbietung als Opferhandlung und das Verspeisen eines abgetriebenen Fötus als Kultmahl.
  10. Oxford English Dictionary. Online-Ausgabe. Oxford University Press, 2015, s.v. bugger, n.1.
  11. Marsilio Ficino De amore VI,10.
  12. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 701 f.
  13. Delitiae sapientiae de amore conjugiali post quas sequuntur voluptates insaniae de amore scortatorio. Amsterdam 1768. Deutsch: Die Eheliche Liebe. Übersetzung von Johann Friedrich Immanuel Tafel; Tübingen 1845, 4. Auflage 1964, Digitalisat.
  14. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 50 f.
  15. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 706.
  16. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 711.
  17. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 713.
  18. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 695, S. 718.
  19. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 722.
  20. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 668.
  21. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 667.